Robert Schwentke

Robert Schwentke

Kultur

Robert Schwentke: "Die Barbaren sind überall wieder aufgetaucht"

Regisseur Robert Schwentke über Gewaltdarstellungen, Rechtspopulismus und das Drehen in Hollywood, über seine Konflikte mit Bruce Willis und seine gerade in Österreichs Kinos gestartete NS-Studie "Der Hauptmann".

profil: Sie behandeln in „Der Hauptmann“ die in ihrem Kern historisch verbürgte Geschichte des 19-jährigen Kriegsverbrechers Willi Herold, der durch die Anmaßung einer Offiziersuniform im untergehenden „Dritten Reich“ plötzlich in die NS-Elite aufsteigt – und kaltblütig Menschen zu ermorden beginnt. Wieso mutet man sich dieses unangenehme Thema zu?
Robert Schwentke: Aus Interesse. Über diesen Stoff denke ich seit 12 Jahren nach. Ich suchte nach einer Geschichte, die es mir ermöglichte, über die dynamische Struktur des Nationalsozialismus, zugleich über grundlegend Menschliches zu erzählen. Filme wie ,Der Untergang’ suggerieren ja, dass es ein einzelner Mensch war, der Deutschland in den Abgrund geführt hat – und dass sich diese kulturelle Katastrophe hätte vermeiden lassen, wenn dieser Mann den etwas rationaleren Menschen, die ihn beraten haben, zugehört hätte. Das ist aber natürlich völliger Quatsch.

profil: Warum musste es eine „wahre Geschichte“ sein, nur um sie dann so stilisiert – in Schwarzweiß, surreal, grotesk überhöht – wiederzugeben?
Schwentke: Weil ich mir solche Dinge nicht ausdenken könnte. Willi Herolds unglaubliche Story erlaubte es mir, alle Schichten der NS-Bürokratie zu durchleuchten – vom Gefreiten bis zum Konteradmiral.

"Der Hauptmann" Trailer (2018)

profil: Warum geht es im Gegenwartskino wieder zurück zum Hitlerterror?
Schwentke: Leider hat „Der Hauptmann“ in den letzten drei Jahren sehr an Relevanz gewonnen. Viele dieser alten Mechanismen sind neu aufgeflammt: der extreme Chauvinismus, den wir derzeit sehen, auch die scharfe Rhetorik, die in der Politik wieder zu hören ist, die keinen Platz mehr für Konsens lässt. Die starken Männer, die auf den Tisch hauenden Barbaren sind überall wieder aufgetaucht.

profil: Sie leben in Los Angeles, machen aber nun auch wieder Filme in Europa?
Schwentke: Auf beiden Seiten des Atlantiks zu arbeiten, das wäre eigentlich der Idealzustand. Und zwischendurch drehe ich eben gern auch kleine Filme, die einen nicht – wie in Hollywood – mit Komitees und komplizierten Entscheidungsprozessen konfrontieren.

Der Hauptmann

Max Hubacher als "Der Hauptmann", hinter ihm Milan Peschel (li.) und Frederick Lau.

profil: Von welchem Erfahrungsschatz zehren Sie, wenn Sie einen Film wie „Der Hauptmann“ realisieren?
Schwentke: Ich bin kein Historiker, aber ich bin extrem cinephil, liebe etwa das osteuropäische und das japanische Kino. Da gibt es viele bedeutende Arbeiten, die aus der Täterperspektive erzählt sind. In Deutschland dagegen gibt es fast nur Filme über die Helden im Kampf gegen die Nazis. Ich halte das Kino für ein höchst geeignetes Medium, um neue Diskurse anzustoßen, wofür man vielleicht auch ein paar Tabus, vor allem die Konventionen des deutschen NS-Films brechen muss. Ich suchte also nach einem Stoff ohne den prototypischen „guten Nazi“, ohne Einsicht und Läuterung des Protagonisten.

profil: „Der Hauptmann“ ist auch ein Film über die Macht der Schauspielerei.
Schwentke: Daher ist er auch einer über das Feld der Politik, in dem es um persönliche Interessen, um Trugbilder und Instrumentalisierung, nicht um Wahrheit geht. Der Film ist auch eine Reaktion auf Trump, der kaltschnäuzig Fakten leugnet. Das eigentlich Provokante an meinem Film ist doch der Umstand, dass es Leute um den falschen Hauptmann gibt, die genau erkennen, dass er ein Hochstapler ist – und ihm trotzdem folgen.

profil: Ihr Film geht in den Darstellungen des Mordens stellenweise an die Grenzen des Erträglichen.
Schwentke: Man hat mir vorgeworfen, es sei unmoralisch, diese Art von Gewalt darzustellen; aber wenn man die Gewalt nicht darstellt, verrät man die Opfer – und von mir einen unterhaltsamen Film über den Faschismus, über Menschenverachtung zu fordern, das finde ich unmoralisch. Den besten filmischen Beitrag zum Thema hat ohnehin Pier Paolo Pasolini mit „Die 120 Tage von Sodom“ gedreht. Diesen Film sieht wohl kaum jemand ein zweites Mal, aber gerade durch seine Unerträglichkeit erkennt man die entscheidenden Zusammenhänge, gewinnt ein tieferes Verständnis vom Faschismus.

profil: Am Ende Ihres Films gehen Sie ein postmodernes Wagnis ein – und verschieben den Fokus Ihrer Erzählung verblüffenderweise in den Bereich des Streichs.
Schwentke: Ich wollte zeigen, dass uns die Barbarei, die nackte Gewalt viel weniger fern sind, als wir glauben. Natürlich kann man das auch für platt halten, und ich war lange unsicher, ob ich diese letzten Bilder wirklich zeigen wollte. Aber vielen Zuschauern erklärt dieses Ende auch, warum wir diesen Film, der ja ohne moralische Gebrauchsanleitung daher kommt, gemacht haben. Die Regieposition lässt sich hier nur an der Form ablesen – an der Überhöhung, der Abstraktion, der Groteske.

profil: Sie arbeiten seit 2004 in Hollywood, haben prominent besetzte Filme wie „R.E.D. – Älter, härter, besser“ mit Bruce Willis, Morgan Freeman und Helen Mirren inszeniert. Welche Erfahrungen macht man als Europäer da?
Schwentke: Das ist wie im normalen Leben auch: Manche Menschen sind schwieriger als andere. Das Problem in Hollywood liegt darin, dass gewisse Superstars allzu freies Spiel haben. Ein Typ wie Bruce Willis kann sich benehmen, wie er will, er wird immer damit durchkommen. Das hat ungute Früchte gezeitigt: Bruce Willis ist ein wirklich unangenehmer Mensch, es macht null Spaß, mit ihm zu arbeiten, er ist erfüllt von Angst, geht keinerlei Risiken ein. Man kann mit ihm nichts ausprobieren. Sagen wir so: Er hat unheimlich viel mit sehr wenig erreicht. Aber da ist er auch eine Ausnahme. Mit Leuten wie Helen Mirren, Jodie Foster oder John Malkovich zu drehen waren großartige Erfahrungen. Ich versuche, mit Menschen, die einen schlechten Ruf haben, nicht zu arbeiten, dazu ist mir meine Lebenszeit zu kurz.

profil: Ihre SciFi-Comedy „RIPD“ wurde 2013 zum Mega-Flop.
Schwentke: Diesen Film habe ich nie gesehen, den nahm uns das Studio weg, weil es nicht gut fand, was wir gemacht hatten; also krempelten sie alles um – und ich höre, dass der Film schlecht geworden sei, was ich gerne glaube, weil ich die Leute kenne, die am Ende die Entscheidungen getroffen haben. Das war aber auch die einzige Katastrophe in meiner US-Karriere. Meine Kollegen sagen immer: Wenn dir so etwas noch nicht passiert ist, dann machst du’s noch nicht lang genug.

Eine Kritik zum umstrittenen Nazi-Gewaltepos "Der Hauptmann" lesen Sie im aktuellen profil 23/2018.

Interview: Stefan Grissemann

Kommentar verfassen