Burgtheater-Affäre: Die schwarze Eminenz Georg Springer

Burgtheater-Affäre: Die schwarze Eminenz Georg Springer

Bundestheater-Chef Burg-Schuldenaffäre bislang erstaunlich unbeschadet überstanden. Porträt eines Pflichtumleitungsstrategen.

s ist gegenwärtig mühseliger denn je, eine Audienz bei Georg Springer zu erwirken. Die konstante Freundlichkeit seines Sekretariats bleibt über Tage folgenlos, verschleiert notdürftig die Abschottungstaktiken des Geschäftsführers eines zuletzt deutlich in Verruf geratenen Unternehmens: der Bundestheater-Holding. Geschäftsführer Springer hat gegenwärtig nicht die beste Phase seines langen Berufslebens. Im November noch musste er die Affäre um den an das umstrittene Sicherheitsunternehmen G4S ausgelagerten Publikumsdienst seiner Institutionen überstehen, dann brach am Burgtheater ein Shitstorm los, der jäh offenbarte, wie trist die Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen an jenem Haus tatsächlich sind – und am Donnerstag vergangener Woche, wenige Stunden vor Eröffnung des Opernballs, musste Springer mit leidgeprüfter Miene seine Mitverantwortung an der finanziellen und personellen Misere der Burg erstmals öffentlich einräumen ( siehe Artikel hier ).

Das nackte Chaos
Gegen Silvia Stantejsky, die vormalige Geschäftsführerin des Burgtheaters, die laut Springer durch fahrlässige Buchführung für einen Verlust von 2,7 Millionen Euro gesorgt habe, war kurz davor bei der Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft eine anonyme Anzeige eingebracht worden. Sie richtet sich ausschließlich gegen die entlassene Vizedirektorin – nicht gegen den Holding-Chef, nicht gegen seinen Aufsichtsrat, nicht gegen Ko-Geschäftsführer und Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann. Sie alle machen es sich nun ein wenig leichter, als sie sollten: Die Schuldige ist ihrer Meinung nach gefunden, der Rest ist Zweckoptimismus. Die Burg könne und werde das schaffen, beruhigte Springer umgehend, alle nötigen Maßnahmen seien am Laufen. Glauben wollte das so recht niemand. Und Stantejsky selbst, die man (ebenso wie die Medien) angeblich aus Datenschutzgründen nicht mit dem vollständigen Endbericht der Wirtschaftsprüfer KPMG konfrontiert hatte, wies umgehend erneut alle Vorwürfe von Bereicherung, Unterschriftenfälschung und Untreue von sich.
So herrscht an der Burg nun nacktes Chaos: Direktor Matthias Hartmann, der seiner Geschäftsführerin „vertrauen musste“, versteht die Welt nicht mehr, wo er doch stets an allen ihm zur Verfügung stehenden „Stellschrauben“ gedreht hat, die Zuschauerzahlen in die Höhe schnellen ließ und seine Produktionen, wie er behauptet, keineswegs teurer gewesen seien als jene seiner Vorgänger. Gespart hat Hartmann allerdings bis zuletzt sehr demonstrativ nicht: Es spricht Bände, dass er – längst in dem Wissen, wie schlecht es dem Burgtheater ökonomisch geht – neben kostspieligen Produktionen von Andrea Breth und Peter Stein zuletzt noch Katie Mitchells kolportierte anderthalb Millionen Euro schwere High-Tech-Handke-Adaption „Wunschloses Unglück“ ins kleine Kasino, die Nebenspielstätte am Schwarzenbergplatz, setzte. Luxusdenken gewöhnt man sich eben so leicht nicht ab. Da konnte sogar der Umstand, dass die Hälfte der Kosten ein Energy-Drink-Hersteller übernahm, die öffentliche Irritation nicht mehr neutralisieren.

Im Abwenden von Schuldzuweisungen ist Springer talentierter als Hartmann. Er befindet sich, im letzten Jahr seiner Amtszeit, im Zentrum eines Finanzskandals von ungeahnten Ausmaßen – und es gelingt ihm seit Monaten, daraus erstaunlich unbeschadet hervorzugehen, obwohl er seiner Job-Description gemäß für „finanzielles Controlling“ ganz explizit zuständig wäre. Die seit Wochen gestellte Frage bleibt unbeantwortet: Warum schritten, wenn Silvia Stantejsky als Geschäftsführerin über Jahre hinweg „ein intransparentes Umfeld“ geschaffen haben soll, weder Hartmann, der als Ko-Geschäftsführer über alle nennenswerten Buchungen Bescheid gewusst hatte, noch Holding-Chef Springer je gegen die zu „kreative“ Buchführung ein?

Eine Antwort liegt in der Struktur der Holding selbst, die in vielerlei Hinsicht als ein Überbleibsel der höfischen Wiener Kultur erscheint. Hinter den Fassaden des Mutterkonzerns der Bundestheater herrscht ein Klima der Unklarheit, der Verdrängung und Geheimhaltung. Evaluationen bleiben unveröffentlicht, weil die Öffentlichkeit sie angeblich nicht verstehen könnte. Und der Geschäftsführer selbst ist meist unerreichbar. Springer hätte großartig in den Wiener Kongress gepasst, er sei eine durch und durch höfische Figur, sagt ein Branchen-Intimus.

