"Vater zu werden, hat mich demütiger gemacht"
Kultur

Kevin Devine: "Vater zu werden, hat mich demütiger gemacht"

Der US-Singer-Songwriter Kevin Devine über Trump, WGs in New York und Ecstasy in Hollabrunn.

Kevin Devine gilt seit fast zwei Jahrzehnten als sorgfältiger Beobachter des gesellschaftlichen Wandels und der eigenen Rolle in einer fragmentierten Welt. Ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, hat sich der heute 37-Jährige kritisch mit politischen Entwicklung beschäftigt - egal ob der Präsident in seinem Heimatland George W. Bush oder Barack Obama hieß. Sich selbst verschont Devine dabei jedoch nicht. In seinem neuen, neunten Studioalbum spannt er den Bogen von seiner Kindheit in New York über dunkle Zeiten in seinen 20ern bis zu einer neuen Unschuld durch die Geburt seiner Tochter.

profil: Haben Sie sich Trumps Angelobung angeschaut?
Kevin Devine: Nein, aber ich habe mir das Transkript durchgelesen.
profil: Wie war Ihre Reaktion?
Devine: Nicht großartig, aber es hat mich nicht überrascht. Sehr viele falsche Versprechen, besorgniserregende Phrasen und das Spielen mit Ängsten. Er hat nichts gesagt, was meine Meinung über ihn ändern würde.
profil: Haben Sie eigentlich gewählt?
Devine: Ja, das habe ich.

profil: Für wen? Sie haben während der Vorwahlen ja bei einer Pro-Sanders-Veranstaltung gespielt.
Devine: Ich habe überlegt, für die Kandidatin der Grünen, Jill Stein, zu stimmen. Am Ende habe ich mich aber für Hillary Clinton entschieden. Ich teile die Kritik der Linken an Clinton und bin inhaltlich sicherlich näher bei Sanders und Stein, aber in diesem Fall fand ich es notwendig für Clinton zu stimmen. Im Vergleich zu Trump ist Clinton einfach in Sachen Kompetenz und menschlicher Umgang die logische Wahl.



Ich werde Obamas Anstand und Respekt vermissen. Gleichzeitig ist die Kritik an ihm berechtigt.

profil: Auf Ihrem neuen Album „Instigator“ gibt es mit „Freddie Gray Blues“ ein Lied, das sich mit Polizeigewalt in den USA beschäftigt. Sie haben auch ein Lied über die Whistleblowerin Chelsea Manning geschrieben, die unter Ex-Präsident Barack Obama verurteilt wurde. Wie beurteilen Sie die Obama-Ära?
Devine: Seine Amtszeit hat erst vor wenigen Tagen geendet, daher ist das derzeit schwer einzuschätzen. Auf der einen Seite ist er ein sehr intelligenter, kultivierter und gebildeter Mann, der Mitgefühl ausstrahlt. Auf der anderen Seite hat seine Regierung mehr Immigranten deportiert als jede Regierung vor ihm und wurden in seiner Amtszeit mehr Menschen durch Drohnenangriffe getötet als unter George W. Bush. Diesen Umstand zu verleugnen wäre einfach nicht ehrlich. Aber ich werde den Anstand und den Respekt, den er an den Tag gelegt hat, vermissen. Es war eine Wohltat zu wissen, dass im Weißen Haus ein Intellektueller sitzt. Gleichzeitig ist die Kritik an ihm vollkommen berechtigt. Deshalb habe ich auch diese Lieder während seiner Amtszeit geschrieben.

Kevin Devine - "Freddie Gray Blues"

profil: Der Song „No History“ behandelt den 11. September 2001 als die beiden Flugzeuge in das World Trade Center krachten. Warum wollten Sie erst 15 Jahre später ein Lieder über diesen Tag machen?
Devine: Ich habe mein ganzes Leben in New York verbracht. Für mich gibt es ein Leben vor und ein Leben nach diesem Tag. Dieser Tag ist in New York immer noch präsent – täglich auf die eine oder andere Weise. Ich war vor einigen Jahren am 11. September in der selben Gegend, in der ich auch am 11. September 2001 war. Der Tag, das Wetter, die Stimmung dieser beiden Tage waren sehr ähnlich und ich habe mich an den Tag von 9/11 erinnert und alles ist wieder zurückgekommen. Ich bin dann nachhause gefahren und hab dieses Lied über meine Eindrücke in New York an 9/11 geschrieben. Ich denke oft an diesen Tag, und daran, was in den USA und der Welt seither passiert ist und welchen Einfluss dieser Tag auf unser aktuelles Leben genommen hat. Ich denke, dass ein Großteil der Angst, Unsicherheit und Abschottung, die uns zu Trump geführt haben, ihren Ursprung in diesem Tag haben. Daher ist 9/11 nicht ein Tag in der Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft.

profil: Welche Rolle spielt dieser Tag für Sie persönlich?
Devine: Wir neigen dazu, uns immer wieder in persönlichen Streitigkeiten und Eitelkeiten zu verlieren. Ich natürlich auch. Denke ich aber an den Tag, wird mir klar, dass vieles, was mich damals am 10. September aufgeregt hat, am 12. September vollkommen unwichtig war. Dieser Tag ist für mich eine ständige Erinnerung daran, wie schnell sich das Leben ändern kann.

