Medizin: Das Ende der Homöopathie - Alle seriösen Studien beweisen Wirkungslosigkeit

Die bisher umfassendste und wohl seriöseste Studie zur Wirksamkeit der Homöopathie erbrachte ein niederschmetterndes Ergebnis: Die hochverdünnten Globuli und Tropfen sind reine Placebos. Einzig die Zuwendung des Arztes hat eine Art psychotherapeutischen Effekt.

Das renommierte britische Medizinjournal „The Lancet“ widmete in seiner Ausgabe vom 27. August (Vol. 366, Nr. 9487) dem „Ende der Homöopathie“ ein ganzes Heft – dementsprechend groß ist jetzt die Aufregung in der Homöopathie-Szene. „Über 150 Jahre lang konnte keine Wirkung der Homöopathie nachgewiesen werden“, heißt es im dazugehörigen Leitartikel, „die Zeit für immer neue Studien ist jetzt endgültig vorbei.“ Die Präparate seien um keinen Deut besser als Scheinmedikamente – ihre Wirkung beruhe, falls sich eine solche überhaupt konstatieren lässt, auf Einbildung. „Die Ärzte sollten ihren Patienten jetzt mutig und offen sagen, dass die Homöopathie keinerlei Nutzen bringt.“

Dieses vernichtende Urteil stützt sich auf eine im Blatt veröffentlichte so genannte Metastudie aus der Schweiz, eine der umfassendsten und wohl seriösesten, die je zum Thema durchgeführt wurden. Das Forscherteam der Universität Bern unter der Leitung des klinischen Epidemiologen Matthias Egger hatte sich zuvor bereits mit der Aufdeckung der potenziell lebensgefährlichen Nebenwirkungen des Schmerzmittels Vioxx einen Namen gemacht. Die eidgenössischen Wissenschafter nahmen 110 placebokontrollierte Homöopathie-Studien – das sind alle, die in den internationalen Archiven gefunden werden konnten – in die Analyse auf und verglichen diese mit 110 konventionellen medizinischen Studien, die hinsichtlich Diagnose und Behandlungsziel ähnlich waren.

Das Spektrum der untersuchten Erkrankungen und Therapien reichte dabei von Atemwegsinfektionen über chirurgische Eingriffe bis zur Anästhesiologie. Das Ergebnis: Je kleiner die Studien waren, desto besser waren die Resultate – und desto schlechter war gleichzeitig die Qualität der Arbeiten. „Das ging sogar so weit“, erzählt Studienleiter Egger, „dass in einigen Studien zur Homöopathie den Versuchsteilnehmern offen erklärt wurde, dass sie in die Placebogruppe gelost worden seien und nun ein unwirksames Zuckerkügelchen essen müssten. Eine Methode, die den Kontrolleffekt der Placebogruppe klarerweise ad absurdum führt.“

Wie Placebos. Bei den schulmedizinischen Studien zeigte sich derselbe Trend. Je kleiner die Arbeit, desto mieser deren Qualität. Konzentrierte sich die Analyse jedoch auf größere Studien mit seriöser wissenschaftlicher Versuchsanordnung, so erwies sich nur mehr die Schulmedizin als effektiv. Die Homöopathie war hingegen nicht wirksamer als Placebos. Eggers Fazit: „Die Nachweise für einen spezifischen Effekt homöopathischer Präparate sind nicht gesichert.“ Wer bisher glaubte, eine Besserung durch die homöopathischen Mittel erfahren zu haben, hätte den gleichen Effekt mit einem Scheinmedikament erzielt. Voraussetzung sei lediglich der Glaube an die Wirksamkeit. Und zu diesem Glauben gehört, dass die meisten Empfänger homöopathischer Arzneien den Begriff „Hochpotenz“ völlig missverstehen. Er sagt nämlich nicht, dass dort besonders viel, sondern im Gegenteil so gut wie kein oder absolut kein Wirkstoff drinnen ist.

Homöopathen reagierten auf die Interpretation der Studienergebnisse mit heller Empörung. „Warum wirkt die Behandlung dann bei Säuglingen und Kleinkindern, die nicht glauben und trotzdem gesund werden?“, fragt Gloria Kozel, Grazer Vizepräsidentin der Gesellschaft für Homöopathische Medizin.

Michael Frass, Vorstand der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft für Homöopathie, kritisiert die Konzentration der Auswertung auf einige wenige große Studien: „Denn dadurch entsteht eine komplette Verkehrung der eigentlichen Grundaussage, dass die Homöopathie nämlich hervorragend wirkt.“

Der Wiener Biochemiker und Homöopath Friedrich Dellmour lehnt das gesamte Konzept einer wissenschaftlichen Überprüfung der Homöopathie mit Mitteln der Schulmedizin überhaupt ab: „Dieses Placebodesign ist für unsere Wirkungsweise überhaupt nicht geeignet.“ Wenn bei derartigen Studien ein gutes Ergebnis für die Homöopathie konstatiert werde, sei das eine reine Glückssache. „Denn Homöopathie greift am vegetativen Nervensystem an, genau wie das Placebo“, argumentiert Dellmour.

Und immer wieder wird von Homöopathen eine andere große, 1997 ebenfalls im „Lancet“ erschienene Übersichtsarbeit zitiert, die laut Dellmour „die Wirksamkeit der Homöopathie eindeutig bestätigt“ habe. Klaus Linde, Autor der zitierten Studie, der an der TU München naturheilkundliche Forschung betreibt, kann sich dieser Interpretation seiner Arbeit nicht anschließen: „Es hat sich auch bei uns eindeutig gezeigt, dass die qualitativ besseren Studien häufiger negative Ergebnisse zeigen. Deshalb würde ich heute definitiv unterschreiben, dass es keinen überzeugenden Beleg für die spezifischen Effekte der Homöopathie gibt.“

Dem öffentlichen Erfolg der von Samuel Hahnemann vor mehr als 200 Jahren entwickelten Heilslehre tut dies bislang jedoch keinen Abbruch. Je mehr sich die Beweise für ihre Wirksamkeit verflüchtigen, desto populärer scheint die Methode zu werden. Im Vorjahr wurden in Österreich homöopathische Arzneimittel um mehr als 40 Millionen Euro verkauft. Dazu kommen die Honorare für die nach homöopathischen Gesichtspunkten ordinierenden Ärzte, welche für eine Erstanamnese etwa eine Stunde veranschlagen – im Vergleich zu konventionellen Ärzten eine ungewöhlich lange Dauer für Patientengespräche. Die Gesamtsumme der Homöopathen-Honorare lässt sich nur schätzen, dürfte sich aber auf ein Vielfaches der Arzneimittelkosten belaufen. Anders als in der Schweiz, wo diese Therapie – zumindest bis zum Erscheinen der Egger-Arbeit – von den Krankenversicherungen unterstützt wurde, ist in Österreich jede Behandlung selbst zu bezahlen. Außer man hat bei einer Privatversicherung einen speziellen komplementärmedizinischen Zusatzvertrag abgeschlossen. Michael Koller, Marketingleiter der Merkur Versicherung, freut sich noch heute über den frühen Einstieg seines Unternehmens in den Alternativmarkt Ende der achtziger Jahre: „Damit waren wir die Ersten und haben voll den Trend bestimmt.“ Auch in Deutschland ist ein Run auf die Homöopathie festzustellen: Seit Juni dieses Jahres zahlt die Deutsche BKK, die größte Betriebskrankenkasse mit mehr als einer Million Versicherten, die Sitzungen beim Homöopathen. Anfang September zogen weitere Krankenkassen nach. Untersuchungen zeigen eine ungebrochene Beliebtheit der Homöopathie als „sanfte Alternative zur Schulmedizin“.

„Gerade auf die Studenten übt das eine ungeheure Anziehungskraft aus“, sagt Michael Freissmuth, Leiter des Instituts für Pharmakologie an der Universität Wien. Dass die neue Studie hier einen Umschwung bewirken wird, glaubt der Experte nicht. „Das ist nur ein kleines Kieselsteinchen auf der Waage der Vernunft. Auch viele Ärzte wollen nicht akzeptieren, dass der naturwissenschaftliche Zugang in der Medizin der einzig richtige ist.“

Unattraktive Ratio. Möglicherweise ist dieser nüchterne Ansatz aber für sich allein nicht attraktiv genug. Vor allem die ärztliche Grundversorgung in Privatpraxen zählt zur „sprechenden Medizin“. Das beweist schon allein die Tatsache, dass Ärzte einen wesentlichen Teil ihres Arbeitstages im Gespräch mit den Patienten verbringen – aber bei Weitem nicht im ausreichenden Maß, wie eine genauere Einsicht in die tägliche Praxis der Arzt-Patienten-Kommunikation offenbart: Der deutsche Mediziner Linus Geisler berichtet in seinem im Jahr 2002 erschienenen Buch „Arzt und Patient – Begegnung im Gespräch“, dass Ärzte nach durchschnittlich 18 Sekunden zum ersten Mal die Schilderungen ihrer Patienten unterbrechen. Die Hälfte der Beschwerden, unter denen die Patienten leiden, kommen gar nicht zur Sprache. Ein Großteil der psychosozialen Störungen des Patienten wird übersehen. Und von dem, was der Arzt in der 5-Minuten-Konsultation schließlich den Patienten an Informationen mitgibt, werden die wichtigsten Teile gar nicht verstanden.

