Die braunen Flecken des Aufdeckermagazins "Der Spiegel"

"Der Spiegel“ konfrontiert Deutschland seit mehr als 60 Jahren mit dessen dunkler Vergangenheit. Von den braunen Flecken in der eigenen Geschichte will das Nachrichtenmagazin aber nichts wissen.

Von Andreas Förster

Dass der deutsche Bundesnachrichtendienst BND nun endlich die Zusammenarbeit mit Nazi-Tätern und Kriegsverbrechern in seinen Anfangsjahren von einem Historikerkollektiv aufarbeiten lässt, findet auch der "Spiegel“ gut. Denn, so schrieb das deutsche Nachrichtenmagazin in einem Artikel vor einigen Wochen, die früheren Behauptungen des Dienstes, man habe von der NS-Verstrickung vieler einstiger Mitarbeiter keine Ahnung gehabt, seien Ausreden. "Wenn es Unwissenheit gab, dann nur, weil man nicht wissen wollte.“ So richtig Bescheid wissen will aber auch der "Spiegel“ selbst nicht darüber, wie eng das eigene Magazin in seinen Anfangsjahren mit Nazi-Tätern kooperierte.

In dem nun im Salzburger Ecowin-Verlag erschienenen Buch "Enttarnt“ von Peter Ferdinand Koch lässt sich etwa nachlesen, dass die Redaktion in den fünfziger Jahren ehemalige SS-Offiziere an prominenter Stelle beschäftigte oder sie als Informanten und Auslandskorrespondenten nutzte. Der "Spiegel“ hat solche Vorwürfe, die nicht neu sind, immer wieder an sich abprallen lassen.

Tatsächlich hat das in seinem 64. Erscheinungsjahr stehende Flaggschiff des deutschsprachigen investigativen Journalismus auf einem Gebiet bis heute versagt - der kritischen Selbstreflexion. Über Jahrzehnte hinweg hat sich das Magazin zwar mit zahllosen Enthüllungsgeschichten über Korruption und Politaffären, mit unzähligen Hintergrundberichten und Analysen über politische Zusammenhänge weltweit einen führenden Platz unter den internationalen Nachrichtenmagazinen erkämpft. Immer wieder veröffentlichte das Magazin, das sich selbst einmal als ein "antifaschistisches Geschütz von Anbeginn“ bezeichnete, auch Artikel über den Nazi-Staat und die deutschen Verbrechen während des Weltkriegs sowie über die Karrieren einstiger NS-Täter in der Bundesrepublik. Nur die Karrieren, die einige dieser braunen Täter in der Redaktion des "Spiegel“ machten, bleiben bis heute ausgespart.

In Peter Ferdinand Kochs Buch "Enttarnt“ hingegen nicht. Das Buch, in dem es um Geheimdienste, Doppelagenten und die Lebensläufe ehemaliger Nazis im Nachkriegs-Deutschland geht, widmet sich in einem Kapitel dem "Spiegel“, zu dem Autor Koch ein besonderes Verhältnis hat: Der Geheimdienstspezialist arbeitete selbst jahrelang für das Magazin. Koch nennt in seinem Buch eine Reihe von früheren NS-Tätern, mit denen der "Spiegel“ in seinen Anfangsjahren kooperierte.

Als Informant agierte demnach etwa SS-Brigadeführer Franz Alfred Six, in Reinhard Heydrichs Sicherheitsdienst (SD) für "Propagandaaktionen zur Judenfrage“ zuständig und Mitglied eines "SD-Vorauskommandos Moskau“, dem die Ermordung von mindestens 46 Russen in Smolensk zugeschrieben wird, darunter 38 jüdische Akademiker. Six habe - so schreibt Koch - seine einstigen Weggefährten Horst Mahnke und Georg Wolff dem "Spiegel“ zugeführt. Obwohl der Nürnberger Militärgerichtshof den SD 1946 als "verbrecherische Organisation“ eingestuft hatte, machten die beiden SD-Mitarbeiter Karriere in dem Magazin.

SS-Hauptsturmführer Mahnke
- im Reichssicherheitshauptamt für die Verteilung der vertraulichen "Informationsberichte zur Judenfrage“ zuständig und später wie Six Mitglied des mörderischen "Vorauskommandos“ - stieg im "Spiegel“ zum Ressortchef Internationales/Panorama auf.

Georg Wolff, als SS-Hauptsturmführer im April 1940 mit dem SD-Einsatzkommando in Norwegen einmarschiert und dort als Referatsleiter in der SD-Abteilung III für die Beobachtung der Widerstandsgruppen zuständig, brachte es im "Spiegel“ sogar zum Auslandschef und stellvertretenden Chefredakteur des Magazins. Dabei arbeitete er mit dem Südamerika-Korrespondenten des "Spiegel“, dem einstigen Goebbels-Adjutanten Wilfred von Oven, zusammen, der nach Kriegsende in Deutschland auf Neonazi-Kundgebungen als Redner auftauchte.

Ein weiterer Goebbels-Vertrauter
, SS-Sturmbannführer und angeblich die Nummer drei im Reichspropagandaministerium, Erich Fischer, wurde Werbeleiter im Düsseldorfer "Spiegel“-Büro.

Kochs Buch ist nicht die erste Veröffentlichung über die NS-Vergangenheit früherer "Spiegel“-Mitarbeiter. Insbesondere der Hochschullehrer, Publizist und langjährige Chef des Grimme-Instituts, Lutz Hachmeister, hat sich in den vergangenen 15 Jahren mit der Analyse des braunen Kameradschaftsgeflechts im frühen "Spiegel“ hervorgetan - freilich ohne nennenswerte Reaktion des Hamburger Magazins, das die (übrigens von erstaunlich wenigen Medien aufgegriffenen) Vorwürfe stoisch aussaß.

So schreibt Hachmeister in seinem 2002 erschienenen Buch "Die Herren Journalisten“ von einem Geflecht aus NS-Kumpanei, der Sicherung von Insider-Informationen und dem auflagesteigernden Nazi-Thema in den Anfangsjahren. "Die Einladung zur Mitarbeit an SD-Führer und NS-Propagandisten durch das Redaktionsmanagement des frühen ‚Spiegels‘“ hatte aus Hachmeisters Sicht "nichts Zufälliges“. Augstein und ("Spiegel“-Verlagsdirektor) Becker "kalkulierten vielmehr kühl den Wert von Insiderkenntnissen für die Bearbeitung des deutschen Themenkomplexes schlechthin - den Aufstieg und Fall des NS-Regimes“.

Buchautor Koch fällt ein noch härteres Urteil. Er wirft "Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein vor, mithilfe von SS-Prätorianern in den vierziger und fünfziger Jahren den Aufstieg des Magazins und seiner Person "zur journalistischen Lichtgestalt“ betrieben zu haben. Eine "beschönigende Vergangenheitsbewältigung und die öffentliche Rehabilitierung“ ausgewählter SS-Größen seien der Preis dafür gewesen.

Tatsächlich lässt sich in mehreren Artikeln der "Spiegel“-Anfangsjahre die Handschrift der einstigen Täter erkennen. So etwa in der von Bernhard Wehner, SS-Hauptsturmführer und früherer Kriminalrat im Reichssicherheitshauptamt, ausgearbeiteten 30-teiligen Serie über die Kriminalpolizei im Dritten Reich. Wehner stellte die Kripo-Leute im NS-Staat als überwiegend anständig und sauber dar, "die im Gegensatz zur Gestapo unpolitisch“ agiert hätten. Die Verbrechen der Polizei-Einsatzgruppen blieben unerwähnt. Dafür ließ "Spiegel“-Chef Augstein in Wehners Text selbst solche Sätze über das Hitler-Attentat vom 20. Juni 1944 stehen: "Der einzige Revolutionär unter den Putschisten, der Graf Stauffenberg, war bei allen menschlichen und geistigen Qualitäten ein politischer Wirrkopf. Wäre dieser eindrucksvolle Organisator zum Zuge gekommen, ständen die Russen heute nicht an der Elbe, sondern mindestens am Rhein.“

Auch in einer anderen "Spiegel“-Serie, jener über den Reichstagsbrand von 1933, ließ sich die Handschrift der alten Kameraden herauslesen. Die 1959/60 erschienene Artikelfolge ging vom Einzeltäter van der Lubbe aus und sprach - erstmals in der deutschen Nachkriegspresse - die Nationalsozialisten von jeder Verstrickung in den Anschlag frei. An der Serie hatten entsprechende "Experten“ als Berater mitgewirkt: der ehemalige Pressechef von NS-Außenminister Ribbentrop etwa, SS-Obersturmbannführer Paul Karl Schmidt, und Walter Zirpins, der seinerzeit als Kriminalkommissar zu der von Göring eingesetzten Brandkommission gehörte und später als SS-Obersturmbannführer im Ghetto von Lodz mit dem Raub von Gold und Wertsachen beauftragt war.

Eine von den ehemaligen SS-Leuten Mahnke und Wolff konzipierte "Spiegel“-Serie über Kaffeeschmugglerbanden war so massiv von antisemitischen Untertönen durchzogen, dass das Magazin im Sommer 1950 vor Gericht eine Erklärung abgeben musste, wonach man nicht zum Ausdruck bringen wollte, "dass vornehmlich Menschen jüdischen Glaubens an dem Kaffeeschmuggel beteiligt sind“. Am 3. August zog Augstein im "Spiegel“ dennoch über den gegnerischen Rechtsanwalt Klibansky als "Anwalt der bayerischen Judenheit“ her.

In einem unter tatkräftiger Mithilfe von Nazi-Informanten entstandenen Artikel denunzierte das Magazin 1949 den früheren SS-Untersturmführer Walter Hirschfeld, der nach Kriegsende für den US-Armeegeheimdienst CIC Aufenthaltsorte untergetauchter SS-Chargen auskundschaftete. Unter der Überschrift "Merkt euch den Namen Hirschfeld“ wurden Anschrift, Telefonnummer und Autokennzeichen des Agent Provocateur des US-Nachrichtendienstes veröffentlicht. Ein typisches Beispiel dafür, dass das Nachrichtenmagazin - wie Hachmeister schreibt - seinerzeit den SD-Leuten als "Relaisstation für neue Orientierungen im demokratischen Staat“ diente.

Der "Spiegel“ erklärt auf Anfrage zu den Personalien, "aus heutiger Sicht würde man sicher einige Dinge anders handhaben und beurteilen“. Auch seien einige Artikel aus der Frühzeit des Magazins inzwischen eher kritisch zu sehen. Eine "Strategie der beschönigenden Vergangenheitsbewältigung“ sei für die Redaktion jedoch nicht erkennbar.

Mit solchen Stellungnahmen allein aber lassen sich die Fragen kritischer Publizisten, Historiker und Medienwissenschafter nicht einfach wegschieben. Der "Spiegel“, der bei anderen Personen, Verlagen und Institutionen ebenso lobenswert wie hartnäckig Vergangenheitsaufklärung betreibt, muss verstehen, dass er mit der unreflektierten Pflege der eigenen Legende seine Glaubwürdigkeit untergräbt. Das Magazin sollte sich daher an dem von ihm so gelobten Bundesnachrichtendienst BND ein Beispiel nehmen und unabhängige Wissenschafter mit einer Untersuchung seiner Anfangsjahre beauftragen.