100 Jahre Erster Weltkrieg: Drama in der Stadtbahn

100 Jahre Erster Weltkrieg: Drama in der Stadtbahn

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Auf dem Bahnsteig der Stadtbahnstation Pilgrambrücke stürzt sich das Dienstmädchen Maria S. aus Wien-Neubau in selbstmörderischer Absicht vor den in Richtung Heiligenstadt einfahrenden Zug. Wie durch ein Wunder kommt sie genau zwischen den Schienen zu liegen und bleibt unverletzt. Die 18-Jährige wird schwer schockiert ins Sophienspital gebracht. Sie hatte am Tag davor ihre Stelle verloren.

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Die Tabakregie erhöht wieder einmal die Preise und gibt bei dieser Gelegenheit die neuen Trends bekannt. So ist der Absatz der Zigaretten im Vorjahr abermals angestiegen, während jener der Zigarren zurückgegangen ist. Die beliebteste Zigarrensorte ist mit großem Abstand nach wie vor die "Virginier“, bei den Zigarettenmarken führt "Sport“ vor "Memphis“, "Kaiser“ und "Donau“. Die billigste Marke ist die "Ägyptische dritter Sorte“. Sie wird noch zwei Kriege später, in den 1950er-Jahren, als "Austria 3“ (im Volksmund "Dreier“ genannt) eine äußerst beliebte, weil billige Zigarette sein, die in den Trafiken und Gasthäusern auch einzeln zu kaufen ist.

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Am Ostersonntag frönen die Wiener ihrer neuen Leidenschaft. Vom Stadtzentrum aus verkehren Sonderzüge zum Flugfeld in Aspern , wo Piloten spektakuläre Kunststücke zeigen. Der französische Baron Pasquier führt Sturzflüge vor, sein Landsmann, der Kapitän Bonnet, springt mit einem Fallschirm aus 400 Metern Höhe ab. Der Weltrekord liegt im April 1914 bei 650 Metern. Die Wiener Rettungsgesellschaft hat zur Sicherheit ein Erste-Hilfe-Zelt errichtet.

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In Prag findet die Internationale Automobilausstellung statt. Österreich ist mit Produkten der Grazer Puch-Werke, der Automobilfabrik Gräf & Stift und der Daimler-AG vertreten. Im Jahr zuvor hatten diese drei Werke 375 Autos ins Ausland exportiert. Auf Wiens Straßen fahren 1914 insgesamt 6000 Personenkraftwagen. Sie erreichen Geschwindigkeiten bis zu 30 Stundenkilometer. Der Hof verwendet seit 1909 Automobile und bevorzugt Modelle der in Wien-Döbling angesiedelten Firma Gräf & Stift.

Etwas mehr als zwei Monate nach der Prager Automobilschau werden der Thronfolger und seine Frau Sophie in einem Wagen der Marke Gräf & Stift erschossen werden.

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Erzherzog Franz Ferdinand widmet sich vorerst noch seiner Leidenschaft, dem Kampf gegen seiner Meinung nach allzu moderne Architektur. Schon im Jahr zuvor hatte er gegen das von Adolf Loos geplante und weitgehend ornamentfreie neue Gebäude am Wiener Michaelerplatz gewettert und gelobt, die Hofburg künftig nicht mehr durch das Michaelertor zu verlassen. Jetzt lässt er sich die Pläne für neue Universitätsbauten in Prag vorlegen und wirft sie den Planern wutentbrannt zurück. Als der Maler Oskar Kokoschka sein Theaterstück "Mörder, Liebling der Frauen“ uraufführen lässt, was einen veritablen Theaterskandal zur Folge hat, murrt der Thronfolger: "Diesem Kerl müsste man alle Knochen im Leib brechen.“

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Das russische Marineministerium veröffentlicht einen Erlass, wonach Staatsbetriebe ab sofort keine Bestellungen in Deutschland und Österreich-Ungarn aufgeben dürfen. Gleichzeitig werden Zölle auf die Einfuhr von Getreide, Erbsen und Bohnen aus diesen Ländern verordnet.

Auch wenn die hohe Politik und das Kaiserhaus es immer wieder bestreiten: Krieg liegt in der Luft . Sonst würde nicht die sozialdemokratische Fraktion in der russischen Duma ihren Genossen im Wiener Reichsrat ein Telegramm übermitteln, in dem es heißt: "Wir halten es als Vertreter des russischen Proletariats für unsere Pflicht, nachdrücklichst die brüderlichen Gefühle kundzutun, die die Proletarier Russlands mit denen Deutschlands und Österreichs vereinen.“

Man sei eins im Kampf um den Frieden der Völker, kabeln die österreichischen Sozialdemokraten zurück.

Und doch werden die Proletarier Österreich-Ungarns und Russlands schon bald aufeinander schießen.

Noch 16 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg