Stermann & Grissemann: Bilanz einer 25-jährigen Künstlerehe

Stermann und Grissemann haben sich immer noch lieb.

Stermann und Grissemann haben sich immer noch lieb.

Enthemmte Groupies, schlechte Hotels und immer wieder Zuschauer in Schockstarre: Christoph Grissemann & Dirk Stermann haben 25 Jahre Künstlerehe hinter sich. Jetzt spielen sie den Boulevardklassiker "Sonny Boys“ in Wien. Ein Gespräch über Drogen mit 60, Geldgier und Selfie-Höllen.

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

Herr Grissemann trägt trotz der überheizten Künstlergarderobe im Rabenhof ein Wollmützchen auf dem Kopf und wirkt etwas mitgenommen - ganz im Gegensatz zu Dirk Stermann, der trotz seiner gerade frischen Vaterschaft Schlafdefizite gut wegzustecken scheint. Möglicherweise liegt der Unterschied der Backstage-Vitalität in den unterschiedlichen Lebensstilen der Golden Boys des gepflegten Anarcho-Humors. Denn Stermann, eben 50 geworden, hat "null Bock“ mehr auf Alkohol und die langen Besuche im "Anzengruber“, jenem Künstlercafé im Wiener Schleifmühl-Viertel, in dem die Crew nach den Aufzeichnungen von "Willkommen Österreich“ gerne den Abend auskrachen lässt. Stermann ist, so beteuert er, durch und durch Familienmensch. Nächte, in denen ihm dort ein Starschriftsteller zum achten Mal Rotwein über die Hose gießt, würden ihn einfach nicht mehr amüsieren: "Ich bin 50, und irgendwann reicht es auch.“

Christoph Grissemann, ein halbes Jahr vor seinem Fünfziger, hingegen zählt zur Spezies der "harten Hasen“, so der Titel eines früheren Kabarettprogramms des Duos. Er trinkt unverhohlen gerne, und bietet, so die deprimierende Selbstauskunft, vor und nach seinen Auftritten, für die er "all seine Kräfte und Energien“ bündle, "ein Bild des Jammers“, wenn er "nackt und sabbernd auf der Couch liegt“ und seinen Pizzakarton umarmt.

Natürlich ist diese Lust am Exhibitionismus des eigenen Elends ein brillantes Stilmittel der Selbstvermarktung. Genauso wie die höfliche Provokation in Form der Forderung, dass "die Einnahme von Drogen für Menschen ab 60 staatlich geregelt werden sollte“. Grissemanns Begründung: "Wenn man jung ist, ist man sowieso geil auf alles. Im Alter, da bräuchte man die Drogen ja wirklich dringend, so könnten die Menschen auch ihre Einsamkeit viel besser ertragen.“ Stermann runzelt da nur milde die Stirn.

Wenn Grissemann zwei Stunden später in der aktuellen "Rabenhof“-Produktion "Für die Eltern was Perverses“ in einem schwarzen Gummianzug als Pantomimen-Derwisch über die Bretter tobt und Stermann an den Rand des Wahnsinns treibt, ist klar, dass der Mann nur Scheinwerferlicht braucht, um astrein zu funktionieren. Echtes Show-Dynamit eben. Jetzt versuchen sich die beiden Doyens der Satirical Incorrectness an jenem Boulevardkracher, der für jeden anständigen Komödianten eine Art Königsetappe präsentiert: Neil Simons "Sonny Boys“, einer Tour de Force zweier abgehalfterter Entertainer, die nach jahrelanger Feindschaft noch einmal zusammen auftreten sollen.

profil: Euer Regisseur, Rabenhof-Intendant Thomas Gratzer, behauptet, ihr hättet euch zehn Jahre lang gegen dieses Projekt zur Wehr gesetzt.
Stermann: Stimmt. Ist ja auch irgendwie so ein Altherren-Humor.
Grissemann: Mehr was für Eltern und Großeltern. Wenn man das zu spielen kriegt, kommt als Nächstes die Krebsdiagnose. Zumindest hat man so ein Gefühl.
Stermann: Wir wussten ja auch nicht, dass man das überhaupt bearbeiten darf. Das machen wir jetzt natürlich …
Grissemann: Und zwar nahezu jeden Satz.

profil: Die beiden "Sonny Boys“, jahrelang beruflich zusammengeschweißt, verbindet auch eine tiefe Abneigung. Wie läuft das bei euch? Schließlich verbringt ihr ja …
Grissemann: 160 Tage im Jahr …

profil: … zusammen. Redet ihr nach der letzten Klappe noch miteinander, kommt es zu herzlichem Gedankenaustausch im Tourbus?
Grissemann: Notgedrungen. Inzwischen läuft es ja bei uns so gut, dass jeder sein eigenes Hotelzimmer bekommt.
Stermann: In unseren erbärmlichen Anfängen mussten wir uns manchmal nicht nur das Zimmer, sondern auch ein Einzelbett auf Tour teilen. Da haben wir dann aber sofort den Schlüssel in den Vorgarten geworfen und das teuerste Hotel genommen, das wir bekommen konnten.


