100 Jahre Erster Weltkrieg: Hurra,
der Krieg ist da!

100 Jahre Erster Weltkrieg: Hurra,
der Krieg ist da!

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

„Der Höhepunkt der Badesaison“ sei da, schreibt „Die Neue Zeitung“ und präsentiert auf der Titelseite eine Zeichnung aus dem Gänsehäufel an der Alten Donau in Wien: „Der reizende Blick in das Damenbad, wo die stolzen Schönen ihre weichen Glieder von den Wellen umschmeicheln lassen“, veranschauliche das auf das Trefflichste. In der Wiener Innenstadt hat es an diesem 23. Juli 31,8 Grad, in Aussig, Salzburg und Agram 30,1 Grad und sogar auf der Rax 14 Grad.

Um 18 Uhr, die Badeplätze an den Donauarmen leeren sich eben, übergibt der Botschafter Österreich-Ungarns in Belgrad, Baron
Wladimir Giesl von Gieslingen, der serbischen Regierung eine in wohlgesetztem Diplomaten-Französisch gehaltene Note, die ihm am
Vortag telegrafisch aus Wien übermittelt wurde.

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Der Text des von Baron Giesl übergebenen Ultimatums war in der geheimen Sitzung des Ministerrats im Wiener Palais Strudelhof am Sonntag zuvor festgelegt worden. Tags darauf war Außenminister Graf Leopold Berchtold mit dem Textvorschlag nach Bad Ischl gereist, um ihn von Kaiser Franz Joseph absegnen zu lassen. Berchtold hielt die Reaktion des urlaubenden Monarchen später in seinen Lebenserinnerungen fest: „Die Note ist sehr scharf.“ „Das war aber notwendig, Majestät.“ „Ja, das war wohl notwendig. Sie speisen mit uns?“

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„Das ist das furchtbarste Dokument, das je von einem Staat einem anderen unabhängigen Staat übergeben wurde“, sagt der britische Außenminister Sir Edward Grey, als ihn der österreichische Botschafter Graf Albert Mensdorff-Pouilly über die österreichische Note an Serbien informiert.
Tatsächlich geht Wien nicht davon aus, dass Belgrad die Forderungen erfüllen kann.

„Das ist der Krieg“, sagt der russische Außenminister Sergei Sazonow, als er vom Inhalt des Ultimatums erfährt. Blickt Sazonow aus dem Fenster, sieht er auf den Straßen von Petersburg gewaltige Demonstrationen. 120.000 Arbeiter streiken und liefern sich wilde Straßenschlachten mit der Polizei. Sechs Demonstranten werden getötet, die Zahl der Verletzten bleibt unbekannt, weil die Arbeiter sie vor der Polizei verstecken. Der in Wien erscheinenden christlich-sozialen „Reichspost“ schwant Übles: „Diese Bewegung hat stark revolutionären Charakter und bricht mit einem gefährlichen Ungestüm los, dessen tiefere Ursachen unser Petersburger Korrespondent schon vor Wochen mit den Worten gekennzeichnet hat: Ein neuer Vulkan in Russland!“

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Die Hitze der vorangegangenen Tage entlädt sich am
24. Juli in furchtbaren Unwettern. In Budapest töten Blitze und orkanartige Stürme sieben Menschen, 39 werden lebensgefährlich verletzt. In Fiume (heute Rijeka) ertrinkt ein Mann, als sein Segelboot vor dem Hafen kentert. Ein Zug der Linie Wien–Preßburg wird vom Sturm umgeworfen. In Hainburg werden Dächer weggerissen.

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Der 25. Juli ist in Belgrad wieder ein heißer Tag. Um 18 Uhr, also genau zur Stunde des Ablaufs des von Österreich-Ungarn gestellten Ultimatums, betritt der serbische Ministerpräsident Nikola Pasic die Botschaft der Doppelmonarchie in Belgrad. Er übergibt Baron Giesl die Antwort auf die demütigende Note. Serbien nimmt alle Punkte bis auf einen an: Die Verfolgung serbischer Staatsbürger auf serbischem Boden durch Sicherheitskräfte einer anderen Macht widerspreche der Verfassung, erklärt der Ministerpräsident.

Wladimir Giesl Baron von Gieslingen hat für den Fall der nicht vollständigen Annahme des Ultimatums bereits eine Demarche vorbereitet, in der Österreich-Ungarn die diplomatischen Beziehungen zu Serbien abbricht. Eine halbe Stunde später besteigt er den Zug, der ihn und das verbliebene Botschaftspersonal nach Wien bringt. Der 1918 pensionierte Diplomat wird 1931 der NSDAP beitreten und für sie Wahlreden halten. Er stirbt 1936 in Salzburg im Alter von 76 Jahren.

