GERHARD BRUNNER: "Auf Giftstoffe oder Staub wurde ich in sieben Jahren kein einziges Mal angeschaut."

GERHARD BRUNNER: "Auf Giftstoffe oder Staub wurde ich in sieben Jahren kein einziges Mal angeschaut."

Österreich

Klage: Arbeiter kämpft gegen Voest

Ein Arbeiter kämpft gegen den Stahlkonzern Voest: Er sagt, er sei in der Feuerverzinkung unheilbar krank geworden. Nun geht er vor den Europäischen Gerichtshof.

Er stand in schweren, hohen Stiefeln einen Meter über der Wanne. Das flüssige Zink unter ihm war 450 Grad heiß. Er putzte den riesigen Ofen, der voller Ablagerungen war, und wenn es sein musste, stieg er im Untergeschoss im Schaum herum, um nach einer ausgefallenen Pumpe zu sehen. Jeder Stillstand kostete Zehntausende Euro. Er war Springer in der Feuerverzinkung 2 der voestalpine Stahl GmbH und überall dort, wo Not am Mann war.

Nun sitzt Gerhard Brunner, 44, in seinem Einfamilienhaus in Ried in der Riedmark, das er unter den gegebenen Umständen nicht mehr bauen würde, und atmet kurz. Mehrere Wäschekörbe voller Ordner umfassen seine Krankengeschichte und die Gerichtsakten. Der Oberösterreicher sagt, er sei von 2002 an in Staub und Dämpfen gestanden und Aluminium, Chromaten, Nickelverbindungen, Säuren, Laugen und extremer Hitze ausgesetzt gewesen. Dabei sei er krank geworden. Seine Lunge schafft nur mehr 43 Prozent ihrer früheren Leistung.

Vor drei Jahren schöpfte ein Voest-Betriebsarzt Verdacht auf eine Berufserkrankung und meldete dies der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA). „Wir waren eine normale österreichische Familie“, sagt Brunners Frau Cornelia, Landschaftsplanerin mit geringfügigem Einkommen: „Seither ist unser Leben ein Krimi.“ Das Arbeits- und Sozialgericht verwehrte ihrem Mann eine Versehrtenrente und stützte diese Entscheidung auf einen Linzer Lungenarzt, der befunden hatte, Brunners Erkrankung sei „schicksalhaft“ erworben.

Brunner wehrte sich. Sein Rechtsanwalt Helmut Blum bekämpfte die Entscheidung bis in die höchsten Instanzen. Am Ende blieb der Arbeiter ohne Job, krank, mit einem halben Dutzend Allergien und dem Gefühl übrig, der Stahlkonzern habe ihn mit allen Mitteln loswerden wollen. Das Bundessozialamt hatte Brunner eine 60-prozentige Behinderung attestiert. Im Herbst 2015 leitete die voestalpine Stahl GmbH ein Kündigungsverfahren ein. Seit Ende März dieses Jahres ist Brunner arbeitslos.

Viele offene Fragen

In der Causa wurde viel gestritten und entschieden. Die wesentlichen Fragen aber blieben offen. Warum kamen fachlich ausgewiesene Ärzte, die Brunner privat konsultierte, nach akribischen Untersuchungen zu einem völlig anderen Ergebnis als der gerichtliche Sachverständige, von dem Brunner behauptet, er habe sich für sein Gutachten „keine halbe Stunde Zeit genommen und weder ein Lungenröntgen noch eine Blutuntersuchung gemacht“? Ist Brunner der einzige Arbeiter, der in der Feuerverzinkung 2, der zweitältesten von insgesamt fünf Verzinkungsanlagen am Linzer Standort, Schaden genommen hat? Hält sich der Voest-Konzern an die Bestimmungen des Arbeitnehmerschutzes?

Bereits 2003 fiel einem Betriebsarzt auf, dass Brunners Lungenvolumen nicht ausreichte, um schweren Atemschutz zu tragen. Er notierte auf einem Formblatt: „keine Gasarbeiten“. „Schon damals hätte ich nicht mehr in der Feuerverzinkung weiter arbeiten dürfen“, glaubt Brunner heute. Außerdem hätte er laut Verordnung Gesundheitsüberwachung am Arbeitsplatz (VGÜ) regelmäßig untersucht werden müssen: „Auf Giftstoffe oder Staub wurde ich in sieben Jahren aber kein einziges Mal angeschaut.“ Ein Voest-Arzt kreuzte auf einem Formular die Frage „Wurden die Arbeitnehmerschutzbestimmungen eingehalten?“ mit „Nein“ an.

Konzernsprecher Peter Felsbach lässt profil eine schriftliche Stellungnahme zukommen. Tenor: Man habe sich sehr bemüht, Brunner eine andere Arbeit zu verschaffen; er habe sich jedoch „massiv überlastet“ gefühlt und sei häufig im Krankenstand gewesen. Schließlich habe man seine Aufgabe im Auftrags- und Bestellwesen einer Kollegin „mit einer Wochenarbeitszeit von 16 Stunden übertragen“. Alle weiteren Angebote seien von Brunner „mit Verweis auf seine gesundheitlichen Beeinträchtigungen abgelehnt“ worden. Die voestalpine Stahl GmbH habe sich zur Kündigung gezwungen gesehen. Man habe sich jedoch verglichen: Brunner sollte als Portier arbeiten. Sollte das nicht klappen, wollte man sich einvernehmlich trennen. Man verständigte sich auf ein Bruttojahresgehalt als Abfertigung.

"Fall für die voestalpine abgeschlossen“

Der Vergleich platzte. Brunner sagt, man habe vereinbart, dass er untertags arbeite. Nach einer Woche sollte er Nachmittagsschicht machen; sie dauert bis 22 Uhr. Dazu habe er sich nicht in der Lage gesehen. Das Unternehmen wiederum erklärt, Brunner sei während der Einschulungsphase nur vier Tage arbeitsfähig und den Rest der Zeit im Krankenstand gewesen. Man habe das Dienstverhältnis deshalb beendet. Brunner focht den Bescheid an, blitzte jedoch ab. „Gemäß österreichischer Rechtsprechung ist dieser Fall für die voestalpine abgeschlossen“, so das Unternehmen. Zu der Frage, ob der Konzern alle arbeitnehmerschutzrechtlichen Untersuchungen angestellt habe, bleibt man mit Verweis auf den Datenschutz vage: Sie seien „bei Herrn Brunner, wie auch allen anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an österreichischen Standorten des Konzerns, entsprechend der gesetzlichen Vorgaben korrekt durchgeführt worden“. Auch diese Frage sei durch alle Instanzen geklärt.

Hier schließt sich der Kreis. Die juristische Aufarbeitung hängt an einem einzigen Sachverständigen. Das Arbeits- und Sozialgericht Linz ließ keine andere Expertise zu. Hat der Lungenarzt aus Linz sorgfältig gearbeitet? Der Oberste Gerichtshof (OGH) äußerte sinngemäß, Zweifel seien nicht angebracht. Freilich werden Gutachter kaum je hinterfragt – ein systematischer Mangel, auf den Kritiker seit Jahrzehnten hinweisen. Nachdem Brunner den Prozess verloren hatte, wandte er sich an die Spezialambulanz für berufliche Atemwegserkrankungen am Wiener AKH. Tatsächlich konstatierte man hier „durch allergisierende Stoffe verursachtes Asthma bronchiale und Rhinopathie“. Die leitende Ärztin meldete dies im Sinne einer „BK-Nr. 30“ (Berufskrankheit Nummer 30) an die AUVA.

Vor Gericht war es bisher um die Nummer 41 gegangen („durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lunge“). Darauf hatte auch der Voest-Betriebsarzt zunächst getippt. Vor zwei Wochen ließ sich Brunner erneut untersuchen, diesmal an der Pulmologischen Tagesklinik des LKH Graz Süd-West. Auch hier wurden die Ärzte fündig: Sie meldeten die Nummer 2 („Erkrankungen durch Phosphor“), die gerichtlich verworfene Nummer 41 sowie die Nummer 19 („Hauterkrankungen“). Ist das letzte Wort noch nicht gesprochen? Auch die AUVA verweist in einer Mail auf den Datenschutz und den Instanzenzug. Weiters heißt es: „Werden neue Berufskrankheiten gemeldet […], wird ein neues Verfahren […] eröffnet.“ Die Auswahl eines Sachverständigen sei Sache der Gerichte.

Die Enden fügen sich nicht zusammen. Anwalt Blum will nicht hinnehmen, dass ein „loyaler Mitarbeiter, der krank geworden ist, beim Versuch scheitert, zu seinem Recht zu kommen“. Er ruft nun den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 16 vom 14.4.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.

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  • Tobias Privatname
    Tobias Privatname So, 23. Apr. 2017 10:01

    Hallo Gerhard, falls du wissen willst was die Phosphatierung war mit der du gearbeitet hast. Natürlich ist das Giftig und Gas entsteht.
    https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-2529/529.pdf

    Der Nachteil am real namen posten ist, die voest kündigt jeden der was sagt.

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  • suomynonA TORUS (TORUS)
    suomynonA TORUS (TORUS) Fr, 21. Apr. 2017 15:34

    Mich begrüßte so ein Kretin in weiss von der AUVA von hinten mit den Worten,
    na pfeiff ma a schon aus'n letzt'n Loch, als ich mein Lungenleiden berufsbedingt geltend gemacht habe!
    Von der atrigen ,,Gutachtern" muss man sich dann auch lächerlich machen lassen in Österreich!
    Wo es im Gegenzug die armen zu uns Gekommenen hinten reingeblasen bekommen! Sehr asozial!

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  • Maximilian Helmetschläger (Maximilianhelm) Mi, 19. Apr. 2017 11:57

    Es ist eine Frechheit wie Patienten behandelt werden, man wird von einem praktischen Arzt der keine Ahnung über die Krankheit hat untersucht und nicht wie es sein sollte von einem Facharzt, dadurch fällt das Ergebnis falsch aus!

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  • Michael Jakesch (Landplage) Di, 18. Apr. 2017 11:51

    Es ist leider so dass Arbeiter von Konzern meistens überbleiben.Aus eigener Erfahrung weiß ich dass Gutachter ein kraus sind u.ich klagen musste aber ich bekam recht.

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    • Maximilian Helmetschläger (Maximilianhelm) Mi, 19. Apr. 2017 12:04

      Du könntest dem Herrn Rat geben wie du es Geschäft hast
      !

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