Hass-Hangover
Kultur

Hass-Hangover: Der neue Roman "GRM" von Sibylle Berg

Mit ihrem jüngsten Roman "GRM" legt Sibylle Berg ein bösartiges Meisterwerk vor.

Blanker Hass regiert in den Theaterstücken der deutsch-schweizerischen Autorin Sibylle Berg, 56. Leute, die sich zu kurz gekommen fühlen, machen sich darin ungeniert Luft. Sympathisch sind sie nicht, aber sie sehen uns verteufelt ähnlich. In "Viel gut essen", das 2017 mit der heimischen Band Kreisky am Rabenhoftheater zu sehen war, monologisierte ein Informatiker mit Hang zu rechtem Gedankengut; ihr jüngstes Stück, "Hass-Triptychon", das demnächst bei den Wiener Festwochen uraufgeführt werden wird, zeigt, dass sich Zerstörungswut quer durch die Gesellschaftsschichten zieht.

Vielstimmiger Echoraum

Mit ihrer österreichischen Kollegin Elfriede Jelinek teilt Berg nicht nur den politischen Furor, sondern auch den bösen sprachlichen Witz. Bergs aktueller Roman "GRM" (sprich: Grime, angelehnt an den rohen britischen Turbo-Rap) ist eine Art Opus Magnum, was nicht nur an der monumentalen Länge von 640 Seiten liegt. Obwohl vier Kinder aus der Unterschicht im Zentrum stehen, ist das Buch ein vielstimmiger Echoraum unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Zwangsprostituierte kommen ebenso zu Wort wie Upper-Class-Vergewaltiger, zynische Programmierer und polnische Einwanderer.

Der Roman besteht aus zwei Teilen: einer zugespitzten Gegenwart, die erneut von Hass dominiert wird, und der nahen Zukunft, in der wir alle mehr oder minder freiwillig überwacht werden (ähnlich dem Sozialkredit-System, das in China bereits praktiziert wird) und der totalen Erschöpfung nahe sind. Der Gebrauch des eigenen Handys erscheint einem nach der Lektüre dieses faszinierend düsteren Romans jedenfalls unheimlich.

Sibylle Berg: GRM. Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten, 25,70 Euro.

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