Ahmet Toprak: "Von der Idee des EU-Beitritts hat sich Erdogan schon vor Jahren verabschiedet."

Ahmet Toprak: "Von der Idee des EU-Beitritts hat sich Erdogan schon vor Jahren verabschiedet."

Ausland

"Erdogan wurde zum coolen Mythos"

Nach dem versuchten Putsch in der Türkei nimmt die Zahl der Verhafteten, Suspendierten und Entlassenen täglich zu. profil hat mit Ahmet Toprak, Migrationsforscher, über die "Säuberungswelle" in der Türkei und die Faszination Erdogan gesprochen.

profil: War der versuchte Putsch in der Türkei inszeniert?
Toprak: Verglichen mit anderen Putschen, die zur sogenannten Prime-Time, also nachts, anfangen, war der jüngste Putsch dilettantisch vorbereitet und umgesetzt. Aus der Ferne ist aber schwierig zu beurteilen, ob der Putsch inszeniert, oder "echt" war. Das werden wir wohl erst in einigen Jahren erfahren. Im Moment kann man nur spekulieren.

profil: Erdogans sogenannte Säuberungswelle wirkt geplant. Hat der versuchte Putsch Erdogan in die Hände gespielt?
Ahmet Toprak: Die Liste, nach der die türkische Regierung nun vorgeht, kann nicht erst nach dem Putsch entstanden sein. So etwas schreibt sich nicht über Nacht. Das muss sauber vorbereitet gewesen sein. Der versuchte Putsch war wohl nur der geeignete Anlass, das Vorhaben umzusetzen.

profil: Was will Erdogan erreichen?
Toprak: Durch die sogenannte Säuberungswelle, und den verhängten Ausnahmezustand hat Erdogan noch mehr Macht im Staat. Wirtschaftlich ist die Türkei gut aufgestellt. Auch Geographisch und geopolitisch liegt das Land sehr gut. Erdogan geht es jetzt vor allem darum, im Nahen Osten ein starkes muslimisches Land zu sein. Von der Idee des EU-Beitritts hat sich Erdogan schon vor Jahren verabschiedet.

profil: Inwiefern beeinflusst der versuchte Putsch die Beziehungen zwischen EU und Türkei?
Toprak: Ohne den Flüchtlingsdeal zwischen EU und Türkei, würden viele europäische Staaten wahrscheinlich anders auf den Putsch und die aktuellen Geschehnisse reagieren. Erdogan ist auch hier in einer Machtposition. Er kann die EU, insbesondere Deutschland, erpressen. Das nutzt er schamlos aus. Deshalb sind die europäischen Länder in ihrer Kritik an den Missständen in der Türkei so schmallippig.

profil: Nach dem Putschversuch fanden zahlreiche Demonstrationen zur Unterstützung Erdogans statt. Warum ist der türkische Präsident so beliebt?
Toprak: Hochgradige Politik wird vom Volk nicht immer verstanden. In Deutschland ist das der Grund, aus dem die "Alternative für Deutschland" (AfD) so stark ist. Erdogan ist ein Mann aus einfachen Verhältnissen. Er macht nicht auf intellektuell, sondern spricht die Sprache des Volkes. Er kann Politik so vermitteln, dass sie jeder versteht. Er ist eine Art Popstar, ein cooler Mythos geworden.

Zur Person

Ahmet Toprak , ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund in Deutschland. Er forscht zu Themen, wie Türkische Migranten, Integration und Lebenswelten von Migranten.

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