Tibet: Ein Treffen mit „Außenministerin“ Dicki Chhoyang

Tibet: Ein Treffen mit „Außenministerin“ Dicki Chhoyang

Seit sich der Dalai Lama aus allen politischen Funktionen zurückgezogen hat, ist eine Frau dafür zuständig, dass die Welt nicht auf Tibet vergisst: ein Treffen mit „Außenministerin“ Dicki Chhoyang.

Von Magdalena Jetschgo und Edith Meinhart

Der Fotograf hatte seine Bitte kaum ausgesprochen, stand Kalon Dicki Chhoyang, 47, auch schon auf dem Tischchen neben dem Griller. Besonders stabil sah das Möbel nicht aus. Doch Chhoyang meisterte die Kletterei behände – die Berge habe sie schließlich „im Blut“. Und vermutlich war dies bei Weitem nicht die schwierigste Übung ihrer jüngsten Europa-Tournee.
Seit zwei Jahren ist Chhoyang als „Außenministerin“ der tibetischen Exilregierung, zuständig für Kommunikation und internationale Beziehungen. Auf ihrer Reise von Brüssel über Wien nach Italien hat sie ein nicht ganz taufrisches, sperrig formuliertes Memorandum im Gepäck, das die Zukunft Tibets in den Grenzen der 1,4 Milliarden Einwohner zählenden Volksrepublik China skizziert.

Um Unabhängigkeit geht es, zumindest in offiziellen Dokumenten, längst nicht mehr. Bereits 1988 hatte der Dalai Lama in einer Rede in Straßburg einen „Mittelweg“ proklamiert und vor fünf Jahren im EU-Parlament bekräftigt: keine Abspaltung von Peking, aber echte Autonomie mit kulturellen, politischen und religiösen Freiheiten.
Ein Tibet-Experte – der anonym bleiben möchte, um seine laufenden Forschungsprojekte nicht zu gefährden – sagt, in Wirklichkeit habe die Bevölkerung jegliches Vertrauen in China verloren und wünsche sich insgeheim nichts sehnlicher als „rangzen“. Das ist tibetisch und bedeutet Unabhängigkeit. Doch aus Loyalität zum Dalai Lama würden die Leute das Pfui-Wort nicht gern in den Mund nehmen.
2011 hat sich das geistige Oberhaupt der Tibeter aus allen politischen Funktionen zurückgezogen. Die Regierungsgeschäfte im Exil führt seither der amerikanisch-tibetanische Völkerrechtler Lobsang Sangay, 45. Seine Außenministerin Chhoyang ist dafür zuständig, dass die Welt das Anliegen Tibets nicht vergisst.

„Alle zehn Jahre setzte er einen neuen Schritt“
1959 hatte sich das tibetische Volk erhoben und war mit militärischer Gewalt niedergerungen worden. Der damals erst 23-jährige Dalai Lama floh nach Dharamsala in Indien, versuchte vom Exil aus, die Demokratisierung voranzutreiben und zog als Advokat für ein „freies Tibet“ um den Globus.
„Alle zehn Jahre setzte er einen neuen Schritt“, sagt Chhoyang. Der Rückzug aus der Politik vor zwei Jahren war nun der lange geplante letzte davon auf einem weiten, steinigen Weg: „Seine Heiligkeit hat immer gesagt: Jahrhundertelang herrschten in Tibet Könige und religiöse Führer. Nun ist es Zeit, dass die Macht auf das Volk übergeht.“
Das heißt aber auch, dass seine Anhänger lernen müssen, ohne seine alles überstrahlende Figur auszukommen: „Unsere Bewegung muss auch dann noch weitergehen, wenn er nicht mehr da ist“, sagt Dicki Chhoyang.
Ihre persönliche Geschichte könnte bei der Vermittlung des tibetischen Dramas im Westen durchaus behilflich sein. Chhoyang kam in der nordindischen Provinz Uttarakhand zur Welt und wanderte im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie ins kanadische Montreal aus, wo sie sich schon als Jugendliche einen Namen in der exil­tibetischen Gemeinde machte.
Die Regierung in Dharamsala, der Chhoyang seit zwei Jahren angehört, gilt zwar nicht als rechtmäßige Vertretung der Tibeter. Sie wird dennoch von vielen Ländern und internationalen Organisationen finanziell unterstützt. In Tibet selbst wiegt das Wort des Dalai Lama immer noch schwer. Das könnte ein Handicap für die Außenministerin sein, doch Chhoyang sieht es entspannt: „Es wäre doch töricht, einen Mann, der 60 Jahre politische Erfahrung gesammelt hat, nicht fallweise zu konsultieren.“

