100 Jahre Erster Weltkrieg: Ein Ball bei Hofe

100 Jahre Erster Weltkrieg: Ein Ball bei Hofe

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Die britischen Frauenrechtlerinnen schreiten zur Tat: An einem einzigen Tag, dem 19. Februar, verüben die um ihr Wahlrecht kämpfenden „Suffragetten“ drei Attentate. In der Grafschaft Perth legen sie im Haus des Präsidenten der Anti-Suffragetten-Liga Feuer. Auch Brandstiftungen im Schloss Aberchille bei Glasgow und in einem nahen Landhaus werden den Frauen zugeschrieben. Im Jahr 1913 verübten Suffragetten allein in London 347 Anschläge, darunter vier Bombenattentate und sechs
Zugentgleisungen. Ihre Vorläuferorganisation war 1903 als bürgerliche „Women’s Social and Political Union“ gegründet worden. Als eine Gesetzesinitiative für das Frauenwahlrecht 1910 scheiterte, radikalisierte sich die Bewegung. Dennoch durften Frauen in Großbritannien erst ab 1928 wählen. In Österreich war das ab 1918 möglich.

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Auch Schatzkanzler David Lloyd-George wird Zielscheibe der Suffragetten, die sein Haus beschädigen. Der 51-jährige Liberale hat aber ein ernsteres Problem: Er liegt mit einer schweren Grippe darnieder, nachdem er im Unterhaus zusammengebrochen war.
Die Grippe ist 1914 eine äußerst gefährliche Krankheit, zur Katastrophe kommt es aber erst 1918, als ein neuer Virenstamm auftritt, die sogenannte Spanische Grippe. Ihr fallen weltweit rund 50 Millionen Menschen zum Opfer. Die US-Army verliert durch die Grippe mehr Soldaten als im gesamten Weltkrieg.
Lloyd George erholt sich, wird 1916 Premierminister und führt sein Land zum Sieg über die Mittelmächte. 1923 wird er gestürzt, bleibt aber im Abgeordnetenhaus und versucht 1936, zwischen England und Hitler-Deutschland zu vermitteln. Ein gescheiterter Versuch, wie man heute weiß.

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„Die Verurteilung der Genossin Rosa Luxemburg“ titelt die „Arbeiter Zeitung“ einen Bericht aus Frankfurt über das Verfahren gegen die wortgewaltige Parteilinke der deutschen Sozialdemokraten. Luxemburg hatte auf Parteiversammlungen dazu aufgerufen, im Falle eines Krieges den Gehorsam zu verweigern. Ein Denunziant hatte ihre Äußerungen mitgeschrieben und angezeigt. So soll die „rote Rosa“ wörtlich gesagt haben: „Wenn uns ein Krieg gegen die französischen Brüder oder gegen andere zugemutet wird, so müssen wir rufen: Das tun wir nicht!“
Der Staatsanwalt erkennt darin einen Verstoß gegen § 112 des Strafgesetzbuches (Anreizung von Personen des Soldatenstandes zum Ungehorsam). Das Gericht verurteilt die Angeklagte zu einem Jahr Kerker.
Rosa Luxemburg wird sich von der SPD abspalten, als diese im Herbst 1914 den Kriegskrediten zustimmt. Sie begrüßt 1917 die Russische Revolution, kritisiert aber die Parteidiktatur der Bolschewiki. Der von ihr und Karl Liebknecht gegründete Spartakusbund fordert die Gründung einer Räterepublik. Im Jänner 1919 werden Luxemburg und Liebknecht von rechtsradikalen Freikorps-Männern in Berlin erschossen.

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Am selben Tag, als Rosa Luxemburg in Frankfurt verurteilt wird, findet in Schönbrunn der nobelste Ball der Saison statt, die Soirée dansante, zu der nur der allerhöchste Adel geladen ist.
Kaiser Franz Joseph hat beim Einzug Erzherzogin Zita am Arm, die Gattin von Erzherzog Karl, Franz Josephs Großneffen. Der eigentliche Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie von Hohenberg ziehen erst als zweites Paar ein. Es wäre undenkbar, dass der Kaiser Sophie führt, die zwar Gräfin ist, aber nicht aus einem regierenden Haus stammt. Franz Ferdinand musste daher für seine Kinder auf die Thronfolge verzichten, wodurch feststand: Nach ihm werden Karl und Zita das Kaiserpaar. Niemand konnte während dieser prächtigen Soiree wissen, dass dies schon zwei Jahre später der Fall sein sollte.
Vorerst kann sich die Presse nicht an der jungen Erzherzogin Zita sattsehen: „Sie hatte eine Toilette aus rosa Drap d’Argent. Eine Tunique aus kleinen Kristallperlen wies Arabesken von Strass- und Silberbouillons sowie Silberplachen auf, und unter der Tunique ragte noch einmal schmal der Perlentüll vor, der mit rosa Racreperlen gerandet war.“

Noch 23 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

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