100 Jahre Erster Weltkrieg: Wiener Bürger gegen den Tango

100 Jahre Erster Weltkrieg: Wiener Bürger gegen den Tango

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Die Obstruktion im Reichsrat durch tschechische Nationalisten hat Konsequenzen: Ministerpräsident Graf Stürgkh teilt dem Präsidium des Parlaments mit, dass dessen Sitzungen bis auf Weiteres vertagt sind. Das ist so, als könnte Werner Faymann Nationalratspräsidentin Barbara Prammer darüber informieren, dass der Nationalrat vorerst nicht mehr zusammentritt. Im März wird Stürgkh den Reichstag endgültig aufheben und mittels Verordnungen regieren. Vier Monate später hat das Parlament daher keinen bremsenden Einfluss mehr auf die Kriegstreiberei der Falken in der Regierung. Die Kriegserklärung erfolgt anders als in Deutschland ohne Parlamentsbeschluss.

Im Oktober 1916 wird Friedrich Adler, Sohn des sozialdemokratischen Parteiführers Victor Adler, Stürghk im Wiener Restaurant "Meissl & Schadn“ erschießen. Er wird zum Tode verurteilt, später von Kaiser Karl zu 18 Jahren Kerker begnadigt und 1918 freigelassen. Der als Physiker angesehene Adler stirbt 1960 in Zürich.

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Die feine Gesellschaft hat vorerst noch andere Sorgen, etwa die zügellose Tango-Mode. Wiens Bürgertum hält eisern dagegen: Als die Kapelle während des Touristenclub-Balls in den Sophiensälen einen Tango anstimmt und sich einige Paare zum Tanzen aufstellen, ertönen Protestrufe und schrille Pfiffe. Der Kapellmeister erfasst die Situation und leitet elegant zu einem Strauß-Walzer über, was vom Publikum mit enthusiastischem Beifall quittiert wird.

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Die Bankgeschäfte laufen glänzend. "Der Geldbedarf war 1913 sehr hoch, Geld selbst rar, der Zinsfuß hoch, und somit konnte bei vollster Sicherheit das vorhandene Geld glänzend verwertet werden“, resümiert die "Neue Freie Presse“ das abgelaufene Finanzjahr. In Österreich-Ungarn zahlen die Banken 9,2 Prozent Dividende auf das Aktienkapital, Aktien der Bank of England und der Deutschen Reichsbank werfen zehn Prozent ab, jene der Bank von Frankreich gar bis zu 17 Prozent.

In Wien tagt Anfang Februar der "Christliche Hausbesorgerverein“. Dessen Vorsitzender, der christlichsoziale Abgeordnete Hermann Bielohlawek, erklärt, man werde weiter dagegen kämpfen, dass jeder Mieter einen Haustorschlüssel bekommt, weil dies die Hausbesorger um das "Sperrsechserl“ bringen würde, jene Gebühr, die jeder nach Einbruch der Dunkelheit Heimkehrende zu entrichten hat. Berühmt wurde Bielohlawek durch seine Sprüche in Reichsrat und Landtag. So hatte er Leo Tolstoi einmal als "alten Teppen“ bezeichnet, Kultur sei das, "was ein Jud vom anderen abschreibt“. Die "Arbeiter-Zeitung“ macht sich gerne über Bielohlawek lustig, was diesem just die Sympathien von Karl Kraus einträgt: "Wenn ihm die, Arbeiter-Zeitung‘ rednerischen Unsinn zuschiebt, so beweist der Getroffene durch seine Abwehr, dass er dem Fassungsvermögen der Volkskreise näher ist als eine Redaktion, die mit ironischen Glossen regaliert“, schreibt Sozi-Gegner Kraus in der "Fackel“.

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Der deutsche Reichstag erhöht auf Antrag von Großadmiral Alfred von Tirpitz abermals den Etat der Marine. Tirpitz will Deutschlands Flotte machtvoll ausbauen, England empfindet das zunehmend als Bedrohung und rüstet ebenfalls hoch. Dadurch kommt es zu bis dahin nicht bestehenden politischen Spannungen zwischen den beiden Staaten (Kaiser Wilhelm II. war immerhin ein Enkel von Queen Victoria). Tirpitz arbeitet in seinem Kampf um höhere Marine-Etats geschickt mit Symbolen. So propagiert er erfolgreich Matrosenanzüge für Kinder. Die Wiener Sängerknaben tragen sie bis heute.

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Der "Fliegermarsch“, in dem das neue, faszinierende Verkehrsmittel gewürdigt wird, ist der Schlager der Wintersaison 1914. Auch einen Text gibt es:

"Wenn wir da oben so schweben,
mein Freund, das ist ein Leben!
Da fühl ich mich als junger Gott,
Kreuz Himmeldonnerwetter sapperlot!
In der Luft gibt’s keine Räuber,
kein Bezirksgericht,
und auch alte Weiber sieht man oben nicht.
Da oben gibt’s kein Hundefutter
und keine Schwiegermutter.“

Gerne gesungen wird auch ein neues Lied von Robert Stolz: "Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“. Bald wird man es übermütig auf den Bahnhöfen anstimmen, von denen aus die Soldaten an die Fronten fahren.

Noch 25 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

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