Joseph Goebbels: Der letzte Fanatiker

Das Propagandagenie Joseph Goebbels gab es nicht. Eine neue Biografie räumt mit diesem Mythos endgültig auf. Goebbels’ einziges Ziel war es, „Volk und Führer“ total zu verschmelzen. Der Grund: seine narzisstische Abhängigkeit von Adolf Hitler, den er wie einen Erlöser anbetete.

In seiner feudalen Berliner Dienstwohnung hatte Joseph Goebbels neben Uniformen, Fracks, Tee- und sonstigen Maßanzügen sie immer griffbereit: weiße Handschuhe. Dutzendweise.

Der Mann, der hetzen konnte wie kein anderer, pflegte die Illusion, er mache sich die Hände nicht schmutzig, perfekt. Im Gegensatz zu Adolf Hitlers sich überschlagendem Organ hatte er seine Stimme auf Rednertribünen unter Kontrolle, auch wenn er sich total verausgabte. In seiner Lieblingsphrase von den „jüdischen Lügenmäulern“ dehnte er die Üs, bis Applaus aufbrandete. In das Toben hinein setzte er sein „Diese Lügenmäuler werden wir stopfen“.

Goebbels, Joseph, geboren 1897 als Sohn einer frommen Kleinbürgerfamilie im Rheinland, war eine der zentralen Figuren des Nationalsozialismus. Gauleiter im einst „Roten Berlin“, Propagandachef der NSDAP, Propagandaminister, mit Hitlers Selbstmord im Führerbunker von diesem zum Nachfolger bestimmt. Es sollte der einzige Hitler-Befehl sein, dem er sich durch den eigenen Freitod verweigerte.

Goebbels stand für Propaganda total. Das von ihm 1932 entworfene Wahlplakat mit nichts anderem als dem Kopf des Kandidaten vor schwarzem Grund und dem einen Wort „HITLER“ war eines der modernsten. Er beherrschte Kampagnisierung, Massierung aller Propagandatechniken vom Einsatz der Kirchenglocken bis zu jenem von Schlägertrupps.

Kein anderer wagte im fünften Jahr des Zweiten Weltkriegs die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ zu stellen, mit der er 1943 die Deutschen auf Weitermachen einschwor.

Der Mythos Goebbels wurde in Medien der Bundes­republik Deutschland in Millionenauflagen weiterverbreitet. Goebbels als erster Spindoktor, Goebbels, der Hitler zur Marke machte. Zur Anerkennung des Propagandabeherrschers wurde die gebührende Abscheu für den Gewaltfanatiker mitgeliefert.

Der renommierte britische Historiker Peter Longerich legt nun eine Biografie vor, in der er Figur und Mythos des Propagandaministers penibel auseinandernimmt. Goebbels’ Fanatismus trug maßgeblich zu den Verbrechen im „Dritten Reich“ bei, so Longerich in seiner 900 Seiten dicken Abhandlung. Schwer narzisstisch gestört, sei er total abhängig von der Anerkennung seines „Führers“ gewesen, dem er immer neu die Massen zu Füßen liegend präsentierte. Wo sie nicht kamen, wurden sie herbeigeschafft. Die Bespiegelung als allmächtiger Propagandist ließ Goebbels sich liefern, sein Ministerium gab die Zeitungsberichte in Auftrag. Die Ermordung seiner sechs Kinder, den eigenen Selbstmord und jenen seiner Frau inszenierte Goebbels als finales Propagandastück in eigener Sache. Deutschland brauche „Vorbilder“, schrieb er.

