Investor Martin Schlaff über den Himmler-Film „Der Anständige“

Investor Martin Schlaff über den Himmler-Film „Der Anständige“

Investor Martin Schlaff über seine Beweggründe, den neuen Himmler-Film „Der Anständige“ mitzufinanzieren, und über die vielen Opfer, die die Nazi-Verfolgung in seiner Familie und in der Familie seiner Frau gefordert hat.

Interview: Marianne Enigl

profil: Sie sind Finanzier des neuen, schon jetzt als Sensation angekündigten Films „Der Anständige“ über Heinrich Himmler, der bei der Berlinale Premiere haben wird. Waren Sie der alleinige Geldgeber?
Martin Schlaff: Wir sind ein Finanzier des Films.

profil: Wen meinen Sie, wenn Sie von „Wir“ sprechen?
Schlaff: Meine Familie.

profil: Mit welcher Summe haben Sie den Film unterstützt?
Schlaff: Das möchte ich lieber nicht sagen. Geld ist da nicht das zentrale Thema.

profil: Wie sind Sie zu diesem „Projekt Himmler“ gekommen?
Schlaff: Meine Frau ist von der Produzentin des Films, Vanessa Lapa, angesprochen worden, hat sich das Projekt angesehen, und wir waren beide der Meinung, dass wir es durch eine Finanzierung ermöglichen sollen.

profil: Das Ganze basiert auf privaten Briefen und Fotos Heinrich Himmlers, die von der Familie Lapa vor sieben Jahren in Israel angekauft worden sind. Waren Sie von Anfang an involviert?
Schlaff: Wir sind seit der Konkretisierung des Filmprojekts vor ungefähr einem Jahr dabei.

profil: Was waren Ihre Gründe, einzusteigen?
Schlaff: Meine Frau und ich haben einen großen Teil unserer Familien im Holocaust verloren. Daher ist das für uns immer ein wesentliches Thema. Im konkreten Fall war der Vorab-Ankauf des Films durch deutsche Fernsehsender als Hauptpfeiler der Finanzierung vorgesehen. Da das alle deutschen TV-Stationen verweigert haben, war das Projekt aber zum Scheitern verurteilt.

profil: Daher sind Sie als finanzieller Hauptpfeiler eingesprungen?
Schlaff: Sozusagen, ja. Ich möchte aber auch erklären, warum deutsche Fernsehsender den Film nicht kofinanziert haben. In Deutschland wird sehr viel Geld für Dokumentationen über das „Dritte Reich“ ausgegeben, und ich finde das auch gut. Ich glaube, dass man dieses Phänomen der Geschichte – wenn man es als solches bezeichnen will – in allen denkbaren Facetten beleuchten und zu erklären versuchen soll. Beim Film über Himmler haben die deutschen Sender den Regiezugang von Frau Lapa aber anscheinend als zu verwegen gefunden: Sie will den Zuseher mit Fakten konfrontieren, keinerlei Erklärungen von Historikern dazu stellen und keinerlei Einflussnahme auf die Meinungsbildung der Zuseher vornehmen. Typischerweise würde in so einem Film hundertmal betont werden, welches Monster Heinrich Himmler gewesen ist. Darauf verzichtet die Regie von Vanessa Lapa. Sie erzählt die Geschichte, zeigt die Fakten und überlässt die Schlussfolgerungen den Zusehern. Ich weiß, dass die deutschen Sender gefürchtet haben, der eine oder andere könnte zu falschen Schlussfolgerungen kommen, wenn man seine Meinungsbildung nicht unterstützt.

profil: Der ORF und ein israelischer TV-Sender waren anderer Ansicht, sie haben sich als Koproduzenten beteiligt.
Schlaff: Im ORF und bei dem israelischen Sender hat man diese Befürchtungen offensichtlich nicht. Ich halte die Vorbehalte der deutschen Sendeverantwortlichen auch nicht für amoralisch, glaube aber, diese Befürchtungen sind ein Fehler. Man kann Menschen abverlangen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Die Angst, dass der eine oder andere Trottel zu einer anderen Auffassung kommt als jener, die sich anbietet, muss die Gesellschaft aushalten. Und nicht nur das: Wenn sich die Befürchtung falscher Schlussfolgerungen erfüllt, ist es gut, dass wir Bescheid wissen. Denn dann haben wir etwas falsch gemacht und müssen uns mit dieser Randschicht und ihrer Erziehung auseinandersetzen.