Ich bin generell der Typ, dem am liebsten ist, wenn sich nichts verändert. Schon gar nicht die Witze. (Christoph Grissemann)

profil: Könntet ihr euch ein Leben ohne einander überhaupt noch vorstellen?
Stermann: Wenn Christoph früher abtreten sollte, werde ich ihn einfach ausstopfen lassen und mit auf die Bühne nehmen. Aber zugegeben: Er wird mir abgehen. Niemand kann wie er tausend Mal den gleichen Witz so begeistert erzählen.
Grissemann: Ich bin generell der Typ, dem am liebsten ist, wenn sich nichts verändert. Schon gar nicht die Witze. Gott sei Dank sind wir nicht wie die Wildecker Herzbuben, die sogar getrennt fliegen, damit es keine Toten gibt.

profil: Aber ihr habt ähnlich viele Auftritte. Wie hält man das durch?
Stermann: Na ja, ich denke, es ist ungleich schwieriger, dieser Tage Kassiererin bei Zielpunkt zu sein und seine Kunden nach Treuepunkten fragen zu müssen.

profil: Ist es hart, bei "Willkommen Österreich“ als Gagschreiber sein Auslangen finden zu müssen?
Stermann: Von 100 angebotenen Witzen machen oft nur zehn das Rennen.


Faymann existiert für uns sowieso nur dann, wenn ihn die mascheks sprechen lassen. (Dirk Stermann)

profil: Mit welchen Themen landet man so gar nicht bei euch?
Grissemann: Häupl und Alkoholismus. Strache. Das ist ja so schon öd. Und natürlich auch Hitler-Parodien und Viagra-Witze.
Stermann: Man muss ja mit Strache inzwischen schon Mitleid haben. Jetzt hat er’s so lange versucht, und es hat noch immer nicht geklappt. Wie lange will denn der noch mit zittrigen Händen die jungen Burschen tätscheln?

profil: So abgedroschen Strache als Witzfigur auch ist: Typen wie Mitterlehner und Faymann sind humoristisch ja noch begrenzter verwertbar.
Stermann: Faymann existiert für uns sowieso nur dann, wenn ihn die mascheks sprechen lassen.

profil: Und was fängt man als Kabarettist heutzutage mit der ÖVP an?
Grissemann: Allein die Frage deprimiert mich schon so sehr, dass ich mich sofort für immer auf diese Couch legen möchte.

profil: Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit eurer Show zur politischen Psychohygiene dieses Landes beitragt?
Stermann: Das zu glauben, wäre völliger Blödsinn. Das, was wir machen, hat nicht die geringste Bedeutung.
Grissemann: Wenn Strache Kanzler wird und Blau allein regiert, ist sowieso alles aus. Da ist unsere Sendung die erste, die fliegt. Da muss man sowieso dann auswandern.

profil: Das haben schon vor Schwarz-Blau viele Künstler angedroht, und keiner hat sich daran gehalten.
Grissemann: Ich würde nach Portugal gehen.


Die Groupies werden auch immer weniger und älter. Jetzt will höchstens so jemand wie die Kulturbeauftragte von Hollabrunn, dass man ihr den BH aufmacht. (Christoph Grissemann)

profil: Um bei Dagmar Koller als Gärtner anzuheuern?
Grissemann: Die finde ich großartig und sie wohnt tatsächlich dort ums Eck, wo ich immer Urlaub mache.
Stermann: Um Grissemann braucht man sich keine Sorgen zu machen. Der besitzt fünf Wohnungen und wird dann einfach mal zum Miethai.
Grissemann: Ja, es ist tatsächlich die Geldgier, die mich am Leben erhält. Ohne die würde bei mir alles zusammenbrechen. Ich setze auf Betongold. ATV könnte mit mir den potenziellen Quotenhit "Bauherr sucht Frau“ andenken. Aber wir bekommen Gott sei Dank beim ORF völlig überzogene Gagen.
Stermann: Nicht zu vergessen die Werbespots, in denen wir uns zum Affen machen.
Grissemann: Danke, Wasserkraft.

profil: Habt ihr noch mit Groupies zu kämpfen?
Grissemann: Die Groupies werden auch immer weniger und älter. Jetzt will höchstens so jemand wie die Kulturbeauftragte von Hollabrunn, dass man ihr den BH aufmacht.

profil: Hitler-Schwänke sind inzwischen im deutschen Comedy-Mainstream angekommen. Jahrzehntelang waren Witze über das Dritte Reich im deutschsprachigen Raum ein Tabu. Ihr wart mit eurer Nazipersiflage "Die deutsche Kochshow“ so ziemlich die ersten, die daran gerüttelt haben.
Stermann: Wir haben das damals überhaupt nicht als Tabubruch empfunden. Aber als wir in Deutschland mit der "Kochshow“ gastierten, herrschte schon mal eisiges Schweigen im Publikum. Und die Zeitungen schrieben was von Schockwirkung.

profil: Was geht in euch da oben vor, wenn das Publikum da unten zur Salzsäule erstarrt? Kommt es zu Magenturbulenzen?
Grissemann: Nein! Es kann schon manchmal ganz geil sein, so eine Stille auszukosten und da dann hineinzuarbeiten. Und dabei noch immer so zu tun, als ob man sein Publikum liebt.

profil: Liebt ihr euer Publikum nicht?
Stermann: Nun ja, wenn man im "Standard“ nach einer "Willkommen“-Aufzeichnung 693 Postings liest, in denen Hass, Neid und sonstiger Scheißdreck über uns ergossen wird, ist es manchmal schwierig.
Grissemann: Ich kann das gar nicht lesen, ich halte es psychisch nicht aus.
Stermann: Angeblich sind das ohnehin nur fünf Typen, die unter zig Nicknames lossudern. Mir ist es völlig wurscht. Ich tue allerdings in der Öffentlichkeit so, als ob mich das doch total kränken würde. Aber natürlich kann ich auch nachvollziehen, dass sich ein Strache-Wähler aus Floridsdorf sagt: "Was die zwa können, kann i a. Wo bleibt da bitte die Leistung?“ In welcher Stresssituation man sich da oben befindet, 200 Maxeln 50 Minuten lang punktgenau bei Laune zu halten, kann sich der natürlich überhaupt nicht vorstellen.


Wenn man alles gleich schlecht findet, ist das auch wieder eine Art von Gerechtigkeit. Ich habe offensichtlich mit mir selbst genug zu tun. (Christoph Grissemann)

profil: Welche Reaktion löst das Wort "Willkommenskultur“ bei euch aus?
Grissemann: Ich bin da gespaltener Meinung. Ich glaube nicht, dass man mit der Weitergabe von alten Turnschuhen allzu große Hilfe leisten kann - außer um damit sein eigenes Gewissen zu beruhigen.

profil: Habt ihr Geld gespendet?
Grissemann: Nein, nichts, null. Ich mache auch kategorisch keine Charity - weder für geschlagene Mütter, Pandabären oder Flüchtlinge. Ich sage alles flächendeckend ab. Wenn man alles gleich schlecht findet, ist das auch wieder eine Art von Gerechtigkeit. Ich habe offensichtlich mit mir selbst genug zu tun.
Stermann: Ich respektiere Grissemanns Haltung, teile sie aber nicht. Ich war den ganzen Sommer immer wieder auf dem Hauptbahnhof, um dort Zeug abzuliefern. Ich lebe seit 30 Jahren in Wien und war noch nie so stolz, ein Teil dieser Stadt zu sein. Es war wirklich überwältigend, wie dort Kopftuchfrauen, bekiffte Punks, Pensionisten und so weiter miteinander an einem Strang gezogen haben. Das ist es doch, was den Menschen von einem Laternenpfahl unterscheidet. In diesem Sommer konnte jeder für sich entscheiden, ob er ein Arschloch ist oder nicht. Wenn jemand drei Kinder auf dem Arm hat und halb verhungert ist, stellt sich erst einmal die Frage nicht, welches Wertesystem der vielleicht mitbringt.

profil: Ihr seid extrem öffentlichkeitsabstinent, was euer Privatleben betrifft. Keine Social-Media-Präsenz, kein Getwittere, keine Homestorys, wo einmal für ein TV-Magazin mit einer "Hier-kocht-der-Chef”-Schürze ein schnelles Wok-Gericht gezaubert wird.
Stermann: Das ist für ein geglücktes Leben auch nicht wirklich zwingend.
Grissemann: Ich kann überhaupt nicht begreifen, warum Menschen wie Andy Lee Lang ununterbrochen vor Kameras Spargel im Marchfelderhof essen müssen. Glauben all diese "Seitenblicke“-Spargellutscher tatsächlich, durch diese Art von Präsenz mehr Auftritte bekommen zu können? Aber das größte Übel ist das Smartphone. Und der damit verbundene Zwang, dass völlig fremde Menschen einen ständig um ein Selfie bitten. Die bauen sich vor einem auf und sagen dann so was wie: "Hearst, bist du net der Stermann von Grissemann und Grissemann?“ Und wenn man sich auf diese idiotischen Fragen dann nicht einlässt, wird man sofort als arroganter Vollkoffer beschimpft.
Stermann: Ich fahre ja im Gegensatz zu Grissemann noch U-Bahn. Unlängst kam einer auf mich mit den Worten "G’schissenes ORF-Oarschloch“ zu und wollte gleich darauf ein Foto mit mir machen. Das ging so dahin und zwar in der Endlosschleife: "Gschissener … hearst, a Foto … g’schissenes Oarschloch, mach ma bitte ein Foto! … Bitte Foto, Oarschloch deppertes, geh komm, a Foto, sei net so, du Oarschloch."

profil: Apropos Foto: War das hier eben für unseren Fotografen der erste Kuss, den ihr euch je gegeben habt?
Stermann: Ich fürchte, ja.
Grissemann: Ich habe bitte schon einmal einen Mann geküsst, und zwar Gery Keszler.
Stermann: Na hoffentlich hast du dir da nicht das Tanzvirus geholt.