Die unter Goebbels’ Regie hergestellten Filme prägen bis heute das Bild der vorgeblich totalen Übereinstimmung von „Volk und Führer“. Die vielen Mittäter der mörderischen Diktatur entlastet die Entzauberung des Goebbels-Mythos nicht. Was die neue Biografie leistet: Sie stört die anhaltende Faszination an der Figur und die Etablierung von Goebbels als simple Marke für Propaganda.

profil beschäftigt sich in einer zweiteiligen Serie mit dem neuen Blick auf Hitlers Propagandachef Goebbels. Im zweiten Teil geht es um das Verhältnis Goebbels–Hitler, das in totaler und bedingungsloser Unterordnung Goebbels bestand. Er wusste um die Verbrechen des Regimes, kühl notierte er etwa: „Frage der stillschweigenden Liquidierung von Geisteskranken besprochen. 40.000 sind weg, 60.000 müssen noch weg.“ Nach drei Jahren Goebbels-Forschung weist Biograf Longerich auch nach, wie sehr Goeb­bels mit seinem Radikalismus zum Vorreiter in der Verfolgung der Juden geworden ist – Goebbels verbrecherische ­Rolle ist weiterer Schwerpunkt des profil-Berichts kommende Woche.


Goebbels und sein Klumpfuß:
„Ekelhaft“

Seinen verkrüppelten Fuß erwähnte Goebbels öffentlich nur ganz selten, einmal sah er sich dazu jedoch geradezu gezwungen. In der Berliner „Arbeiterzeitung“ hatte ein Parteigenosse – kurz nach Goebbels’ Bestellung zum Berliner Gauleiter im Oktober 1926 – einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht. Er warnte darin vor „Gezeichneten“, Richard III. von England etwa sei ein Muster an Verworfenheit gewesen, „und siehe da: Er war bucklig und hinkte“. Goebbels wütete gegen die „Schweine“ hinter diesem Angriff. Auf einer Parteiversammlung trug er höchstpersönlich den Klumpfuß-Artikel vor, stellte jeden seiner Kritiker namentlich an den Pranger. Seine Deformation, erklärte er, sei „kein angeborener Fehler“, sie rühre von einem Unfall.

Für ihn ging es um viel.
Denn hinter dem Artikel ­standen heftige parteiinterne Auseinandersetzungen um seinen radikalen Aufpeitscherkurs und rücksichtslosen Führungsstil. Während Goebbels auf Krawall setzte, SA-Horden mit „Feuerreden“ zum Verprügeln von Juden und gewalttätigen Angriffen auf die Linke aufstachelte, warfen seine bisherigen Mitstreiter ihm das Parteiverbot vor, das er der Berliner NSDAP damit eingebracht hatte. Die von ihm beschworene „Eroberung des Roten Berlin“ sollte eine der ersten großen Propagandaerfindungen Goebbels’ werden, seine Wahlresultate blieben hinter jenen der Linksparteien. Doch der kleine Mann mit dem kurzen Bein stand ab sofort für Aufsehen total.

Seine Behinderung scheint in den Tagebüchern nur selten auf. Einmal notiert er, sie sei einfach „ekelhaft“. Goebbels’ rechter Fuß war verkürzt, verdickt und nach innen gedreht, medizinisch ein neurogener Klumpfuß, entstanden durch eine Stoffwechselstörung. Wie so vieles hatte Goebbels auch die anrührende Erzählung von seinem freudlosen Aufwachsen, als Krüppel ausgestoßen und einsam, selbst in die Welt gesetzt. Sein Biograf Peter Longerich kommt zum Schluss: „Goebbels’ Drang nach Höherem und sein Narzissmus lassen sich nicht auf den Versuch zurückführen, seine Behinderung und seine Herkunft aus bedrückenden kleinbürgerlichen Verhältnissen zu kompensieren.“

Minderwertigkeitskomplexe fand der Historiker beim jungen Goebbels keine. Wegen seines Leidens beschrieb dieser sich als „der ausgemachte Liebling zu Hause“. In der Schule charakterisierte er sich als „eigensinnig und eigendenkend genug, ein frühreifer Knabe, den kein Lehrer leiden konnte“. Folgt man Goebbels’ autobiografischem Entwicklungsroman „Michael Voormanns Jugendjahre“, so isolierte er sich selbst von den Mitschülern: „Er war so hart und roh gegen sie, und wenn ihn jemand um einen Liebesdienst bat, dann lachte er nur.“ Mit 14 hatte der angeblich Ausgestoßene die erste Freundin: „Sentimentale Periode. Schwülstige Briefe. Daneben Liebe zu reifen Frauen“, notierte er später.

