Die Wende im Kiez

Mauerfall 1989: Die Wende im Kiez - ein Viertel in Ost-Berlin

Serie Wendejahr 1989. Die Wende im Kiez - ein Viertel in Ost-Berlin

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Von Christine Zeiner, Berlin

28 Mark. Mehr sollte eine Einzimmerwohnung in Ostberlin Mitte der 1980er-Jahren nicht kosten. Monat für Monat legte Simone Schmollack den Betrag zurück, für den Fall, dass die Kommunale Wohnungsverwaltung Ansprüche erheben sollte. Denn Miete zahlte die junge Frau keine. Schmollack war über zehn Ecken an den Schlüssel gekommen. Die Wohnung stand leer, so wie viele Wohnungen im Bezirk Prenzlauer Berg: Frühere Bewohner, die in den Westen gegangen waren, hatten ihre Wohnung vorher natürlich nicht abgemeldet.

Die Altbauten zu sanieren, war der DDR-Verwaltung zu teuer. Manche der Appartements wurden schließlich gar nicht mehr vermietet. Mitunter hatte die Immobilienbehörde auch den Überblick verloren. "Die Wohnungen waren alle runter. Manchmal krachte ein Balkon zusammen. Und ich habe immer fürchterlich gefroren“, sagt Schmollack, Jahrgang 1964 und heute Redakteurin der Berliner "tageszeitung“. "Natürlich hat jemand der KWV, der Kommunalen Wohnungsverwaltung, erzählt, dass ich mein Zeug reingestellt habe. Ich musste vorsprechen, und mir wurde eine Strafe angedroht. Aber ich habe das ausgesessen.“ Die KWV fragte nicht mehr nach. "Warum nichts passiert ist? Das war eben der Osten. Da war nicht immer alles durchsichtig.“

So wohnte man zu Zeiten der DDR im Kiez um den Helmholtzplatz. Das Viertel zwischen der U-Bahn-Station Eberswalder Straße und der S-Bahn-Station Schönhauser Allee war damals eine beschauliche Wohngegend, der man nicht ansah, dass sie einmal hip werden könnte. Wohnungen gab es nie genug, wer nicht in den desolaten Altbauten unterkam, bewarb sich um eine Bleibe in der "Platte“, den typischen, billigen DDR-Neubauten - mit Ofen, Bad, Warmwasseranschluss und Innenklo.

1989 kam die Wende, und mit den politischen Umwälzungen änderte sich auch der Alltag im Kiez. Erst kamen die Freaks, Punks und Künstler, bald folgten Geld und Chic. Der Helmholtzplatz wurde als Teil des Bezirks Prenzlauer Berg zu einer der teuren Ecken Berlins.

Heute reihen sich dort dutzende Kneipen, Restaurants und Läden aneinander, die Bücher, Blumen, Bier und Currywurst, Bio-Semmeln, hippe Taschen und Klamotten, schönes Kinderspielzeug aus Holz, Designermöbel, indisches, vietnamesisches, afrikanisches und italienisches Essen bieten. Man kann zum Heilpraktiker, zum Yoga, zum Pilates oder ins Kino gehen. "Toll“, sagt Schmollack. In der Lychener Straße, in der sie bis vor einem Jahr wohnte, sah es vor dem Mauerfall anders aus: "Da war nichts. Eine einzige Kneipe da hinten. Häuser und Straßen waren marod, Fenster und Türen schlossen nicht richtig. Es stank nach Kohleheizung. Überall dieser beißende Geruch. Wenn man das Kind in der Früh in die Einrichtung (Kindergarten, Anm.) brachte, musste man einen Schal vor Mund und Nase halten.“

An manchen Samstagen wurde geputzt. "Subbotniks“ hießen die Arbeitseinsätze im Haus. Hausmeister gab es keinen. An den sogenannten Reparaturstützpunkten im Viertel konnten kostenlos Werkzeug, Farben und Maschinen bezogen werden. Hausgemeinschaften, die sich besonders viel Mühe gaben, wurden mit der "Goldenen Hausnummer“ ausgezeichnet. "Da war man dann schon stolz“, erinnert sich Irmgard Mischke, einst Schmollacks Nachbarin. Von der Wohnungspolitik in der DDR hält die knapp 60-Jährige sonst wenig. "Das war ein Riesenproblem. Aber gut, von 50 Mark Miete für 75 Quadratmeter - davon kann man ja kein Haus erhalten.“ Eineinhalb bis drei Jahre lang hätte sie ursprünglich als 18-Jährige auf eine eigene Wohnung warten müssen, so die Auskunft der Kommunalen Wohnungsverwaltung. Mischke besorgte sich daraufhin aus einer Bäckerei eine Schachtel voll Kakerlaken. "Ich hab gesagt:, Ich lass die frei, wenn ich keine Wohnung bekomme.’ Und warum auch immer, es hat geklappt.“

