Republik der Raucher: Österreich ist die Nummer eins beim Zigarettenkonsum

In keinem Land der Welt rauchen mehr Menschen als in Österreich. Nirgends rauchen mehr Jugendliche. Kaum irgendwo ist der Nichtraucherschutz schlechter. Die Folgen für die Gesundheit: katastrophal.

Der Gruppendruck war übermächtig. „Bei uns in der Schule haben fast alle mit 13 schon geraucht, teils sogar auf dem Schulgelände“, erzählt die heute 16-jährige Lisa K., die schon mit 13 heimlich Zigaretten von ihren rauchenden Eltern abgezweigt hatte. Als die Mutter dahinterkam, „wollte sie nur, dass ich mir vor ihr eine Zigarette anzünde. Ab dann durfte ich zu Hause rauchen. Das war ihr lieber, als dass ich es heimlich tue“, so der Wiener Friseurlehrling. Heute raucht Lisa etwa eine halbe Schachtel pro Tag. Vom gesetzlichen Nichtraucherschutz in der Gastronomie hält sie wenig: „Das ist sinnlos. Es wird kaum kontrolliert, und daher hält sich auch niemand daran.“

Lisa steht für hunderttausende jugendliche Raucher in Österreich. In allen internationalen Statistiken liegt die Alpenrepublik mit ihrem Anteil an rauchenden Teenagern unangefochten auf Platz eins. Und es werden immer mehr. „Mit raffinierten Methoden versucht die Tabakindustrie, die Kinder zum Rauchen zu verführen“, erklärt Manfred Neuberger, Umwelthygieniker an der Medizinischen Universität Wien und Vizepräsident der Initiative Ärzte gegen Raucherschäden. „Menthol- und Geschmackszusätze sollen dem Tabak die Schärfe nehmen, sodass er sich leichter und angenehmer inhalieren lässt.“ Das Einstiegsalter liegt bei elf Jahren, heute rauchen in Österreich schon mehr Mädchen als Buben (siehe Grafik Seite 79), was bei Gesundheitsexperten die Alarmglocken schrillen lässt: Mädchen haben feinere Bronchien, bei gleichem Tabakkonsum sind die Schäden größer als bei Burschen.

Österreich ist ein Raucher-Mekka.
Laut „Guinness World Records 2008“ führte die Alpenrepublik im Jahr 2005 mit einem Raucheranteil von 36,3 Prozent der Bevölkerung die Weltrangliste der Raucherländer an (siehe Faksimile auf Seite 80). Zwar ist der Zigaretten-pro-Kopf-Verbrauch in China und in einigen osteuropäischen Ländern höher als bei uns, aber wir haben die relativ größere Anzahl von Tabakkonsumenten. Rauchverbote am Arbeitsplatz, in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln haben daran nichts geändert. Und wie es scheint, ändert auch die vor Jahresfrist in Kraft getretene Ausdehnung des Nichtraucherschutzes auf Gaststätten und Restaurants so gut wie nichts.

Die Bestimmungen sind zu kompliziert, aufgrund von Ausnahmen, Übergangsfristen und aus Angst vor Schmutzkonkurrenz scheuen viele Wirte vor den gesetzlich vorgeschriebenen baulichen Trennungen in Raucher- und Nichtraucherzonen zurück und warten ab. Andere ignorieren einfach das Gesetz, so wie es auch viele Behörden tun. „Man kann nicht den Nichtraucherschutz auf dem Rücken der Wirte austragen, das haut nicht hin“, sagt Franz Sabbadini vom Restaurant Guzzi in der Wiener Heumühlgasse. „Bei uns herrscht Krieg. Ein Gast fragt: ‚War­um darf der mit seinem fetten Hintern auf einem Nichtraucherplatz sitzen?‘ Da kommen Gäste, die rauchen wollen, aber Platz gibt es nur in der Nichtraucherzone. Also gehen sie wieder. Das ist ein untragbarer Zustand. Es muss eine klare politische Lösung geben.“

Ähnlich äußert sich auch Heinz Kammerer, Chef der Gastro- und Handelskette Wein & Co. „Ich begrüße jegliche Diskussion, die dazu führt, dass dieses dumme Gesetz, das die große Koalition beschlossen hat, aufgehoben wird. Entweder man setzt in allen Lokalen ein Rauchverbot durch oder gar nicht, sonst hat es keinen Sinn.“ Die Sonderregelung, dass tausende Lokale unter einer Fläche von 50 Quadratmetern ohne jegliche Auflagen hinsichtlich Entlüftung und Arbeitnehmerschutz selbst entscheiden können, ob sie sich als Raucher- oder Nichtraucherlokale deklarieren, sei unfair und verzerre den Wettbewerb. Wein & Co als große Gastrokette hingegen müsse nun innerhalb eines halben Jahres Raucherkojen bauen, was zeitlich und organisatorisch so gut wie unmöglich sei.

Vom 1. Jänner bis 30. September 2008 hatte Kammerer seine Gastroläden freiwillig als Nichtraucherlokale geführt. „Das hat uns Ertragseinbußen von mehreren hunderttausend Euro gekostet“, berichtet Kammerer. „Wir haben zwar viele Mails von Nichtrauchern bekommen, die unsere Entscheidung sehr begrüßt haben, aber offenbar haben sie dann unsere Lokale trotzdem nicht besucht. Somit haben wir diese Entscheidung wieder revidiert.“

Helmut Hinterleitner, Fachverbandsobmann Gast­ronomie in der Bundeswirtschaftskammer, hält das Gesetz für absolut realitätsfremd. Weil es je nach Lokaltyp unterschiedliche Interessen gebe, plädiert er dafür, die Entscheidung über Raucher- oder Nichtraucherlokal den Wirten zu überlassen. „Im Restaurantbereich besteht beispielsweise ein großes Interesse an Nichtraucherlokalen seitens der Gastronomie selbst, da Zigarettenrauch beim Essen ohnehin eher als störend empfunden wird. Dagegen würden vor allem Lokale, bei denen es mehr um die Kommunikation geht, wie eben bei kleinen Bars oder Dorfwirtshäusern, unter dem Nichtraucherschutz leiden.“ Hinterleitner glaubt, dass im Fall eines rigorosen Rauchverbots wie in Italien oder Irland 5000 österreichische Gastronomiebetriebe zusperren müssten und 12.000 Arbeitsplätze verloren gingen.

Breite Ablehnung.
Unzufrieden mit der Situation ist aber nicht nur die Gastronomie, sondern auch die Bevölkerung. Ende Dezember veröffentlichte der ORF Steiermark das Ergebnis der Umfrage „Was halten Sie vom Nichtraucherschutzgesetz?“. Zwei Drittel der Befragten sprachen sich für ein generelles Rauchverbot aus, ein schwaches Drittel plädierte dafür, dass die Wirte selbst entscheiden sollten, wie sie es mit dem Rauchen in ihren Lokalen halten. Nur knapp drei Prozent gaben sich mit der derzeitigen Lösung zufrieden. „Wir haben schon 2008 in der Begutachtungsphase gewarnt und gesagt: In dieser Form wird das Gesetz zu einem Chaos führen“, sagt Manfred Neuberger, Umwelthygieniker an der Medizinischen Universität Wien und Vizepräsident der Initiative Ärzte gegen Raucherschäden. „Dieses Gesetz schadet allen Beteiligten, und es kostet mehr als ein Rauchverbot, das fast kostenlos einzuführen wäre. Und es würde die Herzinfarktrate innerhalb eines Jahres um mindestens zehn Prozent senken.“

Schon vor Wochen zeigte sich SPÖ-Gesundheitsminister Alois Stöger „über die nicht gesetzestreue Umsetzung des Tabakgesetzes in der Gastronomie“ verärgert. Auch mit den zuständigen Bezirksbehörden ging der Minister hart ins Gericht: „Ich erwarte mir, dass das Gesetz auch vollzogen wird.“ Nachdem Stöger aber vorerst nur „evaluieren“ will, was jeder mit freiem Auge sieht – nämlich, dass das Gesetz keine befriedigende Lösung gebracht hat, bleibt vorderhand alles beim Alten, obwohl alle Seiten mit der Situation unzufrieden sind. Die Raucher, weil sie nicht mehr in allen Lokalen frei rauchen dürfen; die Nichtraucher, weil sie in Restaurants und Einkaufszentren nach wie vor dem Zigarettenqualm ausgesetzt sind; die Wirte, weil sie verunsichert sind, ob sie um teures Geld eine Raumtrennung und eine neue Entlüftung einbauen und damit dem Gesetz genüge tun sollen, obwohl vielleicht ohnedies die EU in ein, zwei Jahren ein Rauchverbot ohne Wenn und Aber verfügt.

Drakonische Strafen.
Die geringsten Sorgen machen sich die Tabakverschleißer. Peter Trinkl, Bundesgremialobmann der Trafikanten Österreichs, kann noch von keinen Ertragsrückgängen berichten, obwohl die Möglichkeiten zum Tabakkonsum in den vergangenen Jahren bereits in der Arbeitswelt und in öffentlichen Gebäuden eingeschränkt wurden: „Die Raucher suchen sich ihre Plätze“, sagt er. Ob es nach dem 30. Juni, wenn die Übergangsfrist für Umbauten zur Trennung von Raucher- und Nichtraucherräumlichkeiten in der Gastronomie endet, Umsatzeinbußen geben wird, lasse sich noch nicht abschätzen, „aber je geringer der Platz für Raucher ist, desto mehr werden sich überlegen aufzuhören. Wir wissen allerdings aus dem Ausland, dass es eine Delle beim Umsatz gibt, die sich rasch wieder erholt.“

In nahezu allen EU-Ländern gibt es mittlerweile einen strengen gesetzlichen Nichtraucherschutz auch in der Gastronomie, vielfach schon seit Jahren. Verstöße gegen die Bestimmungen werden mit teils drakonischen Strafen geahndet. Nur Österreich leistet sich den Luxus, mit seinen laxen Bestimmungen in einer Reihe mit Ländern wie Serbien, Montenegro und Albanien zu stehen. „Es ist jedes Mal ein Albtraum für mich, wenn ich nach Österreich komme“, berichtet die Wiener Geschäftsfrau Vera Badian, eine ehemalige Kettenraucherin, die seit sieben Jahren in ­Miami lebt. „Auf der Straße bläst dich jeder an, auf dem Weg ins Zimmer durch die Hotelbar wirst du geselcht. In einem Nobelrestaurant in der Wiener Innenstadt hab ich den Ober gebeten, er möge dem Herrn am Nebentisch das Zigarrenrauchen verbieten. Das war nicht möglich. Du zahlst 600 Euro, und dann stinkt der neben dir, dass du glaubst, du speibst ins Essen. So etwas gibt es nur noch in Österreich.“

Nichtraucherschutz-Aktivisten
, die das gesetzwidrige freie Qualmen unterbunden sehen wollen und diesbezügliche Beobachtungen an die Behörden melden, berichten von zahllosen Frustrationserlebnissen. Nach dem Gesetz muss der Wirt in Restaurants und Gaststätten über 80 Quadratmeter abgetrennte Raucherräume einrichten. „Ich kenne im 21. und 22. Wiener Gemeindebezirk kein einziges Lokal, das sich daran hält“, sagt Dietmar Erlacher, Bundesobmann des unabhängigen Vereins „Krebspatienten für Krebspatienten“, in dem mehrere Selbsthilfegruppen vereinigt sind. „Da steht beispielsweise an der Tür ‚Abgetrennter Raucherraum im Lokal‘, aber den Raum gibt es nicht.“

Mit viel Energie kämpfen Erlacher und seine Mitstreiter für konsequenten Nichtraucherschutz. Ihr stärkstes Argument beziehen sie aus Mortalitätsraten der Statistik Austria, die im vergangenen Herbst auch Thema im steirischen Landtag waren: In Österreich sterben demnach jährlich etwa 11.000 Personen an den Folgen des Tabakkonsums und mehr als 1000 an den Auswirkungen des Passivrauchens. Erlacher verkürzt das zu der Formel, in Österreich würden täglich drei Nichtraucher sterben, nur weil es keinen wirksamen Schutz vor dem Zigarettenqualm gebe. „Tatsächlich belegen internationale Studien, dass Passivrauchen bei Personen mit vorgeschädigten Koronargefäßen einen akuten Herzinfarkt auslösen kann“, erklärt Umwelthygieniker Neuberger.

Die Schädlichkeit des Tabakrauchens wurde lange Zeit ausschließlich mit Lungenkrebs assoziiert. Der Lungenkrebs ist aber erst die mögliche Spätfolge eines Leidens, das sich schon viel früher manifestiert – die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (Chronic Obstructive Pulmonary Disease, COPD). Diese ist durch den fortschreitenden Verlust von Atemvolumen gekennzeichnet, weil sich die Bronchien immer weiter verengen. Das Heimtückische dieser Krankheit ist, dass man sie erst bemerkt, wenn die Lunge bereits zu 40 bis 50 Prozent geschädigt ist. Wer dann mit dem Rauchen aufhört, kommt aber mit seiner Reue zumeist schon zu spät – der Zerstörungsprozess im Atemorgan hat sich verselbstständigt und schreitet schleichend weiter voran. „COPD ist ein Problem, das uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten begleiten wird. Ein Effekt, den wir aus den sechziger und siebziger Jahren mitschleppen“, sagt der Pulmologe Wolfgang Popp, Ärztlicher Leiter von „Gesunde Lunge – Institut für Atemwegs- und Lungenerkrankungen“ in Wien-Floridsdorf.

Krankheit der Zukunft.
Wissenschafter sehen in der COPD eine der dominierenden Krankheiten des 21. Jahrhunderts. Schon im Jahr 2020, so schätzen Pulmologen, könnte ein Viertel bis ein Drittel aller Todesfälle auf diese Erkrankung zurückzuführen sein. Eine von Michael Studnicka, Primarius der Lungenabteilung am Landeskrankenhaus Salzburg, geleitete Arbeitsgruppe erhob in den Jahren 2005 und 2006 unter dem Titel BOLD-Studie die Verbreitung dieser Krankheit im Bundesland Salzburg. Zu diesem Zweck wurden mehr als 2000 Personen im Alter von über 40 Jahren angeschrieben und gebeten, einen Fragebogen auszufüllen und sich zum Lungenfunktionstest zu melden. Für 1258 Personen liegt nun ein vollständiger Datensatz vor.

Ergebnis:
Ein Viertel der Salzburger Bevölkerung im Alter von mehr als 40 Jahren leidet an COPD im Stadium eins oder höher, bei elf Prozent hat die Krankheit bereits Stadium zwei oder höher erreicht, wo das Leiden unbedingt behandelt gehört. Aber nur fünf Prozent der Probanden hatten schon vor Studienbeginn die Diagnose COPD, wobei es viele falsch-positive oder auch falsch-negative Befunde gab. Das bedeutet, dass gut ein Drittel der Salzburger Bevölkerung im Alter von über 40 Jahren an COPD im leichten bis fortgeschrittenen Stadium leidet. „Ein erschreckendes Ergebnis“, urteilt der Pulmologe Bernd Lamp­recht, Mitautor der Studie.
Wie es einem COPD-Patienten geht, schildert der Wiener pensionierte kaufmännische Angestellte Peter Strom, 71, der zwischen dem 15. und 55. Lebensjahr bis zu 60 Zigaretten täglich geraucht hat. Dann musste er das Qualmen wegen zunehmender Atemnot aufgeben.

Wenn er ein paar Schritte geht oder ein paar Stufen steigen muss, fehlt ihm rasch die Luft. Zeitweilig nahm er Atemunterstützung aus einer Sauerstoffflasche, die er außer Haus auf einem kleinen Wagen hinter sich herzog. Plastikschläuche transportierten den Sauerstoff in seine Nase.
Er meidet Massenansammlungen oder Plätze, wo geraucht wird, „Rauchgeruch ist für mich unerträglich“, sagt er. Strom findet es absolut unverständlich, dass es ein Tabakgesetz „mit mehr Ausnahmen als Regeln gibt. In Italien, Frankreich, Irland gibt es klare Bestimmungen, dort funktioniert der Nichtraucherschutz“. Er könnte „schreien“, wenn er Kinder auf der Straße rauchen sieht.

Lehrbeispiele.
Herbert Jamnig, Primarius der Lungenabteilung am Landeskrankenhaus Natters bei Innsbruck, versucht seit Jahren, Schulkindern die Folgen des Rauchens anschaulich vor Augen zu führen. Er organisiert Besuche von Schulklassen, die mit Unterstützung des Landes per Bus angekarrt werden. „In manchen Klassen rauchen 50 Prozent der Vierzehnjährigen“, weiß der Pulmologe. Die Schüler hören Vorträge zur Gesundheitsvorsorge und dürfen dann mit Lungenkrebs- und COPD-Patienten reden. Ob das die Kinder beeindruckt? Jamnig versucht es nicht mit Zeigefinger und Moralpredigten, denn das könnte leicht das Gegenteil bewirken. Stattdessen erklärt er den Schülern, wie „die neue Volkskrankheit COPD“ und Lungenkrebs entstehen, dass Rauchen die größte Indoor-Feinstaubbelastung darstelle, die es gibt. „Sie liegt fünf- bis zehnmal höher als die Grenzwerte für die Außenluft“, erklärt der Mediziner.

Auf die Frage, ob es Momente gebe, welche die Schüler beeindrucken, sagt er: „Wenn sie Menschen sehen, die ohne Sauerstoffflasche nicht mehr gehen können, beeindruckt sie das mehr als ein Patient mit Lungenkrebs. Oder wenn wir den Mädchen sagen, welche Auswirkungen das Rauchen auf das Baby im Mutterleib hat.“ Frauen, die in der Schwangerschaft rauchen, hätten eine höhere Neigung zu Fehl- oder Frühgeburten, es gebe mehr Frühchen mit unterentwickelten Lungen, mehr Fälle von plötzlichem Kindstod, die Kinder würden vermehrt zu Asthma neigen und seien die COPD-Patienten von morgen, erklärt der Lungenfacharzt den Schülern. Noch weitgehend unbekannte Informationen über die Wirkung des Tabakrauchs würden die Kinder naturgemäß mehr beeindrucken als bereits bekannte. Etwa, dass der Feinstaub das Gefäßsystem direkt schädige, was zu Lungen- und Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes führen könne.

Chronische Infekte.
Seit Jahren ist das Rauchen auch Dauerthema unter Schulärzten. Zwar gibt es in den Schulen keine Raucherräume mehr, aber viele Schüler gehen in der Pause auf die Straße. Noch gravierender sei aber das Rauchen der Eltern und teils auch der Schüler im Haushalt, berichtet Judith Glazer, Allgemeinmedizinerin in Baden bei Wien sowie Präsidentin der Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte Österreichs. Gemeinsam mit dem Wiener Lungenfacharzt Wolfgang Pohl vom Gesundheitszentrum Alt-Hietzing startete Glazer eine Schwerpunktaktion mit Lungenfunktionstest bei Schülern der ersten Gymnasialklassen in Niederösterreich. Bei kritischen Ergebnissen wurden die betreffenden Schüler an Lungenfachärzte zur weiteren Abklärung verwiesen. „Wir haben einiges aufgedeckt“, berichtet Glazer. „25 bis 30 Prozent der Schüler haben Probleme mit chronischen Atemwegserkrankungen.“ Häufiger Grund ist auch das Passivrauchen, das es nicht nur im Haushalt und im Auto, sondern nach wie vor auch im öffentlichen Raum gibt.

In vielen Einkaufszentren, wo der Nichtraucherschutz schon seit Jahren verwirklicht sein sollte, weil sie den Charakter öffentlicher Gebäude haben und auch von Kindern und Schwangeren besucht werden, wird das Tabakgesetz nicht einmal ignoriert. Während die Bezirkshauptmannschaft Mödling Wirte, die in der Shopping City Süd gegen das Tabakgesetz verstießen, mit saftigen Strafen bedachte, scheinen sich die Wiener Bezirksbehörden für derlei Verstöße nicht zu interessieren. Ob im Donauzent­rum, in den Einkaufszentren Columbusplatz, Gasometer, Wien-Mitte, Auhof, Millennium oder Lugner City – überall wird auf allgemein frequentierten Flächen gepafft, als hätte es das Gesetz nie gegeben.
Nichtraucherschutz-Aktivist Erlacher und seine Sympathisanten haben mittlerweile quer durch Österreich mehr als 4000 Verstöße gegen das Tabakgesetz über ihre Website www.rauchersheriff.at gesammelt und an die Behörden gemeldet, mit Durchschlägen an die zuständigen Politiker. Bisher ohne Erfolg. „80 bis 90 Prozent der Lokale in Einkaufszentren haben keinen Nichtraucherschutz“, so Erlacher.

Bundesweite Prüfung.
Das gleiche Bild zeige sich in Konditoreien, Bars, Tanzlokalen oder auch in Spitälern. „Kennen Sie eine Aida- oder Oberlaa-Konditorei in Wien, die rauchfrei ist?“, fragt der selbst ernannte Rauchersheriff. „Das einzige rauchfreie Lokal im Wiener AKH ist das Starbucks. Im Café Klinikum können Sie die Luft schneiden.“

Weil Erlacher Behörden verdächtigt, die „Anzeigen“ zu schubladisieren oder absichtlich zu ignorieren, wandte er sich mit einer kompletten Liste aller von ihm und seinen Mitstreitern gesammelten Gesetzesverstöße an Volksanwalt Peter Kostelka, der inzwischen tatsächlich tätig geworden ist. „Wir sind der Initiative von Herrn Erlacher sehr dankbar und haben ein bundesweites Prüfungsverfahren eingeleitet“, berichtet Heidi Pacher, Leiterin von Kostelkas Geschäftsbereich. Eines der Probleme ist, dass die Aktivisten nur anonyme Meldungen anstatt Anzeigen erstatteten, bei denen sich jeweils ein Zeuge zur Verfügung stellen müsste, was rechtlich ein anderes Gewicht hätte.

„Es sind nun etliche Fragen zu klären“
, sagt Pacher. „Warum funktioniert es im Einkaufszentrum Leoben und in anderen nicht? Im Wiener Donauzentrum tun die so, als ob es die Rechtslage nicht gibt. Wenn man das nach einem Jahr so offen und teilweise provokant tun kann, dann glaube ich, dass die behördliche Verfolgung nicht funktioniert.“

Mitarbeit: Tina Goebel