Spekulationen um Kernwaffenversuche im ehemaligen KZ Gusen

Spekulationen um Kernwaffenversuche im ehemaligen KZ Gusen

In den Stollen des ehemaligen KZ Gusen wurde erhöhte Strahlung gemessen. Es kursieren wilde Spekulationen, das „Dritte Reich“ habe hier mit Kernwaffen experimentiert.

Sie blieb der Welt erspart, dennoch spukt sie immer wieder herum: „La Bomba di Hitler“, schlagzeilte die italienische Zeitung „La Repubblica“ am Montag vergangener Woche. Sie sollte möglicherweise auf dem österreichischen Land entstehen, versteckt im Tunnelsystem des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen. Hier haben die Männer des „Führers“ an einigen ihrer gefährlichsten Waffen gearbeitet, so das renommierte römische Blatt: „Heute zeigen wissenschaftliche Tests: Es könnte sich um jenen Ort handeln, den Historiker seit Jahren suchen, jenen Ort, wo ,das Reich‘ an der Bombe experimentiert haben soll.“

Zwei Tage später wurde an Ort und Stelle im Mühlviertel schweres Bohrgerät aufgefahren. Grund für die Bohrungen: Im vergangenen März war in den ab 1943 in die Erde getriebenen Stollen weit überhöhte Strahlung gemessen worden; und laut Bürgermeister Erich Wahl gibt es Hinweise auf weitere, bisher unbekannte unterirdische Anlagen. Wahl: „Ob die Strahlung aus natürlichen Quellen oder von noch nicht gefundenen Stoffen aus dem NS-Regime stammt, wissen wir nicht.“ Es könnten Stollen – mitsamt ihrem möglicherweise heiklen Inhalt – vor der Befreiung 1945 verschüttet worden sein. Als Bürgermeister habe er die Pflicht, diesen Unsicherheiten nachzugehen.

Unterirdische Anlagen
Das rund fünf Kilometer vom Konzentrationslager Mauthausen entfernte Lager Gusen steht vor allem für die unterirdische Verlagerung der NS-Rüstungsproduktion. In der riesigen Anlage „Bergkristall“ wurden ab Oktober 1944 Messerschmitt-Jagdflugzeuge und ab Beginn 1945 die ersten Düsenjäger unterirdisch gefertigt. 60.000 Häftlinge schufteten hier unter katastrophalen Bedingungen, rund 35.000 kamen ums Leben. Das Lager wurde von der US-Armee befreit, danach von den Sowjets übernommen und erst 1955 an Österreich übergeben. Die unterirdischen
Anlagen dehnen sich über 50.000 Quadratmeter aus, für sie ist die Bundesimmobiliengesellschaft BIG zuständig, darüber stehen heute Wohnhäuser. In den vergangenen Jahren mussten die meisten Stollen wegen Absenkungsgefahr mit Beton verfüllt werden, die Kosten dafür sollen sich auf 14 Millionen Euro belaufen haben.

„Nazi-Ufologe“
Anlass für die unterirdischen Strahlenmessungen war ein Film zu dem von Eso-Historikern verehrten „Nazi-Ufologen“ Viktor Schauberger. Filmemacher Andreas Sulzer war mit Geigerzähler in den Stollen unterwegs gewesen und hatte Alarm geschlagen. Die BIG beauftragte eilends Franz Josef Maringer von der Universität für Bodenkultur mit Messungen, die in den Stollen keinerlei Spur künstlicher nuklearer Spaltprodukte, aber eine „um ein Vielfaches erhöhte Radonkonzentration“ ergaben. Die im Mühlviertel geologisch bedingte höhere Radon-Belastung reicht als Erklärung nicht aus.

Maringer zur Frage, ob in den Stollen Bombenversuche stattgefunden haben könnten: „Es könnte sich zumindest um Vorversuche gehandelt haben, mit technologisch angereichertem Uran, Thorium oder Radium.“ Der Naturwissenschafter kryptisch: „Es sieht so aus, als ob in den Nachkriegswirren der Besatzungszeit hier etwas verdeckt gehalten worden wäre.“

„Heiße Geschichte”
Der Grazer Historiker Stefan Karner spricht von einer „heißen Geschichte“ und plant bereits ein umfangreiches Forschungsprojekt. Karner („Ich kenne mich da sehr präzise aus“) hegt seit Langem den Verdacht, dass es im Lager Gusen weit mehr geheime NS-Aktivitäten gab als bekannt. Er vermutet einen „ausgelagerten Standort zur Erzeugung von möglichst reinem Uran“. Der Historiker hat in seiner Dissertation ein Zentrum in Kärnten beschrieben, in dem das „Dritte Reich“ Uran produzieren ließ.

Das neue Projekt verfolgt der nunmehrige Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung mit dem Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch, der mit dem Buch „Hitlers Bombe“ bereits einmal die Geheimnisse der deutschen Kernwaffenversuche zu lüften versucht hatte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ rezensierte es als Mixtur aus „harten Quellen, physikalischen Untersuchungen, klugen Überlegungen und bloßen Ondits, die vorzüglich in den Legendenschatz des ,Dritten Reiches‘ passen.“

Zu Gusen wollen Karlsch und Filmemacher Sulzer „tolles Material“ (Sulzer) gefunden haben. Aufgrund einer Häftlingskarte vermuten sie sogar Wilhelm Groth, einen Forscher am deutschen Uranprojekt der Nazis, im Lager Gusen. Ein Mann dieses Namens findet sich tatsächlich als Häftling: Er war von Beruf Landarbeiter, als „Berufsverbrecher“ im KZ – und hat andere Geburtsdaten als der NS-Forscher. Resümee von Bertrand Perz, dem wissenschaftlichen Leiter für die Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen: „Hier handelt es sich nur um eine weitere Sensationsstory zu den Geheimprojekten des NS-Staates.“

Mitarbeit: Anna Giulia Fink