Helene Fischer: Fräulein Atemlos
Gesellschaft

Helene Fischer: Fräulein Atemlos

Helene Fischer hat den deutschen Schlager gründlich entstaubt. Immer mehr Menschen erliegen ihrem blitzsauberen Charme. Karin Cerny gehört auch dazu.

Natürlich gibt es Menschen, die Popstars zum Angreifen wollen; kuschelige Typen, die möglichst authentisch sind und auch so aussehen. Für diesen simplen Anspruch reicht allerdings das echte Leben. Dort gibt es genug Langweiler, die im Park traurige Lieder auf der Gitarre zupfen. Dafür hätte man Pop, dieses artifizielle System voller Doppelbödigkeiten und raffinierter Rollenspiele, nicht erfinden müssen. Es spricht viel dafür, Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne sehen zu wollen, die deutlich mehr können als man selbst. Damit wären wir schon bei Helene Fischer, die einarmige Liegestütze macht, während sie ins Mikro singt: "Sag mal, spürst du das?" Das Publikum spürt es deutlich. Einige der Anwesenden sind wohl selbst erstaunt, dass sie bei den harten Beats von "Achterbahn" mitgehen. Opa und Oma tanzen in der Großraumdisco, das muss man erst einmal schaffen.

Die 1984 in Krasnojarsk in einer deutschrussischen Familie geborene Fischer wird gern etwas abfällig als "Maschine" bezeichnet, weil sie privat wenig an Tratsch und Gerüchten hergibt, aber als Sängerin das volle Streberprogramm draufhat: Jede Show muss noch größer, noch atemberaubender, noch akrobatischer werden. Wäre sie Sportlerin, hätte sie längst den Schrank voller Goldmedaillen. Der "Falter" meinte einmal in einem Porträt, Fischer sei "der perfekte Star einer von Selbstoptimierung geprägten Zeit": makellos und ideal, eine vielfältig einsetzbare Projektionsfläche. Alle lieben Helene, die für jeden einen passenden Song im Gepäck hat, jeden irgendwo abholt: die urbanen Gays, die Party machen wollen; die Mittvierziger aus der Provinz, die extra zum Konzert anreisen und sonst wohl eher ins Musical gehen würden; die Kinder, von denen auch immer eines auf die Bühne geholt wird; die ältere Generation, die auf ein paar Schmachtfetzen hofft.

Bei Fischer geht nichts nicht. Man mag das neoliberal finden, aber gleichzeitig beeindruckt es auch, dass Fischer mehr möchte, als die ewig gleichen Musikpfründe abzugrasen. Eine schöne Anekdote handelt davon, wie die junge Sängerin am Beginn ihrer Karriere bitterlich geweint haben soll, als ihr Manager Uwe Kanthak meinte, er habe eine Schlagerkarriere für sie geplant. Schlagersänger, das waren Typen mit Goldkettchen, Liberace-Föhnwelle und verpfuschtem Leben, von dem man in den Songs natürlich nichts mitbekam. Kein Wunder, dass es lange verpönt war, Schlager völlig unironisch gut zu finden. Sie galten als die falsche Musik im falschen Leben. Christoph Grissemann erklärte seinem Studiogast Helene Fischer in "Willkommen Österreich" noch anno 2013, er sei davon ausgegangen, Schlager sei etwas für eine "verzweifelte, zahnlose Generation, die sich ein Stück heile Welt ins gewalttätige Wohnzimmer holen will".

Spätestens seit ihrem Megahit "Atemlos" (2013) ist allerdings erwiesen, dass Fischer dem Genre einen Popdrive verleihen kann, der es aus der Schmuddelecke holt. Fischers Branchenkollegin Andrea Berg hat schon einiges an Vorarbeit geleistet mit ihren Emanzipationshymnen für betrogene Frauen in Outfits, die auch in einen SM-Club passen würden. Anders als Berg belastet Fischer ihre Zuhörerschaft aber nicht so gern mit Gefühlen oder gar Politik. Es geht um eine geile Zeit. Ihre poppigen Schlager beschwören den perfekten Moment, der nie zu Ende geht: "So losgelöst, frei, frei, frei/Wir sind Flieger". Es geht um "Das volle Programm", darum, dem tristen Alltag zu entfliehen. In einem ihrer neuen Songs ist Fischer erstaunlich weit aufgeknöpft: "Ist doch sowieso schon klar/Was passiert ist absehbar/Das wird 'ne Herzattackennacht/Heut sind wir beide schwach". Bloß keine falschen Emotionen, lieber einen One-Night-Stand.

Das Genre profitiert von dieser Modernisierung, die Grenzen zwischen Pop und Schlager verschwimmen zusehends. Die jungen Fans sehen das entspannt. Man sollte darüber nicht elitär die Nase rümpfen. Pop und Schlager teilen letztlich dasselbe Hedonismus-Versprechen: Lebe für den Moment! Alles ist auf das Jetzt getrimmt, die Hölle morgen Früh kann uns egal sein. Natürlich verkörpert Fräulein Fehlerfrei Fischer gerade das Gegenteil davon, sie steht für die totale Disziplin -gar nicht unähnlich den Popkontrollfreaks Madonna und Taylor Swift. Fotos von Helene Fischer, wie sie eine Linie Koks zieht oder im Urlaub fremdschmust: vollkommen unvorstellbar. So viel Pop-Freiheit geht dann doch nicht. Fischer hat den Schlager zwar entstaubt, aber die heile Welt muss unbedingt heil bleiben. Selbst wenn weibliche Schlagerstars mittlerweile Muskeln wie Fitness-Trainerinnen haben und sich wie Rihanna anziehen -die Lässigkeit und Ist-mir-eh-alles-egal-Haltung des karibischen Megastars ist im Schlager, dieser letzten Bastion der Sauberkeit, noch nicht angekommen.

Ein wenig unheimlich wirkt es freilich schon, wie pseudo-religiös die Verehrung für den Star mitunter ausfällt. Als Fischer im vergangenen Februar krank in einem Wiener Hotelzimmer lag und zwei Konzerte absagen musste, sandte sie eine flammende Botschaft an ihre Fans: "Ich kann es nicht oft genug sagen, lasst euch von den Medien nicht blenden, was jetzt zählt, ist nur mein geschriebenes Wort an EUCH! Ich bin weder schwanger und auch kein Wunderheiler aus den USA behandelt mich! Totaler Quatsch! Ich bin auch nicht todkrank, ich komme wieder!!!" Kein Wunder also, dass die Stimmung beim folgenden "Resurrection"-Konzert einem fröhlichen Hochamt glich: Heilige Helene, sing für uns arme Sünder!

Allerdings rekrutiert sich die Church of Helene aus einem erfreulich inhomogenen Publikum. Es wäre schön, wenn auch im echten Leben alle Bevölkerungsschichten so gut miteinander könnten wie auf Fischer-Konzerten. Ihre Shows sind technisch perfekt und packend, nichts ist peinlich. Phasenweise läuft das falsche Genre, man fühlt sich nicht angesprochen, ist aber schon im nächsten Moment wieder voll dabei. Fischer hat körperlich alles erreicht; der Cirque de Soleil hat ihr eine gigantische, erstaunlich unkitschige Show auf die Beine gestellt, in der sie schwerelos durch die Luft wirbelt. Mehr geht kaum. Aber es scheint im Moment ohnehin, als habe sich die Sängerin ein neues Ziel gesetzt: lockerer werden beim freien Reden, keine Angst mehr vor Small Talk mit Medien und Fans. Im Vergleich zu ihrem Konzert vor zwei Jahren in der Stadthalle ist die 33-Jährige mittlerweile tatsächlich erstaunlich souverän, wenn sie mit ihrem Publikum schäkert und dabei nicht die schlechtesten Witze auf Lager hat. Früher merkte man noch die Verkrampfung eines Musicalstars, der lieber beim Drehbuch bleiben würde. Heute ist Fischer in der Starposition angekommen und lernt gerade, locker damit zu spielen. Vielleicht gelingt es Fischer ja, ihren Sprachmuskel so souverän aufzupumpen wie ihren Bizeps. Zum "Echo"-Skandal um die geschmacklosen Reime der Rapper Farid Bang und Kollegah meldete sich sogar die ansonsten unpolitisch auftretende Schlagersängerin zu Wort. Sie habe die Veranstaltung "unangemessen und beschämend" gefunden. Ist doch gar nicht so schlimm, eine Meinung zu haben.

Mittlerweile hat Fischer das Genre Schlager so weit gedehnt, dass alles darin Platz hat, von Country bis Eurotrash. Sie könnte sich zurücklehnen, wird aber wohl wie Madonna eher keine Ruhe geben und auch noch im Alter aufs Gas steigen. Ein Besuch ihres Konzerts im Ernst-Happel-Stadion am 11. Juli kann jedenfalls nur empfohlen werden: Helene Fischer ist auf dem Zenit ihres Schaffens angelangt. Man bekommt etwas für sein Geld. Denn zum Glück ist Fischer kein Star zum Angreifen, sondern jemand, der eine perfekte Show abliefert. Sag mal, spürst du das?

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