Longerich dreht die bisherige Sicht auf Goebbels um: Sein schon im Kindesalter angelegter Hang zu Selbstüberschätzung und Realitätsverzerrung habe ihm ermöglicht, sein körperliches Gebrechen weitgehend zu ignorieren. Als Goebbels’ wichtigsten Antrieb macht der britische Historiker „ein nie gestilltes Bedürfnis nach Anerkennung, eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung“ aus. Die Anlage zum Narzissmus verortet er bereits vor der Behinderung, die im Volksschulalter auftrat, nämlich in der mangelnden Autonomieentwicklung des Zwei- bis Dreijährigen, dessen Anhänglichkeit an die Mutter sich durch sein ganzes Leben zog. Die Mutter war Goebbels’ Vorbild für seine Freundinnen, seine Frau – und seinen „Führer“: „Das ganze Volk aber liebt ihn, weil es sich in seiner Hand geborgen fühlt wie ein Kind im Arme der Mutter“ (Goebbels zu Hitlers 46. Geburtstag 1935).

Hitler war er zum ersten Mal am 12. Juli 1925 gegenübergestanden: „Ich weine wie ein kleines Kind. … Hitler geht. Ein Händedruck. Kommen Sie bald wieder.“ Der Narzisst Goebbels hatte den Mann als „Erlöser“ gefunden, der seine Sucht nach Erfolg und Anerkennung erkannte und benützen sollte. Ein Jahr später schenkte Hitler ihm „rote, rote Rosen“ und Goebbels begann, seine megalomane Fantasie über die eigene Größe in der Welt dem vermeintlich noch Größeren bedingungslos unterzuordnen.

Am 30. Jänner 1933 wurde Adolf Hitler deutscher Reichskanzler. Seine erste große Kanzlerrede im Berliner Sportpalast moderierte Goebbels ein. Souverän die Macht auskostend, die Menge im Saal verschmolz er zur „Masse Mensch“, ihr und sich fantasierte er angebliche zwanzig Millionen Hörer an den Radios herbei. Über Hitlers Auftritt schrieb er ins Tagebuch: „Phantastisch. … Zum Schluss großes Pathos. ‚Amen!‘“


Goebbels und seine Frauengeschichten:
„Wenn sie nicht Halbblüter wäre“

Goebbels’ Frau Magda – Hitler pflegte sie gut österreichisch per „gnädige Frau“ anzusprechen – oszilliert bis heute durch Bücher und Presse. Hofiert als „Erste Dame des Dritten Reichs“, dämonisiert als „Gefährtin des Teufels“. Bei Reichsuntergang ließ die Vorzeigemutter der Nazis ihre sechs Kinder im Führerbunker mit Gift ermorden. Hitler hatte sich mit einer Zyankalikapsel aus der Verantwortung gestohlen, als die 43-Jährige ihn zum letzten Mal in Stellung brachte: Mit der Drohung, es handle sich um einen Befehl des „Führers“, soll sie einen SS-Arzt am Abend des 1. Mai 1945 genötigt haben, den Kindern zur Sedierung Morphium zu injizieren. Die Jüngste war die vierjährige Heide, Helga starb als Älteste mit zwölf, die Vornamen aller Goebbels-Kinder hatten mit einem H begonnen. Ob Magda Goebbels ihnen die tödlichen Zyankalikapseln im Mund zerdrückte oder ein weiterer SS-Arzt dies tat, ist ungeklärt. Harald, ihrem Sohn aus der geschiedenen Ehe mit dem Industriellen Günther Quandt, trug sie auf: „Lebe für Deutschland!“

Joseph Goebbels inszenierte selbst den letzten mörderischen Akt als finales Propagandastück in eigener Sache: Der Tod seiner Kinder, der Freitod seiner Frau und der eigene folgen seiner „Treue“ zu Hitler. Der letzte Fanatiker proklamierte seinen Abgang zum „besten Dienst“ am deutschen Volk: „Für die kommenden schweren Zeiten sind Vorbilder noch wichtiger als Männer.“