Die Bevölkerung in der tibetischen autonomen Region (TAR), wie China das 2,5 Millionen Einwohner zählende Land am Himalaya-Massiv nennt, blicke jedenfalls nach Dharamsala – die an Tibet angrenzenden Provinzen Qinghai, Gansu und Sichuan mit 2,5 Millionen Menschen ebenso: „Man betrachtet uns als legitime Vertreter und Sprecher, die öffentlich machen sollen, was in Tibet vorgeht“, sagt Chhoyang.
Der Dalai Lama, buddhistische Mönche in farbenfrohen Tüchern, Postkarten-
ansichten mit friedlich grasenden Yak-Herden: Am sagenhaft überhöhten Shangri-La-Image Tibets hat die Exilregierung lange mitgearbeitet. Mit der Wirklichkeit hat es wenig gemein. Vor den Olympischen Spielen 2008 demonstrierten Mönche und Studenten am 49. Jahrestag der Niederschlagung des Aufstandes von 1959 zunächst friedlich für die Rückkehr des Dalai Lama und die Unabhängigkeit Tibets. Die Parteiführung in Peking schaute ein paar Tage lang zu, dann rückten tausende Militärpolizisten in Lhasa ein und schlugen die Proteste nieder.
Der staatlichen Gewalt folgte eine Serie öffentlicher Suizide. Über 123 Menschen, darunter 19 Frauen – Mönche, Nonnen, Studenten, Bauern, Künstler, manche kaum älter als 20 – setzten sich in den vergangenen fünf Jahren auf öffentlichen Plätzen und vor Klöstern in Brand, über 100 kamen ums Leben. Sie forderten die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet und ein Ende der chinesischen Besatzung. Auch im Exil zündeten sich sechs Menschen an.

Selbstverbrennungen als Zeichen der Anprangerung
Die chinesische Propaganda diffamiert die politischen Verzweiflungsakte als Provokationen von Terroristen und psychisch Kranken und wird nicht müde, der „Dalai Lama-Clique“ vorzuwerfen, Selbstverbrennungen aus dem Exil heraus zu forcieren. Ein Vorwurf, den Chhoyang von sich weist: „Ich lade Vertreter der Regierung ein, nach Dharamsala zu kommen und in unseren Büros nach Beweisen für diese Behauptung zu suchen. Sie werden keine finden.“
Was im Westen kaum bekannt ist: Selbstverbrennungen sind eine alte chinesische Tradition der Anprangerung und Beschämung und auch im heutigen China geübte Praxis. Berichtet werden darf freilich nicht darüber. Chhoyang weiß von Personen, die bloß dafür ins Gefängnis kamen, dass sie Informationen über Selbstverbrennungen hinausgespielt haben sollen. 2003 wurden Suizide am symbolträchtigen Tiananmen-Platz verboten. Die wichtigste Waffe der dort patroullierenden Polizisten ist nicht der Schlagstock oder die Pistole, sondern der Feuerlöscher.
Nach dem kürzlich erfolgten Führungswechsel in China suchten sich die Parteigranden zunächst mit Härte und Unnachgiebigkeit Respekt zu verschaffen. Das machte sich auch in Tibet bemerkbar. „Ausländische Forscher erhalten kaum noch Zutritt“, klagt der Tibet-Experte. Die Lage vor Ort ist seit Jahr und Tag angespannt.
Noch ist unklar, ob die vielbesprochene Reformagenda des neuen Staatspräsidenten Xi Jinping daran etwas ändern könnte. Das Kommuniqué des „3. Plenums“, das laut der britischen Wochenzeitschrift „Economist“ als Manifest des neuen Parteiführers gelesen werden kann, trug wenig Erhellendes bei. Chhoyang will den von Xi Jinping propagierten chinesischen Traum jedenfalls vor allem an der Tibet-Frage messen.
Vom wirtschaftlichen Aufschwung Chinas habe die Region bisher wenig profitiert. Zur Jahrtausendwende hatte die Parteiführung die „Große Erschließung des Westens“ ausgerufen. Schulen, Straßen und Kraftwerke wurden gebaut, zwischen Xining und Lhasa fährt nun die höchstgelegene Eisenbahn der Welt. Die massiven Investitionen in die Infrastruktur nützten nach Einschätzung von Tibet-Kennern bisher aber vor allem geschäftstüchtigen Han-Chinesen.

Die tibetische Bevölkerung blieb wirtschaftlich marginalisiert. Für den Bau von Autobahnen, Stadtvierteln, Sportstadien und Industrieanlagen wurden Zehntausende Tibeter enteignet. Allein 2006 waren es über 130.000, die Zahl ist seither um ein Vielfaches gestiegen. Familien verloren das langfristig erworbene Recht, Land für sich und ihre Nachkommen zu nutzen – und damit ihre Lebensgrundlage.
Der Zuzug von Han-Chinesen, der boomende Tourismus, vor allem aber die Ansiedelungsprogramme für Nomaden bedrohen die kulturelle Identität Tibets. Viehbauern, die seit Jahrhunderten ihre Jak-Herden auf der Suche nach Weiden durch die Hochebene treiben, wurden in Wohnsilos gezwungen, die der Staat im Niemandsland aus dem Boden gestampft hatte. „Zwei Millionen Menschen wurden inzwischen sesshaft gemacht“, sagt Chhoyang. Die Folgen: steigende Kriminalität, Alkoholismus, häusliche Gewalt und übergraste Böden, die sich nicht mehr erholen können, weil die Rinderherden nicht mehr weiterziehen.
Seit den gewaltsamen Unruhen von 2008 stehen die Anhänger des Dalai Lama international unter Beobachtung. Werden sie am Pazifismus festhalten? Für Chhoyang gibt es in dieser Frage nichts zu verhandeln: „Die tibetische Bewegung ist seit ihren Anfängen gewaltlos, nicht aus strategischen Gründen, sondern aus tiefster Überzeugung. Davon werden wir nicht abrücken.“

Dann eilt sie zum Flugzeug, ihre nächste Station ist Bozen in Südtirol. Dort gibt es nicht nur Berge zu bestaunen, sondern auch einen aus ihrer Sicht beispielhaften „Mittelweg“: keine völlige Unabhängigkeit von der Regierung in Rom, aber echte Autonomie.

Foto: Michael Rausch-Schott