Buchkritik: Thomas Edlingers "Der wunde Punkt"

Thomas Edlinger.

Thomas Edlinger.

Faszination sticht Reflexion: Thomas Edlingers neues Buch verhandelt scharfsinnig die Krisen der Kritik - und kommt zu überraschenden Erkenntnissen.

Im postkritischen Zeitalter hat die Methode der Differenzierung keinen ganz leichten Stand. Wo die rauschhaft-sinnliche Intensität eines reflexionsfreien Hedonismuslebens und der Rückzug in die naturnahe Askese von den meisten Zeitgenossen als praktikable Alternativen zur mühsamen (und meist ohnehin fruchtlosen) kritischen Durchdringung der Welt gesehen werden, hat die dialektische Verfeinerung des Blicks auf die gesellschaftliche Wirklichkeit einen dramatischen Werteverfall erlebt. Als sexy gelten die weitgehend wirkungslosen Haarspaltereien der Kultur- und Sozialkritik ebenso wie die eingeübten Reflexe von Antifaschismus und Kapitalismuskritik jedenfalls längst nicht mehr. Thomas Edlinger, 48, Radiomacher, sporadischer profil-Autor und designierter Intendant des Donaufestivals, hat sich nach dem (gemeinsam mit Matthias Dusini) erarbeiteten Political-Correctness-Essay "In Anführungszeichen“ (2012) den Glaubwürdigkeitsverlust des kritischen Denkens vorgenommen. Die Selbstkritik, zu der die Autoren, die den bourgeoisen Bohemien in sich naturgemäß erkannten (und zwischendurch ironisch ins Treffen führten), bereits damals griffen, wird in "Der wunde Punkt“, Edlingers jüngstem Suhrkamp-Theoriearbeit, endgültig konkret: Das Ich des Autors dringt diesmal ganz explizit in den Text vor, um sich gleichsam im Selbstversuch den gebotenen Hypothesen zu stellen und diese mit autobiografischen Einwürfen zu konfrontieren und zu erden. Das Bemühen um nicht-akademisches, dabei sehr sprachspielerisches Schreiben ist deutlich, was dem Buch trotz seiner nicht immer problemlos erklärbaren Problemstellungen zusätzliche Attraktivität verleiht. Wenn Edlinger vom Verlust des Politischen im Pop berichtet, klingt das bei ihm so: "Popbotschaften wenden sich schon deshalb nicht an gesellschaftliches Außen, weil ein außen von Pop heute kaum mehr beschreibbar wäre., Reale’ Verhältnisse außerhalb von Pop existieren nicht einmal für jene jungen Neo-Gotteskrieger, die beim Posing für Allah nicht den Vorstadt-Rapper aus dem Selfie bekommen.“

Islamophobie, Pop-Avantgarde, Erotikliteratur

Das "Unbehagen an der Kritik“, das Edlinger (mit Seitenblick auf Sigmund Freud und Judith Butler) im Untertitel seines Bandes konstatiert, ist ein erst auf den zweiten Blick als wirklich relevant erkennbares Thema - und ein tendenziell gigantisches Feld, weil es, wenn man den Begriff der Kritik ernst nimmt, nahezu alle Lebensbereiche und -weisen betrifft; der Autor spannt den Bogen daher folgerichtig so weit, dass sein Thema überall den Rahmen des Erwartbaren sprengt, führt von Islamophobie und Big Data zur Pop-Avantgarde und von grauschattierter Erotikliteratur tief in den Gegenwartskunstbetrieb, aber beispielsweise auch ins TV-"Dschungelcamp“ hinein, wo die "Affektressource“ Mensch seriell Authentizität fingiert und dabei changierende Bilder produziert, die sich den traditionellen Mitteln der Kritik frech entziehen.

Herman Melvilles berühmter Bartleby, der jede Arbeitszumutung außerhalb seines Kerngebiets, des Textkopierens, mit den Worten "Ich möchte lieber nicht“ kontert, ist bei Edlinger ein frühes Beispiel postkritischer Eremitage und antisozialer Rebellion. Die Totalverweigerung ist der Gegenentwurf zu den inflationären selbst-und sozialkritischen Positionen von Medien und Institutionen, die den einst emanzipatorischen Aufklärungsakt geübter Kritik in bloß linke oder rechte Besserwisserei verschoben haben.

Am Ende wählt Edlinger nicht den simplen Weg der Verachtung unkritischer Lebensmodelle, lässt auch den Eskapismus als mögliches Instrument zur Erlangung eines gewissen Lebensglücks gelten. Vielleicht sei es an der Zeit, die Fetischisierung der kritischen Differenz zu überwinden, schreibt er - man müsse eben "mehr beobachten und benennen statt kritisieren und dekonstruieren“. Aus den "Sackgassen der Kritik“ führe möglicherweise nur "eine konstruktive Auffassung der Welt“, weit jenseits von Stammtisch- und Shitstorm-Kritik, Industrieaffirmation und Miserabilismus.

Thomas Edlinger: Der wunde Punkt. Suhrkamp. 317 S., EUR 18,50

Buchpräsentation: 9.9., 20.30 Uhr, im rhiz (U-Bahnbogen 37-38, Lerchenfelder Gürtel, 1080 Wien). Die Philosophin Isolde Charim wird ein Gespräch mit dem Autor führen.