Natur: Die Medizin der Bienen

Blütenpollen, Propolis, Gelee Royal: Die uralten Heilmittel aus dem Bienenstock erleben weltweit eine Renaissance. Jetzt werden sie auch von der modernen Wissenschaft langsam ernst genommen.

Die letzte in der Medizinliteratur feststellbare Messung stammt aus dem Jahr 1970. Die Ergebnisse lagen um Welten unter den jetzt am Department für Ernährungswissenschaft der Universität Wien festgestellten Werten. Dreimal musste Bettina Isnardy, die Leiterin des Forschungsprojektes, die Messung wiederholen, bis Institutsvorstand Ibrahim Elmadfa überzeugt war, dass kein Irrtum vorlag. Dann stand fest: Von Bienen gesammelte Blütenpollen enthalten mehr als zwanzigmal so viel Vitamin B1 als Sonnenblumenkerne oder Weizenkeime, die bislang als reichste Quellen galten. „Wir waren wirklich überrascht, weil wir mit dieser hohen Konzentration überhaupt nicht gerechnet haben“, sagt Elmadfa.

Vitamin B1 ist an der Kohlenhydrat-Aufnahme im Gehirn entscheidend beteiligt. Bei Mangel kann es zu Beriberi, einer schweren Nervenkrankheit, kommen. Bei Überdosierung ist hingegen keine negative Konsequenz bekannt. Warum die Messung von 1970 ein derart anderes Ergebnis gebracht hatte, ist Projektleiterin Isnardy ein Rätsel. „Möglicherweise handelte es sich dabei um Pollen, der von Menschen und nicht von Bienen gesammelt worden ist.“

Dass die Aufbereitung des Blütenstaubs eine entscheidende Rolle spielt, zeigten weitere Analysen. In Waben gelagerter und fermentierter Blütenstaub, so genanntes Bienenbrot, erwies sich nämlich als fünfmal so reich an Vitamin B2 als Pollen, der von Imkern – über spezielle Abstreifvorrichtungen – gleich am Eingang zu den Bienenhütten gesammelt wurde. B2 beugt Wachstumsstörungen vor und fördert den Nährstoff- und Sauerstoffhaushalt. Ein ähnliches Ergebnis erbrachte die Messung bei B6, einem Vitamin, das die Bildung von roten Blutkörperchen fördert sowie das Immunsystem unterstützt und damit Müdigkeit und Konzentrationsschwäche hintanhält. „Sicherlich gilt die Regel, dass eine gesunde, ballaststoffreiche Ernährung auch normalerweise keinen Vitaminmangel aufkommen ließe“, sagt Elmadfa. „Als Nahrungsergänzung sind diese Bienenprodukte aber von höchster Qualität.“

Vorausgesetzt, sie werden schonend verarbeitet. Die in Wien analysierten Bienenprodukte stammten von der Imkergemeinschaft WABE, deren Bienenvölker am Rand des Nationalparks Kalkalpen im oberösterreichischen Hintergebirge ausschwärmen, um ihren Honig zu sammeln. „Es war für uns von Anfang an klar, dass wir keinen Pollen dabeihaben wollen, der von landwirtschaftlichen Monokulturen stammt“, sagt der Imker und SPÖ-Nationalratsabgeordnete Kurt Gartlehner, Initiator des Projektes. Zudem dürfen die Produkte, wie dies insgesamt bei Österreichs rund 25.000 Imkern der allgemeine Standard ist, nicht über 34 Grad erhitzt werden, jene Temperatur, die auch im Bienenstock normalerweise nicht überschritten wird.

Massenprodukte. Bei den großteils aus Spanien importierten Massenprodukten ist dies jedoch keinesfalls gesichert, wie nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten durchgeführte Vergleichsstudien zeigten. Die durch starke Erhitzung konservierten Produkte erzielten – etwa bei den vom Innsbrucker Biochemiker Florian Überall aktuell durchgeführten Testserien zur antioxidativen Kapazität – deutlich schlechtere Werte (siehe Kasten Seite 85). Ähnliche Ergebnisse brachte eine Vergleichsmessung, die zu Jahresbeginn am Institut für Biofotonik im deutschen Neuss durchgeführt wurde. „Unbehandelte und schonend getrocknete Pollen zeigten ein ungleich stärkeres Lichtspeicherungsvermögen“, erklärt der an der Studie beteiligte Schweizer Zellbiologe Hugo Niggli.

Die vom deutschen Biophysiker Fritz-Albert Popp entwickelte revolutionäre Methode misst sozusagen „das Leuchten des Lebens“, ultraschwache Zellstrahlung, die von jedem lebenden Organismus ausgeht, so genannte Biophotonen. Ähnlich gravierende Unterschiede zeigten sich bei einer kürzlich von Popp selbst durchgeführten Doppelblindstudie, welche die „Energie“ von Freiland- mit Käfigeiern verglich und einen klaren Vorteil für die Auslaufhaltung ergab.

In der Volksmedizin seit Urzeiten bekannt ist der wundheilende Effekt von Honig. Durch die Entwicklung steriler Verbände, moderner Desinfektionsmittel und Antibiotika verlor diese Eigenschaft jedoch an Bedeutung. Erst aufgrund der wachsenden Problematik multiresistenter Bakterien feiert die klebrige Substanz jetzt langsam ein Comeback.

Ende April erschien eine Übersichtsarbeit des Wundheilexperten Peter Molan von der Universität Hamilton, in der die Ergebnisse von 22 Studien mit insgesamt mehr als 2000 Teilnehmern zusammengefasst wurden. „Honig ist das ideale Mittel bei chronischen Wunden“, lautet das Resümee des Neuseeländers. „Er tötet sehr unterschiedliche Bakterien ab, löst totes Gewebe, bindet unangenehme Gerüche und fördert die Wundheilung.“ Die in jedem Spital gefürchteten Methicillin-resistenten Staphylokokken werden bereits bei einer Konzentration von ein bis vier Prozent Honig in der Wunde abgetötet. Wunden mit den als Killerbakterien bekannten Vancomycin-resistenten Enterokokken sind nach wenigen Tagen Honigbehandlung steril. Entschlüsselt ist mittlerweile auch, wie Honig den oftmals von chronischen Geschwüren ausgehenden unangenehmen Geruch vertreibt: Die Wundbakterien schalten beim plötzlichen Angebot von frischem Zucker ihren Stoffwechsel um und vermeiden damit den Ausstoß übel riechender Stickstoff- und Schwefelverbindungen.

Bakterienkiller. Honig greift über drei Mechanismen in die Wundheilung ein. Zum einen über seine stark Wasser absorbierende Wirkung. Damit entzieht er den Keimen jene Flüssigkeit, die sie für ihre Vermehrung brauchen. Zweitens entsteht aus einem Enzym, das die Bienen dem Nektar zusetzen, Wasserstoffsuperoxid, ein erstklassiger Bakterienkiller. Drittens enthält Bienenhonig dutzende verschiedene Flavonoide, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, die unter anderem antimikrobiell wirken. Das antientzündliche Potenzial des Honigs lindert zusätzlich noch Schmerzen, Schwellungen und Sekretbildung. Seit einigen Jahren werden wieder Wundverbände auf Honigbasis hergestellt, die im Medizinhandel erhältlich sind.

Anerkannte Dienste leistet Honig als Stärkungsmittel, beispielsweise bei belastenden Chemo- oder Strahlentherapien. Bei pilzbedingten Hauterkrankungen liegt die Erfolgsquote zwischen 70 und 86 Prozent. Und obwohl Honig hauptsächlich aus Zucker besteht, fehlen ihm die kariesfördernden Eigenschaften des raffinierten Haushaltszuckers. Anstelle von Zucker verwendeter Honig führt sogar zu einem Absinken der „bösen“ LDL-Cholesterin-Fraktion bei den Blutfettwerten.

