Der Dramatiker Ödön von Horváth am Ufer des Staffelsees im August 1936.

Der Dramatiker Ödön von Horváth am Ufer des Staffelsees im August 1936.

Kultur

Kalte Mechanik

Sensationsfund: Ein Berliner Auktionshaus brachte ein bislang unbekanntes Stück des Dramatikers Ödön von Horváth zur Versteigerung. Die Josefstadt hat sich die Uraufführung gesichert.

Eigentlich hatte sich die Wienbibliothek keine großen Hoffnungen gemacht, als Kyra Waldner, eine Mitarbeiterin der Handschriftensammlung, am 25. März vergangenen Jahres telefonisch an einer Auktion teilnahm. Angeboten wurde eine literarische Sensation: 95 Seiten eines maschinengeschriebenen Typoskripts, das bislang niemand gelesen hatte. Es handelte sich um ein verschollenes Stück, verfasst von einem der meistgespielten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. "Niemand“ heißt die aus dem Jahr 1924 stammende "Tragödie in sieben Bildern“ des österreichisch-ungarischen Autors Ödön von Horváth (1901-1938). Erstaunlicherweise wurde dieses Frühwerk bislang weder publiziert noch aufgeführt. Der Autor erwähnte es in seinen Briefen ebenso wenig wie in seinen Notizen; nur in der 1980 erschienenen Horváth-Biografie "Kind seiner Zeit“ findet sich ein Hinweis: Horváths jüngerer Bruder konnte sich an ein "in expressionistischer Manier“ geschriebenes Drama mit dem Titel "Niemand“ erinnern.

"Es ging alles sehr schnell“, sagt Waldner über die Auktion: "Nach wenigen Minuten hatten wir den Zuschlag: 11.000 Euro lag deutlich unter der Summe, die wir als Höchstgrenze festgelegt hatten.“ Vielleicht ging die Pressemeldung zu spät an die Öffentlichkeit, spekuliert Waldner; das Interesse war jedenfalls gering, als das Berliner Auktionshaus J. A. Stargardt unter der Losnummer 133 den verschollenen Horváth anbot, dessen erste Spur in die Mitte der 1990er-Jahre zurückführt. Damals tauchte das Typoskript bei einem Auktionshaus in Pforzheim auf; der einzige Bieter, ein Privatmann, erwarb es zu einem Spottpreis. Im Vorjahr entschied er sich dann, diesen ungenutzten Schatz zu veräußern.


Ich hätte mich auf den Schoß von Bürgermeister Häupl gesetzt und wäre nicht heruntergestiegen, bis er mir die Uraufführung gegeben hätte. (Herbert Föttinger)

Wie ist es möglich, dass von einem nahezu lückenlos erforschten Autor plötzlich ein unbekanntes Stück auftaucht? Ein Schlüssel könnte der Verlag sein, dem der damals 23-jährige Horváth "Niemand“ anvertraute. Der Berliner Verlag Die Schmiede wurde bald schon zahlungsunfähig, etliche Prozesse liefen, weil man Autorenhonorare nicht begleichen konnte. "Wir wissen nicht, weshalb es nur dieses eine Exemplar gibt, wir können nur Mutmaßungen anstellen“, erklärt Waldner: "Eine Theorie lautet, Horváth habe das Stück selbst zurückgezogen und vernichtet. Dieses Phänomen kennen wir auch von anderen Autoren.“

Zahlreiche Theater haben sich nun um die Uraufführung gerissen. Der Wiener Thomas Sessler Verlag verwaltet die Verwertungsrechte gemeinsam mit dem Verein der Freunde der Wienbibliothek und hat zudem gerade eine Buchausgabe auf den Markt gebracht. Den Zuschlag erhielt das Theater in der Josefstadt (Premiere: 1. September). "Josefstadt-Chef Herbert Föttinger hatte das überzeugendste Konzept“, berichtet Maria Teuchmann, Geschäftsführerin des Sessler Verlags: "Wir vertrauen darauf, dass er als Regisseur den Text vollständig und authentisch auf die Bühne bringen wird.“ 24 Schauspieler wirken mit - eine gigantische Besetzungsliste. Föttinger wäre zu allem bereit gewesen, um den noch unbekannten Horváth-Text in sein Theater zu holen. "Ich hätte mich auf den Schoß von Bürgermeister Häupl gesetzt und wäre nicht heruntergestiegen, bis er mir die Uraufführung gegeben hätte“, meint er euphorisch - ist jedoch ganz froh, dass es so weit nicht kommen musste. Kommenden März wird auch Regisseur Dušan David Pařízek "Niemand“ am Deutschen Theater in Berlin inszenieren.


Das Stück hat etwas Skizzenhaftes, als wäre es noch nicht fertig, es wechselt immer wieder seine Methoden und ist deshalb schwierig in den Griff zu bekommen. (Herbert Föttinger)

Ist "Niemand“ nun aber ein gutes Stück? Jein. Das Mietshausdrama hat viele Stärken der späteren Werke, es bietet ein Konzentrat der bekannten Horváth-Themen: die Gehässigkeit der "kleinen Leute“, die unter der Wirtschaftskrise leiden, aber kaum Solidarität kennen; abgründige Dialoge, in denen mit wenigen Worten Existenzen zerstört werden; die kalte Mechanik einer Welt, die rein materialistisch funktioniert. Viele Sätze aus "Niemand“ tauchen in späteren Stücken wieder auf, trotzdem ist der Text ungewohnt symbolisch aufgeladen, grell und expressionistisch überfrachtet. Monströs thront die Figur des Hausbesitzers Fürchtegott Lehmann über dem Geschehen - ein körperlich behinderter Pfandleiher, der alle in seine Schuld treibt und vor allem eines hasst: bemitleidet zu werden. "Das Stück hat etwas Skizzenhaftes, als wäre es noch nicht fertig, es wechselt immer wieder seine Methoden und ist deshalb schwierig in den Griff zu bekommen“, bestätigt Föttinger. Er ist jedoch zuversichtlich für die Uraufführung: "Um es in der derzeit laufenden Terminologie zu sagen: Wir schaffen das.“

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