Nazi-Kriegsverbrecher: In zwei Wiener Kirchen hängen Gedenktafeln für Alexander Löhr

Nazi-Kriegsverbrecher: In zwei Wiener Kirchen hängen Gedenktafeln für Alexander Löhr

Die katholische Kirche hat Probleme mit ihrem rechten Rand. In zwei Wiener Militärkirchen sind noch immer Gedenktafeln für den Wehrmachtsgeneral und verurteilten Kriegsverbrecher Alexander Löhr angebracht.

Mitten in der Einkaufshölle Mariahilfer Straße liegt die Wiener Stiftskirche, ein Ort der Stille. Mit dem weitläufigen Gebäudeblock der Stiftskaserne verschmolzen, ist sie leicht zu übersehen. Tagsüber lassen sich Passanten mit ihren Einkäufen für Augenblicke in dem dunklen Kirchenschiff nieder. Die Morgenmesse an zwei Tagen in der Woche wird von einem verschworenen Grüppchen besucht; vorwiegend sind es gebrechliche Alte. Man kennt einander, man stützt einander beim Niederknien und beim Hochkommen vom rotsamtenen Brett. Ein längst pensionierter, aber noch aktiver Prälat steht hinter dem Altar und führt die dünnen Stimmen an. Der Altartisch ist mit einem Tuch drapiert, auf dem ein großes Eisernes Kreuz prangt. Diese - ursprünglich preußische - Kriegsauszeichnung war unter den Nazis populär geworden.

Würdigung des "unvergesslichen Kameraden Alexander Löhr"
Kronleuchter verströmen Dämmerlicht. Einzig die dem Altar gegenüberliegende Wand im Eingangsbereich der Kirche ist hell bestrahlt. Hier befindet sich ein Heldendenkmal. Ehemalige Soldaten der Deutschen Wehrmacht werden damit geehrt, die in den Jahren der nationalsozialistischen Eroberungszüge "den Heldentod gestorben“ sind, so steht es zu lesen - die meisten von ihnen in Russland. Es sind Dutzende Marmortafeln, die der österreichischen Verantwortung für die Gräuel des Zweiten Weltkriegs Hohn sprechen. Mitten unter ihnen, eine der größten und besonders hervorgehoben, befindet sich eine Würdigung des "unvergesslichen Kameraden Alexander Löhr“.

Löhr war der ranghöchste Österreicher in der Deutschen Wehrmacht. Er wurde 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet. Das wird auf der Ehrentafel naturgemäß nicht erwähnt.

Löhr kam im Jahr 1885 als Sohn eines Donaudampfschifffahrtkapitäns in Turnu-Severin in Rumänien zur Welt und schlug früh die Offizierslaufbahn ein. In der Ersten Republik war er mit dem inoffiziellen Aufbau der Luftwaffe betraut, denn nach dem Vertrag von Saint-Germain war Österreich die Gründung einer Fliegertruppe verboten. Unter seinen Piloten befanden sich überdurchschnittlich viele illegale Nationalsozialisten. Nach ihrer Machtübernahme 1938 rief Löhr seine Soldaten auf, "Nationalsozialisten der Tat“ zu werden und mit "leidenschaftlicher Hingabe“ der "herrlichen Aufgabe“ Hitlers zu dienen. Löhr wurde zum General und Befehlshaber der Luftflotte 4 befördert. Im Polen-Feldzug zeichnete er für die Zerstörung Warschaus verantwortlich. Die NS-Führung war von Löhrs Wirken stark beeindruckt: "Warschau: Das ist die Hölle. Eine demolierte Stadt. Unsere Bomben und Granaten haben ganze Arbeit getan. Kein Haus ist unversehrt“, notierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im November 1939.

Warschau war für Löhr ein wichtiger Karriereschritt. Im Frühling 1941 legte Löhrs Flotte von Graz und Wiener Neustadt aus Belgrad in Schutt und Asche - ohne Vorankündigung, ohne Kriegserklärung. Das Unternehmen hieß "Strafgericht“. Löhr ließ Brandbomben einsetzen, die Großbrände verursachten, um für die nachfolgenden Flieger in der Nacht die Ziele zu erhellen. Schon nach den ersten Abwürfen standen zivile Einrichtungen in Flammen, und Jugoslawien kapitulierte. Die Zahl der Ziviltoten ging in die Abertausende. Kurz danach wurde Löhr zum Generaloberst befördert.

Ab Sommer 1942 befehligte Löhr deutsche Einheiten in Griechenland und auf dem Balkan und verantwortete Massaker an der Zivilbevölkerung. Adolf Hitler sah in ihm das "letzte Pferd im Balkan-Stall“. In seinen Tagesbefehlen verordnete Löhr, alliierte Kommandos sowie Partisanen "unter allen Umständen bis auf den letzten Mann niederzumachen (…) Ich erwarte von jedem Vorgesetzten, dass er unter Einsatz seiner ganzen Person dafür Sorge trägt, dass dieser Befehl ausnahmslos mit brutaler Härte von der Truppe zur Anwendung kommt.“ Wer sich weigere, werde zur Rechenschaft gezogen.

