Mit 27 Jahren wurde Benjamin Ferencz Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess

Holocaust - Mit 27 Jahren wurde Benjamin Ferencz Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess

Ein Dokumentarfilm erzählt nun seine unglaubliche Geschichte.

Benjamin Ferencz: ein Name aus den Zeiten der Donaumonarchie; ein Kind, das in seinen ersten Lebensjahren nur Jiddisch sprach; ein Harvard-Absolvent, der alles, aber auch wirklich alles gesehen und um die Ohren geschlagen bekam, was ein armer Ostjude im 20. Jahrhundert erleben musste.

Unter Fachleuten wird Ferencz heute für sein Engagement für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag hoch geachtet. Einer breiteren Öffentlichkeit ist der einstige Chefankläger des Nürnberger Einsatzgruppen-Prozesses von 1947/48 weitgehend unbekannt.
Der deutschen Filmemacherin Ullabritt Horn verdanken wir ein Porträt über den Mann mit einer unglaublichen Geschichte. Ihr Dokumentarfilm „Recht, nicht Krieg“ wird im April im historischen Schwurgerichtssaal in Nürnberg Premiere haben.

Man sieht den heute 93-Jährigen, klein, zart und spitzbübisch, wie er schon als Junge gewesen sein muss, in jenem dunkel getäfelten Saal hin und her wandern, in dem die Kriegsverbrechen der Nazis verhandelt wurden. „Hier stand das Anklagepult.“ Er habe kaum darüber hinausgesehen, scherzt er.
„Da fuhren sie hinab, wie zur Hölle“, sagt Ferencz und weist auf eine unscheinbare Tür in der Holztäfelung, hinter der sich ein Lift verbirgt. Zur Urteilsverkündung waren die Angeklagten, einer nach dem anderen, aus dem Lift herausgetreten, hatten den Richterspruch „schuldig“ oder auch „Tod durch Strang“ empfangen und waren wieder in den Zellentrakt im Untergeschoss gebracht worden.

Ferencz war ein Kind turbulenter Zeiten. Sein Vater hatte im Jahr 1920 in einem Dorf in Transsilvanien sein Schuhmacherwerkzeug in eine Kiste gepackt, seine blutjunge Frau, eine dreijährige Tochter, den vier Monate alten Stammhalter und sich selbst nach Amerika gerettet – eine Flucht vor Hunger und Pogromen.

Die Armut blieb. In New York, südwestlich des Central Park, „Hell’s Kitchen“, einer Gegend, in der sich irische und italienische Gangs mit Messern in Schach hielten, Schieber, Trinker und Gauner den Ton angaben, wohnte die Familie im Souterrain. Für handgenähte Schuhe hatte keiner Geld. Mehr schlecht als recht lebten die Ferencz’ von einem kleinen Hausmeisterjob und stritten unentwegt. Als sich die Eltern trennten, war „Bennie“ gerade von der Volksschule abgewiesen worden, weil er nur Jiddisch verstand. Er hätte ohne Weiteres eine kriminelle Laufbahn einschlagen können, wenn nicht eine Lehrerin in der Bronx die Talente des Jungen erkannt und Stipendien beantragt hätte. Ferencz kam an eine Schule für Hochbegabte und von dort nach Harvard. Wenn Ferencz dies vor der Kamera erzählt, steigen ihm Tränen in die Augen. Er schluckt schwer, vor Glück und Dankbarkeit.

