Dominique Meyer: "Diese Beleidigungen kann ich nicht nachvollziehen"

Staatsoper - Dominique Meyer: "Diese Beleidigungen kann ich nicht nachvollziehen"

Dominique Meyer, Chef der Wiener Staatsoper, über die anhaltende Krise der Bundestheater und die Kritik an seinem Führungsstil.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Ihr Haus hat dieser Tage, nach den weithin publizierten Abgängen der Dirigenten Welser-Möst und de Billy, nicht seine beste Zeit. Wie gehen Sie damit um?
Meyer: Ich sehe diese beiden Abtritte nicht auf der gleichen Ebene. Franz Welser-Mösts Rückzug will ich nicht weiter kommentieren. Und Bertrand de Billy warf ja schon im vergangenen Mai das Handtuch, als er die Arbeit am „Lohengrin“ wegen eines minimalen Strichs aufgab. Ich hatte damals alles versucht, um eine Einigung herbeizuführen. Ich zog daraus die Konsequenz, mit de Billy keine Premieren mehr zu wagen. Das ist keine wahnsinnige Entscheidung, sondern eine vernünftige. Ich verstand auch, dass de Billy unter diesen Voraussetzungen keine Repertoirevorstellungen mehr dirigieren wollte. Noch im Sommer zogen wir gemeinsam in Frieden einen Schlussstrich. Nun kommen diese Vorwürfe, diese Beleidigungen, die ich nicht nachvollziehen kann.

profil: Sie werden öffentlich kritisiert, obwohl alles bestens läuft?
Meyer: Nun, das sind zwei sehr verschiedene Ebenen. Auf der einen Seite gibt es diesen Wirbel, der so schlimm auch wieder nicht ist, diese „Affären“. Aber man muss auch wahrnehmen, dass es die künstlerische Ebene gibt, die Abende an der Staatsoper, die seit Anfang dieser Spielzeit von Publikum und Kritik großartig angenommen werden.

profil: Sie sagen, Sie kommentieren Welser-Mösts jähen Abtritt als Generalmusikdirektor nicht, haben aber auf der Homepage der Staatsoper ein langes Statement dazu veröffentlicht, in dem sie ihr „Bedauern“ über diesen „großen Verlust“ formulieren. Dabei schwelten doch hinter den Kulissen seit Jahren Meinungs- und Auffassungsunterschiede zwischen Ihnen und Welser-Möst.
Meyer: Ich werde dazu kein Wort sagen, das die Tür für immer schließen würde. Wenn man jemandem eine Ohrfeige verabreicht, erleichtert einen das eine Sekunde lang – und dann zahlt man jahrelang den Preis dafür. Diesen Preis soll die Staatsoper nicht zahlen müssen. Also nur so viel: Ich hoffe natürlich, dass Welser-Möst eines Tages an unser Haus zurückkommen wird, das ist sein Platz.

profil: Braucht die Staatsoper einen Generalmusikdirektor?
Meyer: Zunächst arbeiten wir hart, um Dirigenten zu finden, die Welser-Mösts Dirigate übernehmen können. Und es geht ja nicht nur um die laufende Spielzeit, ich hatte mit Franz bereits die beiden nächsten durchgeplant. Wenn wir erneut einen Generalmusikdirektor verpflichten, muss es jemand sein, der sich für die Staatsoper wirklich einsetzt. Der uns etwas bringt. Das geht nicht von heute auf morgen. Denn die meisten Leute, die für einen solchen Job in Frage kämen, sind derzeit gar nicht frei.

profil: Warten Sie also auf Bewerbungen oder sprechen Sie potenzielle Kandidaten an?
Meyer: Ich muss mir erst darüber klar werden, was und wen wir, wenn überhaupt, an dieser Stelle haben wollen.

profil: Zwei Mal innerhalb weniger Tage wurde Ihr Führungsstil von prominenter Seite bemängelt. Üben Sie Selbstkritik? Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?
Meyer: Sicherlich. Wenn einem Dinge dieser Art vorgeworfen werden, liegt es nahe, dass man auch selbst etwas falsch gemacht hat. Ich behaupte nicht, dass ich perfekt bin.

