Rosenhügel-Studios: Joseph Goebbels’ langer Schatten

Rosenhügel-Studios: Joseph Goebbels’ langer Schatten

In der Filmstadt am Wiener Rosenhügel steht in Zukunft schöner Wohnen auf dem Programm. Mit dem NS-Propagandachef errichtete Filmhalle.

Direkt vor dem Eingang der Rosenhügel-Studios sollte eine U-Bahn-Station entstehen, in der Nähe ein eigener Flugplatz: Das sahen die hochtrabenden Pläne in Joseph Goebbels NS-Propagandaministerium für die Filmstadt Wien vor. 1939 kam Hitlers Mann fürs Laute höchstpersönlich zu Besuch. In den Ateliers aus den 1920er-Jahren (sie waren ihrem jüdischen Inhaber Oskar Pilzer abgepresst worden) begutachtete Goebbels die Dreharbeiten eines antisemitischen Streifens, dann die Baustelle nebenan. So wie dem Film sollte auch den Ateliers alles Jüdische ausgetrieben und deutscher Geist aufgedrückt werden: Die neue Synchronhalle stilisierte man zum „ersten monumentalen Bauwerk Wiens im neuen deutschen Baustil“ hoch. Goebbels befahl zügige Weiterarbeit, Spezialisten aus Berlin simulierten mit Sprengungen die Abschirmung des Baus gegen Erschütterungen durch die künftige U-Bahn.

„Hollywood an der Donau“
Dieses für das NS-Regime so prestigeträchtige Atelier könnte als einziges aus der bald 100-jährigen Geschichte der Rosenhügelstudios erhalten bleiben. Während der ORF zwecks Budgetsanierung den Verkauf der Studios samt 32.000 Quadratmetern Grund bekanntgab, läuft um die Bauten des einstigen „Hollywood an der Donau“ (Filmhistoriker Armin Loacker) ein Tauziehen. Das Bundesdenkmalamt hat sowohl die historischen Ateliers aus den 1920er-Jahren wie auch jenes aus der NS-Zeit unter Schutz gestellt. ORF und Stadt Wien (MA 19, Architektur und Stadtgestaltung) wollen den Denkmalstatus aber nur für den unter Goebbels errichteten Bau, den Schutz der frühen Ateliers haben sie beeinsprucht. Entscheiden muss nun das Kunstministerium.

„Das ist ein Filmtempel”
Vor allem das perfekt designte Stahlbeton-Atelier (heute Halle 1) ist historisch faszinierender Boden. Das Eröffnungsfest 1923 wurde für die Großproduktion „Hotel Potemkin“ mitgefilmt, unter den Gästen war der französische Starkomiker Max Lindner, ein Vorbild Charlie Chaplins. Das Bauwerk selbst charakterisiert der Wiener Industriearchäologe und Referent im Bundesdenkmalamt, Oliver Schreiber, als herausragend: „Das ist ein Filmtempel. In Wien hat man noch vor Berlin das erste perfekte Kunstlichtatelier gebaut.“ Mächtige Beleuchtungsgänge und Kranbahnen für Scheinwerfer ermöglichten neuartiges Filmen in Kunstlicht, ein beheizbares Becken erleichterte Unterwasseraufnahmen. Laut Schreibers Forschungen in Berliner Archiven könnte der Bau indirekt sogar Modell für die spätere NS-Halle gewesen sein: Der NS-Architekt hatte beim Designer des ersten Rosenhügel-Studios, Leopold Simony, dem bekannten Vordenker des Wohnbaus im „Roten Wien“, studiert.

Rettungsaktion
Dass Michael Haneke am Rosenhügel „Die Klavierspielerin“ drehen konnte, verdankt sich einer Rettungsaktion vor 25 Jahren. Der damalige ORF-Generalintendant Teddy Podgorski hatte die von seinem Vorgänger Gerd Bacher an den Baukonzern Maculan verscherbelten Grundstücke zurückgekauft und sagt heute: „Für mich war es eine Gewissenspflicht, ein Stückerl altes Wien und Wien als Filmstadt zu retten.“

Die nunmehrigen Käufer – ein Konsortium aus der Porr-Tochter Strauss & Partner Development und dem Grazer Unternehmen Immovate – sind in Wien an exklusiven Immobilienprojekten beteiligt. Strauss & Partner am Ringstraßenpalais Hansen, nunmehr Kempinski-Hotel, Immovate kaufte vom kroatischen Ex-General Vladimir Zagorec die frühere k. u. k. Telegraphenzentrale. Der Kaufpreis für die Rosenhügel-Gründe wird mit 16,8 Millionen Euro kolportiert. Das Konsortium plant Wohnen im Grünen, REWE einen Supermarkt. Die unter Goebbels errichtete Synchronhalle mit ihrer guten Akustik soll von der Vienna Symphonic Library für Filmmusikproduktionen reaktiviert werden.

An die große Geschichte der Filmstadt könnte bald nur noch Zynismus erinnern, denn ausgerechnet der NS-Bau soll nach dem jüdischen Filmmogul Oskar Pilzer benannt werden. Das hat der ORF dessen Sohn George vorgeschlagen. Die Pilzers hatten mit ihrer Tobis-Sascha-Film Wien in den 1930er-Jahren zur Filmmetropole und Paula Wessely zum Filmstar gemacht. Goebbels ließ in Deutschland erzürnt ihre Einspielergebnisse in Millionenhöhe einfrieren, 1937 musste Pilzer aufgeben. Im Jahr darauf flüchtete er – und die Nazis drehten in seinen Studios die ersten Unterhaltungsstreifen der Wien-Film.