profil: Es sind unsäglich banale Dinge, die da jetzt aus Heinrich Himmlers Briefen an seine Frau bekannt werden, in denen er etwa schreibt: „Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini.“ Einer der größten Massenmörder der Geschichte steht quasi in Unterhosen da. Meinen Sie das mit Ihrer Argumentation, diese Menschen sollten in allen Facetten gezeigt werden?
Schlaff: Man muss die Leute so sehen, wie sie sind. Das Werturteil soll der Zuseher selbst finden. In jedem Zeitungsartikel darüber wird jetzt Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ zitiert werden, aber aus der Vergangenheit lernen heißt, diese Vergangenheit so zu sehen, wie sie war. Und es heißt auch, zu verstehen, dass ein ganz normaler Biedermann und ordentlicher Familienvater in sich diesen Sadismus, diese Menschenverachtung und dieses Potenzial zum Massenmörder in einer historisch kaum da gewesenen Situation tragen kann. Nur weil ein Mensch sich ganz normal benehmen kann, können wir uns nicht darauf verlassen, dass er nicht zu den abscheulichsten Untaten fähig ist.

profil: Zu Himmlers Verständnis vom ordentlichen Familienvater gehörte auch eine Art Zweitehe mit einer Geliebten. Biograf Peter Longerich hat darauf hingewiesen, dass Himmler sich und seinen SS- Männern das zugestand, wenn sie als „gutrassige Germanen“ so weitere Kinder bekamen.
Schlaff: Eine Geliebte zu haben, braucht nicht unbedingt eine ideologische Motivation, und mir ist es wurscht, ob Himmler in einer Art Zweitehe eine Geliebte hatte. Das verstärkt ja dieses Bild des Biedermanns. Zwei Ehen sind noch biederer als eine.

profil: Ist es Ihnen eine Genugtuung, dass dieses Bild Himmlers jetzt an die Öffentlichkeit kommt?
Schlaff: Genugtuung? Ich glaube, dass jeder Mensch über das Anhäufen von Ersparnissen hinaus der Gesellschaft gegenüber eine Verpflichtung hat. Wenn man diese Verpflichtung wahrnimmt, ist es naheliegend, dass man sich dafür einen Bereich aussucht, der einen interessiert.

profil: Ist dieses Engagement jetzt in der Folge Ihrer Antisemitismus-Sammlung zu sehen, die Sie dem Jüdischen Museum Wien geschenkt haben?
Schlaff: Es kommt sicher aus dem gleichen Ursprung.

profil: Sie haben bisher öffentlich wenig über die Verfolgung Ihrer Familien im Nationalsozialismus gesprochen. Ist es richtig, dass Ihre Eltern aus der Nähe von Oświęcim, also Auschwitz, kommen?
Schlaff: Ich spreche von Oświęcim nicht als Auschwitz. Barack Obama hat einmal Auschwitz als polnisches Lager bezeichnet. Die polnische Regierung hat Recht, wenn sie darauf besteht, dass man es Auschwitz nennt, denn Auschwitz war eine deutsche Erfindung. Mein Vater ist in Oświęcim geboren, wo später das Konzentrationslager Auschwitz errichtet wurde. Meine Mama ist in der Nähe geboren. Meine Frau stammt aus Budapest, sie ist in einem gemeinsamen Haushalt mit ihren Eltern und einer Oma aufgewachsen. Drei Geschwister ihrer Oma und auch deren Eltern sind in Auschwitz beziehungsweise auf den Todesmärschen aus Auschwitz ums Leben gekommen. Das heißt, sie hat mit jemandem gelebt, der sehr unmittelbar betroffen war.

profil: Und wie ist es Ihrer Familie ergangen?
Schlaff: Ich bin ohne Großeltern aufgewachsen. Zwei meiner Großeltern sind von den Nazis ermordet worden, und einem Großelternpaar ist es gelungen, in die Sowjetunion zu flüchten. Sie haben aber die Entbehrungen und den Kummer nicht überlebt.

