Käfighaltung

Eine diffuse Furcht vor den Bedrohungen dieser Welt treibt moderne Eltern dazu, jeden Schritt ihrer Kinder zu überwachen und jeglichen Freiraum zu kappen. Die absurde Risikovermeidung ist alles andere als gesund: Überbehütete Kinder können reale Gefahren schwer einschätzen – sogar ihre Gehirne verkümmern.

Von Ulrike Moser

Die Verkäuferinnen konnten sich ein Schmunzeln kaum verkneifen, als ein etwas angegrauter Vater mit seinem einjährigen Sohn das Kindergeschäft betrat – der eine forschen Schrittes, der andere noch etwas wackelig auf den Beinen. Der Mann verlangte nach einem Sturzhelm. Schließlich sollte sich der Knirps bei seinen ersten Gehversuchen am vereisten Gehsteig nicht das Köpfchen verletzen. Einen Helm gab es allerdings nicht – die Geschichte ereignete sich vor annähernd 20 Jahren, und damals waren solche Sicherheitsvorkehrungen keineswegs üblich.

Heute würde der besorgte Vater nicht mehr belächelt werden. Denn die Zahl jener Eltern, die ihre Kinder vor jedem Unheil der Welt schützen wollen, und sei es nur vor ein paar blauen Flecken, ist im Steigen begriffen. Inzwischen fällt man auf, wenn man nicht schon in der Schwangerschaft die Wohnung kindersicher gestaltet, wenn man gelassen bleibt, obwohl der Zweijährige freudig vom höchsten Punkt des Klettergerüsts winkt, oder die Volksschulkinder am Nachmittag ohne Aufsicht zum Spielen in den Hof oder gar in den Wald schickt. Schnell wird einem dann eine zu große Unbekümmertheit attestiert. Wir leben in gefährlichen Zeiten, ständig droht Kindern Gefahr: eine Abschürfung, ein gebrochener Arm, ein Zeckenbiss und im schlimmsten Fall vielleicht gar eine Entführung.

Objektiv gesehen war die westliche Welt für Kinder aber noch nie sicherer. Studien beweisen, dass in den vergangenen 30 Jahren die Gefahren keineswegs zugenommen haben. Trotzdem regiert diffuse Angst die Kinderzimmer. Hinzu kommt die Sorge der Mittelschicht, die Kinder könnten im intellektuellen Vergleich schlechter abschneiden als Gleichaltrige, weswegen Kinder am Nachmittag besser nicht draußen spielen sollten, sondern lieber zur Klavierstunde, dem Englischkurs oder zum Ballett gebracht werden. Axel Rühle beschreibt das Dilemma in der „Süddeutschen Zeitung“: Der Mensch reagiert in Situationen, die ihn ängstigen, entweder mit Angriff oder mit Flucht. Wenn es um die Kinder geht, versuchen Eltern hingegen beides zugleich: pushen das Kind auf Teufel komm raus, damit es in der Welt bestehen möge. Und halten es gleichzeitig möglichst lang von eben dieser fern.

Diese Ansicht teilt Gabriele Pohl, Diplompädagogin, Leiterin des Kaspar-Hauser-Instituts in Mannheim und Autorin des Buchs „Kindheit – aufs Spiel gesetzt“: „Der Spielraum, in dem sich Kinder ausprobieren können, in dem sie Abenteuer erleben und ihre Grenzen austesten können, ist in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft.“

Das gilt nicht nur für Kinder, die in der Stadt aufwachsen, in der Freiräume ohnehin Mangelware sind, sondern auch für jene, die es nicht weit in den nächsten Wald hätten. So zeigt eine Befragung unter mehr als tausend Eltern jüngerer Schulkinder in Deutschland, dass selbst am Land die Aktivität im Freien drastisch eingeschränkt wird. So finden Kinder auf der Straße kaum mehr Altersgenossen, mit denen sie durch Hinterhöfe streifen, einen Bach stauen oder durch den Matsch springen können. Denn 45 Prozent der Eltern sprachen sich für ein Spielverbot auf Straßen aus, 32 Prozent für ein solches im Wald, und zehn Prozent würden gerne Bäche und Flüsse zur Verbotszone erklären. Stattdessen gibt es fixe Freizeitaktivitäten unter Aufsicht der Eltern. Die Studie zeigte, dass 82 Prozent der Kinder neben der Schule geregelte Kurse in Anspruch nahmen, im Durchschnitt ergeben sich daraus zwei Fixtermine pro Woche.

Psychologen und Pädagogen nennen dieses Phänomen „Verinselung“ und „Institutionalisierung der Kindheit“. Statt das Verletzungsrisiko als Teil jener Freiheit zu betrachten, die dazugehört, damit Kinder ihre Umwelt entdecken und ihre eigenen Erfahrungen sammeln können, versucht man sie vor allen Unannehmlichkeiten zu bewahren, beklagt der britische Soziologe Frank Furedi in seinem Buch „Elternparanoia“. Statt Risiken abzuwägen und sich Gedanken darüber zu machen, was Kindern zugetraut werden kann und was vielleicht tatsächlich zu gefährlich ist, gehen viele Eltern grundsätzlich vom Schlimmsten aus und wollen sämtliche Risiken ausschließen – und sei es ein ausgeschlagener Zahn.

Dass die Bewegungsfreiheit in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch eingeschränkt wurde, zeigt auch eine in Großbritannien durchgeführte Studie. Durften 1971 noch 80 Prozent der sieben- bis achtjährigen Kinder ihren Schulweg alleine bewältigen, waren es 20 Jahre später gerade noch neun Prozent. Der „Streifradius“ – jener Umkreis, in dem sich Grundschüler bewegen – schrumpfte in diesem Zeitraum von zwanzig Kilometern auf magere vier. Und selbst die werden mit der längsten Nabelschnur der Welt, dem Mobiltelefon, überwacht. Vorzugsweise gar mit einem Handy, das ein Alarmsignal ans elterliche Telefon sendet, wenn das Kind eine vordefinierte Zone verlässt.

Verlässliche Zahlen darüber, wie viel Prozent aller Eltern ihre Kinder überbehüten, sind rar. Der US-Psychologe Neil Montgomery vom Keene State College in New York, der 2010 eine Studie zum Thema „Überbehütung“ an 300 Collegestudenten durchführte, kam zu dem Schluss, dass rund zehn Prozent aller Eltern ständig um ihren Nachwuchs kreisten. Mädchen sind öfter mit „Helikopter-Eltern“ geschlagen: Während 13 Prozent davon betroffen sind, sind es bei Buben lediglich fünf Prozent, Tendenz allerdings stark steigend. Überbehütung beginnt dort, wo ein Kind seine Selbstwirksamkeit nur eingeschränkt erleben darf: wenn Mama sofort zu Hilfe eilt, um dem Volksschulkind die Schuhe anzuziehen, es beim Balancieren von der Spielplatzmauer holt, wenn energische Väter in der Schule anrufen, um ein Problem des Töchterchens zu lösen, oder gar beim Vorstellungsgespräch des Sohnes unterstützend dabei sein wollen.
Mag die übertriebene Sorge auch nachvollziehbar sein – gesund ist sie nicht. Die Folgen sind vielfältig, wie Forschungsergebnisse beweisen: Die Entwicklung des Selbstvertrauens wird gehemmt und damit auch das Selbstbewusstsein. Doch auch kognitive und motorische Entwicklung leiden darunter. Wer etwa in der Natur oder auch auf dem Spielplatz nie seine Grenzen ausloten konnte, entwickelt sich schnell zu einem eher ungeschickten Zeitgenossen.

Laut Dieter Breithecker, dem Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Wiesbaden, könnten drei von vier Kinderunfällen vermieden werden: „Bereits Anfang der neunziger Jahre wurde in einer hessischen Studie festgestellt, dass Kinder, die motorisch nicht eingeschränkt wurden, signifikant weniger Unfälle hatten als Gleichaltrige, die sich stets nur in einer abge- und übersicherten Umgebung bewegen durften.“ Kein Wunder, hatte die zweite Gruppe doch weniger Möglichkeiten, Körpererfahrungen zu sammeln. Wer unsicher auf dem Fahrrad unterwegs ist und sich voll und ganz auf die Koordination von Lenken und Treten konzentrieren muss, verfügt nicht über die Aufmerksamkeit, auch noch auf den Verkehr zu achten.

Es verwundert nicht, dass aus schaumgebremsten Kindern ängstliche Erwachsene werden, wie eine Untersuchung der Anxiety Disorders Association of America ergab: So hatten überbehütende Eltern auch ängstlichere Kinder. Je kontrollierender Kinder ihre Eltern empfanden, desto höher war auch ihr Stresslevel – und umso weniger trauten sich die Kinder selbst zu. Eveline Doll, Gründerin der Initiative „Kinder-Lobby“, kennt das: „Durch die sehr enge Elternbindung sind diese Kinder in der sozialen Interaktion mit anderen oft massiv benachteiligt. Sollen sie sich alleine behaupten, mündet das mitunter in Panik.“

Dass Überbehütung Kinder und Jugendliche auch im engeren Sinne des Wortes krank macht, wies die niederländische Psychiaterin Karin Janssens vom universitätsmedizinischen Zentrum Groningen im „Journal of Pediatrics“ nach. Als Datenbasis diente ihr eine im Jahr 2000 gestartete Studie, die den Gesundheitszustand von 2230 Niederländern im Alter von zehn bis 25 Jahren untersucht. Diese ermittelte, dass zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen an unspezifischen Krankheitssymptomen leiden, etwa an Kopf- oder Bauchweh, Schwindel oder Übelkeit. Janssens’ Untersuchungen zeigen, dass die gesundheitlichen Probleme in der Adoleszenz mit biologischen und psychologischen Prozessen, aber auch mit sozialen Risikofaktoren zusammenhängen, zu denen auch überbehütende Eltern gezählt werden. Besonders betroffen waren in der Tat jene Probanden, die angegeben hatten, besonders behütende Eltern zu haben.

Alle Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind – umso mehr, wenn es immer weniger und auch erst immer später Nachwuchs gibt. Während in den achtziger Jahren Mütter beim ersten Kind durchschnittlich 24,3 Jahre alt waren, lag das Durchschnittsalter laut Statistik Austria im Jahr 2010 bei 28,5 Jahren. Auch der Anteil jener Frauen, die erst mit 35 Jahren und darüber erstmals Mütter werden, steigt – und damit auch das Alter der Väter. Mit der schrumpfenden Zahl von Kindern innerhalb einer Familie wachsen gleichzeitig die Ansprüche, die Mütter und Väter an sich als Eltern stellen. „Diese Eltern wollen alles richtig machen. Sie sind sehr reflektiert, stellen die kindlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt – und müssen aufpassen, dass sich das nicht ins Gegenteil verkehrt“, sagt Lieselotte Ahnert, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien. „Denn Überbehütung hat ihre Ursache in der starken Kinderzentrierung.“
In Wirklichkeit ist jedes Kind ein geborener Entdecker. Die Umwelt muss erkundet, die Neugier befriedigt werden. „Kinder haben dabei aber zwei Bedürfnisse. Einerseits wollen sie eigenständig und autonom, aber gleichzeitig innig mit ihren Bezugspersonen verbunden sein. Und sie wollen ihnen zeigen, was sie können“, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther von der Uni Göttingen. Etwa, wenn der Einjährige gerade seine ersten Schritte gewagt hat und begeistert in die Hände klatscht oder wenn sich die Dreijährige ganz nach oben aufs Klettergerüst gewagt hat.

Bis es so weit ist, muss sich im Kinderhirn eine ganze Menge tun. Bis etwa ein Bewegungsablauf – ob Gehen, Springen, Balancieren oder Radfahren – von allein klappt, muss er immer wieder geübt werden. Dabei entstehen neue Nervenverbindungen, die Signale weitergeben und sich erst durch viele Wiederholungen stabilisieren. „Damit sich diese Verschaltungen überhaupt ausbilden und verfestigen können, reicht es nicht, mit theoretischem Wissen zugedeckt zu werden“, so Hüther. „Nur was man selbst erlebt hat, geht einem unter die Haut. Was es dazu aber braucht, sind Spiel- und Freiräume für Kinder.“ Werden die neu erworbenen Fähigkeiten beim Spielen nicht geübt und perfektioniert, verkümmern die zuständigen Synapsen wieder und werden irgendwann sogar gekappt.
Kinder, die Probleme mit Motorik und der Selbstständigkeitsentwicklung haben, landen mitunter bei der Linzer Ergotherapeutin Manuela Grünzweil. In einem „Raum voller Gefahren“, der zum Klettern, Schaukeln und Balancieren einlädt, können die Kinder ihre Sinneswahrnehmung schulen. Furchtsame Eltern lernen dabei, ihr Kind anzuleiten und zu unterstützen. „Vielen wird dann erst klar, was sie ihren Kindern vorenthalten haben. Hier sehen sie, dass nicht jedes Abrutschen von einer Sprosse gleich ein gebrochenes Bein bedeutet“, erzählt Grünzweil.

Für Lernerfahrung von besonderer Bedeutung ist der präfrontale Kortex. Dieser Teil des Frontallappens der Großhirnrinde empfängt sensorische Signale (etwa aus einer Bewegung), speichert und verknüpft sie mit emotionalen Inhalten und initiiert auf dieser Basis situationsangemessene Handlungen. Verschaltungen, die in dieser Hirnregion in der Kindheit ausgebildet werden, sind für die Steuerungen so wichtiger Fähigkeiten wie Motivation, Handlungsplanung, soziale und emotionale Kompetenz zuständig. Damit sich diese bilden können, braucht der Mensch Herausforderungen, die er selbst bewältigen muss. Dazu gehören Grenzerfahrungen und Erlebnisse des Scheiterns – auch wenn das bedeutet, dass sich ein Kleinkind mitunter den Finger in einer Schublade einzwickt. „Eltern sollten sich nicht zu viele Sorgen machen. Kinder müssen an ihre Grenzen gehen. Nur so lernen sie, ein Risiko richtig einzuschätzen und Selbstvertrauen zu haben. Daraus entwickelt sich dann das Selbstbewusstsein“, sagt Dieter Breithecker, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Wiesbaden.

Dabei entwickelt sich allmählich ein Bild der so genannten Selbstwirksamkeit, die essenziell für alle Lernprozesse ist. „Das klappt aber nur, wenn die Bezugspersonen Leistungen auch begeistert würdigen. Das ist der Drive, den das Kind zum Weiterlernen braucht. Fehlt er, kann sich die neuronale Struktur nicht angemessen ausbilden. Denn vor allem in den ersten Lebensjahren gilt: Bindung ist Bildung“, erklärt Lieselotte Ahnert. Kommt von den Eltern kein positives Feedback auf die neuen Fertigkeiten, reagieren Kinder je nach Charakter unterschiedlich: Während manche ihre Eltern nicht mehr ausstehen können und aggressiv reagieren, ziehen sich andere zurück, geben auf und funk­tionieren nur noch so, wie sie sol-
len. Wieder andere holen sich den Kick anderswo und machen „etwas Verrücktes“, meint Hirnforscher Hüther.

Was sich im Gehirn überbehüteter Kinder und Jugendlicher abspielt, hat der Psychiater Kosuke Narita von der Universität Gunma in Japan untersucht. Nach einer an 50 Studenten durchgeführten Untersuchung kam er zu dem Schluss, dass Überbehütung direkte Auswirkungen auf den präfrontalen Kortex hat und sogar zu psychischen Störungen führen kann. Die Studenten füllten dafür Fragebögen aus, die auf dem „Parental Bonding Instrument“ beruhten, einer international gebräuchlichen Methode, um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu messen. Die Probanden mussten sich dabei etwa zu folgenden Themen äußern: „Meine Eltern versuchten alles zu kontrollieren.“ – „Meine Eltern versuchten mich in Abhängigkeit zu halten.“ – „Die Eltern hätten es bevorzugt, wenn ich für immer Kind geblieben wäre.“

Narita und sein Team fanden her­aus, dass jene Testpersonen, die mit überbehütenden Eltern geschlagen waren, über weniger graue Gehirnmasse im präfrontalen Kortex verfügten als jene mit einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung. Schuld daran ist vermutlich das Stresshormon Cortisol. Verbunden damit wird zu wenig Dopamin ausgeschüttet, das Wachstum der grauen Masse wird gebremst.

Gerade Dopamin spielt beim Verfestigen von Erfahrungen eine große Rolle. Hat ein Kind ein Problem gelöst oder ein Hindernis überwunden, werden nicht nur die dafür verantwortlichen neuronalen Netze enger geknüpft, sondern auch Freude und Begeisterung über den Erfolg empfunden. Dabei wird Dopamin ausgeschüttet. Positiver Nebeneffekt: Das Hormon kurbelt die Lernmotivation weiter an, sodass das Kind von sich aus weitere Entwicklungsschritte unternimmt. „Aufgabe der Eltern wäre es, das Kind in der Zone der nächsten Entwicklung zu leiten, wie der russische Psychologe Lew Wygotski schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts empfahl“, so Entwicklungspsychologin Ahnert.

Wygotski ging davon aus, dass Kinder zwar akribisch beobachtet werden, ob sie einen Entwicklungsschritt gemacht haben, sich Eltern und Erzieher aber nur selten fragen, was als Nächstes ansteht. Mit ein wenig Unterstützung könnten die Kinder aber vielleicht auch schon in die nächste Entwicklungszone eintreten. Werden sie hier gefördert, wirkt sich das positiv aus. Die Eltern stellen mitunter verblüfft fest, dass das Kind bereits weiter ist als gedacht. Was es dafür allerdings braucht, ist Vertrauen in die Fähigkeiten des Nachwuchses.

Wer hingegen Entwicklungsschritte ignoriert, bremst die Lust am Lernen und am Neuen. Und das nicht nur im Park, auf dem Spielplatz oder im Wald, sondern auch im Klassenzimmer. „Denn Bewegungserfahrung ist immer auch Lernerfahrung“, erklärt Erich Müller, Leiter der Arbeitsgruppe Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Universität Salzburg. Dass Bewegung auch zu besseren Schulleistungen führt – ganz ohne zusätzliche Förderung –, ist mittlerweile wissenschaftlich bestätigt, etwa durch die „Trois-Rivières-Studie“. Diese an 500 kanadischen Grundschülern in der Provinz Quebec durchgeführte Untersuchung belegt, dass Bewegung in Hinblick auf intellektuell-kognitive Leistungen nicht als verlorene Zeit zu verbuchen, sondern sogar essenziell ist.

Die Hälfte der dabei untersuchten Sechs- bis Zehnjährigen erhielt fünf zusätzliche Turnstunden pro Woche, die auf Kosten anderer Fächer, darunter Mathematik, Französisch und Naturwissenschaften, eingeführt wurden. Die Vergleichsgruppe turnte weiterhin nur 40 Minuten pro Woche, erhielt dafür aber um 15 Prozent mehr fachlichen Unterricht. Das Ergebnis: Jene Kinder, die sich mehr bewegten, aber weniger fachlichen Unterricht hatten, erbrachten die gleichen und teilweise sogar besseren Leistungen im Unterricht als die Vergleichsgruppe. Eine weitere, vom California Department of Education durchgeführte Untersuchung an 350.000 Schülern der fünften Klasse, 322.000 Siebtklasslern und 279.000 Schülern der neunten Klasse zeigte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Schulleistung: je besser der Fitnesszustand, desto besser die Leistungen in Mathematik und Lesen.

„Dabei muss man, um zu solchen Ergebnissen zu kommen, nicht einmal viel Sport treiben“, meint Dieter Breithecker. „Gerade bei Kindern sollte das allein im Zusammenhang mit dem Spielen passieren. Früher war Bewegung Mittel zum Zweck, eben dorthin zu kommen, wo es gerade spannend war. Da ging man schon mal längere Strecken zu Fuß oder radelte, das war Alltag. Wenn Eltern ihre Kinder nun chauffieren, bringen sie sie um diese Erfahrung.“ Kein Wunder, dass dann die Alltagskoordination zu kurz kommt, wie Sportwissenschafter Erich Müller kritisiert. Er hat die motorische Leistungsfähigkeit von 67.000 österreichischen Schülern zwischen zehn und fünfzehn Jahren untersucht: „Was Kinder vor 20 Jahren noch konnten, schaffen viele von ihnen nicht mehr. Gerade ein Drittel aller Gymna-
siasten kann noch einen Purzelbaum.“

Wer nicht genügend koordinative Kompetenz besitzt, lernt das richtige Abrollen bei Stürzen nicht, der Stützapparat ist in Mitleidenschaft gezogen, da die Muskeln im Rumpfbereich nicht mehr koordiniert werden können. Wer sich hingegen viel bewegen darf und dabei Ausdauer, Koordination und Kraft trainiert, unterstützt die so genannten exekutiven Funktionen. Darunter versteht man das Arbeitsgedächtnis. Es trägt dazu bei, dass komplexe kognitive Funktionen wie mathematische Leistung oder Sprache entstehen können, Aufmerksamkeit und kognitive Flexibilität, also sich schnell auf neue Anforderungen einzustellen. All diese Funktionen sind wiederum im präfrontalen Kortex verankert. Kurz gesagt: Nur wer sich bewegt, seine Umwelt erkunden darf und dabei Hindernisse überwindet, fördert auch nachhaltig die kognitive Entwicklung. Erich Müller: „Kinder, deren exekutive Funktionen gut ausgeprägt sind, haben ein geringeres Risiko für Verhaltensauffälligkeiten.“

Mitunter können notwendige Fertigkeiten nicht einmal mehr in Spielräumen erprobt werden. Diese wurden in den vergangenen Jahren sicherer – und damit langweiliger. Immer öfter werden vermeintlich gefährliche Spielgeräte entfernt, hohe Klettertürme durch niedrige Plattformen mit rutschfestem Belag ersetzt. Solche Strategien können nach hinten losgehen, fürchtet David Ball, Professor für Risikomanagement an der Londoner Middlesex University. Gerade ältere Kinder werden durch zu viele Sicherheitsmaßnahmen davon abgehalten, sich auf den Spielplätzen auszutoben. Laut Ball suchen sie sich entweder gefährlichere Plätze, die ihnen mehr Herausforderungen bieten, oder verzichten eben ganz auf Bewegung. Dies bestätigt die Psychologin Ellen Sandseter vom norwegischen Queen Maude University College. Sie geht davon aus, dass Kinder Herausforderungen wie große Höhen suchen, um ihre Angst davor zu bewältigen.

Bisweilen schlägt das Pendel wieder in die Gegenrichtung. So wird im Vorwort zu den Bestimmungen der europäischen Spielplatznorm EN 1176-1 festgehalten, dass der Nutzen eines Spielplatzes mit abschätzbaren Risiken trotz theoretischer Verletzungsgefahr höher anzusehen ist als eine totale Übersicherung, denn „Kinder müssen lernen, mit Risiken fertig zu werden“. Selbst wenn dies gebrochene Gliedmaßen bedeutet.