Todd Solondz

Todd Solondz

Kultur

Regie-Provokateur Solondz

Der New Yorker Filmemacher Todd Solondz feiert in "Wiener Dog“ die Wiederauferstehung seiner erfolgreichsten Figur. Begegnung mit einem notorischen Provokateur.

Für Todd Solondz ist Erfolg eine Frage der Perspektive. Wie alles in seinem Werk. Eine "Quasi-Karriere“ nennt der US-Regisseur seine Laufbahn. Eine, die lange abwärts zu führen schien. Solondz wurde vor 20 Jahren bekannt, als er mit "Welcome to the Dollhouse“ einen Arthouse-Hit landete. Die bitterböse Komödie erzählte vom Horror der Pubertät in der Mittelschichtswelt vor den Toren New Yorks. Dawn Wiener, die Heldin von "Welcome to the Dollhouse“, damals in der High School höhnisch mit "Wiener Dog“-Rufen und Dackel-Graffitis auf dem Spind gemobbt, ist auch die Taufpatin des jüngsten Solondz-Streichs. Gespielt wird sie in einer der vier "Wiener Dog“-Episoden von der New Yorker Independent-Prinzessin Greta Gerwig. Eine Wiederauferstehung erster Klasse, in einem Film über die Vergänglichkeit, in dem ein Dackel zur verbindenden Figur wird.

In der Welt des New Yorker Filmemachers gibt es selten so viel Gnade. 1998 bewies Solondz mit "Happiness“, dass er seinen frühen Erfolg nicht mit leichter Muse weiterfeiern wollte. Depressionen, frühpubertäre Ejakulationen, ein pädophiler Familienvater: "Happiness“ hatte alles, was es für ein Feel-Bad-Movie erster Güte brauchte. Das Hollywoodstudio Universal verweigerte dem Film nach der Cannes-Premiere den Kinostart und reichte die giftige Ware blitzschnell weiter. "Der schlimmste Alptraum der Indie-Filmwelt wird wahr“, kommentierte das US-Magazin "Entertainment Weekly“ die Affäre.


Manchmal denke ich, sollte Trump Präsident werden, dass Amerika das verdient. (Todd Solondz)

Wenn man Solondz, 56, begegnet, bekommt man zum Gespräch noch einen Bonus dazu. Er wirkt selbst wie das Woody-Allen-Klischee eines New Yorker Intellektuellen, wie der älter gewordene, große Bruder Dawn Wieners, mit emblematischer Hornbrille und einem gepressten Sprachduktus, der keine Angst vor hohen Gedanken hat, aber auch keinem Gag ausweicht. "Wiener Dog“ übersetzt diese gelegentlich krude Mischung mit überzeichneten Figuren in kurzweilige Momente. Wie das unvermittelt auftauchende Musikvideo, das im Stil einer Country-Ballade den großen amerikanischen Traum mit einem ganz neuen Wappentier beschwört. "A Dog’s Quest for Home“ heißt der Song, zu dem ein Dackel über die Prärie wackelt. Vielleicht passt die Hymne demnächst auf das Trump-Amerika? "Es ist die unterhaltsamste Wahl, die es jemals gab“, kommentiert der Regisseur: "Manchmal denke ich, sollte Trump Präsident werden, dass Amerika das verdient. Es sieht derzeit nicht danach aus, als könnte er die Wahl gewinnen. Aber allzu sehr sollte man darauf nicht vertrauen!“

Ein dunkles Universum hat Solondz inzwischen aus den Abgründen der Vorstädte wachsen lassen, mit düsteren, satirischen Filmen, die einander weiterschreiben (wie die "Happiness“-Fortsetzung "Life During Wartime“), oder in denen einzelne Figuren wieder auftreten. So ungefällig die Geschichten oft sein mögen, so begehrt sind diese Rollen bei namhaften Akteuren. Neben Gerwig und Kieran Culkin ("Fargo“), spielen in "Wiener Dog“ Julie Delpy und die Altstars Ellen Burstyn und Danny DeVito. Burstyn verkörpert eine lebensmüde Großmutter mit extratrockenem Humor, DeVito einen enervierten Filmprofessor an der Kunsthochschule. Ein Verweis auf den Beruf, den Solondz nebenbei ausübt. Er lehrt Regie an der New Yorker Tisch School of Arts. "Die Schule ist inkompetent und korrupt, so, wie sie gemanagt wird. Aber ich liebe den Job. Ich bin eine Art Dinosaurier. Die Studenten werden immer jünger, und ich bin so alt. Die ziehen los und machen ihre kleinen Filme und haben ihre Nervenzusammenbrüche. Was bin ich froh, nicht an deren Stelle zu sein!“

"Thomas Bernhard, Österreichs Geschenk an die Welt“

Hat es Solondz bereut, sich seinerzeit bei "Happiness“ in seinem Blick auf Suburbia nicht mehr gezähmt zu haben? "Schauen Sie“, erwidert er gedehnt: "In der Zeitung stehen jeden Tag schreckliche Dinge, werden uns Monster gezeigt. Damit kann ich überhaupt nicht konkurrieren. Kaum packt man aber ein menschliches Antlitz auf die Story, wird es plötzlich kontrovers. Damals wunderte ich mich über mich selbst, dass ich bei diesem Sujet gelandet war. Ich habe nicht mehr Interesse an Pädophilie als andere. Aber wenn man einen Film schreibt, denkt man nicht an Tabus. Das kommt erst danach.“ Kein Zufall wohl auch, dass ihm zum österreichischen Kino die dunklen Meister in den Sinn kommen: "Ulrich Seidl! Haneke! Ich liebe ihn. Und, mein Favorit: Thomas Bernhard, Österreichs Geschenk an die Welt.“

"Wiener Dog“ ist beinahe fröhlich geraten für Solondz’ Verhältnisse, auch wenn er feststellt: "Wie man den Film sieht, hängt davon ab, wie man morgens aufgestanden ist. Es steckt viel Mehrdeutigkeit darin, auf jeden Fall provoziert der Film geteilte Reaktionen. Für mich ist er beides: Die Hochzeit von Comedy und Pathos, von Grausamkeit und Zärtlichkeit.“

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