Im Haus in der Lychener Straße wohnten Lehrer, Musiker, Dolmetscher, eine Theaterschneiderin, ein Familientherapeut. Nicht nur der Zustand der Gebäude war ein anderer als drüben im Westen, auch die familiären und beruflichen Lebenswelten unterschieden sich. Schmollack erzählt, dass sie den Begriff "Hausfrau“ lange Zeit gar nicht kannte - Frauen waren wie Männer berufstätig. Kinder lernten das Lied "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“. Kindergärten gab es im Umkreis mehrere. Mit den heutigen kleinen, exquisiten Kinderläden und ihren jeweils ganz speziellen Konzepten hatten sie allerdings wenig gemein: Niemand habe ein "Gewese“ um besonderes Essen gemacht oder darum, wie die Kinder ihre Zeit verbrachten, sagt Schmollack. "Man wusste einfach, das Kind war gut aufgehoben. Klein und süß und übervorsichtig war das nicht.“

Die Zeiten änderten sich. Seit einigen Jahren hat der Prenzlauer Berg den Ruf, Heimat der "Latte-Macchiato-Mütter“ zu sein: Modische Frauen, die den ganzen Tag im Café sitzen, neben sich den teuren Kinderwagen. Mittlerweile kann man am Helmholtzplatz "Babycciono“ bestellen, aufgeschäumte heiße Milch ohne Kaffee.

Ein paar Meter vom Helmholtzplatz und der Lychener Straße entfernt steht die Gethsemanekirche, eines der bekanntesten Gotteshäuser Berlins. Oppositionelle hielten hier ab dem 2. Oktober 1989 Mahnwachen ab: Die DDR-Sicherheitskräfte hatten in Leipzig, Potsdam und Berlin Dutzende Demonstranten festgenommen, die für Reise- und Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen waren. Von Tag zu Tag kamen mehr Menschen in die Kirche, darunter Simone Schmollack und der 15-jährige Tobias Seeliger. "Als die Mahnwachen losgingen, war alles andere scheißegal“, sagt er. "Die Gethsemanekirche war Anlaufstelle für die Punks. Ich war jung, ich war frech, die Stasi konnte mich mal.“

Seeliger und seine Freunde hörten Punkrock. Die Stücke der Ostbands seien politischer gewesen als damals in Westdeutschland. Die Kassetten bekam Seeliger "von jemandem, der sie von jemandem bekommen hat, der jemanden kannte …“.

Seeligers Wohnung war nur wenige Minuten von der Gethsemanekirche entfernt. Die Häuser in der Wichertstraße sind heute - wie fast im ganzen Viertel - herausgeputzt. Keines ist grau, die Balkone sind neu oder saniert. Es gibt auch einen Fahrradweg. "Vor der Wende waren die Straßen und die Häuser heruntergekommen. Aber tot war hier nix. Anders als in der Lychener Straße war hier immer Leben“, sagt Seeliger. Anstelle der Eisdiele gibt es heute eine Schneiderei, anstelle der Apotheke einen Italiener und gegenüber der Sparkasse war früher das Tanzcafé Nord. Eingekauft wurde beim Gemüsehändler und beim Fleischer um die Ecke und in der Kaufhalle in der Pappelallee eine Straße entfernt. Dort ist heute eine Filiale der Supermarktkette Kaiser’s.

"Für ostdeutsche Verhältnisse ging es uns gut, denn Berlin war nicht der Osten. Ja, du musstest dich mühen und kümmern, aber es gab soweit alles, auch Bananen. Ein bisschen neidisch war man aber schon auf die Karre vom Onkel, der im Westen lebte.“ Seeligers Mutter - eine Psychologin - besuchte ab 1987 immer wieder die Verwandtschaft in Westberlin. Tobias Seeliger musste als "Pfand“ zurückzubleiben.

Der heute 40-Jährige lebt immer noch in demselben Haus. Die Fluktuation der Bewohner ist für das Viertel ungewöhnlich gering. Anfang der 1990er-Jahre übernahm anstelle der Kommunalen Wohnungsverwaltung eine Genossenschaft das Haus. So blieben die Mieterhöhungen moderat. Ansonsten hält Seeliger wenig von der Entwicklung im Prenzlauer Berg. Der Bezirk gilt als neue Heimat der Schwaben. Ihnen wird nachgesagt, dass sie die Mietpreise nach oben treiben. "Gibt ja auch kaum noch alte Leute hier. Die können sich den Kiez nicht mehr leisten“, sagt Seeliger.

Nach der Wende wurde in den Kellern der maroden Häuser gefeiert, doch bald war die Party vorüber: Nach und nach wurde die Rückgabe der Gebäude geregelt, oft handelte es sich um jüdische Alteigentümer oder Besitzer aus Westdeutschland. In vielen Fällen beauftragten die restituierten Eigentümer Makler mit dem Verkauf der Immobilien. "Den Kiez können sich nun nur noch Leute mit Geld leisten. Das soziale Gefüge stimmt nicht mehr“, findet auch Irmgard Mischke aus der Lychener Straße.

Trotz des kritischen Blicks auf die Entwicklung des Viertels - von "Ostalgie“ ist nichts zu spüren. Tobias Seeliger sagt, ohne den Mauerfall hätte er seinen Beruf so nicht ausüben können: Als Fotograf wäre "Systemtreue“ von ihm verlangt worden. Simone Schmollack sieht das genauso. Anders, als es in der DDR der Fall gewesen wäre, könne sie heute als Journalistin schreiben, was sie als richtig empfindet. Schmollack bezeichnet sich als "Wendegewinnerin“ - auch, was die Wohnsituation betrifft: "Mein Leben ist wärmer geworden.“