Bela, Farin, Rod 1995

Bela, Farin, Rod 1995

Kultur

„Das Buch Ä“: Das Ende ist noch nicht vorbei

Seit 34 Jahren singen die Berliner Funpunk-Pioniere Die Ärzte über Mädchen, Politik und Rock’n’Roll. Jetzt ist die Fan-Biografie „Das Buch Ä“ erschienen. War’s das dann?

Die Geschichte der besten Band der Welt beginnt in einem Punkrock-Schuppen in West-Berlin. „Ich weiß noch, dass ich angespuckt wurde“, meint Bela B heute über seinen ersten Die Ärzte-Auftritt 1982. Das eingeschworene Punk-Publikum wusste nicht so recht, was sie von Songs wie „Zitroneneis“, „Teenager Liebe“ oder „Teddybär“ halten sollte. Der US-Präsident hatte sich in der geteilten Stadt angesagt und irgendwo zwischen Spandau und Kreuzberg versuchte das neu gegründete Trio Die Ärzte aus der heiligen Dreifaltigkeit Pop, Punk und Klamauk etwas Neues zu schaffen.

Die Ärzte gehören neben der Düsseldorfer Punkrock-Veteranen Die Toten Hosen zum Großinventar der deutschen Popmusik-Gegenbewegung, die in den 1980er-Jahren ihre Anfänge im Untergrund hatte und in den Neunzigern ausrückte, um kommerziell erfolgreich zu sein. Seit den Nullerjahren wird in Berlin wie in Düsseldorf das Familiensilber verwaltet. Bis heute muss sich der geneigte Gitarre-Bass-Schlagzeug-Fan wie zwischen zwei Fußball-Großklubs entscheiden: Die Ärzte oder Die Toten Hosen? Es kann eben nur einen Liebling geben.

Bravopunks

928 Seiten ist die nun vorliegende, im Berliner Liebhaberverlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienene Biografie „Das Buch Ä“ stark. Der Journalist Stefan Üblacker, der Die Ärzte seit 15 Jahren begleitet und dem erstmals Zugang zum Bandarchiv gestattet wurde, zeigt sich als fundierter Kenner der Band. Üblacker zeichnet die Geschichte der Band von den Anfängen in Berlin-Spandau bis zu ausverkauften Stadiontourneen, geheimen Clubkonzerten und ersten Auflösungstendenzen nach. Die von Die Ärzte autorisierte Biografie ist aber vor allem ein Bericht aus der Fankurve, die auch die schwierigen künstlerischen wie persönlichen Differenzen der drei Musiker nicht ausspart. Distanz zum Untersuchungsobjekt kann und will Üblacker dennoch nicht halten. Die unverfälschte Nähe zum Untersuchungsobjekt und deren Weggefährten macht den Reiz dieses Wälzers aus.

Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo González (seit 1993) haben in ihrer 34-jährigen Geschichte alles erlebt, was in der Popmusik möglich ist. Man war geliebte (und gehasste) Underground-Band, respektierter Chartstürmer (inklusive diverser „Bravo“-Cover), spielte Konzerte an einem Abend nur für Frauen, an einem anderen nur für Männer, gab Silvesterpartys in Köln und tingelte unter verschiedenen Pseudonymen durch die kleinsten deutschsprachigen Städtchen. 2010 wollte man sogar soweit gehen und sich aus einer Laune heraus in Laternen-Joe umbenennen.

Ist das noch Punkrock? Bassist Hagen Liebling, Farin und Bela

Ist das noch Punkrock? Bassist Rodrigo González, Farin Urlaub und Bela B

Farin Urlaub, der mit bürgerlichem Namen Jan Vetter heißt, bringt das Kredo der Band nonchalant auf den Punkt: „Wir haben nie probiert, erfolgreich zu sein“, sagt der Gitarrist und Sänger heute. „Wir haben uns immer gefragt, worauf haben wir Lust. Wir haben uns aber nie dagegen gewehrt, erfolgreich zu sein.“

