Frank Stronach will in der Politik mitmischen. Er wird scheitern

Magna-Gründer Frank Stronach will in der österreichischen Politik mitmischen. Er wird dabei grandios scheitern – aber das sagt ihm keiner, weil er einfach zu viel Geld hat. Wer beschützt eigentlich einen Milliardär vor sich selbst?

Es gibt nicht mehr viele Sternstunden im Fernsehen. Das Publikum ist abgestumpft und schwer zu packen. Grausamkeiten, Tabubrüche, Peinlichkeiten: Alles schon zigmal gesehen, alles nicht mehr richtig prickelnd.

Doch am Dienstag vergangener Woche lieferte die „ZiB 2“ einen jener selten gewordenen TV-Momente, die den Abend auf der Couch überdauern. „Hast du das gesehen?“ gehörte am nächsten Tag zu den häufigsten Fragen im Land. Frank Stro­nach, Konzerngründer und Milliardär, war als Interviewgast geladen. Und was der bald 80-Jährige live im Studio lieferte, gab es in einer österreichischen Nachrichtensendung tatsächlich noch nie zu bestaunen. Stronach startete mit einem wirren Sermon über Wut- und Mutbürger, den EMS (gemeint war der ESM) und die Unfähigkeit der Politiker. Minutenlang war Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher trotz tapferer Bemühungen nicht in der Lage, den erratischen Senior einzubremsen. Ihre Versuche, eine Frage zu stellen, quittierte Stronach mit den Worten: „Sie wollen streiten mit mir?“

Nicht geklärt wurde bei diesem in jeder Sekunde sehenswerten Auftritt die Frage, ob Stronach tatsächlich eine Partei gründen oder eine Neugründung wenigstens mit viel Geld unterstützen wird. Bis Herbst werde sich das entscheiden, sagte er.

Kathrin Nachbaur
, Stronachs Büroleiterin und Vizepräsidentin des „Frank Stronach Ins­tituts“, einer Art Think Tank, kann auf profil-Anfrage nun schon einen Schritt weiter gehen: „Es wird wahrscheinlich eine neue Partei geben, die bei der Nationalratswahl antreten wird“, erklärt sie. Die Person des Spitzenkandidaten sei zwar noch offen, aber es herrsche kein Mangel an geeigneten Persönlichkeiten: „In der Zwischenzeit sind viele gute Leute an uns herangetreten.“ Stro­nach selbst werde nicht kandidieren, sich aber auch nicht nur im Hintergrund halten. „Er wird einen Ehrenkodex einführen und sicherstellen, dass dieser eingehalten wird“, sagt Nachbaur. „Franks Einfluss, vor allem im Hinblick auf die Werte und Prinzipien, wird sicher sehr groß sein.“

Na bitte, geht doch. Damit weiß das Land nun ungefähr, worauf es sich einstellen kann.

Sollte es bei dieser Planung bleiben, wird der Nationalratswahlkampf 2013 auf jeden Fall unterhaltsam. Ein Stronach in Höchstform ist unter rein voyeuristischen Aspekten zweifellos lustiger als die doch schon etwas ausgelaugte Truppe der amtierenden Würdenträger. Aber Werner Fay­mann und Michael Spindelegger müssen sich nicht fürchten: Zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten wird der Newcomer nicht werden – ganz egal, wie viel Geld er in die Hand nimmt. Keine andere Branche deckt die Schwachstellen einer Person so gnadenlos auf wie die Spitzenpolitik. Frank Stronach kann bei diesem Experiment nur verlieren, der Mindesteinsatz ist seine Reputation als Unternehmer. Wäre er ein normaler Mensch, gäbe es Freunde, die ihn vor den Konsequenzen warnen. Aber wer schützt einen Milliardär vor sich selbst? Wer nimmt sich ein Herz und erklärt dem Tycoon, dass seine Fähigkeiten für die Politik wirklich nicht reichen, nicht einmal in Österreich?

Stronachs Agenda ist ein Sammelsurium persönlicher Steckenpferde und in sich nicht stimmig: Einerseits will er die Verwaltung des Staates verkleinern, die Schulden senken und das Steuersystem mittels Flat Tax vereinfachen. Das gefällt Neoliberalen wie zum Beispiel Barbara Kolm, Leiterin des österreichischen Hayek-Instituts. Sie brachte das Stronach-Institut mit einigen Universitäten in Kontakt, wo nun untersucht wird, ob die Ideen des Magna-Gründers wissenschaftlich haltbar sind. Eine positive Antwort erscheint möglich – die Studien werden schließlich vom Krösus gesponsert. „Frank Stronach ist eine großartige Unternehmerpersönlichkeit. Er hat viel geleistet, und er hat eine Vision“, sagt Kolm. Weniger anfreunden kann sie sich mit Stronachs ebenfalls geäußertem Wunsch, die Einkommenskluft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu verkleinern. Das sei aber kein Problem, sagt sie. „Ich muss ja nicht alles unterschreiben.“

Doch mit Wirtschaftspolitik allein ist es nicht getan.
Stronach träumt auch von mehr direkter Demokratie. Seine Idee: Nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Bürgervertreter dürfen im Parlament mitreden. „Wir sollten uns an einem über viele Jahre bewährten demokratischen System orientieren – dem Geschworenensystem“, notierte er vor Kurzem. Besonders in Rage bringt ihn dieser Tage der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM), der nach Stronachs Dafürhalten einen „Verrat an Österreich“ darstellt. Geht es nach ihm, sollte das Land schleunigst zum Schilling zurückkehren. Den Einwand, dass führende Ökonomen für diesen Fall ein Chaos vorhersagen, lässt er nicht gelten. Diese Experten hätten in ihrem ganzen Leben noch keinen Arbeitsplatz geschaffen, erklärte er in der „ZiB 2“. „Wir nennen das Bulls with­out Balls“, zu Deutsch: Stiere ohne Eier.

Seine Anliegen bewarb Stronach zuletzt in großformatigen Zeitungsinseraten. Anfang Mai kursierte außerdem ein achtseitiger A4-Folder des Stronach-Instituts, in dem sich erhellende Sätze wie dieser fanden: „Unglücklicherweise besteht die Regierung aus Politikern.“ Ab welchem Kontostand darf man einem Menschen eigentlich nicht mehr sagen, dass er Blödsinn redet?

Es ist Stronach zugutezuhalten, dass er ohne Eigennutz handelt. Er hat mehr Geld verdient, als er jemals ausgeben kann. Die von ihm geforderten Steuersenkungen würden ihm persönlich nichts mehr bringen. Stronach verwaltet und versteuert sein Vermögen – moralisch für einen angehenden Politiker nicht einwandfrei – in der Schweiz. Die Kontrolle über Magna gab er vor zwei Jahren ab und kassierte dafür eine Art Abfertigung von über einer Milliarde Dollar. Unternehmerischer Ehrgeiz muss ihn also auch nicht mehr befeuern. Dafür hat Stronach eine Mission: Er will beweisen, dass er alles besser weiß. Was bei Magna funktioniert hat, soll im ganzen Land funktionieren. Stronach ist überzeugt, dass ein Staat genauso geführt werden kann wie ein Unternehmen. Die Mühseligkeit demokratischer Entscheidungsprozesse kennt er nicht. Woher auch? Wenn er sich bei Magna etwas wünschte, wurde es prompt erledigt. Widerspruch hielt er schon immer wahlweise für Majestätsbeleidigung oder für den hiermit erbrachten Nachweis der Naivität des Gesprächspartners. Nun wird er bald 80 – und das Alter hat ihn, wie die meisten Menschen, nicht weiser, sondern starrsinniger gemacht. In der Politik würde er schon deshalb scheitern, weil er ihre Regeln nicht versteht.

Dennoch werden Stronachs Ambitionen derzeit auch von intelligenten Menschen mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit diskutiert. Welcher Partei wird er am meisten schaden, der ÖVP oder doch der FPÖ? Wer wird Spitzenkandidat, Ex-Magna-Europachef Sigi Wolf oder, man weiß ja nie, Arnold Schwarzenegger? Darf Peter Westenthaler mitmachen oder wenigstens BZÖ-Chef Josef Bucher? Der Politologe Peter Filzmaier erklärte auf „Kurier“-Anfrage, Stronach sei „stark polarisierend“ – aber für eine Kleinpartei wäre das gar nicht schlecht. Einen Vorschlag für die Auswahl des Spitzenkandidaten kann der Experte ebenfalls liefern: „Mit Hermann Maier würde Stronach besser fahren als mit Siegfried Wolf.“

Dabei genügt zur sinnvollen Einordnung des Projekts ein schlichtes Zitat aus einem der jüngeren Stronach-Interviews: „Wenn irgendetwas nicht funktioniert, dann soll man wissen, man hat Probleme. Wenn man nicht weiß, dass man Probleme hat, dann hat man wirklich Probleme.“ Tja.

Es ist annähernd 20 Jahre her, seit der gebürtige Steirer beschloss, in seiner alten Heimat wieder unternehmerisch tätig zu werden. Zu diesem Zeitpunkt galt Stro­nach bereits als Star unter den Auslandsösterreichern. Praktisch aus dem Nichts hatte er in Kanada einen der weltweit größten Autozulieferkonzerne, Magna International, aufgebaut. Wenn so einen Mann das Heimweh packt, ist das natürlich ein Glücksfall für den Standort.

Stronach errichtete eine Europazentrale in Oberwaltersdorf, ließ Fabriken bauen und hatte Pläne ohne Ende. Österreichs Politiker waren hingerissen und hofierten den Tycoon mit dem lustigen Akzent. Der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky holte ihn in sein Berater-Board und ließ sich gerne in der Gesellschaft des solventen Heimkehrers sehen. Der ehemalige SP-Verkehrsminister Rudolf Streicher kaufte aus lauter Begeisterung ein Appartement in Stronachs neu errichtetem Wohnpark Fontana, einem Villen-Ghetto in amerikanischer Zuckergussarchitektur. Die damalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic und ihr Wirtschaftslandesrat ­Herbert Paierl wurden nicht müde, Stronachs unternehmerisches Geschick und seine Qualitäten als Gesprächspartner zu preisen.

Dabei war es schon damals ziemlich schwierig, Stronachs beeindruckendes Lebenswerk mit seiner Person in Einklang zu bringen. Hier der florierende Weltkonzern, da der rechthaberische Onkeltyp mit den teilweise bizarren Ideen. Prozessio­nen von Journalisten pilgerten mit Notizblock und Aufnahmegerät nach Niederösterreich, um letztgültig herauszufinden, worin genau Stronachs Erfolgsgeheimnis bestand. Es waren angenehme Termine, der Boss konnte recht charmant sein, seine Entourage schnurrte vor Beflissenheit. Nur klüger wurde man nicht dabei. „Ich habe das Talent, das Beste aus mir selbst und aus meinen Mitarbeitern herauszuholen“, erklärte er etwa vor 14 Jahren in profil. „Ich war selbst Arbeiter, ich weiß also, was ein Arbeiter haben will.“

Kaum einem Besucher gelang es, ohne eine gründliche Unterweisung in der Stronach-Philosophie das Haus zu verlassen. Zu würdigen galt es etwa die „Magna Charta“, eine Mitarbeiterverfassung, in der von gegenseitiger Fairness und guten Bedingungen die Rede ist. Über allem steht das von Stronach ersonnene Prinzip der „Fair Enterprise“, die der Chef schon 1971 bei Magna installierte. An beiden Konzepten ist nichts auszusetzen: In der Magna Charta heißt es beispielsweise, dass die Arbeitsplätze sicher und gesund und die Löhne marktgerecht sein sollen. Fair Enterprise regelt unter anderem die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg. Das lässt sich ohne schlechtes Gewissen unterschreiben – und ist in Österreich großteils über Kollektivverträge geregelt. Doch der Boss präsentierte seine Unternehmensregeln stets mit einem solchen Stolz, als habe er gerade das Rad erfunden.