profil: Das Coverfoto von "Instigator" zeigt Sie und Ihren Bruder zu Weihnachten in Wrestlingposen. Warum haben Sie dieses Foto ausgewählt?
Devine: Vor der Geburt meiner Tochter habe ich im Haus meiner Mutter alte Fotos durchstöbert auf der Suche nach einem Foto aus meiner Kindheit. Dabei bin ich auf das Bild gestoßen und habe mich sofort an diesen Tag erinnert. Auf diesem Foto passiert so viel gleichzeitig. Das war zu Weihnachten 1988, mein jüngerer Bruder und ich standen zu diesem Zeitpunkt total auf Wrestling, mein Vater sitzt daneben mit seinem Whiskyglas. Als ich das Foto entdeckt habe, war das Album schon so gut wie fertig und ich habe mir gedacht, dass die Aufnahme sehr gut widerspiegelt, wie sich das Album anfühlt. Das Bild hat etwas Wildes und Lustiges, gleichzeitig strahlt es aber auch eine süße Nostalgie und Unschuld aus.

Kevin Devine - "No History"

profil: Sie beschreiben diese Unschuld des Coverfotos auf „I Was Alive Back Then“ - dem letzten Lied des neuen Albums. In der Mitte des Liedes geht diese Zuversicht allerdings an eine Dunkelheit verloren und kommt erst wieder mit der Geburt Ihrer Tochter vor rund einem Jahr. Hat sich mit diesem Ereignis der Kreis geschlossen und die Unschuld ist zurückgekehrt?
Devine: Ja, diese Interpretation des Liedes gefällt mir sehr gut. Es ist zwar nicht die gleiche Unschuld, sondern jene meiner Tochter. Aber durch sie erlebe ich diese Zeit in gewisser Weise wieder. Diese Erfahrung hat mich sicherlich auch demütiger und weniger rastlos gemacht.


Ich bin froh, dass ich heute nicht 20 Jahre alt bin und versuchen muss, es in New York als Musiker zu schaffen.

profil: Sie haben Ihr ganzes Leben bisher in New York verbracht und sich dort als Musiker eine Karriere aufgebaut. Für viele junge Künstler ist New York mittlerweile aber unleistbar. Ist New York für Kunstschaffende überhaupt noch spannend?
Devine: Ich bin froh, dass ich heute nicht 20 Jahre alt bin und versuchen muss, es in New York als Musiker zu schaffen. Es ist in den letzten 15 Jahren sicherlich schwieriger geworden. Eine Bleibe zu finden ist schon schwer genug, außer du möchtest in einer WG mit sechs anderen Leuten in Bushwick leben. Viele Leute ziehen nach Philadelphia, weil es billiger ist, aber auch viel Kunst und Kultur bietet. Meine ganze Familie hat immer in New York gelebt, es ist meine Heimat. Aber auch für mich als 37-jähriger Familienvater ist es nicht immer einfach, finanziell abgesichert zu sein. New York, Seattle und San Francisco sind sehr teuer geworden in den letzten Jahren. Aber auch Städte wie Portland, Austin und Nashville werden immer teurer.

Miracle of 86 - Oh, Dakota

profil: Von New York nach Hollabrunn. Ihre erste Band, Miracle of 86, hat sich vor über zehn Jahren am Bahnhof in Hollabrunn 50 Kilometer nördlich von Wien aufgelöst. Warum gerade dort?
Devine: Wir waren sehr jung und waren sehr viel auf Tour. Mehr als uns gutgetan hat. Wir vier waren damals sehr leicht reizbar, außerdem waren oft Drogen und Alkohol im Spiel. Die Band war einfach nicht dazu gemacht, lange zu existieren. Am Ende einer Europatour ist es dann in Hollabrunn eskaliert. Wir waren glaube ich auf Ecstasy, Marihuana und Alkohol und konnten uns nach so viel gemeinsamer Zeit auf engem Raum kaum noch ausstehen. In Hollabrunn ist es Backstage zu einem Streit gekommen, ich bin dann zum Bahnhof gegangen und als ich zurückkam, teilten mir die anderen mit, dass es mit der Band vorbei sei. Wir haben dann noch gefeiert und ich habe mich am nächsten Morgen mit dem Sänger der anderen Band, die mit uns auf Tour war (Anm.: The National Anthem) , am Bahnhof in Hollabrunn hingesetzt und Beatles-Songs gespielt. Ich fand das damals sehr lustig. Wir haben uns dann aber wieder vertragen und noch ein paar Shows gespielt.

Kevin Devine (37) veröffentlichte bisher neun Soloalben. Mit seiner früheren Band "Miracle of 86" brachte er 2003 das Album "Every Famous Last Word" heraus. Sein aktuelles Soloalbum "Instigator" ist im Oktober letzten Jahres auf Big Scary Monster erschienen.

Kommentar verfassen