Team Stronach: Der große Bluff

Team Stronach: Der große Bluff

Frank Stronach hat keine Lust mehr auf Politik und will jetzt sein Geld zurück. ­Rosemarie Schwaiger über eine Partei in Auflösung – die vielleicht doch noch eine schwarz-blaue Mehrheit ermöglicht.

Manchmal muss ein Spitzenpolitiker einfach abschalten können und den alltäglichen Wirbel vergessen. Dann wird der Kopf wieder frei für die wichtigen Dinge. Kathrin Nachbaur , frisch bestellte Klubobfrau des Team Stronach, ist zwar neu im Geschäft – beherrscht die Kunst des Rückzugs aber schon sehr gut. Am Donnerstag vergangener Woche war in ihrer Partei besonders viel los. Doch Nachbaur veröffentlichte in der Rubrik „News“ der Partei-Homepage lediglich eine schlanke Meldung: „Nicht nur am Welttierschutztag haben Tiere für mich einen hohen Stellenwert. Sie sind Geschöpfe Gottes, die juristisch gesehen nicht mehr eine Sache sein dürfen.“ Die Hundesteuer halte sie für ungerecht, so Nachbaur weiter. „Denn für andere Haustiere wird keine Steuer verlangt.“

Musste auch einmal gesagt werden.

Das Mitgefühl der Parteiführung beschränkt sich dieser Tage auf den vierbeinigen Teil der Schöpfung. Unter den Zweibeinern in den eigenen Reihen haben Nachbaur und ihr Boss Frank Stronach ein gnadenloses Gemetzel angerichtet. Schon wenige Tage nach der Nationalratswahl geht es in der jungen Partei zu wie in einem Film von Quentin Tarantino. Blut ist bisher zwar nicht geflossen, aber hoffnungsvolle Karrieren verenden im Akkord. Unter anderem erwischte es die Landesparteichefs von Kärnten, Salzburg und Niederösterreich. Abmontiert wurde auch der bisherige Klubobmann Robert Lugar; er ist ab sofort nur noch einfacher ­Abgeordneter. Weitere Abgänge werden folgen – möglicherweise auch solche freiwilliger Natur. Kolportiert wird, dass gleich mehrere Nationalratsabgeordnete der jungen Partei über einen Wechsel zu ÖVP oder FPÖ nachdenken. Dann bekäme die Tragikomödie bundespolitische Tragweite: Schwarz-Blau könnte sich arithmetisch doch noch ausgehen.
Dass eine Partei von Stronachs Gnaden kein Hort der politischen Stabilität sein würde, war zu erwarten gewesen. Der Milliardär hatte noch nie ein Faible für die komplizierten Details des demokratischen Betriebs. Ein ehemaliger Berater erzählt, dass Stronach ziemlich baff gewesen sei, als man ihm die Modalitäten der Mandatsvergabe im Parlament erklärte. „Er dachte, er kann sich nach der Wahl selber aussuchen, wer in den Nationalrat einzieht.“ Aber die Geschwindigkeit, mit der sich nun die Strukturen des Team Stronach auflösen, ist doch überraschend. Den Beginn der neuen Legislaturperiode hätten die Newcomer wenigstens abwarten können.

Trümmer und Erkenntnis
Der Parteigründer setzte sich am Donnerstag in seinen Privatjet Richtung Kanada. Er kann schließlich nicht immer nur den Österreichern dienen; woanders braucht man ihn genauso dringend. In der alten Heimat hinterließ er rauchende Trümmer und die Erkenntnis, dass auch ein Milliardär sein Geld nicht gerne zum Fenster rausschmeißt. Hauptgrund für den personellen Kahlschlag dürfte nämlich der schnöde Mammon sein. Stronach investierte in den Wahlkampf insgesamt rund 25 Millionen Euro. Nur der kleinere Teil dieser Summe, etwa zehn Millionen, war als Geschenk gedacht. Den Rest vergab der Unternehmer in Form von Darlehen an die Landesorganisationen. In Kärnten erinnern sich Stronach-Funktionäre noch lebhaft an die Debatten darüber. „Kurz vor der Wahl hieß es plötzlich, wir sollen einen Kreditvertrag über eine Million Euro unterschreiben“, sagt ein Beteiligter. Obwohl den Kärntnern nicht wohl dabei war, ließen sie sich auf den Deal ein. Bei den Kollegen in Niederösterreich geht es um noch mehr Geld – und anders als im Süden gibt es hier angeblich schon eine Forderung: „In fünf Jahren muss das niederösterreichische Team Stronach 3,5 Millionen Euro zurückzahlen“, erklärte Landesrätin Elisabeth Kaufmann-Bruckberger in der Tageszeitung „Kurier“. Für den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung spricht die Tatsache, dass Kaufmann-Bruckberger vor ein paar Tagen als Landespartei­chefin abgesetzt wurde. An der Spitze steht nun Renate Heiser-­Fischer, eine Mitarbeiterin von Frank Stronach und außerdem die Lebensgefährtin seines Anwalts. Wenn es ums Geld geht, sind die eigenen Angestellten für gewöhnlich doch zuverlässiger als freie Mandatare.

In Kärnten setzt sich am Montag dieser Woche der jüngst gefeuerte Parteivorstand zusammen, um über die weitere Vorgangsweise zu beraten. Dem Vernehmen nach ist ein kollektiver Parteiaustritt am wahrscheinlichsten. Landesrat ­Gerhard Köfer wollte das weder bestätigen noch dementieren: „Ich werde versuchen, unsere Partei durch diese schwierige Phase zu führen.“ Nicht mehr ganz so respektvoll drückt sich der Salzburger Kollege Hans Mayr aus. Seine Ablöse als Obmann kommentierte der Landesrat kühl: „Wir haben Arbeit über Arbeit in der Landesregierung. Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit der Partei und mit einem alten Menschen beschäftigen.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass er danach aussteigt“
Auf Länderebene ist das Team Stronach nach den Ereignissen der vergangenen Tage eigentlich schon Geschichte. Im Bund könnte es noch spannend werden. Einen Sitz im Parlament hätte etwa die ehemalige ORF-Generaldirektorin Monika Lindner, die nach Unstimmigkeiten zu Beginn des Wahlkampfs ihre Mitarbeit aufkündigte. Ob Lindner das Mandat annimmt, ließ sich bisher nicht klären. Bevor sie ihr Telefon ausschaltete oder überhaupt entsorgte, hatte profil sie Anfang vergangener Woche erreicht. Ihre kryptische Auskunft: „Ich habe an sich gesagt, dass ich es nicht annehme. Wenn sich daran etwas ändert, werde ich mich melden.“ Mittlerweile gilt als wahrscheinlich, dass Lindner doch ins Parlament einziehen wird – allerdings als wilde Abgeordnete mit deutlichen Sympathien in Richtung ÖVP. Unter den anderen zehn Mandataren des Team Stronach gibt es noch einige, die ideologisch flexibel genug wären, um die Farbe zu wechseln, wenn es im eigenen Klub ungemütlich wird. Von zwei potenziellen ÖVP- und vier möglichen FPÖ-Überläufern ist derzeit die Rede. Sollte das tatsächlich passieren, hätte die neue Partei bundespolitisch tatsächlich etwas bewegt. Schon mit fünf Mandataren zusätzlich ginge sich haarscharf eine schwarz-blaue Mehrheit aus.

Von FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky kommt zu solchen Gedankenspielen kein lupenreines Nein. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir ein Hort für Polit-Nomaden werden. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir über den einen oder anderen Fall reden könnten.“ Schon einmal bei der Freiheitlichen waren die Stronach-Abgeordneten Martina Schenk, Robert Lugar, Waltraud Dietrich und Christoph Hagen. Der Oberösterreicher Leo Steinbichler saß lange im ÖVP-Bauernbund. Es wäre für die Herrschaften also keine Reise ins Ungewisse.

Frank Stronach selbst, Nummer eins auf der Bundesliste, hat versprochen, sein Mandat im Parlament anzunehmen. Bis zur Angelobung der neuen Abgeordneten am 29. Oktober will er wieder in Wien sein. Ein langjähriger Wegbegleiter geht allerdings davon aus, dass Stronach höchstens zwei, drei Plenartage über sich ergehen lassen wird. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass er danach aussteigt. Er hat genug von der Politik und von diesem Land. Außerdem macht ihm seine Familie Druck.“ Die Sippe sei der Meinung, dass der Papa nun schon lange genug in Österreich Zeit und Millionen vergeudet habe. In Kanada und Umgebung arbeitet ­Stronach derzeit am Aufbau einer Steaklokal-Kette. Es muss ihm also nicht langweilig werden.

Endgültig vorbei sind die Zeiten, als im Team Stronach das Geld quasi abgeschafft war und Glücksritter innerhalb weniger Wochen den Profit ihres Lebens machen konnten. Kathrin Nachbaur erklärte vor ein paar Tagen, ihr Chef werde von nun an keine finanziellen Mittel mehr in das Projekt stecken. Die Parteienförderung muss ab sofort reichen. Zu guter Letzt zahlen also doch wieder die Bürger.