Über eine andere Erfahrung kann er gar nicht sprechen. Der Harvard-Absolvent und US-Soldat war nach den Kämpfen im April 1945 einer „War Crime Unit“ zugeteilt worden. Ihre Aufgabe war es, Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Sie ging Gerüchten über Raubkunst nach, suchte Augenzeugen für zu Tode geprügelte US-Fallschirmspringer und stellte, oft nur wenige Stunden nach der Befreiung, in den Schreibstuben der Konzentrationslager Todeslisten, Personalbögen und Betriebsunterlagen sicher und nahm Berichte von Überlebenden auf. Der damals 26-Jährige blickte in die Hölle menschlichen Daseins. „Liebste Trudy, die Donau ist weder blau noch schön in ­diesen Tagen. Nichts hier ist in Ordnung“, schrieb er am 15. Mai nach Hause. Am 5. Mai war das KZ Mauthausen von der US-Armee befreit worden, ein oder zwei Tage später fuhr Ferencz in einem Jeep durch das Tor, fand „lebende Skelette im Müll umherirrend, nackt oder mit Fetzen am Leib, manche noch in der blau-weissen Sträflingskleidung. (…) Hier in Mauthausen hat sich die Nazi-Herrenrasse Unglaubliches einfallen lassen, um Menschen zu quälen und zu vernichten.“ Ferencz berichtet von der Todesstiege im Steinbruch, von der Gaskammer, von sadistischen Exzessen der Wächter. „Da sind noch tausend andere Dinge, die ich sah, aber ich kann sie nicht erzählen“, schreibt er seiner Frau. Wenige Tage später muss Ferencz nach Ebensee. Auch hier „lebende Tote“.

Er ist außer sich.

Als eine Gruppe ehemaliger Lagerinsassen einen flüchtenden SS-Wärter wieder einfängt, den Mann gnadenlos zusammenschlägt, auf eine Metall-Trage fesselt, ihn in den Krematoriumsofen schiebt und langsam bei lebendigem Leib verbrennt, greift Ferencz nicht ein. Er versucht es nicht einmal. Er steht stumm daneben. Zu vieles war geschehen.
Auch deshalb will er sein Leben fortan der Durchsetzung des Rechts widmen. Er ist nicht stolz auf die Schnellverfahren seiner Landsleute in Dachau 1945, die dutzende KZ-Wachmannschaften im Viertelstundentakt aburteilten.

Ferencz ist mittlerweile wieder in Berlin, und einer seiner Mitarbeiter legt ihm Leitz-Ordner aus dem ehemaligen Gestapo-Archiv vor. Ferencz traut seinen Augen nicht. Unter exakter Angabe von Ort, Zeit und beteiligter Einheit ist hier der Massenmord am osteuropäischen Judentum dokumentiert: „365 Judenkinder, 420 Jüd. Frauen, 700 jüd. Männer exekutiert.“ So lesen sich die „Ereignismeldungen“ der Einsatzgruppen in der Sowjetunion 1941/42. Bei einer Million Opfern hört Ferencz auf zu zählen.

Das Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Tribunal ist gerade zum Abschluss gekommen, die SS-Mordbrigaden hatten nur am Rande eine Rolle gespielt. Doch jetzt hat er die Beweise, die Namen der Kommandeure und sogar ihre Unterschriften. Ferencz setzt einen weiteren Nachfolgeprozess durch. 24 SS-Kommandeure kann er anklagen, so viel Plätze hat die Anklagebank. Er nimmt die Ranghöchsten und die Gebildeten ins Visier – Universitätsprofessoren, Juristen, Doktoren – und jene, deren er habhaft wird, die noch nicht untergetaucht sind.

Er stützt seine Anklage allein auf die Akten der Täter. Er tritt den Beschuldigten erst im Gerichtssaal gegenüber. Er hat sie nicht selbst verhört. Er will sich nicht beeinflussen lassen von feinen Manieren, bürgerlicher Lebensart und Familienidylle.

Sein Auftritt ist kühl und distanziert. Es ist ein Verfahren der US-Besatzungsmacht. Die Angeklagten genießen alle Rechte, sie haben doppelt so viele Verteidiger wie die Staatsanwaltschaft Mitarbeiter.
Einer der Verteidiger plädiert auf Verhandlungsunfähigkeit seines Mandanten wegen Symptomen einer Parkinson-Erkrankung. Ferencz antwortet, hätte er 100.000 Juden erschosssen, würden seine Hände auch zittern, und lässt den Angeklagten auf einer Bahre in den Gerichtssaal tragen.

Die meisten Beschuldigten beriefen sich auf Befehlsnotstand und Putativnotwehr. Sie hätten auf Frauen und Kinder schießen müssen, um Rache vom deutschen Volk abzuwehren. Es seien „nicht so viele“ Juden gewesen wie in den Meldungen angegeben. Sie hätten für „ordentliche Erschießungen“ gesorgt, Exzesse nicht toleriert. Urlaube, Krankenstände und Zahnarztbesuche wurden ins Treffen geführt.