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Vor dem Kriegsministerium am Stubenring haben sich am Abend des 25. Juli einige hundert Menschen versammelt, die auf Neuigkeiten aus Belgrad warten. Die Nachricht von der nicht vollständigen Annahme des Ultimatums erreicht Wien gegen 19.30 Uhr. Die Versammelten brechen in Hochrufe aus und bilden einen Zug, der, das Kaiserlied singend, durch die Wollzeile marschiert. In der Innenstadt bilden sich Trauben von Menschen, „wobei stürmische Pfuirufe gegen Serbien zu hören waren“, so ein Zeitungsbericht.
Im Volksgarten findet beim Eintreffen der Nachricht aus Belgrad eben ein Militärkonzert statt. Sofort intoniert die Kapelle das Prinz-Eugen-Lied, das Kaiserlied und schließlich den Radetzky-Marsch. Ein Anwesender wird als Serbe identifiziert und mit Bierkrügen niedergeschlagen.
In Graz zieht eine Menge zum Erzherzog-Johann-Denkmal und bricht immer wieder in Hochrufe auf den Kaiser aus.

In Salzburg vermeldet eine Sonderausgabe des „Volksblatts“ die Neuigkeit, worauf sich spontan eine patriotische Kundgebung bildet. Gesungen werden das Prinz-Eugen-Lied, die Kaiserhymne und „Die Wacht am Rhein“.

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Der serbische Generalstabschef Radomir Putnik befindet sich am Tag der Übergabe des Ultimatums mit seiner Tochter auf Kur im steirischen Bad Gleichenberg. Er lässt umgehend alle Vorbereitungen für seine Abreise nach Belgrad treffen. In Budapest holen österreichische Geheimagenten den General aus dem Zug und ringen ihn nieder. Er wird als „Kriegsgefangener“ festgenommen. Als Kaiser Franz Joseph von dem Vorfall erfährt, verfügt er die sofortige Freilassung des serbischen Armeechefs. Putnik wird mit einem Sonderzug nach Belgrad gebracht.

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Am 28. Juli erklärt Österreich Serbien den Krieg. In der Nacht vom 29. zum 30. Juli befiehlt Zar Nikolaus die Generalmobilmachung in Russland. Einen Tag später fordert Deutschland Russland ultimativ auf, die Mobilisierung einzustellen. Am 1. August erklärt Deutschland Russland und am 3. August auch Frankreich den Krieg. Am 4. August tritt England in den Krieg ein. Am 5. August erfolgt die Kriegserklärung Montenegros an die Habsburgermonarchie, am 6. August erklärt Österreich Russland den Krieg. Am 11. August befindet sich auch Frankreich mit Österreich-Ungarn im Kriegszustand, tags darauf England.

Der Erste Weltkrieg wird 20 Millionen Menschen das Leben kosten. Jeder dritte zwischen 1892 und 1895 in Deutschland oder Österreich-Ungarn geborene Mann wird fallen. Am Ende des Krieges zerbrechen vier Kaiser-
reiche: das österreichische, das deutsche, das russische und das
osmanische. Viele der heimkehrenden Soldaten werden noch einmal in
einen Krieg ziehen.

Ende der Serie.

Lesen Sie die bisher erschienenen Beiträge:

„Im kalten Wasser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXVII: 13.-19. Juli 1914

„Unruhe im Hochadel“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXV: 29. Juni–5. Juli 1914

„Er war kein Grüßer“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXIV: 22.–28. Juni 1914

„Tod eines Tagelöhners“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXIII: 15.–21. Juni 1914

„Eisenstadts Judenviertel brennt“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXII: 8.–14. Juni 1914

„Ein letzter Tanz“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXI: 1.-7. Juni 1914

„Die letzten Pfingsten in Frieden“: Der Countdown zum Krieg, Teil XX: 25. - 31. Mai 1914

„Ein Mann will den Krieg“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVIII: 11. - 17. Mai 1914

„Glückssuche in Übersee“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 4. - 11. Mai 1914

„Der Thronfolger ist bereit“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 27. April - 4. Mai 1914

„Sorge um den Kaiser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVI: 20.-26. April 1914

„Society-Skandal in Wien“: Der Countdown zum Krieg, Teil XV: 13.-19. April 1914

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg