Chemtrails: Die absurde Verschwörung

Chemtrails: Die absurde Verschwörung

Einer bizarren Verschwörungslegende zufolge vergiften böse Mächte die Atmosphäre klamm­heimlich mit gefährlicher Chemie. So abstrus die Idee solcher „Chemtrails“ ist – sie ist ungeheuer populär. Was bringt Menschen dazu, solch pseudowissenschaftlichen Unfug zu glauben?

Den Nationalratsabgeordneten Harald Jannach von der FPÖ plagen schon länger große Sorgen. Am 19. April 2012 äußerte er in einer parlamentarischen Anfrage einen schier ungeheuerlichen Verdacht: „Es verdichten sich immer mehr die Indizien und Beweise, dass die außergewöhnlichen Wetterbedingungen in Österreich auf eine gezielte Klimabeeinflussung mit technischen Mitteln im Luftraum zurückzuführen sind.“

Die „technischen Mittel“, die Jannach meint, sollen Flugzeuge sein, und die von ihnen verursachte „gezielte Klimabeeinflussung“ soll in der Ausbringung von Chemikalien in der Luft bestehen. Angesichts einer derart dramatischen Bedrohungssituation legte die FPÖ Anfang September 2013 in einer weiteren Anfrage nochmals nach: „Die in der Umgangssprache als Chemtrails bezeichneten künstlichen Schlieren am Himmel, die an Sprühtagen deutlich zu beobachten und von den normalen Kondensstreifen ganz klar zu unterscheiden sind, bestehen hauptsächlich aus einem Gemisch von Aluminiumpulver und dem wassersuchenden Bariumsalz.

Zusammen bilden sie ein elektrisches Feld.“ Auch in Folgesätzen geizt der Abgeordnete Norbert Hofer, heute Dritter Nationalratspräsident, nicht mit vermeintlich wissenschaftlichen Details: „Ein Polymer-Gemisch dient als Trägersubstanz und gewährleistet die Bindung des Bariums und Aluminiumpulvers in der Luft. (…) Nach den Sprühtagen sinkt in der Regel die Temperatur, und der Himmel bleibt für einige Tage ungewöhnlich trübe. In dieser Zeit bleibt es meistens regenfrei.“

Sind wir demnach Opfer einer strategisch geplanten Wettermanipulation? Erleben wir womöglich einen streng geheimen „Wetterkrieg“? Haben sinistre Mächte eine Airline gegründet, deren Jets klammheimlich aufsteigen und die Luft vergiften, um Flora, Fauna und die Menschheit zu terminieren? Mitnichten: Experten haben für Aussagen wie jene von Jannach und Hofer wenig übrig. „Das ist eine wirre Aneinanderreihung wissenschaftlich klingender Begriffe ohne tieferen Sinn“, sagt der Physiker Florian Aigner von der Technischen Universität Wien. „Ein elektrisches Feld zu erzeugen, indem man Aluminium, Salze oder andere elektrisch neutrale Substanzen versprüht, wird niemandem gelingen. Das Radio- und Fernsehprogramm wird ja auch mit großen Sendeantennen verbreitet und nicht, indem man es in die Luft sprüht.“


Räubergeschichten, die jeder Grundlage entbehren

Der prominente Wettermoderator Jörg Kachelmann nennt die Aussagen der FPÖ-Politiker „Räubergeschichten, die jeder Grundlage entbehren“. Für Kachelmann, der 1991 den privaten Wetterdienst Meteomedia AG gründete und danach für die deutsche ARD das Wetter präsentierte, wird hier ein natürlicher Vorgang künstlich umgedichtet: „Wenn die Atmosphäre in der typischen Reiseflughöhe der Flugzeuge geeignet feucht ist, breiten sich die Kondensstreifen aus und bedecken manchmal den ganzen Himmel. Das wurde schon in Wetterbüchern vor 50 Jahren korrekt beschrieben.“
Das meteorologische Grundwissen scheint in der Gesellschaft allerdings nicht weit verbreitet zu sein, denn die Chemtrail-Verschwörungstheorie gehört zu den populärsten der vergangenen Jahre. Sie ist allerdings auch wie für eine massenhafte Verbreitung geschaffen: Die Mischung aus scheinbar wissenschaftlich exakten Fakten und völlig nebulösen Hintergründen der angeblichen Wettermanipulation erlaubt vielfältige Identifikationsmöglichkeiten.


Globaler Marsch gegen Chemtrails

Ende September 2014 trafen einander 300 Menschen in Berlin zum gemeinsamen „Globalen Marsch gegen Chemtrails und Geoengineering“. Die nächste Demonstration ist für April 2015 geplant. Aber auch bei den seit Anfang des Jahres in vielen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“, die eigentlich als Protest gegen die Verschärfung in der Ukraine-Krise gedacht waren, warnen Vertreter der Chemtrail-Bewegung ihr Publikum vor dem Wetterkrieg. „Chemtrails sind technisch möglich, und es gibt bereits einflussreiche Fürsprecher“, verkündete ein Anhänger der Verschwörungstheorie auf der „15. Friedensmahnwache“ in Wien.

Die Chemtrails bieten Friedensaktivisten ebenso viele Anknüpfungspunkte wie Umweltschützern. Und linker Antiamerikanismus lässt sich mit der Vergiftung des Himmels genauso vereinbaren wie rechter Antisemitismus und der Glaube an eine geheime Weltregierung. Es kommt nur darauf an, wen man als Verursacher der Chemtrails ausgespäht haben will.

Die deutsche Bürgerinitiative „Sauberer Himmel“, die zu den Wortführern der Chemtrail-Bewegung gehört, ist auf ihrer Website nicht wählerisch, wenn es um die Hintermänner der von ihr vermuteten Verschwörung geht. Sie listet neben klassischen Bösewichten wie Geheimdiensten, Banken und Bilderbergern auch Organisationen wie UN, NATO oder NASA auf. Von „okkulten Orden“ ist da die Rede, die im Geheimen über das Schicksal der Welt bestimmen wollen, und von Politikern, die „Freimaurer sein müssen, um Karriere machen zu können“ und ihre Befehle aus mysteriösen Quellen empfangen. Die heimische Gruppierung „Sauberer Himmel über Österreich“ spricht gar von einem „Genozid durch Aerosole“ und einem „Krieg gegen die Mehrheit der irdischen Bevölkerung“, der von den nicht näher definierten „Feinden der Menschheit“ geführt werde.

Und immer wieder werden von den Anhängern der Verschwörungstheorie, mehr oder weniger direkt, Juden als Verursacher der Chemtrails genannt. Das macht die Thematik auch für rechtsextreme Gruppierungen interessant, die so versuchen, Menschen zu erreichen, die mit plumpen antisemitischen Klischees normalerweise nichts zu tun haben wollen. Tatsächlich ist es in der deutschen Politik vor allem die rechtsextreme NPD, die probiert, die Chemtrails in die Parlamente zu bringen. In einer Serie von Anfragen an den sächsischen Landtag in den Jahren 2005 und 2006 wollte beispielsweise der mittlerweile verstorbene NPD-Abgeordnete Winfried Petzold die Beteiligung der deutschen Regierung an der angeblichen Verschwörung untersucht wissen. Er befragte die Landesregierung zur „Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Folgeschäden infolge klimatischer Manipulation und Wetterbeeinflussung durch Kontaminierung der Atmosphäre“ und sorgte sich, dass durch das angebliche Versprühen von Chemtrails die „nationale Souveränität“ bedroht sei.

Im Internet finden sich Massen von Bildern und Videos, die angeblich unnatürliche Kondensstreifen zeigen sollen. Eine ernsthafte meteorologische Auseinandersetzung mit dem Thema unterbleibt dabei aber so gut wie immer. Der einhellige Tenor lautet: Früher gab es so etwas nicht! Da war der Himmel noch blau, die Sommer waren sonnig, und die künstlichen Kondensstreifen existierten nicht. Diese Fehlinterpretation liege an mangelhaftem Wissen über Wetter und Wolken, erklärt Kachelmann: „Wer sich mit dem Wetter befasst, hat die Kondensstreifen wie ich schon in seiner Kindheit beobachtet, und weiß, dass sie sich zwar durch den zunehmenden Flugverkehr in der Quantität, nicht aber in der Qualität verändert haben.“

Die für Chemtrails angeblich „typisch“ zerfaserndern Wolkenstreifen, die zu einer Bewölkung des gesamten Himmels führen, beschrieb sogar schon Johann Wolfgang von Goethe 1830 in „Zur Naturwissenschaft überhaupt“:
„Um Mittag seltene, höchst auffallende Erscheinung (…). Von Westen herauf, mit entschiedenem Südwind, zogen lange, zarte Zirrusstreifen, einzeln und vereinigt; im Vorwärtsziehn krümmten sie das vordere Ende zu kleinen Wölkchen, etwas niedriger zogen unbestimmte, weiße Wölkchen, die von jenen Streifen mit aufgenommen wurden, sonst standen noch alle Arten von Zirrus am bläulichen Himmel, Schäfchen, gegitterte Streifen, alles in Bewegung und Verwandlung. Der Himmel überwölkte sich nach und nach. Von der Prager Straße angesehen, zeigten sich die Wolken in mancherlei Formen.“


Debatten sind unmöglich und sinnlos

Es darf eher ausgeschlossen werden, dass damals Flugzeuge aufstiegen und den Himmel kontaminierten. Wissenschaftliche Aufklärung überzeugt die Anhänger der Chemtrail-Verschwörung aber selten. „Diskussionen zu diesem Thema verlaufen immer sehr radikal“, berichtet der Meteorologe und ORF-Wetterchef Marcus Wadsak von seinen bisherigen Kontakten zur Szene. „Erklärungen werden nicht akzeptiert. Die Verfechter der Verschwörungstheorie treten immer wild und aggressiv auf. Debatten sind unmöglich und sinnlos“, so Wadsak.

Auch er weist darauf hin, dass Kondensstreifen, die lange am Himmel verbleiben (angeblich ein Zeichen für ihren künstlichen Ursprung), nichts mit Chemie zu tun haben: „Ob sich hinter einem Flugzeug Kondensstreifen bilden oder nicht, wie lange sie werden und zu sehen sind, hängt von den Verhältnissen von Wind, Temperatur und Feuchtigkeit in der betroffenen Flughöhe ab.“ Je nach herrschenden Bedingungen würden sich daher „eben manchmal gar keine Kondensstreifen bilden oder, wenn es sehr feucht und windschwach ist, sehr lange und langlebige Kondensstreifen. Diese können durchaus bis zu 100 Kilometer lang sein und mehrere Stunden sichtbar bleiben.“

Mitunter versuche er den täglichen TV-Auftritt für Aufklärung zu nutzen: gleichsam als „Kampf gegen Unsinn, wie er ja auch bei anderen Wetter-Themen immer häufiger auftaucht“.

Die Chemtrail-Verschwörung ist vielleicht deshalb so populär, weil sie etwas Alltägliches wie das Wetter mit dem diffusen Unbehagen und der Angst vor „denen da oben“ verbindet. Ob es nun die Politiker sind, die mit Chemtrails das Klima verändern oder einen „Wetterkrieg“ führen wollen; ob eine Geheimregierung durch die globale Ausbringung von Chemikalien die Gedanken der Bevölkerung beeinflussen möchte; ob okkulte Sekten, die einen Teil der Menschheit aus Profitgier ausrotten wollen; oder ob sonstige Feinde der Menschheit den Himmel aus düsteren Motiven vergiften: Am Ende kann man mit dieser Verschwörungstheorie die Verantwortung für alle Probleme auf den Widersacher seiner Wahl schieben.

In der Antwort auf die parlamentarische Anfrage von Norbert Hofer stellte der damals zuständige Verteidigungsminister Norbert Darabos mit Verweis auf den militärischen Wetterdienst übrigens fest: „Bislang wurden keine atmosphärischen Phänomene beobachtet, die nicht durch bekannte, natürliche Entstehungen erklärt werden könnten.“

Aber diese Behauptung ist vermutlich auch bloß Teil der großen Verschwörung.