<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Unser blühendes Land

In den ablehnenden Postings über Arigona Zogaj offenbart sich ein Teil der Volksseele, den man nur mehr als asozial bezeichnen kann.

Arigona: Den einen rührt sie ans Herz, die anderen provoziert sie zu Hassausbrüchen von einer Intensität, die fassungslos macht. Wer sich durch die ablehnenden Postings über sie kämpft und hofft, dass sich dabei Ansätze zu einer Konfliktlösung erkennen lassen, hofft vergeblich. Nichts als Hass und Hohn, Niedertracht und Bosheit. Das, was Schnitzler die „selbstlose Gemeinheit“ nennt, Gehässigkeit, die sich selbst genügt. Sie verschafft dem Gehässigen keinen Vorteil, es reicht ihm, dass er verachten und – im Zeitalter des Internets – seine Verachtung öffentlich rausspeien darf. Die Reichweite des Cyberspace nährt seine Illusion, bedeutend zu sein, gleichzeitig darf er sich im Schutz der Anonymität verstecken.
Das Streben nach Bedeutung ist menschlich und per se weder verwerflich noch erschreckend. Erschreckend ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Inhalt. Da erheben welche den Anspruch auf politische Mitgestaltung mit Wortmeldungen, die nichts weiter abbilden als ein missgünstiges, widerwärtiges Gemüt.

Wer zu seiner Beruhigung nach Erklärungen sucht, seien sie rational oder wenigstens emotional nachvollziehbar, wird eines Schlechteren belehrt. Für die zutage tretende Bösartigkeit gibt es keine mildernden Interpretationen, die kann man nicht zum Missverständnis, zum Informationsdefizit, zum Ergebnis eines verantwortungslosen Medienhypes umdeuten. Missverstehen, mangelhaftes Informiertsein und auch der zeitweise Overkill an Berichten im „Seitenblicke“-Format spielen sicher ebenfalls eine Rolle im Diskurs um die heimische Asylpolitik und das Mädchen, das dabei zu einer Art Galionsfigur wurde. Aber abzüglich aller dieser Faktoren zeigt sich in den Reaktionen ein Teil der Volksseele, für den sich keine andere Charakterisierung finden lässt als asozial.

Menschenverachtend, paranoid, selbstmitleidig, so präsentieren sich die selbst ernannten Heimatschützer, die Österreich vor der angeblichen Gefahr Arigona bewahrt sehen möchten. Weil sie ihre Argumente aus einem Topf vorgefertigter Reizworte und abrufbarer Diffamierungen beziehen, wiederholen sich die Phrasen, die sie dreschen. Die Schlüsselworte, die etwas aufschließen, was man lieber nicht sehen möchte, lauten: Erpressung. Illegal. Wirtschaftsflüchtlinge. Fratz, freche Göre, Rotzlöffel. Sollen ihre Heimat aufbauen. Wir haben unser Land auch wieder aufbauen müssen. Uns geht es auch schlecht. Alles nur Show. Die machen sich lustig über unsere Gutmütigkeit. Wer Flüchtlinge aufnehmen will, soll sie bei sich zu Hause aufnehmen. Wer für „die“ ist, soll gleich mit „denen“ abgeschoben werden.

Uns geht es auch schlecht bedeutet: Wir besitzen auch nicht alles, was wir wollen.
Der flehentliche Wunsch einer Jugendlichen, nicht gewaltsam entfernt zu werden aus einem mittlerweile vertrauten Umfeld (und zwar dem einzigen, das ihr trotz allem noch Geborgenheit vermittelt), wird gleichgesetzt mit materieller Gier: Wenn mein alter PC kaputt geht und ich nen neuen ausprobiere, kann ich auch net sagen: gebts ma sofort den neuen, oda ich bring mich um.

Ich kann mich ja auch nicht im Autohaus in einen Neuwagen setzen und mit selbstmord drohen wenn ich den nicht behalten darf, nur weil mir mein alter Wagen nicht mehr gefällt. Jo geh i a unsa regierung erpressen und sog „wenn i ka größere wohnung bekomm de billig is bring i mi um“.

Während die eigenen Konsumwünsche als gerechtfertigt empfunden werden (und die Tatsache, dass sie nicht oder nicht sofort erfüllt werden können, als unbillige Härte), dient die Vokabel Wirtschaftsflüchtlinge der Abgrenzung von jenen, die sich gefälligst damit abfinden sollen, dass ein Leben in Behaglichkeit für sie nicht vorgesehen ist. Nicht nur wird Arigonas Bemühen, in einer von ihr als heimatlich empfundenen Umgebung bleiben zu dürfen, in reines Besitzstreben umgedeutet, es wird ihr auch die Berechtigung abgesprochen, einen Lebensstandard wie unseren anpeilen beziehungsweise gar unseren Wohlstand teilen zu wollen.

Armut ist kein Aufnahmegrund, das müssen die Slumbewohner aus den Slums des Südens und Ostens endlich begreifen.
Der vorauseilende Neid, der Wirtschaftsflüchtlingen nicht ­einmal die Utopie besserer Lebensverhältnisse zugesteht, trägt paranoide Züge. Manche sehen durch sie ganz konkret ihr ­persönliches Eigentum gefährdet: Stellen Sie sich vor, dass zum Beispiel während Sie auf Urlaub sind, sich Eindringlinge in
Ihrem Haus/Ihrer Wohnung „häuslich niederlassen“. Sie kommen nach Hause, werden freundlich begrüßt, vielleicht sogar noch bewirtet, das Haus ist sauber und gut in Schuss, aber würden Sie deshalb diesen Eindringlingen ein Bleiberecht in Ihrem Heim zu­gestehen???

Die wütenden Hinweise auf unseren Rechtsstaat , der nicht ­erpresst werden dürfe, und darauf, dass sich Arigona schließlich illegal hier aufhalte, zeugen weniger von Rechtsempfinden als vielmehr von der Genugtuung, jemand anderen an die Staatsmacht ausliefern zu können, der man sich sonst unterlegen fühlt. Dazu passt das wehleidige Klagen über die eigene, angeblich unterprivilegierte Situation:

Wir echten alten österreicher san eh nur mehr geduldet im eigenen land. Beim Sozialamt sitzen nur Ausländer und für uns Österreicher bleibt nix übrig. Ich frage mich wo uns das ganze hinführt … wirds in 50 bis 100 jahren überhaupt noch einen „Österreicher“ geben so wie wir ihn jetzt kennen? oder haben wir dann schon alle schwarze haar?

Minderwertigkeitsgefühle: Nicht in dem Sinn, dass man selber an seinem Wert zweifelt, sondern in dem, dass man sich nicht ausreichend gewürdigt und geachtet sieht. Und das führt wiederum zu dem Verdacht, die Feinde – die mehr Aufmerksamkeit bekommen – ließen es nicht bloß an Respekt fehlen, sondern machten sich auch noch lustig über einen: Die lachen sich alle in die Fäuste und nuscheln: „Hehe, wie dumm sind diese Österreicher, denen kann man ja alles erzählen! Mama, am besten ruf gleich noch unseren Cousin mit deinem neuem Nokia Handy an und sag ihm er soll auch so schnell wie möglich hier nach Österreich kommen, hier geht es uns allen super!“

Gleichzeitig jedoch ist man stolz auf unsere Tüchtigkeit, der wir unser blühendes Land verdankten. Von unserer Aufbaugeneration wird geschrieben und davon, dass Österreich immer noch in Schutt und Asche läge, wenn unsere Ahnen so gedacht hätten wie die Zogajs, die sich weigerten, ihre Heimat aufzubauen ; das Loblied unserer Trümmerfrauen wird gesungen. Offenbar sieht man sich als genetische Erben einer Generation von Wohlstandsproduzenten, deren Aufbautätigkeit abgekoppelt ist von den Ursachen der vorherigen Heimatzertrümmerung, während die Zogajs es verabsäumen, den genetischen Grundstein für eine Pionierrasse zu legen.

All das in Botschaften verpackt, die vor erstaunlichen Rechtschreibfehlern strotzen, jegliche Grammatik missachten und Satzzeichen allenfalls per Zufallsgenerator einstreuen, sodass man sich fragt, ob und warum es sich dabei um Zeugnisse einer alphabetisierten Gesellschaft handeln soll. Wer vermutet, dass gerade die erbärmlichsten Stammler am verächtlichsten über die mangelnden Deutschkenntnisse von AusländerInnen herziehen, liegt richtig. Zumindest diesen reformatorischen Appell könnte man dem Posting-Müll also entnehmen: Unser Bildungssystem ist dringend aufgerufen, die einheimische Bevölkerung mit mehr Sprach- und Schreibkompetenz auszustatten.

Am schockierendsten ist freilich die Häme, die den Unflat durchzieht. Was veranlasst Menschen, in einer schuld- und letztlich schutzlosen Jugendlichen aus einer zerstörten, zer­rissenen Familie eine unverschämte Göre, einen undankbaren ­Fratzen zu sehen, den man nicht nur brutal abgeschoben wissen will, sondern den man auch noch mit Spott und Hohn überziehen darf, distanz- und erbarmungslos? Dein Vater könnte ja euer Haus schon aufbauen und bis du nach kommst wäre alles fertig. Wenn ma sie ehrlich san hätte man hin geh miasn zu ihr und song „do host a messer duars wir haum gnuag asylanten glaubst du gehst uns oh!?!“

Liebe Arigona, ich wünsche dir eine wunderschöne Heimreise und fall net. Weiters hat man am Gesichtsausdruck der 15-Jährigen erkannt, dass sie sich in Wahrheit nicht umbringt. Es besteht somit keine Gefahr, dass der Wohnort für die Ausländerin ein Begräbnis zahlen muss. Und es stellt sich die Frage, warum sich, wenn denn schon geneidet werden muss, der neidische Zorn ausgerechnet gegen eine richtet, die ohnehin nichts hat, während rampengeile Millionärstöchter oder mäßig liebenswürdige Models als Identifikationsfiguren angehimmelt werden. (Aus Heidi Klums Fanpost: „Hallo Heidi ich finde das du eine klasse Frau bist unbeschreiblich schön und eine Ausstrahlung von der jeder Träumen kann.“ „Meine liebe Heidi, eine hübsches kleines Mädchen habt ihr bekommen. Deine Leni und mein Noel sind sechs Monaten auseinander, genau wie deine Lou Sulola und meine kleine Valentina-Danielle …“ „Respekt und große Hochachtung für die stets positiv wirkende Power-Heidi!“)

Die Antwort ist einfach: Arigona wird nichts gegönnt, eben weil sie nichts hat. Die Dumpfen im Geiste sind autoritätsgläubig und stellen Hierarchien nicht infrage. Stars sind Stars und werden gegebenenfalls fürs Atemholen bewundert. Aber eine, die ein ungnädiges Schicksal bereits abgewatscht hat, soll sich ja nicht einbilden, dass sie dem Abwatschen entkommen kann. Wie groß die Zahl der renitenten Duckmäuser ist, die Schwächere brauchen, um ihren Aggressionsstau abzulassen, lässt sich schwer abschätzen. Wenn man Wahlergebnisse als Speku­lationsgrundlage nimmt, wäre sie im Ansteigen. Dass dieses ­Potenzial an (nicht nur verbaler) Gewaltbereitschaft gefährlich ist, sehen die ganz anderen Poster, die es auch gibt. Einer versteht die Innenministerin nicht, die in einem Interview erklärt hat, ein generelles Bleiberecht für Langzeit-AsylwerberInnen würde wie ein Staubsauger wirken, die Gleichsetzung von Staub, also Schmutz, mit Flüchtlingen entsetzt ihn. Er schreibt: Wenn das die Gedankenwelt von IM Fekter ist, die sich in der Auswahl ihrer menschenverachtenden Metaphern niederschlägt, dann möchte ich ihr vorschlagen die Partei zu wechseln oder (…) ein wenig Geschichtsunterricht zu nehmen. Vielleicht wird sie begreifen, welche Konsequenzen solche Formulierungen hervorgebracht haben.

elfriede.hammerl@profil.at