Goebbels’ narzisstische Abhängigkeit von Hitler hatte auch sein Privatleben bestimmt. Seine Tagebücher legen nahe, dass seine Ehe mit Magda Quandt 1931 einem Arrangement mit Hitler folgte: „Magda liebt er. Aber er gönnt mir mein Glück. … Tränen stehen ihm in den Augen.“ Goebbels, so Biograf Longerich, habe seine ständige Eifersucht auf Hitler, den Magda oft allein aufsuchte, unterdrückt, denn diese Konstellation habe ihm ­weiteren Einfluss auf seinen „Führer“ versprochen. Seine Liaison mit der tschechischen Schauspielerin Lída Baarová beendete er auf Hitlers Machtwort hin.
Sein manisch bis ins Intimste aufgezeichnetes Liebesleben ist inzwischen hinreichend bekannt, Longerich langweilt nicht mit weiterem Voyeurismus. Er legt mit einschlägigen Tagebuchstellen akribisch die individuelle und politische Entwicklung der Figur bloß. Goebbels, so gelesen, zeigt Brisanteres als die Punze des „Bocks von Babelsberg“, die er sich in den Ufa-Studios erworben hatte.

„Sie gesteht mir ihre Abstammung. Seitdem der erste Zauber zerstört.“ Das schrieb der damals 27-Jährige im Jahr 1923 über seine Freundin Else Janke ins Tagebuch. Doch Else Janke, Lehrerin, hatte nichts zu gestehen, sondern nur von ihrer jüdischen Mutter erzählt. Im Frühsommer 1925 machte er mit dieser Liebe Schluss: „Ich möchte wohl, sie wäre meine Frau, wenn sie nicht Halbblüter wäre.“

Jahre davor hatte Goebbels gegenüber einer Vertrauten gemeint, er goutiere „übertriebenen Antisemitismus nicht“. Goebbels, Originalton 1919: „Durch Schimpfen und Polemisieren oder gar Pogrome schafft man sie (die Juden, Anm.) nicht aus der Welt, und wenn man es auf diese Weise könnte, dann wäre es sehr unedel und menschenunwürdig.“

Der an seiner jüdischen Gefährtin ausgelebte Rassismus markiert Goebbels’ Radikalisierung im Chaos der 1920er-Jahre. Als erfolgloser Schriftsteller, mittellos, verzweifelt, fantasierte er sich damals noch selbst zum Gottgesandten: „Gibt mir der Himmel das Leben dazu, dann werde ich ein Erlöser sein. Ob für mich … oder für ein ganzes Volk.“ Er glaube nur noch „an den endgültigen Sieg der Wahrheit und an mich selbst“.

Er las Karl Marx’ „Kapital“ und war von dessen Schilderung der Arbeitsverhältnisse in England beeindruckt. Nach Dostojewskij-Lektüre schwärmte er für das „heilige Russland“. Und schrieb Passagen wie: „Der Kommunismus. Judentum. Ich bin deutscher Kommunist.“ Es sei „grundfalsch, in der Wendung nach rechts das non plus ultra der Entwicklung sehen zu wollen“. Bei den Eltern fühlte er sich zunehmend als „der Abtrünnige, … der Atheist, der Revolutionär“.

In seiner Heimatstadt Rheydt im Rheinland erlebte er bürgerkriegsähnliche Zustände, ein Aufstand für ein selbstständiges Rheinland wurde niedergeschlagen, der Mob übte blutige Rache. Goebbels: „Seelische Hemmungen verspürt niemand. Vox populi – vox ­diaboli.“

Er erarbeitete Dramen über „das heutige kranke Europa“, die nie aufgeführt wurden. Den Münchner Hitler-Putsch im November 1923 notierte er lakonisch. Und über den kurzen, ungeliebten Job in einer Bank in Köln schrieb er: „Widerwillen gegen die Bank. … Das Judentum. Ich denke über das Geldproblem nach.“ An Else Jankes Wesen fand er nun etwas „stark Destruktives“.

