"Philadelphia galt immer als Bastard von New York"
Kultur

The Menzingers: "Philadelphia galt immer als Bastard von New York"

Die Band "The Menzingers" aus Philadelphia sind mit ihrem Album "After the Party" erwachsen geworden. profil hat sich mit Sänger Greg Barnett über das Älterwerden, Biertrinken am Donauradweg und die Musikszene in Philadelphia unterhalten.

profil: In eurem aktuellen Album „After the Party“ geht es ums Erwachsenwerden. Wie alt bist du?
Greg Barnett: Ich bin 29.

profil: Im Opener-Lied „Tellin’ Lies“ fragst du aber, wohin die Reise nun gehen soll, nachdem eure Zwanziger vorbei sind.
Barnett: Alle anderen in der Band sind 32, ich werde demnächst 30. Wir haben uns als Band mit dem Album die Frage gestellt, ob es ab einem gewissen Alter so weiter geht wie bisher. Wir machen das nun seit einem Jahrzehnt. Und da haben wir uns gefragt, ob sich in unseren Dreißigern etwas ändern wird.

profil: Die Party ist also vorbei?
Barnett: Sicherlich nicht! Das Grundgerüst für das Album ist entstanden, nachdem wir von einer Festivaltour in Europa nach Hause gekommen sind. Auf dieser Tour haben wir so heftig gefeiert wie nie zuvor. Zurück in Philadelphia haben wir dann eine Auszeit gebraucht. Und da kam die Frage auf: Hey, wir werden älter. Beginnt jetzt der Ernst des Lebens? Aber wir lieben es, Musik zu machen und zu touren. Das ist unser Job und unsere Leidenschaft. Das hängen wir nicht an einer Geburtstagszahl fest. Die Shows, die wir gerade spielen, machen so viel Spaß und es kommen immer mehr Leute. Die Party ist also definitiv nicht vorbei!

 Von links nach rechts: Joe Godino, (Schlagzeug), Eric Keen (Bass) Greg Barnett (Gesang/Gitarre), Tom May (Gesang/Gitarre/Keyboard)

Von links nach rechts: Joe Godino, (Schlagzeug), Eric Keen (Bass) Greg Barnett (Gesang/Gitarre), Tom May (Gesang/Gitarre/Keyboard)

profil: Wenn du auf das erste Jahrzehnt der Band zurückblickst, wie fühlst du dich dabei?
Barnett: Ich fühle mich gut. Wir haben uns als Band etabliert. Wir können von unserer Musik leben und kommen viel herum. Wir haben vor kurzem das erste Mal in Japan und Australien gespielt, nach Europa kommen wir regelmäßig. Das hätte ich mir zu Beginn niemals vorstellen können. Aber es geht. Du musst es einfach machen. Wir sind hier in Wien, und ich habe vor zehn Jahren eine Radtour mit meinem Vater von Passau nach Wien entlang der Donau gemacht. Die Band war damals gerade am Anfang und ich habe mir auf der Radtour immer wieder gedacht, wie super es wäre, hier einmal zu touren. Jetzt ist es Wirklichkeit.

profil: Eine Radtour in Europa klingt nicht wie der durchschnittliche Urlaub einer amerikanischen Familie.
Barnett: Mein Vater war früher beruflich oft in Europa und er ist ein großer Radfan. Er hat von dieser Tour gelesen und mein Bruder und ich haben gesagt, wir sind dabei. Meine Stiefmutter und meine kleine Schwester waren auch dabei. Meine Schwester war damals noch klein, wir mussten sie immer in einem Anhängerwagen mitziehen. Das war sehr lustig.

profil: Entlang des Donauradweges gibt es viele kleine Brauereien und Gasthäuser. Das muss dir als Biertrinker gut gefallen haben.
Barnett: Oh Gott, ja. Ich war damals 19 Jahre und durfte in den USA noch nicht legal trinken. Die Radtour ist ungefähr so abgelaufen: Mein Bruder und ich zu Beginn jeden Tages ungefähr 20 Kilometer gefahren und dann sind wir eingekehrt. Drei Biere später hat einer auf die Uhr geschaut und uns war klar, dass wir wieder viel zu spät dran sind. Wir waren dann immer die letzten in der Unterkunft, wenn wir um neun Uhr am Abend angekommen sind. Die anderen Radfahrer haben immer über uns gelacht. Aber es war wunderschön durch die Dörfer entlang der Donau zu fahren. Am Ende haben wir drei Tage in Wien verbracht und seither habe ich eine starke emotionale Bindung zu dieser Stadt.

profil: Gab es bei deinem Blick zurück für das Album nichts, das du bereust?
Barnett: Bereuen würde ich nicht sagen. Aber es gab sicher Zeiten, da haben wir uns selbst einen großen Druck gemacht, erfolgreich zu werden. Dabei haben wir manchmal sicher darauf vergessen, die Zeit und die Shows zu genießen. Das war emotional nicht immer gesund. Wir haben früher unzählige DIY-Touren gespielt und bei den Veranstaltern geschlafen. Da waren wunderschöne Erlebnisse dabei. Aber manchmal habe ich mir gedacht, ich hätte gerne mehr Zeit für mich und könnte in einem Hotel schlafen. Heute schlafen wir auf Tour immer in Hotels und ich denke mir manchmal: Ah, es wäre schön, wieder mit einem Fremden, bei dem du unterkommst, die ganze Nacht zu reden und am nächsten Tag gemeinsam zu frühstücken. Mit Leuten in Kontakt zu kommen ist noch immer das, was mir am Touren so gefällt. Aber das ist wahrscheinlich das Gute am Älterwerden: Ich kann das alles nun bewusster genießen.

profil: Ihr seid viel in den USA unterwegs. Wie hat sich das Land unter Trump verändert?
Barnett: Die Leute sind momentan sehr wütend aufeinander. Das merke ich, sobald es um Politik geht. Vor ein paar Jahren konnten zwei Menschen noch unterschiedlicher Meinung sein und es war okay. Heute dauert es nicht lange, und man fängt an über den anderen zu schimpfen. Das ist traurig. Als Amerika 2003 in den Irakkrieg gezogen ist, war ich stark dagegen. Mein Großvater war dafür. Wir haben nächtelang darüber debattiert. Am Ende haben wir gesagt: Du hast deine Meinung, und ich meine. Das ist okay und das Schöne an diesem Land: Wir können unterschiedlicher Meinung sein, ohne uns die Köpfe einzuschlagen. Das hat sich leider verändert. Ich hoffe aber, dass es wieder besser wird.

profil: Ihr seid vor zehn Jahren aus einer Kleinstadt in Pennsylvania nach Philadelphia gezogen. Die Stadt gilt mittlerweile als Hochburg des Indie- und Punk Rock. Wie hat sich das entwickelt?
Barnett: Wir sind damals am Höhepunkt der „Housing Crisis“ nach Philadelphia gezogen. Damals war es recht günstig, Häuser zu kaufen oder Wohnungen zu mieten. Für haben uns damals gefragt, ob wir als Band nach Brooklyn oder Philadelphia ziehen wollen. Aber Brooklyn war damals schon viel zu teuer. Als Band, die viel unterwegs ist, ist das fast unleistbar. Wir haben uns dann für Philadelphia entschieden und es war die beste Entscheidung. Wir hatten gleich zu Beginn das Glück, mit Bands wie Lifetime, Paint it Black oder Bouncing Souls zu spielen. Bands wie diese haben die Musikszene in Philadelphia geprägt. Mit der Zeit, wurden es immer mehr Bands. Viele Musiker und Musikerinnen sind auch befreundet oder buchen eine befreundete Band, wenn sie selbst etwas organisieren. So hat es sich in den letzten zehn Jahren ergeben, dass Philadelphia eine sehr spannende und freundschaftliche Musikszene hat.

profil: Die New York mittlerweile in den Schatten stellt.
Barnett: New York hat eine ganz andere Dimension und Philadelphia war immer ein wenig der Bastard von New York. Was sich sicher geändert hat, ist die Aufmerksamkeit, die Philly nun in den Medien bekommt. Die großen Magazine haben früher immer nur über die Brooklyn Bands geschrieben. Viele Kreative sind aufgrund der günstigeren Mieten aber hat nach Philadelphia gezogen. Das ist längere Zeit nicht so aufgefallen, daher hatte die Musikszene in der Stadt auch die Möglichkeit, sich ohne großen Konkurrenzkampf weiterzuentwickeln.

profil: Läuft man sich da regelmäßig über den Weg?
Barnett: Das kommt schon vor. Ich war letztens in einer Bar und Venue namens Brenda Johnny’s und habe Frances, die Sängerin von Hop Along, dort getroffen. Aber sie hat nicht dort gespielt, sondern im Service gearbeitet. Cayetana, mit denen wir gerade auf Tour sind, arbeiten zum Beispiel im einem belgischen Café in Philadelphia, dem Monk Café. Da sind wir auch hin und wieder. Die Leute von der Band The Restorations arbeiten manchmal als Kartenabreißer im Club Union Transfer. Diese ungezwungene Stimmung macht für mich Philadelphia auch zu einem so guten Ort als Musiker.

The Menzingers: After The Party (Epitaph)

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