Thomas Harding über Rudolf Höß: „Es ist eigentlich unglaublich“

Thomas Harding über Rudolf Höß: „Es ist eigentlich unglaublich“

Ein junger deutscher Jude entdeckte 1946 den untergetauchten Kommandeur des KZ Auschwitz, Rudolf Höß. Ein Buch rollt nun die Geschichte des unbekannten Nazijägers Hanns Alexander auf.

Interview: Marianne Enigl

profil: Ihr Großonkel Hanns Alexander spürte Rudolf Höß auf, einen der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Warum hat er nie darüber gesprochen?
Thomas Harding: Nicht einmal seine Töchter wussten von dieser Geschichte, es ist eigentlich unglaublich. Wir kennen seine Motive nicht, möglicherweise wollte er sich selbst nicht an diese schlimmen Tage erinnern.

profil: Wäre es nach dem Holocaust nicht wichtig gewesen, zu zeigen, dass es ein Jude war, der den Kommandanten des KZ Auschwitz aus seinem Versteck geholt hatte?
Harding: Ich denke, dass genau das erzählt werden soll. Daher habe ich es nun getan.

profil: Sie glorifizieren Ihren Großonkel nicht, beschreiben auch seine Wut und seinen Hass. Beim ersten Verhör wurde Höß mit jener Peitsche geschlagen, die er in Auschwitz immer bei sich hatte.
Harding: Das Interessante ist, dass mein Großonkel Höß nicht getötet hat. Er und viele seiner Soldaten hatten in Auschwitz Angehörige verloren und wussten in diesen Momenten ja nicht, ob dieser Mann je seine gerechte Strafe bekommen würde. Ich denke, es sagt viel über Hanns Alexander aus, dass er Höß nicht auf der Stelle umbringen ließ und dieser damit zu einem der wichtigsten Zeugen für den Holocaust werden konnte.

profil: Warum nennen Sie Höß im Buch wie Ihren Onkel durchgehend mit den Vornamen?
Harding: Vornamen sind intimer. Ich wollte genau das: intime Porträts von Höß und seinem Verfolger. Ich möchte sie nicht gleichstellen, aber beide waren Menschen, die ihre Entscheidungen treffen konnten und getroffen haben.

Thomas Harding
„Hanns und Rudolf. Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz“; dtv, 400 Seiten Euro 25,60