„Operettenfigur“
Es fällt auf, dass man in Hintergrundgesprächen zwar viel über Springer erfahren kann, aber kaum jemand offen über den Holding-Boss berichten will. Eine „Operettenfigur“ sehen die einen in ihm, „schräg und sympathisch“ finden ihn andere. Trockenen Witz kann man dem Mann mit der sonoren Stimme nicht absprechen, erstaunlich flapsig kommentiert er brisante Themenfelder: „Untreue passt immer“, meinte er letzte Woche lakonisch auf die Frage, was genau man Stantejsky zur Last lege, aber Geldwäsche sei da vermutlich der falsche Begriff, denn um „Drogenhandel“ gehe es ja immerhin nicht.

Anders als Hartmann hat Springer aber keine Lust auf Provokation, er ist eher ein um Verbindlichkeit bemühter Manager, der Kontrahenten kraft seiner rhetorischen Qualitäten lieber in die Erschöpfung redet, als sich mit Gegnern offen anzulegen. Seine zentrale Aufgabe bestehe darin, „Konflikte intern und extern zu vermeiden und den Konsens zu erreichen“ , sagte er schon vor Jahren. Dabei hat Springer einen durchaus erstrebenswerten Job, mit fünfstelligem Monatsgehalt und sehr autonomer Arbeitsgestaltung. Kein Wunder, dass sich ein knappes Jahr vor Springers Abgang bereits etliche Mitglieder der lokalen Kulturpolitprominenz in Stellung gebracht haben. Gerüchteweise interessiert sich nicht nur Ex-Kulturministerin Claudia Schmied für den Posten, die schon vor ihrem Ausscheiden aus der Politik auf direkte profil-Nachfrage sehr ausweichend (und sehr breit lächelnd) jeden Kommentar dazu verweigerte, sondern auch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, „Art for Art“-Chef Josef Kirchberger, Volksopern-Geschäftsführer Christoph Ladstätter sowie Andrea Ecker, Sektionschefin im Kulturministerium.

Ein exzellenter Netzwerker ist Springer jedenfalls; er hilft gern, aktiviert den erweiterten Berufsfreundeskreis, wenn es Probleme zu lösen gibt. Aber als großer Gestalter wird Springer, anders als sein 2009 verstorbener Vorgänger Robert Jungbluth, nicht wahrgenommen. Der 67-Jährige, stets theaterschwarze Designer-Anzüge tragende Opernliebhaber umgibt sich gern mit Künstlern, sieht sich als Vermittler, obwohl die Holding eine Steuerungs- und Kontrollinstanz sein müsste. Während in deutschen Theatertankern jeder Nagel einzeln verrechnet wird, scheint sich in Wien eine Tradition des Laissez-faire gehalten zu haben, die wohl mitverantwortlich für das aktuelle Budgetdilemma ist. Kreative Buchhaltung ist in den Bundestheatern nichts Neues. Springer sagt dies ganz offen: An strategischen Bilanzverschiebungen hat er auch im Licht der gegenwärtigen Eklats nichts auszusetzen, mit „zulässigen Bilanztricks“ arbeite man in Betrieben wie seinem eben.

Springers Werdegang ist klassisch: 1975 wurde der studierte Jurist Universitätsassistent am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht in Wien, ab 1978 war er im Bundeskanzleramt tätig. 1988 trat er das Amt des stellvertretenden Generalsekretärs der Bundestheater an, ab 1989 agierte er als rechte Hand des Jungbluth-Nachfolgers Rudolf Scholten. Als dieser zwei Jahre später zum Unterrichtsminister aufstieg, übernahm Springer den Posten ganz, seit 1999 ist er alleiniger Geschäftsführer der im Zuge der Ausgliederung der Bundestheater installierten Holding. Mächtig ist er, als Vorsitzender im Aufsichtsrat des Burgtheaters, der Volks- und Staatsoper sowie im Kuratorium der Salzburger Festspiele, jedenfalls.

In den Bundestheatern liegen inzwischen dennoch die Nerven blank. Wenn das gähnende Finanzloch in der Burg auch die Rücklagen der anderen Häuser zu verschlucken begänne, könnte sich das Feuer auf dem Dach einer Institution zum Flächenbrand ausweiten. Dominique Meyer hat vorsorglich bereits behauptet, seine Staatsoper sei „arm“. An der Volksoper zieht man die Köpfe ein: Man „möchte in diesem Zusammenhang nicht genannt werden“, lässt die Pressestelle wissen, weise nur darauf hin, „dass die Volksoper ein gesundes und erfolgreiches Unternehmen“ sei. Um Schaden abzuwenden, erwägt Springer nun den Verkauf der Burg-Probebühne, einer Immobilie im Wiener Arsenal, an die Holding-eigene „Art for Art“, die dem Theater die Räumlichkeiten dann vermieten könnte. Auch diese eigenwillige Idee mutet wie eine bloße Verlängerung der viel kritisierten „Loch-auf-Loch-zu“-Buchführung Stantejskys an.

Mitarbeit: Karin Cerny

Foto: Alex Halada für profil