Angstforscher Boris Bandelow: "Angst wird weitervererbt."

Angstforscher Boris Bandelow: "Angst wird weitervererbt."

Gesellschaft

"Die Nachkommen der Ängstlichen“

Nizza, Ansbach, München: Die Terrormeldungen reißen nicht ab, viele Menschen haben Angst. Wird es auch uns treffen? profil hat mit dem deutschen Angstforscher Borwin Bandelow gesprochen, was man gegen solche Gefühle tun kann und warum man sich an Angst gewöhnt.

profil: Warum hat der Mensch eigentlich Angst?
Borwin Bandelow: Die Angst begleitet uns täglich. Wenn wir zu Fuß gehen, achtet unser Angstsystem darauf, dass wir nicht einfach vor ein Auto laufen. Da denken wir gar nicht mehr darüber nach. Wir haben ständig Angst, ohne dass wir es eigentlich merken. Wir würden schnell sterben, wenn wir dieses System nicht hätten.

profil: Viele sorgen sich wegen des allgegenwärtigen Terrors, dabei ist für den einzelnen das Risiko eines Autounfalls größer. Wie geht man damit um?
Bandelow: Man muss mit etwas „gesundem Fatalismus“ in Menschenversammlungen gehen. Wir müssen lernen, das mulmige Gefühl auszuhalten. Geschätzte vier Wochen nach einem Anschlag hält das an. Weil aber nun ständig ein Anschlag dem nächsten folgt, kommen wir nicht zur Ruhe.

profil: Kann sich der Mensch an dieses Gefühl gewöhnen?
Bandelow: Die Menschen sind sehr anpassungsfähig, das sieht man auch an anderen Gesellschaften. Es gab in Israel einmal einen Anschlag mit 44 Toten in einem Café in Tel Aviv, als ich gerade in der Stadt war. Am nächsten Tag habe ich in einem anderen Café nebenan Menschen getroffen, die ganz normal Kaffee tranken. Sie haben gesagt: „Hier in Israel gibt hier alle paar Tage einen Anschlag. Wir würden ja verrückt, wenn wir unser Leben völlig umstellen und uns verkriechen.“


An bekannte Gefahren, wie etwa Autounfälle, haben wir uns gewöhnt.

profil: Wäre das in Europa genau so, wenn wir weiter mit Terrormeldungen konfrontiert werden?
Bandelow: Es ist leider damit zu rechnen, dass solche Anschläge weiter stattfinden. Aber ich glaube nicht, dass sich Europa in eine Gesellschaft der Angst verwandelt. Die Menschen würden sich daran gewöhnen und die Lebensqualität sich nach einiger Zeit auf normalem Niveau einpegeln.

profil: Wenn man Freunde hat, die sich fürchten: Hilft es ihnen zu sagen, sie sollen keine Angst haben?
Bandelow: Das hilft wenig. Es gibt im Gehirn ein vernünftiges System. Es sagt, die Chance durch Terror zu sterben, liegt bei eins zu 27 Millionen. Und dann gibt es das Angstsystem, das fragt: „Was, wenn dieser schwarzbärtige Mann dort eine Bombe im Rucksack hat?“ Dieses Angstsystem ist emotional und wird davon beeinflusst, dass der Terror eine neue und unbeherrschbare Gefahr ist. An bekannte Gefahren, wie etwa Autounfälle, haben wir uns gewöhnt, obwohl sie viel häufiger sind.

profil: Wenn man eine Mann mit Bart sieht und ein ungutes Gefühl bekommt: Was kann man tun, um sich selbst zu beruhigen?
Bandelow: Einen Tag vor den Anschlägen in Paris war ich am Münchner Hauptbahnhof. Dort sah ich, dass ein junger, arabisch aussehender Mann mit Bart einen schwarzen Rucksack unter einem Tisch liegen lässt und weggeht. Ich dachte: „Oh Gott, das ist eigentlich der ideale Platz für einen Terroranschlag.“ Ich informierte einen Manager, der sofort reagierte. Wir wollten gerade den Bahnhof sperren lassen, als der junge Mann zurückkam und sagte: „Oh, ich habe meinen Rucksack hier vergessen.“ Obwohl ich immer gewarnt habe, Ausländer oder Muslime pauschal zu verurteilen, bin ich auf dieses irrationale Schema reingefallen. Man kann den Menschen nicht verdenken, dass das passiert.


Die Menschen, die keine Angst vor Spinnen hatten, sind ausgestorben und hatten keine Kinder.

profil: Kann man Menschen ihre Sorgen überhaupt nehmen?
Bandelow: Man kann sich und anderen bewusst machen, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, bei einem Terrorakt zu sterben, sehr gering ist. Aber beim Angstsystem, das emotional reagiert, wird das wenig Erfolg haben. Das ist wie mit einem starken Raucher, dem man empfiehlt, mit dem Rauchen aufzuhören. Nur mit logischen Argumenten kommt man da nicht weit.

profil: Könnte eine andere Medienberichterstattung solche Sorgen eindämmen?
Bandelow: Menschen wollen solche Dinge lesen. Das klingt paradox, aber wenn wir in der Zeitung lesen, dass gestern ein Anschlag war, wirkt das auf das Gehirn beruhigend. Jede Gefahr, die man unbeschadet übersteht, führt zu Entspannung. Das Motto ist sozusagen „Nichts ist schöner, als beschossen, aber nicht getroffen zu werden.“ Davon leben die Zeitungen. Würden sie nur die positiven Dinge schreiben, würde sie keiner kaufen.

profil: Wäre unsere Gesellschaft besser, wenn sie angstfrei wäre?
Bandelow: Eine solche Gesellschaft würde nicht lange überleben. Es gibt Leute, die haben Angst vor Spinnen. Das stammt aus einer Zeit, in der Spinnen wirklich gefährlich waren. Angst wird auch weitervererbt. Die Menschen, die keine Angst vor Spinnen hatten, sind ausgestorben und hatten keine Kinder. Wir sind also heute die Nachkommen der Ängstlichen.

Zur Person

Borwin Bandelow , 64, ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen. Er beschäftigt sich vor allem mit Angststörungen.

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