100 Jahre Erster Weltkrieg: Unruhe im Hochadel

100 Jahre Erster Weltkrieg: Unruhe im Hochadel

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Die Zeitungen haben keine Korrespondenten in Sarajevo, die Montagsausgaben nach der Ermordung des Thronfolgers sind daher von den Bulletins von Regierung und Armeeführung abhängig. Die Berichte der einzelnen Blätter unterscheiden sich kaum. Nur in den Leitartikeln ist Platz für politische Überlegungen. Jener der "Arbeiter Zeitung“ ist bemerkenswert. In einem von einem sozialdemokratischen Blatt nicht zu erwartenden Ton werden Franz Ferdinand und das Haus Habsburg überschwenglich gerühmt: "Immer eindringlicher strahlte seine Persönlichkeit die Überzeugung aus, dass er berufen sei, alten Glanz habsburgischer Herrschaft wiederherzustellen, alte Ordnung neu zu begründen, alte Weltanschauungen mit neuer Geltung auszustatten. Die Hoffnungen, die sich an dem Charakter und der Wesensart Franz Ferdinands emporrankten, enden unter Schrecken.“

Tatsächlich waren dem stockkonservativen Thronfolger die Sozialdemokraten zutiefst verhasst gewesen.

*

Am Tag nach dem Attentat kommt es zu einer Demonstration vor der serbischen Botschaft in der Paniglgasse in Wien-Wieden. Gruppen von Männern hätten sich versammelt und "Nieder mit Serbien!“ gerufen, auch "Nieder mit dem Mordgesindel“ habe man vernommen, berichtet die christlichsoziale "Reichspost“. Unter Absingen der Kaiserhymne sei die serbische Fahne verbrannt worden, mit dem Prinz-Eugen-Lied seien die Demonstranten zum Schwarzenbergplatz marschiert. "Auch weißbärtige Männer und viele Damen und Herren schlossen sich an“, so die "Reichspost“. Beim Schwarzenberg-Denkmal habe der christlichsoziale Gemeinderat Rudolf Solterer "eine patriotische Ansprache“ gehalten, die mit dem Satz endete: "Wir fordern Sühne für das uns angetane schwere Leid.“

*

Über die Stadt hat sich aber keine allzu große Trauer gelegt. Das Hofburgtheater hat zwar für einige Tage geschlossen, aber die anderen Bühnen ändern nicht einmal das Programm. Im Raimund Theater gibt man "Almrausch und Edelweiߓ, ein "oberbayerisches Charaktergemälde mit Gesang und Tanz“. Das Theater an der Wien zeigt den Schwank "Müllers“, im Carltheater in der Praterstraße steht die Revue "Die Kinokönigin“ auf dem Programmzettel. Auf der Kaiserwiese vor dem Riesenrad kommt in einem Pavillon die Operette "Teresita“ zur Aufführung.

Franz Joseph ist darüber keineswegs empört. Der Schriftsteller Arthur Schnitzler notiert in sein Tagebuch: "Der Kaiser war ungehalten, dass man das Burgtheater gänzlich sperrte. Er (Franz Ferdinand, Anm. d. Red.) sei kein Kronprinz, sondern ein Erzherzog. Will, dass alles möglichst schnell erledigt werde.“

In Belgrad ordnet inzwischen die serbische Regierung als Geste der Beschwichtigung die Schließung aller Unterhaltungslokale am Tag des Begräbnisses an.

*

Das Kriegsschiff "Viribus Unitis“ bringt die Särge mit den beiden Ermordeten die dalmatinische Küste entlang nach Triest. Von dort werden die sterblichen Überreste in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mit dem Zug in die Hauptstadt gefahren.

In Wien ist der 70-jährige Obersthofmeister des Kaisers, Alfred Fürst von Montenuovo, für die Beisetzungsfeierlichen verantwortlich. Montenuovo hat seit Jahren gegen Franz Ferdinand intrigiert, vor allem gegen dessen Ehe mit Sophie Gräfin Chotek: Eine bloße Gräfin sei von zu minderem Adel für einen Habsburger.

Dabei ist Montenuovos eigener Stammbaum keineswegs nur glitzernd. Seine Großmutter war Erzherzogin Marie-Louise, die Tochter von Kaiser Franz I. und zweite Frau Napoleons. Napoleon und Marie-Louise hatten einen Sohn, der nach Napoleons Verbannung in die Wiener Hofburg gebracht wurde, wo er mit 21 Jahren an der Schwindsucht starb. Marie-Louise verlustierte sich seit 1815 sehr morganatisch mit dem österreichischen Grafen Adam Albert Neipperg, dem sie unehelich zwei Kinder gebar. Erst nach Napoleons Tod 1821 heirateten die beiden. Weil Neipperg etwas schäbig klang, nannte man sich Montenuovo.

*

Franz Ferdinand wusste, dass man seine Gattin nicht neben ihm in der Kapuzinergruft bestatten würde, also ließ er eine Familiengruft in Schloss Artstetten an der Donau errichten.

