100 Jahre Erster Weltkrieg: Der Thronfolger ist bereit

100 Jahre Erster Weltkrieg: Der Thronfolger ist bereit

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Angesichts der Erkrankung Franz ­Josephs eilt Thronfolger Franz Ferdinand von seinem böhmischen Schloss Konopist in seine Militärkanzlei im Unteren Belvedere in Wien. Der 50-jährige Neffe des offenbar schwerkranken Kaisers ist bereit: Er wird den Namen Franz II. tragen, nach seinem Urgroßvater, dem letzten Kaiser des „Heiligen Rö­mischen Reiches Deutscher Nation“. Seine wichtigsten politischen Vorhaben sind ausgearbeitet: Das Habsburgerreich soll ­föderalisiert werden, die einzelnen Teile dieser „Vereinigten Staaten von Österreich“ sollen umfassende Rechte bekommen. In Ungarn wird das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt, das es in Österreich schon seit 1907 gibt. Und drei seiner Feinde will er rasch aus dem Amt werfen: den ungarischen Ministerpräsidenten Graf ­Tisza, Generalstabschef Conrad von Hötzendorf und vor allem den Obersthofmeister des Kaisers, Fürst Montenuovo, der ständig seine Gattin wegen ihrer nicht standesgemäßen Herkunft demütigt.
Die täglichen Communiqués von Dr. Kerzl, Leibarzt des Kaisers, verheißen nichts Gutes: „Im Zustand Seiner Majestät ist keine Veränderung eingetreten.“ In Wien kursiert das Gerücht, der Monarch habe bereits die Sterbe­sakramente empfangen.

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Um einen vom Fabrikanten Georg Schicht gestifteten Preis wird bei einem mehrtägigen Wettfliegen rund um Österreich-Ungarn gerungen. Die letzte Etappe führt von Budapest nach Wien. Der Sieger bewältigt sie mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 87 km/h. Nur drei der zwölf Flieger, die von Beginn an dabei sind, erreichen ihr Ziel. Mehrere Maschinen stürzten ab, zwei Piloten fanden den Tod.

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In der Wiener Fußballmeisterschaft – einen landesweiten Bewerb gibt es noch nicht – steht Rapid zwei Runden vor Schluss als Meister fest. Der gefährlichste Verfolger, der Wiener Sportclub, musste nach einer Niederlage gegen die Vienna alle Hoffnungen begraben. Auf Platz drei folgt der WAC.

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Die kaiserliche Kriegsmarine will mehr Geld. Zusätzlich zum jährlichen Budget von 77 Millionen Kronen verlangt sie über die nächsten fünf Jahre weitere 426 Millionen Kronen. Damit sollen vier Dreadnoughts (Schlachtschiffe), drei Kreuzer, sechs Torpedoboote und zwei Donauschiffe angeschafft werden.

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Zum 25. Mal marschieren die Sozialdemokraten am 1. Mai auf. Üblicherweise treffen sich die einzelnen Organisationen am Vormittag in ihren Bezirken und halten Veranstaltungen ab. Am frühen Nachmittag ziehen die Delegationen über die Ringstraße in den Prater, wo der Festtag in Lokalen und Biergärten ausklingt. Die wichtigsten Forderungen am 1. Mai 1914 sind die Einführung des 8-Stunden-Tags und einer Sozialversicherung sowie „der Kampf gegen Kriegsrüstung und Kriegshetze“.

Der Zug der Marschierenden ist gerade im Prater angelangt, als ein furchtbares Unwetter mit Blitz, Donner und Hagelschlag über Wien niedergeht. Die „Arbeiter Zeitung“ schreibt tags darauf von „überraschend gutem Besuch, was ein erfreulicher Maßstab dafür ist, dass die Arbeiterbewegung im Fortschreiten begriffen ist“. Die christlichsoziale „Reichspost“ berichtet hingegen von „sehr schwachem Besuch“, schon bald habe sich der Prater wieder geleert. Besonders echauffiert sich das Blatt über zwei ­Eisenbahner, die in Uniform mitmarschierten: „Das ist denn doch stark!“

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In Belgrad nimmt der Schüler Gavrilo Princip Kontakt mit dem serbischen Major Tankosic auf, einem Kontaktmann des geheimnisvollen Geheimdienstchefs Apis. Tankosic versucht Princip den Plan, Thronfolger Franz Ferdinand bei dessen Besuch in Sarajevo im Juni zu erschießen, mit dem Argument auszureden, der Thronfolger sei dann wohl schon Kaiser und werde ohnehin nicht kommen. Princip bleibt entschlossen. Wenige Tage später kommt ein Bote und holt Princip und zwei seiner Freunde in den Belgrader Kosutnjak-Park. In der Holzkiste, die ihnen dort übergeben wird, liegen drei Pistolen.

Noch 13 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Sorge um den Kaiser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVI: 20.-26. April 1914

„Society-Skandal in Wien“: Der Countdown zum Krieg, Teil XV: 13.-19. April 1914

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg