Die 10 größten Erziehungs-Irrtümer:
Zwischen Disziplin und Laisser-faire

Noch nie waren Eltern so verunsichert, Lehrer so frustriert und Kinder so „schwierig“ wie heute. Wird gelungene Erziehung zur Glückssache? profil analysiert die zehn größten Erziehungsirrtümer.

Die Gleichung ist eigentlich ganz einfach, sie lautet: Der kleine Simon hat am Nachmittag eine Stunde geschlafen, also kann sich Marina Wandaller ihren Hauptabendfilm in die Haare schmieren. Simon wird wieder bis in die Nacht schreien, er ist ein lebhaftes Kind. Seine Mutter befürchtet, dass Simon nicht nur lebhaft, sondern krank ist: Schon ihre Töchter Dunja und Ronja leiden an ADHS, volksmündlich: Zappelphilipp-Syndrom. Weil Simon erst zehn Monate alt ist, kann noch keine Diagnose gestellt werden, Marina Wandaller kann ihre Sorgen aber nicht ganz verbergen, ihre Sorge vor „Action, Action, Action“, ihre Sorge vor „Mama hier, Mama da, Kasterl einräumen, Kasterl ausräumen, Kasterl wieder einräumen, rund um die Uhr“. Marina Wandaller schläft nicht viel, aber ihre Überzeugung ist größer als ihre Augenringe: „Kinder zu erziehen ist auch sonst nicht so einfach. Bei uns herrschen halt verschärfte Bedingungen.“

Verschärfte Bedingungen , die schön langsam den Normalfall darstellen. Noch nie waren Eltern so verunsichert, Lehrer so frustriert und Kinder so „schwierig“ wie heute. Ein Drittel aller Schüler, so Mathilde Zeman, Leiterin des schulpsychologischen Diensts der Stadt Wien, fällt in irgendeiner Form problematisch auf, fünf bis zehn Prozent brauchen psychologische Beratung. Bis zu vier Prozent aller Kinder leiden an ADHS, ein Viertel der Mädchen entwickelt eine Essstörung. Jeder fünfte Schüler unter 14 braucht Nachhilfe, in der AHS-Unterstufe sind es fast 30 Prozent. Trotzdem werden auch heuer wieder 42.000 – also beinahe vier Prozent der 1,15 Millionen – Schüler in Österreich sitzen bleiben. Gleichzeitig suchen beunruhigte Eltern ihr Heil bei Erziehungsratgebern wie Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ oder Michael Winterhoffs „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, die pädagogische Fragen zunehmend autoritär beantworten und damit (parallel zum Erfolg der reschen TV-Supernannies) die Bestsellerlisten erobert haben.

Der deutsche Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann erklärt sich die Probleme mit einer tiefreichenden Verunsicherung: „Die modernen Eltern sind in Erziehungsfragen unsicherer, als es je eine Generation vorher war. Sie wissen unheimlich viel, und sie wissen nichts. “ Elternschaft ist auch deshalb so schwierig, weil sie, als eigener Lebensabschnitt, so neu ist. Noch vor hundert Jahren lebten in einer Familie fünf Kinder. Wer erwachsen war, war selbstverständlich auch Mutter oder Vater. Doch im Lauf der Jahrzehnte sanken die Geburtenzahlen, Familien wurden immer später gegründet. Elternschaft avancierte damit zu etwas Besonderem, zu einem eigenen Lebensabschnitt, der an intuitiver Selbstverständlichkeit verlor. Eltern wurden zu einem potenziellen Störfaktor in der Kindererziehung, den es zu beraten und zu betreuen gilt. Im diffusen Feld zwischen ultraliberalem Laisser-faire und rohrstockgestützter Steinzeitpädagogik haben sich in den letzten Jahrzehnten etliche Missverständnisse verfestigt, die das Problem noch weiter verschärfen. profil hat die prekärsten dieser Irrtümer abgeklopft.