Ferencz biss oft die Zähne zusammen.

„Da sagt ein SS-Kommandeur: ,Juden sind umgebracht worden? Das habe ich gar nicht bemerkt.‘“, erzählt Ferencz im Interview. Er sagt es auf Deutsch, ahmt den nasalen Ton der Oberschicht nach. Damals hätte er fast die Beherrschung verloren.

Alle Angeklagten wurden schuldig gesprochen. Einer starb vor der Urteilsverkündung. Einer beging Selbstmord. 14 Todesurteile. Vier SS-Männer wurden 1951 gehängt, alle anderen wurden begnadigt. Der letzte SS-Kommandeur kam 1958 frei und wurde Justiziar eines Unternehmens.

Ferencz blieb noch ein paar Jahre mit seiner Familie in Deutschland. Wenn er im Zug unterwegs war, fragte er sich manchmal, ob einer der Mörder ihm gegenüber saß. Ferencz arbeitete für die Jewish Claim Conference, versuchte, jüdischen Opfern und ihren Nachkommen ihr geraubtes Eigentum zurückzubringen. Das deutsche Restitutionsgesetz trägt
Ferencz’ Unterschrift. Er klagte große Unternehmen wie IG-Farben, Telefunken, Flick und andere, die von Zwangsarbeit durch KZ-Insassen profitiert hatten, auf Entschädigung.

Von 3000 Männern in den Einsatzgruppen standen nur 24 vor Gericht. „Es war ein symbolisches Recht“ sagt Ferencz.
Was ihm immer noch wehtut, ist das absolute Fehlen von Reue. „Keiner der Massenmörder zeigte auch nur die geringste Einsicht. Im Grund warte ich noch immer“, sagt Ferencz.

Infobox

„Die innere ­Einstellung“
Angehörige von Einsatzgruppen und Polizeibataillonen mussten sich selten vor Gericht verantworten.

Schon der amerikanische Einsatzgruppenprozess in Nürnberg 1947 stieß in der deutschen Öffentlichkeit auf geringes Interesse. Die Zuschauertribüne blieb oft leer. Das Verbrechen war zu sehr in der Mitte der Gesellschaft verortet. Polizeibataillone, die ebenso gewütet, die jüdische Bevölkerung in Ghettos getrieben und erschossen hatten, galten in den ersten Nachkriegsjahren sogar als „anständige“ Organisation, vergleichbar der Deutschen Wehrmacht. Zwar hatte die sowjetische Militärbehörde schon beim Hauptkriegsverbrecherprozess eine Fülle von belastenden Dokumenten vorgelegt, doch im beginnenden Kalten Krieg wurde das negiert. Auch Staatsanwälte und Juristen, die schon in der NS-Zeit eine kleine Karriere gemacht und danach anstandslos weiter aufgestiegen waren, hatten kein Interesse daran. Nach Ansicht des Historikers Stefan Klemp lag es an der „inneren Einstellung“ so manchen Staatsanwalts, dass die Nachkriegsjustiz hier weitgehend versagte. So war selbst die Forschungsstelle in Ludwigsburg eine Zeit lang von einem ehemaligen SA- und NSDAP-Mitglied geführt worden. Und wenn doch einmal ein Kollege aus der Polizei angeklagt wurde, trat ein Netzwerk von Altnazis in Aktion, meist pensionierte deutsche und österreichische Polizisten, die für gute Anwälte sorgten. In Wien gab es im Jahr 1955 ein Verfahren gegen ehemalige Wiener Schutzpolizisten, welche die jüdische Einwohnerschaft im ostgalzischen Stryj* fast vollständig ausgelöscht hatten. Nur einer von ihnen wurde verurteilt. Auch Verfahren gegen Angehörige eines Polizeibataillons aus Kagran, das in Bialystok sein Unwesen getrieben hatte, endete mit Freisprüchen. Gegen namentlich bekannte Österreicher, die im Warschauer Ghetto gewütet hatten, wurde nie ermittelt.

* Ulrich Schmidt: „Ich gebe zu, gehört zu haben“. Mandelbaum Verlag 2013