Goebbels las dann Henry Fords antisemitische Schrift „Der internationale Jude“, danach die „Protokolle der Weisen von Zion“. Ergebnis: „Ich stehe auf der völkischen Seite; ich hasse den Juden aus Instinkt und Verstand.“ Seine Freundin meinte er immer noch zu lieben, doch über ihr liege der „Fluch des jüdischen Blutes“. Und: Sie sei ein „Stimmungsmörder“. Zwei Jahrzehnte später sollte Joseph Goebbels die letzten als Rüstungsarbeiter verbliebenen Juden Berlins für die schlechte Stimmung im vierten Kriegsjahr verantwortlich machen und auf ihre Deportation in die Vernichtung drängen.


Goebbels, der Propagandist:
„Meine Rede ist ganz groߓ

September 1937, der NS-Propagandaminister schwelgt in Millionenmassen: „Ich melde: Auf dem Maifeld in Berlin, im Olympiastadion und den Vorplätzen des Reichssportfeldes 1 Millionen Menschen, dazu auf den Anfahrtsstraßen 2 Millionen, insgesamt also 3 Millionen.“ Benito Mussolini war auf Staatsbesuch in Berlin, dieses für Hitlers Absichten – auch mit Österreich – politisch eminent wichtige Ereignis wurde pompös inszeniert. Joseph Goeb­bels überließ nichts dem Zufall, und schon gar nicht der spontanen Volksbegeisterung. Diese hielt sich nämlich durchaus in Grenzen. Die jubelnden Massen mussten per „Völkischem Beobachter“ im Befehlston zum geschlossenen Erscheinen verdonnert werden, die Deutsche Arbeitsfront verfügte früheren Betriebsschluss und ließ die Arbeiter in Tausender-Blöcken aufmarschieren. Goebbels’ Propaganda wirkte. Aber er musste nachhelfen, nicht nur bei dieser Gelegenheit. Im Zweifel mit Gewalt.

Am 13. März 1933 war der Berliner Gauleiter als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ins­talliert worden. Noch im selben Monat ordnete er eine erste große Boykott-Kampagne des Deutschen Reichs gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Anwälte an, um der „jüdischen Greuelhetze“ gegen die Nationalsozialisten ein Ende zu bereiten. Die groß aufgezogene Kampagne hatte jedoch nicht die erhoffte Wirkung. Vor den Geschäften mussten SA- und SS-Trupps postiert werden, um den Einkauf in jüdischen Geschäften zu verhindern. Der schöne Schein der Goebbels’schen Propaganda war ein künstlicher: Der Minister ordnete den deutschen Medien die Elogen über das „überwältigende Echo“ auf seine Inszenierungen einfach an.

Goebbels’ ausgeprägter Narzissmus spiegelte sich in seiner selbst gewählten Rolle als Propagandagenie, zum Teil in schriller Verzerrung: „300.000 Menschen unterwegs. Tolle Ovat(ionen). Ich kann kaum reden. Meine Rede ist ganz groß. Ich bin in bester Form. 2 Stunden nur Stürme der Begeisterung. Ja, diese Wiener!“ Diese Wiener hatten soeben Goebbels’ Rede zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vom 29. März 1938 in der Nordwestbahnhalle gehört, live oder vor den zehntausenden Volksempfängern (im Volksmund: „Goebbelsschnauze“), die in den Tagen davor verteilt worden waren. Auch diesmal wurde spontane Volksbegeisterung bis ins Detail inszeniert. Vor der Volksabstimmung zum „Anschluss“ am 10. April wurde tagesaktuell die Schaufensterdekoration angeordnet: „Steigerung der Ausschmückung. 7. April: Portalschmückung mit Tannenreisig oder sonstigem lebenden grünen Schmuck (kein Papierschmuck). 8. April: Ausschmückung der Nebenauslagen und zum Teil der Hauptauslagen. 9. April: Voller Schmuck; in der Hauptauslage das Bild des Führers.“ Zur Einstimmung wurden massenweise Kopien von Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ nach Österreich geliefert.
Riefenstahls „Triumph“ wurde der bekannteste Propagandafilm der NS-Zeit. Die Filmerin drehte in direktem Auftrag des „Führers“; Goebbels, obwohl zuständiger Minister, war demonstrativ übergangen worden. Er tat das Projekt schon vor Drehbeginn ab („Das wird ja nicht viel“), und noch bei der Premiere im Berliner Ufa-Palast monierte er „gewisse Längen“.