"Vorsorglich als Geiseln festnehmen“
Unter Löhrs Befehlsgewalt als Chef der Heeresgruppe E wurde die jüdische Bevölkerung in Griechenland gekennzeichnet - auf seinen Vorschlag hin mit einem Davidstern -, zusammengetrieben und deportiert. Auch den verbrecherischen Wehrmachtsbefehl, für gefallene deutsche Soldaten ein Vielfaches an Zivilisten zu erschießen, setzte Löhr in überschießendem Gehorsam um. Frauen, Kinder und Alte ließ er "vorsorglich als Geiseln festnehmen“. Ab September 1944 leitete Löhr die Rückführung seiner Heeresgruppe über den Balkan bis an die österreichisch-slowenische Grenze. 1945 wurde Löhr in Kärnten von den Briten festgenommen und an Jugoslawien ausgeliefert. Vor Gericht sagte er am 24. Mai 1945 aus: "Ja, ich habe gehört, dass Juden in Ghettos eingeschlossen wurden, und auch hörte ich, dass unter ihnen manche ums Leben kamen. Später hörte ich auch erzählen, dass seitens der Polizei Gaskammer-Autos zur Vernichtung der Zivilisten angewandt wurden, angeblich in Polen. Ob diese Nachrichten der Wahrheit entsprechen, habe ich nicht nachgeprüft, da ich dafür nicht zuständig war und dazu keine Möglichkeit hatte.“

Im Gerichtsverfahren gegen Löhr wurde der rücksichtslose Einsatz der Wehrmachts- und SS-Truppen gegen Frauen, Kinder und Greise mit Unterlagen und Zeugen dokumentiert. 1945 wurde Löhr schuldig gesprochen, zwei Jahre später das Todesurteil vollstreckt.

In Österreich war Löhr tabu. Doch schon 1955, als die Alliierten abgezogen waren, begann man die Geschichte wieder umzuschreiben. Auf Betreiben der Witwe und seiner Kameraden wurde für Löhr im selben Jahr eine Ehrentafel in der Stiftskirche angebracht. Drei Jahrzehnte später hielt man die Zeit für reif, Löhr nun auch in der Aula der Landesverteidigungsakademie zu würdigen. Wenige sollten davon erfahren. Die Tafel war unter Ausschluss der Öffentlichkeit enthüllt worden. Doch gab es einen prominenten Zeitzeugen, und der Schatten des einen fiel auf den anderen. Kurt Waldheim hatte in Löhrs Stab gedient und seine Jahre auf dem Balkan verschwiegen. Jahrzehnte nach Kriegsende musste sich nun auch der ÖVP-Präsidentschaftskandidat mit der Vergangenheit herumschlagen. Der brutale Krieg, den Löhr als Chef der Heeresgruppe E am Balkan befehligt hatte, war plötzlich in aller Munde. Die Gedenktafel in der Stiftskirche wurde aus Protest blutrot beschmiert, jene in der Kaserne auf Weisung des damaligen Bautenministers Heinrich Übleis entfernt.

Eine weitere Würdigung Löhrs wurde 1989 in der Hofburgkapelle entdeckt. Unter den auf dem "Felde der Ehre“ gebliebenen Generalstabsoffizieren befanden sich die Namen Löhr und Arthur Phleps, SS-Führer und General der Waffen-SS. Beide Namen wurden unkenntlich gemacht.

Die Linke solle endlich Ruhe geben
Hätte nicht der Grün-Abgeordnete Harald Walser vor einigen Wochen darauf hingewiesen, dass in der Stiftskirche noch immer eine Löhr-Tafel hängt, und ein älterer profil-Bericht einen engagierten Pensionisten dazu veranlasst, sich an diverse Kirchenoberen zu wenden, man hätte die Schandtafel fast schon hingenommen.

Die Frage "Wer ist dafür verantwortlich?“ hat unserem Leser Herbert R. eine kleine Staatsbürgerlektion erteilt. Im Verteidigungsministerium wimmelte man ihn ab: Die Kirche sei zuständig. In der Erzdiözese war man zwar "peinlich berührt“, doch könne man nichts machen. Das sei Angelegenheit der Militärdiözese. Dort hieß es, Löhr sei kein Kriegsverbrecher, und als unserem Leser daraufhin der Kragen platzte und er meinte, dann könne ein vernünftiger Geist dem Problem wohl nur mit Hammer und Meißel zu Leibe rücken, wurde das Telefonat abrupt beendet. Kurz danach trat die Polizei auf den Plan.

Der pensionierte Militärpfarrer Rudolf Schütz liest immer wochentags die Messe in der Stiftskirche. profil fragte ihn, warum in seiner Kirche ein Kriegsverbrecher gehrt wird. Schon die Frage ließ ihn vor Zorn beben: Löhr sei kein Kriegsverbrecher gewesen, sondern ein Soldat, der für die Heimat kämpfte, und die Heimat sei damals eben das Deutsche Reich gewesen, sagte Schütz. Die Linke solle endlich Ruhe geben. Als echte Schande empfinde er es hingegen, dass nun auf dem Ballhausplatz ein Denkmal für Deserteure aufgestellt worden sei.

Schütz befindet sich damit auf einer Linie mit dem Militärdekan der Maria-Theresienkaserne in Wiener Neustadt, Siegfried Lochner. Der hatte einst den von den Nazis hingerichteten Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter für einen "verirrten“ Geist gehalten.

Am Ende triumphierte Schütz: Wissen Sie eigentlich, wo sich die Tafel befindet, die 1986 aus der Stiftskaserne entfernt wurde? In der Militärkirche Johann-Nepomuk in Wien-Hietzing!