"Das kann auch eine moderne Form der Sklaverei sein“
Gesellschaft

"Das kann auch eine moderne Form der Sklaverei sein"

Die grüne Politikerin und Expertin für Pflege und Gesundheit Birgit Meinhard-Schiebel über Defizite im System und den "Wildwuchs" im Pflege- und Betreuungsbusiness.

profil: Die Pflege- und Betreuungsbranche explodiert zunehmend …
Birgit Meinhard-Schiebel: In Österreich gibt es momentan rund 700 Agenturen und 70.000 Betreuungskräfte. Dabei muss man beachten, dass diese Zahlen nur jene sind, die momentan offiziell angegeben sind. Es gibt genügend Agenturen, die weder einen Gewerbeschein haben noch registriert sind. Ich möchte nicht wissen, wie viele Betreuungskräfte "schwarz“ und ohne Agentur Patienten betreuen. Als das Gerücht aufkam, dass Wolfgang Schüssels Mutter von einer nicht offiziellen Kraft betreut wurde, hat sich die Gesetzeslage geändert. Aber um nichts zu verallgemeinern: Die meisten Betreuer agieren selbstständig und zahlen ihre Abgaben an die SVA.

profil: In Österreich kann jeder Mensch eine Vermittlungsagentur für Betreuung aufmachen - das spricht nicht für eine Qualitätssicherung.
Meinhard-Schiebel: Bis wir einen verpflichtenden Qualitätsstandard für die Agenturen erreicht haben, wird das noch ein weiter Weg werden. Die Betreuungskräfte hingegen müssen inzwischen einen Qualitätsnachweis bringen: Sie haben entweder eine Ausbildung in der Höhe von circa 200 Stunden oder ein halbes Jahr Tätigkeit in der Branche nachzuweisen. Die Gefahr ist der Wildwuchs - die vielen Unausgebildeten, die in der Branche auch unterwegs sind.


Die Menschen tendieren dazu, schnell zu jener Dienstleistung zu greifen, die am günstigsten ist.

profil: Welchen Fehler machen Betroffene bei der Wahl der Betreuungsagentur?
Meinhard-Schiebel: Die Menschen tendieren dazu, schnell zu jener Dienstleistung zu greifen, die am günstigsten ist. Da werden im Internet irgendwelche Plattformen konsultiert, die nicht nur billig anbieten, sondern auch voll der Versprechungen sind. Nur meist sind diese Websites nicht zertifiziert. Die Angehörigen sollten auch wissen, dass es die unterschiedlichsten Modelle von Betreuungen gibt, wie beispielsweise nur für ein paar Stunden täglich, und dass es für die Bedürfnisse des Patienten spezifisch ausgebildetes Personal gibt.

profil: Das heißt, man sollte sich im Idealfall an die großen Organisationen wie Caritas, Rotes Kreuz, Volkshilfe oder das Hilfswerk wenden - Institutionen, die eine saubere Abwicklung garantieren.
Meinhard-Schiebel: Das sind seriöse Unternehmen, die vermitteln und die die Betreuerinnen nicht ausbeuten und fachkundig ihre Auswahl treffen. Aber auch dementsprechend kostenintensiv. Eine 24-Stunden-Betreuung kostet monatlich bei der Caritas an die 3000 Euro.

profil: Es werden immer in Zusammenhang mit Betreuungskräften aus Osteuropa kritische Stimmen laut, dass diese Frauen ausbeutet werden.
Meinhard-Schiebel: Sehr vorsichtig formuliert kann das auch eine moderne Form von Sklaverei sein. Die Hausbetreuungskräfte unterliegen nicht dem Arbeitszeitgesetz. Natürlich sollen Ruhezeiten eingehalten werden. Nur ist das in der Praxis schwierig. Sollte in der Nacht etwas sein, dann steht die Betreuerin natürlich auf. Es muss für jede Pflegekraft einen eigenen Rückzugsraum geben. Schwierig, wenn es sich um eine Wohnung handelt und nicht um ein eigenes Haus.

profil: Wie effizient sind denn psychische Erkrankungen wie Demenz oder Altersdepressionen in den Pflegestufen-Kategorien erfasst?
Meinhard-Schiebel: Bei der Begutachtung findet die Psyche keinen Platz, dafür gibt es einfach kein Kriterium. Im Fall von Demenz gibt es ein paar Verschiebungen, denn hier wird schon ab der Pflegestufe 1 mit einem Attest mit der entsprechenden Diagnose die staatliche Förderung anerkannt.

profil: Eines Ihrer großen Kampfthemen sind betreuende Angehörige und ihre Rechte.
Meinhard-Schiebel: Es gibt zwischen - wenn wir die Dunkelziffer dazurechnen - 700.000 und 800.000 "Zugehörige“, die ihre Angehörigen oder auch die Schwiegereltern oder auch Freunde zu Hause pflegen. Oft sind ja mehrere Familienmitglieder von der häuslichen Pflege betroffen. Davon sind rund 80 Prozent Frauen, von denen viele ja selbst noch berufstätig sind. Angesichts dieser erschreckenden Zahlen dürfen wir einfach nicht ruhig bleiben.

Zur Person
Birgit Meinhard-Schiebel, 70, ist grüne Gemeinderätin in Wien und Sprecherin der Wiener Grünen für Gesundheit, Pflege und Menschen mit Behinderung. Die Politikerin bekleidet seit 2010 das Ehrenamt der Präsidentin der Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger, für deren Rechte sie sich einsetzt.

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