„Toxische Mischung“

Die Geschichte von Bela und Farin ist dann auch ein wenig die kleine, deutsche Version von Paul McCartney und John Lennon. Sahnie, der erste Bassist der Die Ärzte, beschreibt das Bandgefüge so: „Bela ist ein sehr feinfühliger Mensch, der ein ganz feines Gespür für Zwischenmenschliches hat. Farin hingegen ist ein absoluter Kopf-Mensch und ein großer Stratege. Wenn die beiden zusammen sind, ist das wie eine toxische Mischung. Sie ergänzen sich perfekt.“

Seit den letzten gemeinsamen Auftritten 2013 ist von dieser kreativen Mischung nicht mehr viel übrig. Besonders der Entstehungsprozess des bisher letzten, zwölften Studioalbums „auch“, das 2012 erschienen ist, wirkt bis heute nach. Nach der Euphorie der Comebackplatte „Jazz ist anders“ (2007) arbeitete hier nicht eine funktionierende Band an neuem Material, sondern drei individuelle Künstler an ihren Eigenkompositionen. Krach war die Folge. Im angemieteten Berliner Proberaum wurde es laut und ungemütlich. Die Ärzte waren in die Jahre gekommen. Wie ein älteres Ehepaar, das sich nicht mehr viel zu sagen hat „und jeden Abend schweigend vor dem Fernseher sitzt“.

Die letzte großen „Ärztivals“ spielte das Trio 2013 routiniert herunter. Von der besonderen Die Ärzte-Chemie war hier kaum noch etwas zu spüren. Rod kämpfte die gesamte Tour mit Schmerzen in der Schulter und fühlte sich im engen Korsett der großen Shows nicht mehr wohl. Die Band lag brach. Bela, Farin und Rod schienen nicht mal richtig zerstritten zu sein. Auch in den Interviews besinnt man sich lieber auf die vergangenen Tage. „Was sind wir für Glückspilze!?“, fragt Schlagzeuger Bela B treffend: „Wir Waren geschlechtsreif, bevor es Aids gab, wurden Rockstars, bevor die Casting-Shows kamen, und waren erfolgreich, als eine Plattensammlung noch als Statussymbol galt. Jippieh.“

Ist das alles?

Gerüchte um das Ende der Die Ärzte rissen in den letzten Jahren nie ab; sie werden durch die Veröffentlichung der nun vorliegenden Biografie nochmals befeuert. Bela B sagte bereits 2014 in einem profil-Interview, dass er nicht wisse, wie es mit Die Ärzte weitergehen wird: „Ob Die Ärzte wirklich meine Hauptband bleiben, wird man sehen. Die Abstände zwischen den veröffentlichten Alben werden ja immer größer.“

Farin Urlaub feiert indes mit seinen Soloalben Erfolge, das restliche Jahr reist er als Fotograf durch die Welt. Bela B versucht sich als Country-Mime. Im Frühjahr 2017 wird er sein neues Soloprojekt mit Gypsy-Songs veröffentlichen. Und Bassist Rodrigo González arbeitet als Produzent, Filmkomponist und Dokumentarfilmer mit eigenem Studio in Berlin-Schöneberg.

Es klingt nach Abschied. Schon einmal gönnte sich die Band eine Auszeit. 1988 löste man sich auf, nur um 1993 mit dem Album „Die Bestie in Menschengestalt“ und der Anti-Neonazi-Single „Schrei nach Liebe“ die Charts zu stürmen. „Wenn Bela und Farin mich fragen würden, ich wäre sofort wieder dabei“, meint Rodrigo González in einem der letzten Interviews für „Das Buch Ä“. „Allerdings weiß ich nicht, ob die Leute auch ein neues Album von uns brauchen.“

Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Am 27. August 2016 spielte die Band bei einem Festival gegen Nazis Mecklenburg-Vorpommern ihren Song „Schrei nach Liebe“. Die Band hat immer gesagt, dass es wohl ihr wichtigstes Lied sei. Das Ende ist eben noch nicht vorbei.

DAS BUCH Ä
Die von Die Ärzte autorisierte Biografie
Von Stefan Üblacker
928 Seiten inkl. Bildseiten
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016

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