1) Kinder kann man nicht genug lieben
Nun, es kommt auf die Art der Liebe an. Die frühkindlichen Bindungsstörungen, die Kinderpsychologen für viele spätere Entwicklungsprobleme und Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich machen, werden nicht nur durch mangelnde Liebe ausgelöst. Dass Eltern heute liebe- und verständnisvoller mit ihren Kindern umgehen als noch vor zwei, drei Generationen, stellt zweifellos einen bedeutenden Fortschritt dar. Nur führen manche überharmonische Familienkonstellationen auch zu übersteigerten Harmonie- und Glückseligkeitserwartungen, die im Konflikt mit der realen Welt – die nun einmal nicht immer nur harmonisch und glückselig ist – schwerwiegende Probleme erzeugen können: „Diese Eltern-Kind-Beziehungen erschöpfen sich in sich selbst und werden häufig auch narzisstisch besetzt“, erklärt der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann. „Die Anerkennung und Sicherheit, die sie in ihrem beruflichen Umfeld nicht mehr bekommen, holen sich die Eltern von ihren Kindern. Darüber hinaus hat das Kind nach außen hin zu signalisieren, wie toll es in der Familie läuft. Wenn der Kleine sich aber mal danebenbenimmt oder schlechte Noten nach Hause bringt, ist Mama plötzlich persönlich gekränkt, und Papa zieht sich schmollend zurück. Und dann ist das Kind plötzlich ganz allein.“

2) Unruhige Kinder sind krank
Noch vor zehn Jahren war das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) in Österreich weitgehend unbekannt. Unruhige Kinder waren unruhige Kinder, schlechte Schüler waren schlechte Schüler. Inzwischen scheint ADHS – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – auf dem besten Weg zur Volkskrankheit zu sein. Unruhige Kinder haben ADHS, schlechte Schüler wahrscheinlich auch, und alle brauchen Ritalin. Tatsächlich sind rund vier Prozent der Bevölkerung betroffen, darunter keineswegs nur die sprichwörtlichen Zappelphilippe. Hyperaktivität und mangelnde Impulskontrolle sind nur zwei Symptome des komplexen Syndroms, das sich auch – vor allem bei Mädchen – in Unkonzentriertheit und „Träumerei“ äußern kann und meistens nicht allein kommt: Bis zu 70 Prozent der ADHS-Kinder leiden auch unter Teilleistungsschwächen (Legasthenie, Rechenschwäche), einige auch unter Schlafstörungen, Ticks und Depressionen.

Als wesentliche Ursache wurde eine vererbbare Störung im Gehirnstoffwechsel identifiziert, aber auch hier herrscht eine gewisse Unschärfe: Selbst Neurobiologen gehen davon aus, dass die Genetik nur die Voraussetzungen schafft, die weitere Entwicklung der Krankheit aber von anderen Faktoren abhängt. Der deutsche Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann betont vor allem die Auswirkungen frühkindlicher Bindungsdefizite: „Weil diesen Kindern die Verlässlichkeit der Bindung zu den Eltern fehlt, können sie die Welt nicht ordentlich erkunden.“ Die Welt als etwas anderes, Äußeres, mit Regeln und Systemen, die den eigenen Wünschen unter Umständen widerstreben, wird nicht als solche erfahren; die Kinder verharren in einem egozentrierten und unstrukturierten Weltbild: „ADHS hat immer auch ein autistisches Moment: eine Selbstbezogenheit, ein Rotieren um ein Selbst, das völlig leer ist.“
Darum wenden Psychiatriekritiker auch gern ein, dass man ADHS-Kinder nicht mit Psychopharmaka wie Ritalin oder Concerta „ruhigstellen“ dürfe, deren Nebenwirkungen obendrein von Appetitverlust und Schlafstörungen bis zur Depression reichen. Betroffene sehen das etwas differenzierter. Anne Tischlinger, Sprecherin des Selbsthilfevereins Adapt, beschreibt einen nicht untypischen Fall: „Wenn ein Kind mit acht Jahren schon von drei Schulen geflogen ist und die Eltern einfach keinen leistbaren Therapieplatz finden, kann die Medikamentengabe die letzte Rettung sein. Natürlich ist das Medikament allein nie die Antwort, aber es mangelt in Österreich einfach an Therapieplätzen, die sich auch eine ­Alleinerzieherin leisten kann.“