Überhaupt war Goebbels weder glücklich noch erfolgreich mit dem – von ihm freilich direkt kontrollierten – deutschen Filmschaffen. Zwar pries er sich als Reformator des deutschen Films, jammerte aber immer wieder über schlechte Qualität, vor allem da Hitler höchst unzufrieden war. „Blöder Film“, ätzte Goebbels über „Freut euch des Lebens“ (1934); „blöder Kitsch. Unerträglich“ fand er „Das Weiße Rössl vom Wolfgangsee“ im Jahr darauf.
„In den Friedensjahren des Regimes agierte Goebbels mehr als Unterhaltungs- denn als Propagandaminister“, schreibt der Kommunikationswissenschafter Thymian Bussemer. Tatsächlich waren von den 1086 Filmen, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 produziert wurden, nur etwa 20 Prozent reine Propagandafilme. Goebbels: „Auch die Unterhaltung ist heute staatspolitisch wichtig, wenn nicht sogar kriegsentscheidend“ (Tagebuch vom 8.2.1942). Und dekretierte: „Die gute Laune ist ein Kriegsartikel“ (27.2.1942). NS-politische Filme von Gewicht brachte er trotz direkten Eingriffs in Drehbücher und Besetzungslisten nicht zustande. Ideologie wurde in Blut-und-Boden-Epen inszeniert. Goebbels verkaufe den Nationalsozialismus „wie andere Waschmittel“, so einer seiner früheren Biografen.

Letztlich blieb der Mythos vom genialen Propagandisten Goebbels dessen gelungenster PR-Coup. Die Masse ließ sich eben nicht mit pathosgetränkten Reden und zackigen Aufmärschen hypnotisieren, Medien und Kultur trotz Gleichschaltung und totaler Einflussnahme eben nicht zu Höchstform anstiften. Wer es wagte, Goebbels’ Arbeit auch nur zu karikieren, bekam die Kehrseite der Propagandamaschine zu spüren. Kabarettisten der Berliner „Katakombe“ ließ Goebbels wegen „staatsfeindlicher Propaganda“ ins KZ bringen. 1936 bekam Goebbels per Führererlass die Polizeigewalt für seinen ganzen Zuständigkeitsbereich.

Tatsächlich musste das Propagandaministerium enormen Aufwand treiben, um die Volksgemeinschaft auf Linie zu halten. Finanzieren ließ Goebbels sich seinen riesigen Beamtenapparat im Übrigen von den Konsumenten: Jeder der 1943 etwa 16 Millionen Radiobesitzer hatte pro Monat zwei Reichsmark Gebühr zu zahlen, der Löwenanteil davon floss ins Propagandaministerium.

Goebbels’ Stellung im Propagandaministerium – intern „Promi“ – war keineswegs so gefestigt, wie er es selbst gern darstellte. Vor allem sein Staatssekretär Otto Dietrich, ein enger Vertrauter Hitlers und Reichspressechef der NSDAP, entwickelte sich zu einem gewichtigen Rivalen. Heinrich Himmler sicherte sich seinerseits über die zahlreichen SS-Mitglieder im Ministerium seinen Einfluss auf den innerparteilichen Konkurrenten.

Das Zeitungswesen lag in der Hand des mächtigen Max Amann, der Reichsleiter für die Presse und Chef des zentralen NS-Verlags war. Ihm verkaufte Goebbels im Herbst 1936 seine Tagebücher. Goebbels jubelte: „20 Jahre nach meinem Tode zu veröffentlichen. Gleich 250.000 Mk (Anm. Reichsmark) und jedes Jahr laufend 100.000 Mk. Das ist sehr großzügig.“ Mit dem Geschäft war er aber in finanzieller Abhängigkeit des Presselenkers.
Nach Goebbels’ Selbstmord flüchteten etliche seiner Ex-Führungsbeamten nach Südamerika, die meisten konnten in der Bundesrepublik Karriere machen. Darunter Prominente wie Erich Fischer, der nach dem Krieg zum Leiter des Düsseldorfer Verlagsbüros des „Spiegel“ avancierte und später auch für das Verlagshaus Gruner + Jahr tätig war. Bis in die siebziger Jahre fanden in Frankfurt regelmäßige „Altherrenabende“ der „Promi“-Männer statt.