Bienengift. Ein ebenso traditioneller Bestandteil der Bienenmedizin oder Apitherapie ist das Bienengift. Es gilt als wirksames Mittel gegen Rheuma. Bienengift besteht zu mehr als 50 Prozent aus Melittin, einem Wirkstoff, dessen entzündungshemmende Eigenschaften jene von Cortison um ein Vielfaches übersteigen. Apamin, ein weiterer Bestandteil des Gifts, erhöht direkt den Cortisolspiegel der von einer Biene gestochenen Person. Der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter sah dies als Angelpunkt einer vor Kurzem abgeschlossenen, aber noch nicht publizierten Studie. „Wir wollten die These testen, ob Menschen, die häufiger von Bienen gestochen werden, einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel haben“, erläutert Reiter.

Zu diesem Zweck heuerte der Gerichtsmediziner jeweils 15 Imker und ebenso viele Nicht-Imker an. Die Imker wurden dazu angehalten, bei jedem Bienenstich regelmäßig eine Speichelprobe zu nehmen. Tatsächlich zeigten sich beständige Effekte des Bienengiftes. Der Spiegel des entzündungshemmenden Stresshormons stieg rasch an. „Allerdings ereignete sich dasselbe bei den Freiwilligen, die sich stechen ließen“, sagt Reiter. Und im Schnitt ergaben sich keinerlei signifikante Unterschiede zwischen Imkern und Nicht-Imkern. Nun müsste eine Nachfolgestudie klären, wie sich die Bienenstiche bei Menschen auswirken, die tatsächlich an Rheumaschüben leiden. „Doch so eine Studie ist wahnsinnig teuer“, klagt Reiter. „Allein schon wegen der Versicherung, die man dafür abschließen muss.“

Auf die Frage, in welcher Form er denn das Bienengift verabreichen würde, antwortet Reiter, der selbst passionierter Imker ist: „Na, eine echte Biene ansetzen! Wo ist denn da der Unterschied, ob die Biene sticht oder der Arzt mit der Spritze?“ Eine Interpretation, die bei der Einschätzung der Marktchancen eines Medikaments wohl nicht von jedem Pharmaexperten geteilt würde. Die jüngste Studie zur Wirksamkeit von Bienenprodukten wurde erst vor drei Wochen gestartet. „Wir wollen testen, ob sich die körperliche und geistige Fitness erhöht, wenn die Versuchspersonen täglich mindestens 50 Gramm Honig essen“, erklärt Anton Reitinger vom österreichischen Imkerbund, der 20 Prozent des Forschungsbudgets beisteuert, den Rest übernehmen die EU und das heimische Landwirtschaftsministerium. Zu Beginn und dann im Abstand von jeweils zwei Monaten werden bei den 50 Probanden nun Blutproben genommen und objektive Parameter wie Entzündungs- oder Fettprofil festgelegt.

Insgesamt, sagt Reitinger, steigt die Nachfrage nach Produkten aus der Apotheke der Bienen beständig. Methoden, die bisher eher nur in Imkerfamilien üblich waren, werden allmählich populär. „Beispielsweise das Kauen von Abdeckelungswachs, wenn eine Verkühlung im Anmarsch ist, oder die Behandlung von Fieberblasen mit Propolis.“

Das Imkerwesen selbst leidet hingegen unter Nachwuchssorgen. „Unsere Mitglieder sind großteils Männer und im Schnitt rund 70 Jahre alt“, sagt Heidrun Luftensteiner-Singer, die am Ötscher eine große Zuchtstation für Königinnen betreibt. Zur Belebung der Szene setzte sie auf die Erneuerungskraft der Frauen und rief zur Gründung einer Plattform von Imkerinnen auf (www.imkerinnen.at).

Das Echo war beachtlich: Rund 200 Frauen folgten ihrem Aufruf und bilden nun einen lebendigen Widerpart zum Männerbund. „Und ein kräftiges Verjüngungssignal“, wie sie lächelnd hinzufügt, „mit einem Durchschnittsalter von nur knapp über 40 Jahren.“

Von Bert Ehgartner