Die seltsamen Synergien zwischen Viennale und Filmarchiv

Die seltsamen Synergien zwischen Viennale und Filmarchiv

Mit dem neuen Wiener "Kinokulturhaus“ setzt das Filmarchiv Austria auf Expansion - aber auch auf seltsame Nebengeschäfte und undurchschaubare Verflechtungen mit der Viennale.

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt neue Filmkulturangebote in der Wiener Innenstadt. Nach fast dreijähriger Umbauphase wurde vor wenigen Tagen das alte Metro-Kino in der Johannesgasse wieder eröffnet - mit neuem Studio-Kinosaal, 500 Quadratmeter Ausstellungsflächen in den Obergeschoßen und einer ersten Retrospektive mit dem Titel "Peter Handke geht ins Kino“ (siehe auch Bericht Seite 104). Das Filmarchiv Austria bespielt ab sofort seine alte Wirkungsstätte wieder, mit tatkräftiger Unterstützung der Viennale: Gemeinsam hatten die beiden Institutionen seit 2007 für ein "Filmkulturzentrum“ im Wiener Augarten, wo das Filmarchiv sein Hauptquartier hat, gekämpft, aber letztlich verloren - ein Konzertsaal für die Wiener Sängerknaben wurde stattdessen dort errichtet.

Stadtbekannte Animositäten
Die schlechte Nachricht: Das neue "Kinokulturhaus“ im Metro-Kino ist Teil eines erstaunlich offen geführten Kulturkampfs, der explizit auch darauf abzielt, so etwas wie ein zweites Filmmuseum zu etablieren - die Animositäten zwischen Viennale-Direktor Hans Hurch und Filmmuseums-Chef Alexander Horwath sind stadtbekannt - und implizit dazu dienen könnte, den Blick von der durchaus umstrittenen Arbeit von Filmarchiv-Geschäftsführer Ernst Kieninger abzulenken.

Man wird jedenfalls, obwohl die Viennale selbst (siehe Kasten rechts außen) erst am Donnerstag dieser Woche startet, im Metro-Kino das Gefühl nicht los, bereits Viennale-Veranstaltungen zu erleben: Hans Hurch bestreitet Pressekonferenzen, gibt zum "Kinokulturhaus“ Interviews, moderiert Ehrengäste ein. Die Verflechtung zwischen den beiden Kulturbetrieben ist augenfällig, wenn auch Kieninger selbst im profil-Gespräch die enge Verbindung relativiert: Die Kooperation sei "rein inhaltlich, das wirtschaftliche Risiko tragen wir allein“. Das Filmarchiv kuratiere seit Jahren Programme bei der Viennale, umgekehrt arbeite das Festival beim Sommerkino im Augarten mit. Das sei "eine Kultursymbiose ohne Finanzierungspartnerschaft“. Das Metro-Kino sei zudem "eine 100-prozentige und ausschließliche Agenda des Filmarchivs Austria“.

So gibt es also nun, bei mehrheitlich über Sponsorenleistungen bestrittenen Gesamtbaukosten von 1,9 Millionen Euro, ein "neues Haus für den österreichischen und internationalen Film“, wie es etwas umständlich in der Metro-Werbebroschüre heißt. Neben Retrospektiven zu den Regisseuren Gustav Ucicky und Florian Flicker plane man etwa auch Programme und Ausstellungen zur japanischen Filmgeschichte und Andy Warhols Factory. Von der "Nationalbibliothek der Laufbilder“, die Kieninger im Sinn hat, ist man derzeit noch weit entfernt; ab Mitte 2015 aber soll es, nach einer weiteren, im Jänner beginnenden monatelangen Schließphase, im zweiten Obergeschoß digitale Sichtungsstationen geben.

Hurch als Kieningers Protektor
Die Genese des Metro-Unternehmens gestaltete sich schwierig: Ursprünglich war die Eröffnung bereits für Herbst 2012 geplant, Finanzierungsfragen und Expansionsdrang verzögerten den Umbau der Hauptspielstätte des Filmarchiv Austria aber um volle zwei Jahre. Als Kieningers Protektor tritt Hurch bereits seit den 1990er-Jahren auf. Damals installierte er den jungen Präkinematografie-Spezialisten Kieninger als neuen Leiter des bereits recht angestaubten Filmarchivs. Seither sieht sich Hurch Kieninger treu verbunden, im Präsidium des Filmarchivs hat er seit je seinen Platz. Kritik an Ernst Kieninger verträgt er nicht einmal ansatzweise, wird in solchen Fällen gern auch öffentlich ausfällig, was daran liegen mag, dass sich die Stimmung im Filmarchiv selbst seit 2013 merklich verschlechtert und zu teils heftigem Unmut gegen Kieninger geführt hat.

Mitarbeiter des Filmarchivs äußerten verstärkt ihren Ärger über die schlechte Bezahlung bei gleichzeitiger Arbeitsüberlastung und problematischer interner Kommunikation; es kam zu Kündigungen, Burn-out-Fällen - und einem anonymen Schreiben, das den Subventionsgebern von den Missständen im Filmarchiv berichtete. Zwei Hauptvorwürfe betrafen Urban-Gardening-Projekte, die Kieninger am Augartengelände betreibt, sowie die Gastronomie, die im Rahmen der Filmarchiv-Sommerkinos 2012 und 2013 von dem Verein Grünstern bestritten wurde - bei dem Kieninger selbst als Obmann fungiert.

Infolge dieses Eklats begann man seitens der Förderungsstellen auf Maßnahmen zu drängen, Mediationen anzubieten. Bund, Stadt Wien und Landesregierung NÖ forderten Anfang 2014 "eine signifikante Aufwertung der Geschäftsführung“, stellten Kieninger mit Alexander Behensky einen neuen kaufmännischen Geschäftsführer zur Seite. "Wir wollen eine stärkere Professionalisierung“, gab Kunstsektionschefin Andrea Ecker damals zu Protokoll.

"Infames anonymes Schreiben"
Einen Eindruck von der Atmosphäre im Team mag jene kurz vor Weihnachten 2013 an die gesamte Filmarchiv-Belegschaft gesandte E-Mail vermitteln, in der Kieninger ankündigte, für "lückenlose Aufklärung der Urheberschaft dieses infamen anonymen Schreibens und dem damit verbundenen Diebstahl von Unterlagen aus unserer Buchhaltung“ zu sorgen. Es sei "leider mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einer internen Täterschaft - mit vermutlich einem Haupttäter und mehreren Mitläufern - auszugehen“. Eine Anzeige werde "mit Unterstützung eines Top-Anwaltes“ erfolgen. Die Causa ist bis heute ungeklärt. Er stehe für die im Rahmen des Sommerkinos gesetzten Aktivitäten ein, "die angeblich nicht zum Portfolio des Filmarchivs gehören würden“, sagt Kieninger heute. "Konkret haben wir uns 2012 um die Gastronomie selbst gekümmert, das wurde mir zum Vorwurf gemacht. Ich habe das ehrenamtlich, ohne jegliche Bezahlung gemacht.“ Problematisch findet er diese Sphärenvermischung keineswegs: "Operativ ist Grünstern außerhalb des Filmarchivs inaktiv. Da fällt keine Arbeit an.“ Es habe auch keine Quersubventionierungen gegeben, nur "eine enge Kooperation mit vielen Vorteilen für das Filmarchiv“.

Die Grün-Projekte Kieningers enden freilich bei Gartengestaltung und Bio-Gastronomie nicht. Er zeichnet auch für den Verein Solarmobil Austria als Projektleiter - und als Kooperationspartner des Filmarchivs - verantwortlich: "Damit haben wir schon seit 2005 Nachhaltigkeitsprojekte in Sachen Elektromobilität am Laufen. Da sind wir an einem Forschungsprojekt beteiligt, und um diese eher technischen Aspekte nicht mit dem Filmarchiv zu vermischen, habe ich das in den Verein Solarmobil ausgelagert. Das ist aber im Prinzip abgeschlossen, operativ bin ich da nicht mehr tätig.“ Allerdings sollten sich "Kulturinstitutionen Fragen der Nachhaltigkeit, einer besseren betrieblichen Organisation stellen“. Das Filmarchiv habe dies sehr viel früher als andere getan, "vielleicht nicht öffentlich genug gemacht“.

Erst im März 2014 erwarb Kieninger den Gasthof Failler in Drosendorf, den er dank des hausinternen Kinosaals laut "Niederösterreichische Nachrichten“ zum "Hotspot der Filmkultur“ ausbauen und als "Kulturgasthof“ positionieren wolle. Das sei "wirklich eine private Sache“, die mit dem Filmarchiv nichts zu tun habe, kontert Kieninger. "Das wird verpachtet und von anderen betrieben.“

Budgeterhöhungen nicht in Aussicht
Eine Frage drängt sich angesichts dieser vielen Arbeits- und Interessensfelder dennoch auf: Wie soll ein mit rund 35 Mitarbeitern an drei Großschauplätzen (neben Augarten und Metro: die Filmdepots in Laxenburg) operierendes und schon seit Jahren nachweislich am Anschlag arbeitendes Kulturunternehmen, dessen Hauptaufgabe in der Archivierung und Restaurierung liegt, all den neuen Aufgaben nachkommen, die allein das "Kinokulturhaus“ nun aufwerfen wird? Nennenswerte Budgeterhöhungen sind nicht in Aussicht gestellt. Kieninger: "Wir haben uns das sehr genau überlegt. Es gibt eine Art Basisbetrieb im Metro, die Filmvorführungen in den beiden Kinos können wir mit einem unerheblichen personellen Mehraufwand leisten. Da gibt es Synergien, man kann zwei Kinos mit einer Mannschaft bedienen.“ Die Stadt Wien sei im Filmarchiv Austria "ein Juniorpartner“, "realistisch“ werde eine Budgeterhöhung "vor allem durch noch stärkere Eigenleistungen und Ausbau von Sponsoring-Partnerschaften möglich sein“.

Kieningers demonstrativer Optimismus steht in einem gewissen Gegensatz zu den Schlüssen, die ein aktueller Gebarungs- und Subventionsprüfbericht des Stadtrechnungshofs Wien nach Untersuchung der Geschäftsjahre 2010 bis 2012 zieht: Auf 45 Seiten und in 27 dringenden Empfehlungen werden da unter anderem das Fehlen des Vier-Augen-Prinzips und die "In-sich-Geschäfte“ Kieningers moniert, der 2011 als Leiter des Vereins Filmarchiv dem Obmann des Vereins Grünstern, also sich selbst, ein Darlehen über 30.000 Euro gewährt (und verspätet zurückgezahlt) hat. Und als Aufsichtsorgan sollte das Präsidium agieren, das laut Stadtrechnungshof aber die "Aufgaben eines Leitungsorgans“ übernommen hatte, was mit den Pflichten eines Aufsichtsrats "unvereinbar“ sei. Zuletzt sei das Metro-Kino 2010/11 alles andere als ein Hit gewesen: Der Stadtrechnungshof berichtet von gerade 27 Prozent Auslastung (bei einem Freikartenanteil von rund 40 Prozent).

Der Großteil der Empfehlungen des Stadtrechnungshofes sei bereits umgesetzt worden, erklärt Kieninger nun: "Das schon bisher bestehende Vier-Augen-Prinzip wird nun genau dokumentiert. Und der Stadtrechnungshof würdigte übrigens grundsätzlich die Weiterentwicklung der kulturellen Vereinstätigkeit des Filmarchivs und das diesbezügliche Engagement der Geschäftsführung.“ Tatsächlich ist die Struktur des Filmarchivs bis heute sehr intransparent: Während andere Kulturinstitutionen ihre Aufsichtsräte offenlegen, fehlt von der Zusammensetzung des Präsidiums auf der Website des Filmarchivs jede Spur. Und die Überforderung angesichts zu vieler Baustellen ist, wenn man genau hinsieht, überall zu erkennen: von fehlenden Basisinformationen im Metro-Programmheft bis zu den Mitteilungen auf der Filmarchiv-Website, die in der Sektion "News“ noch am Freitag vergangener Woche das "Gesamtbudget des Umbaus“ mit 450.000 Euro bezifferten, der "bis Ende September 2012 abgeschlossen“ sein sollte.

Austrifizierte Viennale
Im Jahr des Neupositionierung des Filmarchivs Austria hat sich jedenfalls auch die Viennale merklich austrifiziert: Jessica Hausners souveränes Kleist-Spiel "Amour fou“ eröffnet das Festival sogar. Es ist allerdings gegenwärtig eher schwierig, dazu vom Direktor Näheres zu erfahren, denn die Bitte um Beantwortung dreier Fragen - nach dem Naheverhältnis der Viennale zum Filmarchiv, seiner fragilen Beziehung zum österreichischen Kino sowie der ostentativen Nichterinnerung an den im April verstorbenen Michael Glawogger im Festivalprogramm - ging ins Leere. "Ich möchte“, so teilte Hurch per E-Mail vergangene Woche in dürren Worten mit, diese Fragen "nicht beantworten“ - mit immerhin "freundlichen Grüßen“. Etwas latent Kulturfürstenhaftes scheint in Hans Hurch derzeit Form anzunehmen.

Er freue sich "herzlich, dass unser Festival in diesem Jahr mit der Arbeit einer österreichischen Regisseurin eröffnet wird“, so Hurchs offizielles Wording. Für ihn sei "Amour fou“ ein "wirklicher Glücksfall für das heimische Kino“. So viel Freude hat er damit sonst nicht: Er legte sich 2012 spektakulär mit Ulrich Seidl an, kritisiert freudig Michael Hanekes Weltbild, und Michael Glawoggers Kino desavouierte er bereits 2006 im "Falter“ als "Rotzbubenkino“.

"Gut, ich provoziere gern, und die hiesige Filmszene ist gern wehleidig“, sprach Hurch 2011 im "FAQ“-Magazin. Aber, "um ehrlich zu sein: Der österreichische Film interessiert mich gar nicht genug, um mich dauernd damit zu beschäftigen.“ Geschwätz von gestern? Schwer zu sagen.