Tabu Transsexualität
Gesellschaft

Tabu Transsexualität

Wenn Menschen mit ihrem Geschlecht nicht glücklich werden: profil zeichnet einen Fall nach, der für Tausende andere steht – und trotzdem einzigartig ist.

Der Fall von Gaby, den profil in seiner aktuellen Ausgabe dokumentiert, ist kein typischer Fall. Weil es keinen typischen Fall von Transsexualität gibt. Was es gibt, sind Menschen, die oft unter erheblichen psychischen Belastungen leiden, weil ihr bei der Geburt bestimmtes Geschlecht nicht zu ihrem subjektiven Empfinden, ihrem Selbstverständnis passt. Wie viele von ihnen in Österreich leben, lässt sich nur schätzen; das Innenministerium geht von gut 900 Menschen aus, die in dem weiten Feld zwischen Mann und Frau nach einem neuen Platz suchen. In diesem Feld blühen soziale Ausgrenzung, psychische Erkrankungen und gesellschaftliche Ignoranz. Und nein: Österreichs Gender-Ikone Conchita Wurst ist nicht transsexuell, sondern Crossdresser, also jemand, der mit seiner sexuellen Identität spielt. Transsexuelle spielen nicht. Sie leiden – auch wenn sich einiges langsam, sehr langsam bessert. Das mag auch an den Outings prominenter Transsexueller wie Caitlyn (vormals Bruce) Jenner liegen, dem Zehnkampf-Sieger der Olympischen Spiele 1976 und Vater der Instagram-Models Kendall und Kylie Jenner (sowie Stiefvater von Kim Kardashian). Oder an der öffentlichen Tragödie der US-Soldatin Chelsea (vormals Bradley) Manning, die anno 2009 militärische Geheimdokumente via Wikileaks verbreitet hatte und dafür von einem US-Militärgericht zu einer 35-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Obwohl Manning inzwischen die Änderung ihres Namens sowie eine Hormonbehandlung gestattet wurden, unternahm sie aus Verzweiflung über ihre unklare geschlechtliche Rolle in der Haft mehrere Suizidversuche. Erst nach einem mehrtägigen Hungerstreik wurde Manning im September des Vorjahres eine operative Geschlechtsanpassung in Aussicht gestellt.


In Wien wird ein psychiatrisches oder psychologisches Gutachten verlangt.

In Österreich waren entsprechende medizinische Eingriffe lange an eine mindestens 50-stündige psychotherapeutische Behandlung gebunden – mit dem recht offenkundigen Subtext, dass es sich um eine (heilbare) psychische Krankheit handle. Inzwischen „reicht“
die mehrfach abgesicherte Diagnose von „Transsexualismus“ und eine Empfehlung zur Einleitung medizinischer Schritte (also Hormonbehandlung oder geschlechtsanpassende Operation) durch drei psychiatrische und psychologische Fachleute. Liegt beides vor, werden die Behandlungen auch von den Krankenkassen finanziert. Eine Personenstandsänderung, also die Änderung des Geschlechtseintrags im Geburtenbuch, ist seit 2009 nicht mehr zwangsläufig an eine geschlechtsanpassende Operation gekoppelt.

Inzwischen genügt die Diagnose „Transsexualismus“ sowie die „deutliche Annäherung an das äußere Erscheinungsbild des anderen Geschlechts“, wobei es länderspezifisch im Ermessen einzelner Standesämter liegen kann, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind. In Wien wird ein psychiatrisches oder psychologisches Gutachten verlangt, wobei auch in der genderpolitisch liberalen Hauptstadt von Amts wegen nur zwei Geschlechter vorgesehen sind. Intersexuelle, also Menschen, die sich keinem klassischen Geschlecht zugehörig fühlen oder auch in ihren körperlichen Anlagen nicht eindeutig Mann oder Frau sind, überfordern den Gesetzgeber weiterhin.

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