Frank Stronachs größtes Talent besteht vermutlich darin, Misserfolge sofort abzuhaken und zu vergessen. Das erleichtert das Leben ungemein, schließt aber auch jeden Lernprozess aus. In seinem Gedächtnis hat Stronach nur Triumphe archiviert, dabei wurde beileibe nicht alles zu Gold, was er anfasste: Das Magna Racino etwa, eine Pferderennbahn mit riesigem Stall- und Vergnügungskomplex südlich von Wien, funktionierte nie nach Wunsch und stand bereits kurz vor der Schließung. Stronachs rund 100 Millionen Euro teures Engagement im österreichischen Fußball hinterließ letztlich nur eine schlechte Nachrede. In Kanada versuchte er sich erfolglos als Eigentümer eines Wirtschaftsmagazins, einer Bekleidungsfirma, einer Diskothek und eines Gourmetrestaurants. Gescheitert ist dort auch schon ein Versuch, in die Politik einzusteigen. 1988 kandidierte Stronach für das kanadische Parlament, kam aber nicht zum Zug. Ein weiterer Bauchfleck in Österreich blieb ihm erspart, weil die Politik einmal ausnahmsweise nicht spurte: Stronachs Plan eines gigantischen Vergnügungs- und Einkaufszentrums im Design einer Weltkugel wurde nicht genehmigt.

Nichts davon entwertet Stronachs Lebensleistung als Konzerngründer. Er hat eben sonst auch noch einiges probiert, und nicht alles konnte klappen. Es zeigt aber, dass der Mann gut daran täte, gelegentlich auf Einwände zu hören – falls sich noch jemand traut, sie vorzubringen.

Stronachs politisches Projekt wird wohl auch deshalb so ernst genommen, weil eine Menge Leute daran ziemlich gut verdienen könnten. Ein Milliardär mit zu viel Tagesfreizeit ist für Dienstleister aller Art eine Goldgrube. Peter Westenthaler etwa wird sich hüten, seinem Freund Frank den Spaß zu verderben. Er will ja nicht ewig in der Immobilienbranche versauern. Doch die Vorarbeiten laufen reichlich chaotisch. Das Frank Stronach Institut, im November vergangenen Jahres als eine Art Startrampe für die Politik gegründet, hat bis heute nur vier Mitarbeiter. Einen prominent besetzten Beirat, von dem ursprünglich die Rede war, gibt es nach wie vor nicht. Man treffe aber gelegentlich interessante Menschen zum Essen, heißt es kryptisch. Bei der Suche nach einem respektablen Spitzenkandidaten hat Stro­nachs verstörender Fernsehauftritt jedenfalls nicht geholfen. Herbert Paierl, ein langjähriger Freund und Berater, befindet sich dieser Tage spürbar auf dem Rückzug. „Ich hatte mit Frank in letzter Zeit keinen Kontakt und weiß nicht, wie es steht“, erklärt Paierl. Von Siegfried Wolf, den sich Stronach als nächsten Bundeskanzler wünscht, kam eine vorsichtige Absage. Er werde „eher nicht in die Politik einsteigen“.

Auch an den weniger zentralen Stellen des Projekts kriselt es: Am Donnerstag der Vorwoche kündigte Christian Ortner, Journalist und Betreiber des Blogs „Ortner Online“, die Zusammenarbeit. Ortner ließ Stronach bisher auf seiner Website publizieren und hatte ihm beim Aufbau der eigenen Homepage geholfen. „Da sich mein Eindruck verdichtet, das Stronach Institut werde von einem Think Tank zu einer politischen Plattform umgestaltet, habe ich die Kooperation beendet“, erklärt Ortner. Wenn alle Stricke reißen, wird vielleicht doch noch Frank Stronach selber in den Ring steigen müssen. Ein paar unterhaltsame Fernsehabende wären garantiert.