profil: Ihre Eltern waren damals wohl Jugendliche, wie haben sie geschafft zu überleben?
Schlaff: Sie haben es auch geschafft, in die Sowjetunion zu flüchten. Mein Vater war 16 und meine Mama war 15 Jahre alt, als die Deutschen in Polen einmarschiert sind.

profil: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollen Ihre Eltern 1945 in einem sogenannten DP-Lager, einer Auffangstation für Displaced Persons, in Wien gelandet sein.
Schlaff: Nein, als sie 1949 nach Österreich kamen, standen sie schon auf eigenen Beinen. Meine Eltern sind 1946 zurück nach Polen gekommen und 1948 vor den Kommunisten zuerst in die Tschechoslowakei und dann nach Österreich geflüchtet.

profil: Wollten sie in Österreich bleiben oder wollten sie weiter?
Schlaff: Sie wollten in die USA. Als sie die Einreiseerlaubnis bekommen haben, waren sie in Österreich aber schon etabliert und sind hier geblieben.

profil: War Ihre Familie eine der vielen, in denen man über das erfahrene Leid nicht reden konnte oder haben Sie schon als Kind erfahren, warum Sie keine Großeltern haben?
Schlaff: Ich habe alles erfahren. In meiner Familie hat man darüber völlig offen gesprochen.

profil: Der Umgang mit diesem bisher nicht bekannten Himmler-Material, das wenig Neues enthält, wird auch heftig kritisiert. Es kommt ja als ganzes Paket mit Serie in der Zeitung „Die Welt“, Film und Büchern auf den Markt. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat geschrieben, jetzt gebe es den „Verbrecher Himmler zum Runterladen“. Finden Sie diese Vermarktung richtig?
Schlaff: „Himmler zum Runterladen“ halte ich für einen sehr blöden Kommentar, das ist der „Süddeutschen Zeitung“ nicht würdig. Die „Süddeutsche“ ist an sich eine ausgezeichnete Zeitung, mein Vater hat mit ihr Deutsch gelernt. Man muss darüber nachdenken, warum jemandem so ein Blödsinn passiert.

profil:
Der Kommentar in der „Süddeutschen“ hat sich auf die Vermarktung der Himmler-Briefe als Sensation bezogen.
Schlaff: Dennoch. Diese Einschätzung ist sicher eine Fehlleistung, die ihre tieferen Gründe hat. Zur Vermarktung: Wie ich schon gesagt habe, bin ich der Meinung, dass dieses Thema in allen Facetten erhellt werden muss. Und wenn solches Material auftaucht und man daraus einen Film oder Bücher oder was immer produzieren kann und das alles angenommen wird, dann heißt es, Menschen schauen sich das an und beschäftigen sich damit. Jeder neue Aspekt weckt Interesse, und Interesse bringt Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem Thema – und das kann nur gut sein.

profil: Oscar-Preisträger Stephan Ruzowitzky hat vor Kurzem den Film „Das radikal Böse“ vorgestellt , der sich mit den Mordaktionen der Einsatzgruppen aus SS und Polizei beschäftigt, die im Auftrag Himmlers vor dem Einsatz der Gaskammern Millionen Menschen direkt, einen nach dem anderen, erschossen haben.
Schlaff: Mein Großvater, der Vater meines Vaters, wurde so erschossen.

profil: Man spricht vom „vergessenen Holocaust“.
Schlaff: Die Auseinandersetzung damit macht vor allem der Lüge von der anständigen Wehrmacht und der anständigen Polizei ein Ende.

profil: Haben Sie Ruzowitzkys Film gesehen?
Schlaff: Meine Frau und unser zwölfjähriger Sohn haben ihn schon gesehen, ich werde das demnächst nachholen. Die Ausgangslage ist die gleiche wie beim Film über Himmler. Ruzowitzky hatte kein neues Material, aber er hatte eine Idee. Nämlich die Gegenüberstellung der Normalität der Feldpostbriefe mit den Taten, die diese „netten“ Burschen begangen haben. Wenn sich das hoffentlich möglichst viele, auch junge Menschen anschauen, kann man nicht blöde daherkommen und sagen, da werde schon wieder etwas vermarktet.

profil: Den Himmler-Film „Der Anständige“ kennen Sie bereits?
Schlaff: Ich werde ihn bei der Berlinale-Premiere zum ersten Mal sehen.