3) Mädchen tun sich schwer mit Mathematik
Irgendetwas passiert mit Mädchen nach ihrem zehnten Geburtstag, das sich mit ihren Rechenfähigkeiten überhaupt nicht verträgt: Am Ende der Volksschule zeigen Leistungstests keine geschlechtsspezifischen Unterschiede im Fach Rechnen, fünf Jahre später, Rechnen heißt mittlerweile Mathematik, sind die Differenzen nicht zu übersehen: Bei den PISA-Tests schneiden Burschen im OECD-Durchschnitt um elf Punkte, in Österreich sogar um 23 Punkte besser ab. Bewirken zwei X-Chromosomen schlechtere Rechenleistungen? Keineswegs. Physiologisch unterscheidet sich das männliche nicht vom weiblichen Gehirn. Der Leistungsunterschied wird künstlich fabriziert: durch Vorurteile. Weil Mathematik seit jeher als Bubenfach gilt, erwarten Lehrer weniger von Mädchen und fördern sie dementsprechend weniger. Klinische Studien zeigen aber, dass auch die Mädchen selbst ihren eigenen Stereotypen erliegen – und in Mathematik quasi „freiwillig“ nicht ihr ganzes Potenzial ausschöpfen. Umgekehrt gelten seit einigen Jahren vor allem Buben als bildungspolitische Problemkinder: Weil sie im – personell weiblich dominierten – Schulsystem immer weniger adäquate Rollenvorbilder vorfinden, sinkt ihre Leistungsmotivation, während Verhaltensauffälligkeiten zunehmen. Deshalb plädiert der Bildungsforscher Ken Robinson für eine 50-Prozent-Quote an männlichem Lehrpersonal.

4) Kinder wollen gleichberechtigt sein
Moderne Elternschaft, das heißt auch: Eltern sind keine Eltern mehr, sondern Partner und Coaches ihrer Kinder, die Konflikte möglichst umgehen, mit ihren Kindern über alles diskutieren und auch sonst nur das Beste für die Kleinen wollen. Zwischen Verhätschelung und Überförderung liegt dabei nur ein schmaler Grat, der vieles sein mag, aber gewiss nicht kindgerecht. „Diese viele Rederei und Begründerei geht vor allem kleinen Jungen unendlich auf den Keks“, meint der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann. „Kinder wollen nicht gleichberechtigt sein. Kinder wollen beschützt werden. Dafür müssen Mama und Papa viel größer und stärker sein als das Kind, sonst fühlt es sich eben nicht beschützt.“ Auch die Wiener Schulpsychologin Mathilde Zeman ortet ein Problem: „Kinder suchen Grenzen, finden sie aber nicht. Nach der autoritären Erziehung und der antiautoritären Welle versuchen heutige Eltern – oft selbst antiautoritär aufgezogen – wieder Werte und Normen zu vermitteln, wissen aber nicht, wie sie Grenzen setzen sollen. Diese Verunsicherung überträgt sich auf die Kinder, die sich dann später in Cliquen oder Gruppen organisieren, in denen endlich einer sagt, wo’s langgeht.“ Die Beliebtheit autoritärer Politiker bei Jugendlichen speist sich auch aus dieser Sehnsucht nach Eindeutigkeit.
„Grenzen setzen“ darf allerdings nicht als Rückkehr zu autoritärem Gebrüll missverstanden werden: Primär geht es darum, dass sich die Eltern ihrer eigenen Grenzen bewusst werden und diese konsequent einhalten. Denn nichts wirkt verstörender auf das Kind, als wenn ihm die Eltern aus falsch verstandener Liebe alles durchgehen lassen, ihren Frust runterschlucken – und dann bei der geringsten Kleinigkeit explodieren.

5) Legasthenie ist heilbar
Von der Lese- und Rechtschreibschwäche sind in Österreich Schätzungen zufolge vier bis acht Prozent aller schulpflichtigen Kinder betroffen. Gänzlich ist der Defekt, der genetisch bedingt, aber auch laut neuen Erkenntnissen durch problematische Schwangerschaften ausgelöst werden kann, „nicht behebbar, aber man kann durch gezieltes Training erhebliche Verbesserungen erreichen“, so die Psychologin Eva Sebök vom Wiener Lese-Rechtschreib-Institut, das sich seit zehn Jahren die Therapie betroffener Kinder zur Aufgabe gemacht hat. Zwar würden in vielen Schulen schon Legasthenie-Förderstunden angeboten, doch die herrschende Ignoranz bezüglich der Schwäche mache noch vielen Kindern die Schule zur Hölle: „Sie werden beständig abgewertet und als faul und dumm stigmatisiert.“ Schließlich würden noch viele Lehrer unterrichten, in deren pädagogischer Ausbildung der Umgang mit Legasthenikern „überhaupt noch kein Thema war, wie sie selbst zugeben“. Sebök: „Erst heute hat mich ein verzweifelter Vater angerufen. Der Lehrer weigert sich, die Rechtschreibschwäche bei der Beurteilung des Kindes zu berücksichtigen.“ Um den Leidensweg von Schulkindern zu reduzieren, hilft ein Früherkennungsverfahren. Je früher mit dem Training begonnen wird, desto größer ist die Chance, das Problem zu reduzieren. Sollte ein Kind im Alter zwischen 4,5 und fünf Jahren häufig nach Worten suchen, an Schwierigkeiten beim Nachsprechen, der Silbenzerlegung oder der Zuordnung von Formen wie Kreis oder Rechteck leiden bzw. in der Familie bereits Legastheniefälle aufgetreten sein, wäre ein Test im Kindergarten oder einem auf Lernschwierigkeiten spezialisierten Institut anzuraten.

6) Computerspiele machen Kinder aggressiv und autistisch
Wer es sich einfach machen will, gibt die Schuld an steigender Jugendgewalt Computerspielen. Wer steigende Jugendgewalt tatsächlich erklären will, sollte noch einmal hinschauen. Und wird schnell erkennen, dass „Killerspiele“ keineswegs die Ursache, ja nicht einmal den Auslöser für steigende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen darstellen. Computerspiele sind in dieser Hinsicht, das haben zahlreiche Studien festgestellt, neutral: Wenn ein Problem auftritt, stammt es vom Spieler, nicht vom Spiel. Auch die gern zitierte These von der Vereinsamung des Computernerds hat sich als fehlerhaft erwiesen. Das Wiener Institut für Jugendkultur kam nach einer Untersuchung im Vorjahr zu der Einsicht, dass selbst fanatische Spieler über völlig normale Sozialkontakte verfügen: „Das gängige Klischee von sozial vereinsamten Computer-Kids findet in der empirischen Realität keine Entsprechung.“ Computerspiele können sogar den Schulalltag auf produktive Weise angenehmer machen: Ein von der Donau-Uni Krems im Schuljahr 2007/2008 durchgeführter Pilotversuch ergab, dass handelsübliche Computerspiele (also keine Lernsoftware) auch in der Schule gewinnbringend eingesetzt werden können – und zudem die soziale Kommunikation verstärken. Dass es aus pädagogischer Sicht nicht sonderlich zielführend ist, Kleinkinder ausschließlich per Spielkonsole ruhigzustellen, versteht sich aber auch von selbst. Als verträglichen Mittelwert empfehlen Psychologen einen täglichen Gaming-Konsum von eineinhalb Stunden – und die Einbindung des spielenden Kinds in die Restfamilie. Die Psychiaterin Gabriele Fischer schlägt vor, den Computer „zentral im Wohnbereich aufzustellen und das Kind eben dort ‚World of Warcraft‘ spielen zu lassen“.

7) Lob motiviert
Positive Verstärkung – also Lob – gilt als grundlegende pädagogische Fördermaßnahme. In den meisten Fällen stimmt das auch, manchmal kann Lob allerdings auch kontraproduktiv sein, wie erst kürzlich eine Studienreihe an der FU Berlin zeigte. Schüler, die für gute Leistungen gelobt und gleichzeitig darauf hingewiesen wurden, wie stolz der Lehrer auf sie sei, lernten anschließend weniger als ihre Klassenkameraden. Ähnlich erging es Mädchen, die für ihre besonderen Leistungen im „Bubenfach“ Physik gelobt wurden. Die Studienautoren folgerten, dass Lob nur dann etwas bringt, wenn es den – auch von den Jugendlichen selbst internalisierten – Stereotypen nicht widerspricht: Schüler wollen vom Lehrer autonom sein, Mädchen wollen nicht in Bubenfächern glänzen – und umgekehrt.

8) Immer mehr Kinder brauchen Psychopharmaka
Dass der Pillenkonsum für Kinder und Jugendliche drastisch steigt, ist ein gefährliches Faktum. Eine genaue Statistik für Österreich liegt nicht vor, doch laut einer deutschen Apothekerstudie (ABDA) geben drei von fünf Eltern ihren Kindern pro Monat mindestens ein Medikament; 43 Prozent der Eltern tun das, ohne einen Arzt zu konsultieren. Gabriele Fischer, Psychiaterin und Leiterin der Suchtambulanz am Wiener AKH, ortet besonders im Umgang mit Tranquilizern und angsthemmenden Substanzen einen fahrlässigen Umgang: „Diese Medikamente sind oft in jedem Haushalt vorrätig und werden Kindern von ihren Eltern immer häufiger gegen Schularbeitsstress und Prüfungsangst verabreicht. Diese Form des Missbrauchs kann zur Abhängigkeit führen.“ Auch der unkontrollierte Konsum von Ritalin und substanzverwandten Medikamenten kann zur Sucht führen. Fischer: „Für ADHS-betroffene Kinder ist diese Medikation, in der richtigen Dosierung wohlgemerkt, extrem lebensverbessernd. Jedoch tritt das Phänomen des ,Ritalin-Cocktails‘ in der Oberstufe zunehmend auf: Jugendliche nehmen diese Medikamente in Kombination mit Alkohol wegen seiner aufputschenden Wirkung ein.“ Dazu kommt ein strukturelles Problem: „Die klassische Testperson für die Zulassung eines Medikaments ist ein Mann von 1,80 Meter und 80 Kilo“, so Fischer, „nur entsprechen Kinder und Jugendliche körperlich nicht kleinen Erwachsenen; sie haben eine ganz andere Fettverteilung und Hormonkonstellation, deswegen sind die Testergebnisse für sie nicht relevant.“ EU-Schätzungen zufolge werden vier von fünf Medikamenten nicht auf ihre Nebenwirkungen für Jugendliche untersucht. Besonders der Konsum von Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen, der in den USA bei unter Fünfjährigen laut einer Studie 2004 um 50 Prozent angestiegen ist, wird in der Fachwelt heftig diskutiert. Denn immer häufiger wurden in der Altersgruppe bis zum 14. Lebensjahr Selbstmorde und Suizidversuche konstatiert, die möglicherweise in direktem Zusammenhang mit der Einnahme der „Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“ stehen. Fischer rät bei psychischen Problemen zu einem „nicht medikamentösen, therapeutischen Zugang, der im Idealfall in Zusammenarbeit mit den involvierten Pädagogen getätigt werden sollte“.

9) Kinder müssen so früh wie möglich gefördert werden
"Baby’s Best Start“ nennt das Sprachinstitut Helen Doron einen seiner Englisch-Einsteigerlehrgänge. Zielgruppe: Babys zwischen drei und 18 Monaten. „In diesem Kurs geht es um das Eintauchen in die englische Sprache“, heißt es im Prospekt; die eigentliche Botschaft an die Eltern wird zwar nicht ausformuliert, dürfte aber trotzdem ankommen: Kinder können nicht früh genug gefördert werden. Eine Ansicht, die durch die empirische Lernforschung wissenschaftlich bestätigt scheint: In den ersten Lebensjahren, wenn sich die Synapsen vernetzen und das Gehirn an Komplexität gewinnt, sind Kinder für Lerninhalte am empfänglichsten. Kann es also etwas schaden, den angehenden Betriebswirt schon als Dreijährigen mit Russischvokabeln zu beschallen? Ja, kann es. Denn die Erkenntnisse der Lernforschung gehen über die zitierte Einsicht doch ein Stück hinaus. So weist etwa der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther darauf hin, dass die Ausbildung eines komplex vernetzten Gehirns vor allem von der Qualität der Bindung zu den Eltern abhänge, also letztlich von Gefühlen der Sicherheit und Geborgenheit. Kindliches Lernen ist immer emotional besetzt, der Leistungskurs Babyenglisch also unter Umständen auch kontraproduktiv. Der Bildungsforscher Ken Robinson (siehe Interview) warnt davor, kindliche Aktivitäten nur nach ­ihren potenziellen Förderaspekten zu beurteilen: „Kinder brauchen Freiräume und Auszeiten, keinen Terminplan.“ Der Psychiater und Lernforscher Manfred Spitzer sieht das ganz ähnlich: „Vom Erwerb der Muttersprache abgesehen sind die Hinweise für sensible Perioden für den Menschen dünn gesät. Hans kann noch vieles lernen, was Hänschen nicht gelernt hat.“ Der US-Neurobiologe Steven Petersen beschreibt das Grundprinzip gelungener Frühförderung so: „Ziehen Sie Ihr Kind nicht in einem Schrank auf, lassen Sie es nicht verhungern, und schlagen Sie ihm nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf.“

10) Trennungskinder haben die schlechteren Karten
In Österreich versuchen rund 300.000 ­allein erziehende Mütter den Spagat ­zwischen Kindererziehung und Job zu bewältigen. Zahlreiche Forschungsprojekte an US-Universitäten belegen, dass Kinder von Soloeltern an sich keine negativen Konsequenzen für ihre Entwicklungen zu tragen haben. In den Bereichen Eigenverantwortung und Flexibilität würden sie sogar häufig höhere Fähigkeiten an den Tag legen. Kinder, die ständig dem Stress einer kaputten Elternbeziehung ausgesetzt sind, sind gefährdeter für psychische Störungen als Trennungskinder, wo „Eltern einen klaren Schnitt gesetzt haben und die Modalitäten im Vorfeld der Scheidung klar ausverhandelt haben“, so die Wiener Scheidungsanwältin Andrea Wukovits. Kinderpsychologen sind sich einig: Egal, in welchem Ausmaß ein Besuchsrecht vereinbart wurde, wichtig ist dabei eine klare Strukturierung und Regelmäßigkeit – Spontaneität und wechselnde Modalitäten seitens des Vaters sind in diesem Fall nicht kindgerecht. Das Fehlen jeglicher männlicher Bezugsperson wirkt sich auf beide Geschlechter negativ aus. Die Absenz des Vaters erweist sich im späteren Beziehungsleben der Kinder als „schwere Hypothek“, so die deutsche Psychotherapeutin Julia Onken. Verlassene Töchter leiden in der Regel „an einem Phantomschmerz“; der frühe Mangel an Wertschätzung wird auf den Partner übertragen, der „diesen Frauen ständig bestätigen muss, dass sie die Schönsten und Besten sind“. Die Buben, denen der Vater abhandengekommen ist, verfallen später entweder einem übertriebenen Männlichkeitswahn oder ­leiden an der Unfähigkeit, eine männliche Identität zu entwickeln. Die Etablierung eines Netzwerks von männlichen Bezugspersonen „aus der ­Verwandtschaft und dem Freundeskreis“ wäre bei der völligen Absenz des Vaters ­ratsam, so Onken.