Montenuovo versucht Kaiser Franz Joseph sofort nach dem Anschlag davon zu überzeugen, dass es das Beste wäre, man würde Sophie nicht in Wien aufbahren, sondern gleich nach Artstetten bringen. Der Kaiser lehnt ab.

Der Obersthofmeister organisiert die Überstellung von Triest so, dass die Särge mitten in der Nacht am Wiener Südbahnhof eintreffen. Nur Erzherzog Karl Franz Joseph, der neue Thronfolger, und seine Frau Zita sind am Bahnhof.

In der Hofburgkapelle wird Sophies Sarg um eine Stufe tiefer aufgestellt. Montenuovo hat verhindert, dass ausländische Würdenträger nach Wien reisen - es genüge, Botschafter zu senden, ließ er die Staatskanzleien wissen. Selbst der Hochadel wird nicht eingeladen. Nur vier Stunden lang darf die Bevölkerung in die Kapelle, dann wird sie geschlossen. Die Überführung nach Artstetten soll wieder bei Nacht stattfinden. Das erbittert Herren des Hochadels so, dass sie sich im Hotel Sacher versammeln und einfach abwarten, bis der Wagen mit den Särgen gegen Mitternacht vorbeikommt. Dann bilden sie entgegen den Anordnungen Montenuovos einen Trauerzug zum Westbahnhof - an der Spitze die Fürsten Schwarzenberg und Starhemberg sowie die männlichen Mitglieder der Familien Harrach, Pallavicini, Hohenlohe und Lobkowitz.

*

Ausländische Beobachter im nur sehr kurz geschockten Wien mussten den Eindruck gewinnen, die Attentäter von Sarajevo hätten ohnehin nur einen ungeliebten Außenseiter ermordet, die Aufregung werde sich bald legen.

Tatsächlich sucht Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, der Kopf der "Kriegspartei“, schon einen Tag nach dem Attentat Außenminister Graf Berchtold am Ballhausplatz auf. Berchtold hatte bisher immer zur Vorsicht gemahnt. Jetzt drängt ihn Conrad, sein Gewicht für ein Losschlagen gegen Serbien in die Waagschale zu werfen. Österreich-Ungarn dürfe den angestrebten Zusammenschluss der Südslawen nicht außerhalb der Monarchie unter der Führung Serbiens geschehen lassen, argumentiert Conrad. Gingen die südslawischen Länder verloren, wäre das ein schwerer Prestigeverlust für die Monarchie, Österreich würde zum Kleinstaat verkommen.

Conrad trägt seine Argumente zwei Tage später auch dem Kaiser vor. Franz Joseph erwidert, auch er halte ein kraftvolles Auftreten gegen Serbien für unvermeidlich. Vor einer militärischen Aktion wolle er jedoch noch die Meinung des deutschen Kaisers einholen. Er verfasst einen Brief an Wilhelm II.

*

Am 5. Juli, genau eine Woche nach dem Attentat, trifft der Kabinettschef des österreichischen Außenministeriums, Graf Alexander Hoyos, mit dem Brief Kaiser Franz Josephs an Wilhelm II. in Berlin ein.

"Das Bestreben meiner Regierung muss in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein“, heißt es in dem Schreiben. "Auch Du wirst die Überzeugung haben, dass an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher uns von Serbien trennt, nicht mehr zu denken ist.“ Konkreter wird der Text nicht, aber Hoyos interpretiert den Brief gegenüber seinen Gesprächspartnern im deutschen Außenministerium so, dass es natürlich um Krieg gehe.

Kaiser Wilhelm II. nimmt das Schreiben freundlich entgegen, sagt ganz allgemein Unterstützung zu und meint gegenüber Vertrauten, es werde sicher keinen großen Krieg geben, weil Österreich mit Serbien fertig sein werde, bevor Russland überhaupt mobilisieren könne.

Noch am selben Tag bricht der deutsche Kaiser nach Kiel auf, um von dort auf seiner Yacht "Hohenzollern“ seine traditionelle Nordland-Fahrt anzutreten. Franz Joseph ist zur selben Zeit schon wieder unterwegs nach Ischl.

Noch vier Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie die bisher erschienenen Beiträge:

„Er war kein Grüßer“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXIV: 22.–28. Juni 1914

„Tod eines Tagelöhners“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXIII: 15.–21. Juni 1914

„Eisenstadts Judenviertel brennt“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXII: 8.–14. Juni 1914

„Ein letzter Tanz“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXI: 1.-7. Juni 1914

„Die letzten Pfingsten in Frieden“: Der Countdown zum Krieg, Teil XX: 25. - 31. Mai 1914

„Ein Mann will den Krieg“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVIII: 11. - 17. Mai 1914

„Glückssuche in Übersee“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 4. - 11. Mai 1914

„Der Thronfolger ist bereit“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 27. April - 4. Mai 1914

„Sorge um den Kaiser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVI: 20.-26. April 1914

„Society-Skandal in Wien“: Der Countdown zum Krieg, Teil XV: 13.-19. April 1914

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg