"Die wichtigste Ursache für den Klimawandel"

Der US-Autor Jonathan Safran Foer beschreibt in seinem jüngsten Buch die Schrecken der industriellen Tierhaltung. Im Interview mit profil erklärt er, warum verantwortungsloser Fleischkonsum die Umwelt zerstört, der freie Markt die Rettung sein könnte und welch enorme Auswirkungen es hätte, wenn jeder Amerikaner auf eine Fleischmahlzeit pro Woche verzichtete.

Interview: Georges Desrues

profil: In Amerika ist Ihr Buch „Tiere essen“ ein Bestseller – und hat dort, wie es scheint, viele Menschen zum Vegetarismus bekehrt. War das Ihre Absicht?
Foer: Eigentlich nicht. Es freut mich natürlich, dass es so ist. In Wahrheit hatte ich aber zwei andere Absichten: einerseits für meine Familie und für mich eine persönliche Antwort auf die wichtige und komplizierte Frage zu finden, was wir eigentlich essen wollen. Andererseits ging es mir darum, die Diskussion über Fleischkonsum und industrielle Tierhaltung auszuweiten. Dabei wollte ich meine Leser nicht dazu überreden, weniger Fleisch zu essen, sondern sie einfach darauf hinweisen, dass es sich dabei um ein wichtiges Thema handelt. Was immer man über Fleischkonsum denkt: Die Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit sind ein sehr, sehr wichtiges Thema, das nach meiner Auffassung noch nicht ausreichend behandelt wurde.

profil: Sprechen Sie von Fleischkonsum generell oder von der industriellen Tierhaltung? Über Letztere wurden in den vergangenen Jahren gerade in den USA viele kritische Bücher geschrieben und Filme gedreht.
Foer: Das ist so ziemlich dasselbe. 99 Prozent der Nutztiere, mit denen wir in irgendeiner Form in Kontakt treten, wurden industriell gehalten.

profil: Ist unsere Art, mit Tieren umzugehen, nicht Symptom eines viel größeren Problems, das in der Entfremdung des Menschen von der Umwelt und der Natur im Allgemeinen wurzelt?
Foer: Das sehe ich genauso. Das Problem ist diese Idee, dass wir all das, was wir haben wollen, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Menge auch haben können und nicht einmal den angemessenen Preis dafür bezahlen müssen. Dafür ist die industrielle Tierhaltung wahrscheinlich das beste Beispiel. Es gibt aber sicherlich noch andere: unsere Abhängigkeit von Erdöl, die Zerstörung der Ozeane, die Abholzung der Wälder und so weiter.

profil: Wie erklären Sie sich, dass fast alle Menschen die industrielle Tierhaltung und das Fleisch, das daraus stammt, prinzipiell ablehnen – und trotzdem weiterhin essen?
Foer: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob wirklich alle gegen industrielle Tierhaltung sind. Zumindest in den USA wissen die meisten gar nicht, was das wirklich bedeutet. Auch ich wusste es nicht, bevor ich mit den Recherchen zu meinem Buch begonnen habe. Ich hatte zwar Vorahnungen; hätte man mich aber gefragt, was genau eine industrielle Tierfarm ist, hätte ich wahrscheinlich keine präzise Antwort geben können. Und sicher hätte ich mich auch verschätzt, wenn man mich gefragt hätte, wie hoch der Anteil industriell hergestellten Fleischs in Supermärkten und Restaurants ist. Ich wusste zwar, dass diese Art der Tierhaltung schlecht für die Umwelt ist. Ich wusste allerdings nicht, dass Tierzucht die wichtigste Ursache für den Klimawandel ist. Und dass sie – laut UN – an zweiter oder dritter Stelle aller Ursachen für jedes einzelne nennenswerte Umweltproblem auf der Welt liegt. Ich wusste nichts von Schweine- und Hühnergrippe, nichts von Antibiotika und nichts darüber, unter welchen Bedingungen die Tiere wirklich leben.

profil: Das haben Sie alles erst durch die Arbeit an Ihrem Buch erfahren?
Foer: Ja. Obwohl ich ein ziemlich gut informierter Mensch bin. Ich lese Zeitung und sehe Nachrichtensendungen und Dokumentationen. Trotzdem wusste ich nur, dass industrielle Tierhaltung irgendwie etwas Schlechtes ist.

profil: Dann muss das ja ein echter Schock gewesen sein.
Foer: Durchaus. Die Konfrontation mit der Realität war für mich eine echte Offenbarung. Nicht nur die reinen Fakten, sondern auch die Erfahrung, diese Dinge mit eigenen Augen zu sehen, hat mich nachhaltig verändert. Wir haben uns viel zu sehr damit abgefunden, dass es nur zwei Antworten gibt: Entweder man engagiert sich voll und ist ganz dagegen, oder es interessiert einen überhaupt nicht. Entweder man ist Vegetarier – oder man ist es nicht. Tatsächlich aber gibt es ein unglaublich breites Spektrum an Zwischenlösungen, die man wählen könnte. Würden die Amerikaner zum Beispiel auf nur eine einzige Fleischmahlzeit pro Woche verzichten, hätte das für die Umwelt den gleichen Effekt, wie wenn fünf Millionen Autos weniger unterwegs wären. Das ist eine sehr aussagekräftige Statistik.

profil: Also müssen wir nicht alle Vegetarier werden?
Foer: Nicht unbedingt. Ich verstehe durchaus, dass es viele Leute gibt, die sich denken: Industrielle Tierhaltung ist schlecht – aber ich mag Fleisch und will nicht darauf verzichten. Auch ich mag Fleisch. Und auch mir fällt es nicht leicht, darauf zu verzichten. Ich mag, wie es schmeckt. Und ich mag seinen sozialen Charakter. Dass man es gemeinsam mit der Familie und zu festlichen Anlässen isst, zum Beispiel. Ich habe durchaus Respekt vor Leuten, die auf Fleisch nicht gänzlich verzichten wollen und keine Vegetarier werden. Was ich nicht respektieren kann, ist, dass jemand nicht dazu bereit ist, auf eine einzige Fleischmahlzeit pro Woche zu verzichten. Das ergibt für mich keinen Sinn.

profil: Der Fleischkonsum nimmt in den westlichen Ländern leicht ab. In Schwellenländern wie Nigeria, China und Indien wächst er dagegen rapide. Ist es nicht ein wenig naiv – oder anmaßend – zu glauben, der gut informierte, belesene und bewusst handelnde Einzelne im Westen könne da etwas verändern?
Foer: Soviel ich weiß, steigt der Fleischkonsum auch im Westen. Zumindest in den USA ist das so. Zugleich aber wächst auch das Problembewusstsein. 20 Prozent der amerikanischen Studenten geben an, Vegetarier zu sein.

profil: Sie schreiben, dass Sie das als Student selbst von sich behauptet haben – allerdings nur, um „näher an die Brüste weiblicher Aktivisten zu kommen“.
Foer: Das stimmt. Wahrscheinlich sind die meisten der Studenten, die das behaupten, gar keine Vegetarier. Aber sie wollen sich als solche definieren. Das allein ist schon ein Fortschritt. Was sich sicher ändern wird, ist die Art, wie wir uns mit Fleisch auseinandersetzen. Ernährungsgewohnheiten und Gesetze werden sich ändern – und zwar weltweit. Das alles wird große Auswirkungen haben, zum Beispiel auf die Landwirtschaft: Amerika produziert und subventioniert viel zu viel Mais für die Herstellung von Tiernahrung. Dadurch kommt es billiger, Rinder in Futterplätzen zu mästen, als sie auf der Weide grasen zu lassen. Durch die Subventionen produzieren wir also ­einen Überschuss an Fleisch, das dann in die ganze Welt exportiert wird. Das wird sich alles ändern. Es wird dauern, es wird nicht leicht, aber es wird sich ändern.

profil: Worauf beruht Ihr Optimismus?
Foer: Darauf, dass unser derzeitiges System einfach viel zu wenig nachhaltig ist. Eine Menge Faktoren könnten der industriellen Tierhaltung ein Ende bereiten – zum Beispiel der Treibhauseffekt, die Erderwärmung oder die Schweinegrippe. Ich hoffe aber, dass wir uns aus freien Stücken dazu entscheiden, sie zu beenden. Das wäre weit weniger schmerzhaft.

profil: Nicht nur die großen Fast-Food-Ketten werden sich dagegen sträuben: Sie haben ein Interesse daran, dass in Schwellenländern und anderswo mehr Billigfleisch gegessen wird.
Foer: Stimmt. Darum sollten die Leute auch nicht zu McDonald’s, Kentucky Fried Chicken oder Burger King gehen. Diese Ketten darf man nicht unterstützen.

profil: Sie glauben, dass der freie Markt das Problem lösen wird?
Foer: Der freie Markt ist Teil der Lösung. Ich habe ein großes Vertrauen in die Macht unseres Konsumverhaltens. Es ist kein Zufall, dass Burger King und KFC Veggie Burger und Veggie Meals anbieten. Sie tun das nicht aus freien Stücken, sondern weil die Leute es verlangen. Heute können Sie in Amerika oder Deutschland in keinen Supermarkt mehr gehen, ohne dort Eier aus Bodenhaltung zu finden. Die werden nicht deswegen angeboten, weil den Unternehmen ein Herz für Hühner gewachsen ist, sondern weil die Menschen sie kaufen wollen. Natürlich gehört auch eine neue Gesetzgebung zu diesem Umdenkprozess. Die Europäische Union agiert hier relativ fortschrittlich. Die USA sind weit zurück, was Tierschutzgesetze und Umweltverordnungen betrifft.

profil: Deswegen scheint es oft so, als würden Sie in Ihrem Buch eine Situation beschreiben, wie sie großteils nur in den USA anzutreffen ist.
Foer: In der Einleitung zur deutschen Ausgabe erkläre ich, dass Deutschland wahrscheinlich das Land auf der Welt ist, das den USA in Fragen der Landwirtschaft am nächsten kommt. Wenn in Amerika 99 Prozent des Fleischs aus Fabriken stammen, sind es in Deutschland 98,5 Prozent. Die Techniken sind hier wie da exakt dieselben. Lediglich die Zahlen sind leicht unterschiedlich.

profil: In Österreich gibt es alpine Gegenden, in denen Tierhaltung die einzig mögliche Landwirtschaft ist und seit Jahrhunderten extensiv betrieben wird. Sollte man solche Formen der Landwirtschaft unterstützen?
Foer: Das ist natürlich eine viel sinnvollere Art der Landwirtschaft. Die Welt wäre eine bessere, wenn man alles darauf umstellte. Ich habe aber gehört, dass viele Menschen aus Ländern, die an Deutschland grenzen, dorthin fahren, um ihr Fleisch zu kaufen.

profil: Warum sollten sie das tun?
Foer: Weil es billiger ist. Erst gestern habe ich eine Schweizerin kennen gelernt, die mir erzählte, dass ihre Eltern ständig nach Deutschland fahren, um dort ihr Fleisch zu kaufen. Für mich wäre ein verantwortungsvoller Fleischesser jemand, der nicht jeden Tag Fleisch isst und das, was er isst, von kleinen Bauernhöfen bezieht. Bei der Menge, die wir konsumieren, ist das aber keine weltweit anwendbare Lösung.

profil: Sie schreiben, dass Sie nach der Geburt Ihres Sohnes zum Vegetarier wurden und aufgehört haben, Tiere zu essen. Also auch keinen Fisch?
Foer: Fische leiden mindestens so sehr wie Landtiere. Entweder werden sie auf viel zu geringem Platz gezüchtet – oder aber gnadenlos gejagt und auf bestialische Weise umgebracht. Von Nachhaltigkeit kann bei Fischkonsum keine Rede sein.

profil: Eier und Milchprodukte essen Sie aber nach wie vor. Und Sie geben sie auch Ihrem Sohn. Milchkühe und Legehennen fristen in Tierfabriken kein besseres Dasein als Schweine oder Kühe.
Foer: Es stimmt, dass für diese Tiere dasselbe Argument gilt. Praktisch gesehen ist es aber viel, viel schwieriger, auf Eier und Milchprodukte zu verzichten. Ich kenne die Situation in Österreich nicht. Aber in Amerika ist es ziemlich einfach, Vegetarier zu sein. Es ist keine gewaltige Entsagung. Die meisten Speisekarten in Amerika haben ein vegetarisches Angebot. Als Veganer zu leben kann hingegen extrem kompliziert sein.

profil: Aber bei den Gerichten im Restaurant wissen Sie ja dann auch nicht unbedingt, wo die Eier und die Milch herkommen. Wie halten Sie es da mit dem Einkauf?
Foer: Nahe unserer Wohnung in Brooklyn gibt es einen Bauernmarkt. Da bekommen Sie tonnenweise Informationen über die Bauernhöfe, über die Lebensbedingungen der Tiere und so weiter. Manche haben richtige Fotoalben. Ich kaufe nur da ein.

profil: Das könnte man doch aber mit Fisch und Fleisch genauso halten. Ist es das, was Sie unter einem verantwortungsbewussten Konsumenten verstehen?
Foer: Jeder sollte wissen, was einem wichtig ist. Ich hatte niemals einen objektiven Verhaltensstandard im Sinn. Mir ging es darum, dass man seine Werte mit den Produkten in Verbindung bringt, die man kauft und isst. Die Leute fragen mich oft, ob man denn überhaupt noch Fleisch essen könne, und wenn ja: welches. Darauf frage ich sie dann, was ihnen denn wichtig sei. Liegt ihnen die Umwelt am Herzen? Oder das Wohl der Tiere? Oder ihre eigene Gesundheit? Danach müssen sie dann entscheiden.