Goebbels und Österreich: „Ob es gelingt?“

Österreichs „Anschluss“ im März 1938 wurde von Goeb­bels als ein für die ganze Welt sichtbares Riesenspektakel inszeniert. Den Einmarsch der Wehrmacht verfolgte er im Radio, rührselig: „Die Tränen steigen in die Augen. … Ich höre bis 3 h nachts zu und finde dann auch keine Ruhe vor Freude.“ Die Schlaflosigkeit aus Ergriffenheit hinderte den Machttaktiker nicht, mit den ohnehin schwachen internationalen Reaktionen abzurechnen: „London und Paris legen scharfen Protest ein. Aber was soll das alles. Sie müssen sich doch den Tatsachen beugen.“

Die Einstellung des NS-Propagandaministers zur Situation in Österreich war jene des Kolonialherrn. Gönnerisch kommentierte er, dass aus dem Land frisches Geld in die leeren Reichskassen fließen würde: „Wir haben einen bedeutenden Fehlbetrag. Dafür aber Österreich.“ Die Million Reichsmark für den pompösen NS-Schmuck des Wiener Nordwestbahnhofs, wo Goebbels und Hitler die Österreicher auf das „Reich“ einschworen, nahm man einfach aus dem beschlagnahmten Habsburg-Vermögen. Über ihre Zukunft im „Reich“ ließ der Propagandaminister die neuen „Volksgenossen“ schon bei seiner ersten Rede nicht im Unklaren: „Arbeiten! Anfassen, nicht reden, handeln.“

Dass Gewalt den schönen Schein störte, wussten er und die Führungsriege. Das Goebbels-Tagebuch Ende März 1938: „Heyderich (sic) hat einige sehr unliebsame Exekutionen in Österreich vollziehen lassen. Das ist nicht zu billigen. Göring ist wütend und auch der Führer.“ Der Wiener Historiker Gerhard Botz publizierte diesen Eintrag in seinem im Vorjahr erschienenen Band „Nationalsozialismus in Wien“, auf welche Morde Goebbels da Bezug nahm, ist ungeklärt.

Für Österreich sind Goebbels’ Zigtausende Seiten von Artikeln, Memoranden und Tagebucheinträgen bisher nicht vollständig ausgewertet. Zwei zentrale Ereignisse in der Geschichte stellen sich durch die Aufzeichnungen von Hitlers Propagandaminister aber in völlig neuem Licht dar: der Putsch der österreichischen Nationalsozialisten am 25. Juli 1934 und die hochfliegenden Pläne Hitlers für den Wiener Kardinal und Erzbischof Theodor Innitzer in den aufregenden Märztagen des Jahres 1938.

Zum Österreich-Putsch findet sich in Goebbels’ ­Aufzeichnungen bisher völlig Unbekanntes, der österreichische Historiker Kurt Bauer spricht von einer „Sensation“. Goebbels hielt über eine Besprechung mit Hitler drei Tage vor dem Umsturzversuch in seinem Tagebuch fest: „Österreichische Frage. Ob es gelingt? Ich bin sehr skeptisch.“ Damit ist die bisherige Geschichtsschreibung, österreichische Nazis hätten auf eigene Faust den
Sturz der Regierung in Wien unternommen, aus Sicht des britischen Historikers Peter Longerich widerlegt.

