Die Regentin und der Hofnarr
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Die Regentin und der Hofnarr

Die neue britische Premierministerin Theresa May wird mit Thatcher und Merkel verglichen. Bei der Bewältigung der Brexit-Misere hilft ihr das jedoch nicht weiter.

Als erste Amtshandlung machte Theresa May den Bock zum Gärtner: Die britische Premierministerin ernannte ausgerechnet jenen Mann zum Außenminister, der gerade noch über US-Präsident Barack Obama geschrieben hatte, dass dieser wegen seiner „teils kenianischen Wurzeln“ Großbritannien gegenüber nie fair sein könne.

Der ehemalige Londoner Bürgermeister hatte für den Brexit geworben, danach aber nicht genug Rückgrat gehabt, den Job als Brexit-Verwalter auch zu übernehmen. Theresa May dagegen will beides: die Macht und Großbritanniens neue Position am Rande Europas definieren. Dabei ist ihr jedes Mittel recht – auch Johnson im Kabinett.

Kaum ein Porträt von Theresa May kommt ohne den Vergleich mit Margaret Thatcher oder Angela Merkel aus. Die neue britische Premierministerin hält allerdings nicht viel davon. „Ich habe keine Vorbilder“, sagte sie gegenüber der Journalistin Tina Brown in einem ihrer wenigen persönlichen Interviews im vergangenen Oktober: „Ich gehe lieber meinen eigenen Weg.“


May kündigte gleich zu Beginn an: 'Brexit bleibt Brexit.'

Er hat sie in die Londoner Downing Street, Hausnummer 10, geführt. Seit Mittwochabend residiert Theresa May im traditionellen Amtssitz des britischen Premiers. Die Probleme, die sie von dort aus lösen muss, sind seit dem Brexit-Votum am 23. Juni immens: Die 59-jährige Konservative soll ihre Tory-Partei wieder einen, Großbritannien aus der EU begleiten und versuchen, Schotten und Nordiren im Vereinigten Königreich zu halten – vom normalen Tagesgeschäft gar nicht zu reden. May kündigte gleich zu Beginn an: „Brexit bleibt Brexit.“ Dabei hatte sie zu den moderaten Vertreterinnen eines Verbleibs in der EU gehört.

Theresa May tritt mit einer Sicherheit auf, die angesichts dieser Agenda erstaunlich wirkt. Das liegt nicht nur an ihrer Persönlichkeit. Die Tochter eines Vikars fiel in ihren sechs Jahren als Innenministerin selten aus der Rolle der beherrschten Pragmatikerin. Doch das Persönliche ist es nicht, das Theresa May als Politikerin von Margaret Thatcher und Angela Merkel unterscheidet.

Für die deutsche Bundeskanzlerin steht die Europäische Union als Friedensprojekt über fast allem anderen. Die EU hat Stabilität und Sicherheit für die einst kriegsführenden Nationen Europas gebracht, Deutschland allein hat dies nie für eine längere Periode geschafft. Theresa May dagegen stammt aus einem Land, das seit der Magna Charta 1215 die Demokratie für sich entwickelt hat. Die britischen Inseln waren mit Ausnahme des Bombenkrieges Nazideutschlands gegen britische Städte nicht Teil des europäischen Schlachtfeldes. Für May ist das Friedensprojekt EU zweitrangig.

Mehr noch: Angela Merkel hatte Deutschland 2015 für Kriegsflüchtlinge geöffnet und sich dabei auf ein universal gültiges Konzept der Humanität berufen. Theresa May beobachtete dies kopfschüttelnd von den britischen Inseln aus. Als Britanniens längstdienende Innenministerin seit Ende des Zweiten Weltkrieges vertrat sie eine rigide Immigrationspolitik. Die konservative Regierung hatte eine Reduktion der Einwandererzahlen versprochen und dies nicht geschafft. May sprach sich sogar gegen die Aufnahme von 3000 unbegleiteten Flüchtlingskindern aus Syrien aus.


Ihre autonome Art bewies sie bereits bei der Besetzung ihres Kabinetts.

Von Angela Merkel trennt Theresa May der Graben der Geschichte. Mit Margaret Thatcher teilt sie zwar weitgehend den ideologischen Ansatz, doch geht May mit ihrem wirtschaftspolitischen Ansatz eher in eine Prä-Thatcher-Ära zurück.

Thatcher setzte Reformen in den 1970er- und 1980er-Jahren ohne Rücksicht auf Verluste durch und führte ihr Land zu sozialen Unruhen. Theresa May dagegen möchte konservative Politik mit Rücksicht auf gesellschaftlichen Zusammenhalt implementieren. Sie will nach sechs Jahren hyperharter Sparpolitik lieber Banker-Boni kürzen als Behindertenpauschalen, auf die es ihr Vorgänger David Cameron abgesehen hatte.

Ihre autonome Art bewies sie bereits bei der Besetzung ihres Kabinetts. Sparefroh George Osborne zeigte sie die Tür, holte sich aber wichtige Pro-Europäer wie Philip Hammond als Finanzminister und Amber Rudd als Innenministerin in die Regierung.

Ebenso kühl verfuhr sie mit Boris Johnson. Statt ihm zu zürnen, holte sie sich den beim Volk äußerst beliebten Wirrkopf in ihr Team. In ihrer unmittelbaren Nähe wird er vermutlich leichter zu kontrollieren sein. Einen Hofnarren kann die Regentin angesichts des Ernsts der Lage sicher brauchen.

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  • Josef Kreilmeier (Tribun3) Di, 19. Jul. 2016 14:10

    Johnson als Außenminister - ein genialer Schachzug der Premierministerin.
    Eingebunden in die Kabinettsdisziplin kann er nur schwer querschießen und überdies wird er bald als Versager und Produzent heißer Luft erkannt werden
    ( als Feigling ist er ja schon geoutet ) und damit endgültig politisch tot sein.

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