profil: An dem Vorwurf, Sie hätten Ihre Entscheidungen über Welser-Mösts Kopf hinweg getroffen, ist also etwas dran?
Meyer: Dazu will ich nichts sagen; er weiß Bescheid, ich weiß Bescheid. Das ist uns genug. Es ist wie in jeder Beziehung. Wir haben sieben Jahre lang zusammengearbeitet, da gab es Höhen und Tiefen. Natürlich trage auch ich meinen Teil der Verantwortung.

profil: Aber eigentlich ist seine Kündigung ja Vertragsbruch. Sie könnten ihn dafür zur Rechenschaft ziehen.
Meyer: Wir müssen die Zukunft vorbereiten, nicht die Vergangenheit bearbeiten. Auf diese Schiene will ich nicht gehen.

profil: Welche Schiene denn? Die öffentliche Schlammschlacht?
Meyer: Genau. Und etwa eine gerichtliche Auseinandersetzung. Wir haben einen vernünftigen Weg gefunden, um aus
dieser Sache mit Würde herauszukommen.

profil: Die Situation der Bundestheater ist alles andere als rosig. An der Staatsoper stimmt die Auslastung zwar, an massiven Finanzproblemen laborieren aber auch Sie. Sind Sie dennoch zuversichtlich, dass der neue Chef der Bundestheater-Holding, Günter Rhomberg, die Krise meistern wird?
Meyer: Ich sehe, dass er sich bemüht. Der Schlüssel zum Koffer liegt in der Hand der Regierung, die zwar konstruktiv ist, aber leider die Budgets nicht erhöhen kann. Die Situation ist problematisch: Da seit 1999 die Basisabgeltung nicht dem Index angepasst wurde, haben wir etwa 25 Prozent an Etat verloren, die wir durch Einsparungen und Einnahmensteigerungen bisher ausgleichen konnten.

profil: Kann man angesichts des Auslastungsdrucks überhaupt anders als konservativ arbeiten?
Meyer: Das tun wir nicht. Natürlich muss man aufpassen, es gab schon Produktionen, die wir wegen des Mangels an Publikumsinteresse viel zu früh vom Spielplan nehmen mussten. Das heißt aber nicht, dass wir konservativ arbeiten müssen. Man muss einen Weg finden, das Haus in die Modernität zu führen, ohne das Publikum zu entfremden.

profil: Wie beurteilen Sie Georg Springers Rücktritt als Holding-Chef? Trägt er die Mitverantwortung an dem Burg-Desaster?
Meyer: Natürlich. Der Rücktritt war seine Entscheidung, aber menschlich sieht es aus wie eine Tragödie, so kurz vor der Pension. Ich mochte nicht, wie sehr auf ihn medial und politisch maßlos eingeschlagen wurde.

profil: Aber fühlen Sie sich von der Holding unterstützt? Ist sie wichtig für Ihre Arbeit?
Meyer: Ich habe vier Opernhäuser geleitet, die Organisation war jedes Mal anders, und ich kann mit unterschiedlichen Systemen umgehen. Die Staatsoper würde, im Zusammenspiel mit dem Kulturministerium, wohl auch ohne die Holding-Konstruktion funktionieren. Echte Finanzprüfungen kann die Holding schon personell nicht leisten. Glücklicherweise haben wir mit Thomas Platzer einen starken Geschäftsführer, und ich habe vollen Einblick in die Finanzen. Ich möchte nicht nachträglich Dinge entdecken, die ich nicht verantworten könnte.

profil: Waren Sie schockiert über die internen Geldflüsse am Burgtheater?
Meyer: In mancher Hinsicht schon. Ich kenne aber viele Details nicht – oder nur aus den Zeitungen. Das ist zu wenig, um das alles wirklich beurteilen zu können. An der Staatsoper sind wir jedenfalls finanziell ganz anders organisiert.