Longerich wörtlich in seinem diese Woche erscheinenden Werk: „Goebbels’ kurze Notiz ist der eindeutige (und durch andere Quellen bisher nicht erbrachte) Beleg dafür, dass der wenige Tage später stattfindende Putsch der österreichischen Nationalsozialisten von der höchsten Autorität der NS-Partei in Deutschland persönlich abgesegnet war.“

Mehr noch: Hitler hatte in der von Goebbels festgehaltenen Besprechung in Bayreuth jene österreichischen SA-Führer am Tisch, die den Putsch dann ausführten: den SA-Chef Hermann Reschny und den NS-Landesinspekteur in Österreich, Theodor Habicht, den Goebbels für einen „Holzkopf“ hielt. Und noch jemanden hatte Hitler geladen: den „alten Kämpfer“ und ehemaligen SA-Führer Franz von Pfeffer aus dem Stab der NSDAP in Berlin. Unmittelbar vor diesem Treffen hatte Hitler laut ­Goebbels’ Tagebuch einen hohen Vertreter der Reichswehrführung empfangen, Generalmajor Walter von Reichenau, den Chef des Wehrmachtsamts im Reichswehrministerium. Longerich schließt daraus, dass vermutlich auch die Reichswehrführung zumindest in groben Zügen über das Unternehmen informiert war. Auch das war bisher unbekannt. Für den österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß hatte der Putschversuch tödlich geendet.

Höchst interessant sind die Goebbels-Aufzeichnungen auch für die Pläne, die Hitler in der Zeit des „Anschlusses“ mit dem Wiener Kardinal Theodor Innitzer hatte. Innitzer hatte Hitler schon in den Stunden des Einmarschs am 12. März 1938 mit einer Loyalitätsadresse begrüßt. Drei Tage später empfing Hitler ihn im Hotel Imperial, über dieses Gespräch hat Innitzer selbst geschwiegen. In welchem Klima es ablief, wird aus Goebbels’ Notiz spürbar: „Cardinal Initzer (sic) wollte beim Führer den Harmlosen spielen. Aber der Führer hat ihn gleich gepackt: entweder fügen oder zerschmettert werden. Man verwechsle seine Güte mit Schwäche. Aber an Schuschnigg sehe man, wohin das führe. Der Cardinal hat versprochen, höchste Loyalität zu wahren. Abwarten!“

Vor dem von den Nazis inszenierten Votum gaben Österreichs Bischöfe die Erklärung ab, es sei ihre nationale Pflicht, sich zum „Deutschen Reich zu bekennen“ – und erwarteten das „auch von allen gläubigen Christen“. Am Tag vor der Volksabstimmung empfing Hitler Innitzer erneut und informierte Goebbels, er habe mit dem Kardinal Großes vor. Dabei handelte es sich laut Longerich um eine „bizarre Idee“: das Projekt einer deutschen katholischen Kirche ohne Papst. Innitzer war bei Hitlers Projekt der Kirchenspaltung eine Rolle zugedacht.

Seinem Propagandachef vertraute Hitler an: „Wir haben einen Kirchenfürsten nötig, wenn wir von Rom los wollen. Und das müssen wir.“ Hitlers Begründung: „Es darf außerhalb Deutschlands keine Instanz geben, die Deutschen Befehle erteilen kann.“

Doch Innitzer war inzwischen vom Papst in Rom zurückgepfiffen worden. Und so notierte Goebbels über Hitlers zweites Treffen mit dem Kardinal: „Er hat mit ­Initzer (sic) gesprochen. Der ist sehr deprimiert – Rüge von Papst Pius XI. Lässt aber nicht von seinem Bekenntnis zum Deutschtum. Hier könnte man einhaken. Eine Abfallbewegung organisieren und die Gegenreformation liquidieren. Na, abwarten!“

In der folgenden Nacht verließen der „Chef“, wie Goeb­bels Hitler titulierte, und sein Propagandist Wien: „Noch lange im Zug parlavert (sic). Der Führer ist so glücklich … Der Führer ist so wunderbar und aufgeschlossen. Ich bin sehr glücklich.“

Lesen Sie im profil 46/2010 ein Interview mit dem gebürtigen Wiener George Weidenfeld über Naziaufmärsche vor seiner Haustüre, seine erste Goebbels-Analyse für die BBC 1942 und die britische Gegenpropaganda.