Diese Kommunikationsmängel führen nachweislich zu einem gestörten Vertrauensverhältnis und in der Folge häufig zum Arztwechsel oder der Hinwendung zur Alternativmedizin. Patienten äußern vor allem den Wunsch, dass ihnen der Arzt zuhört, mit ihnen spricht und Interesse für sie zeigt, möglichst sogar ihren Namen kennt und sie in ihrer gesamten Gesundheitssituation berät. Die Untersuchung selbst oder das Verschreiben eines Medikaments stehen in der Prioritätenliste weit dahinter.

Mehr Zeit. In einer aktuellen, von der Österreichischen Ärztekammer durchgeführten Befragung gaben mehr als zwei Drittel der niedergelassenen Ärzte an, dass eine Verbesserung der Versorgung nur durch mehr Zeit für die Patienten erzielbar wäre. Gratis wollen die Ärzte diese Leistung aber nicht erbringen. 60 Prozent der befragten Mediziner fordern dafür eine klare finanzielle Abgeltung.

Aus der Sicht der Forschung würde sich eine derartige Maßnahme besonders positiv auswirken. Viel mehr noch als die Verschreibung von Pillen zählt nämlich eine als partnerschaftlich empfundene Arzt-Patienten-Beziehung zu den wirkungsvollsten Placebos. „Darin liegt das eigentliche Geheimnis begründet“, sagt Edzard Ernst, Inhaber eines Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der englischen Universität Exeter, der sämtliche Aspekte der Alternativmedizin erforscht. „Homöopathen sind gute Ärzte, weil sie ein enormes Gespür für ihre Patienten haben und sich viel Zeit nehmen können.“ Die Atmosphäre, die ein Arzt im Gespräch erzeugt, wirkt sich als eine Art Superplacebo unmittelbar auf die Erwartungen des Patienten und damit auf den Heilerfolg aus.

Die daraus resultierenden Effekte stehen erst seit Kurzem im Fokus der Forschung. Vor wenigen Wochen konnte ein Team der Universität Michigan belegen, dass bei Gabe eines Placebos allein die Erwartung, ein wirksames Medikament zu erhalten, genügt, das Gehirn zur Produktion körpereigener Schmerzmittel zu animieren. Bei diesem Versuch erhöhte sich vor und während der Placebogabe die Endorphinausschüttung in vier für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen zuständigen Gehirnregionen. Gleichzeitig empfanden die Probanden subjektiv deutlich weniger Schmerz.

Wirkstoff nebensächlich. Aus dieser Sicht spielt es relativ wenig Rolle, ob in den homöopatischen Mitteln selbst noch irgendwelche Wirksubstanzen enthalten sind. Auch wenn Naturwissenschafter noch so präzise argumentieren, dass in den hochverdünnten Mitteln kein einziges Molekül der Urtinktur und dementsprechend auch kein Wirkstoff mehr enthalten sein kann – Homöopathen denken dennoch nicht daran, den Grundprinzipien ihrer Lehre zu entsagen.

Sie kontern damit, dass der Prozess der so genannten Potenzierung dem Wasser „eine Art Energie oder Information mitgibt“, die auch dann noch wirkt, wenn keine stoffliche Wirksubstanz mehr vorhanden ist. Die Naturwissenschaft teilt diese Vorstellung, Wasser könnte pure Information speichern, natürlich nicht, und bislang sind auch alle Behauptungen vom angeblichen „Gedächtnis des Wassers“ unter wissenschaftlicher Prüfung zusammengebrochen. „Wie sollte das auch funktionieren“, spottet Pharmakologe Freissmuth. „Da müsste ja im Meerwasser die Erinnerung an die gesamte Erdgeschichte enthalten sein.“

Wenn gar kein Argument mehr hilft, suchen die Homöopathen Zuflucht im eigenwilligen Verständnis ihrer Kunst. Die Medikation beruht ausschließlich auf der subjektiven Einschätzung des Homöopathen und je nach Biografie, Ausbildung oder Tageslaune werden die geschilderten und beobachteten Symptome der Patienten unterschiedlich interpretiert. Eine „richtige“ homöopathische Behandlung gibt es nicht, da das der Homöopathie zugrunde liegende „Ähnlichkeitsprinzip“ keine einheitliche Auslegung erlaubt.

Trotz dieser Unschärfen liegt die Homöopathie bei den meisten Umfragen in der Beliebtheit deutlich über der konventionellen Medizin. Dazu tragen ein paar Kunstgriffe bei, die dem Homöopathen viele Chancen lassen, sich als erfolgreicher Heiler zu profilieren. Ein ganz besonderer Trick, so argumentiert Studienautor Matthias Egger, sei die so genannte „Erstverschlimmerung“, die nach homöopathischer Behandlung eintrete (siehe Interview). Für Homöopathen gilt sie als Beweis, dass das Heilmittel anspricht. Wesentlich logischer, meinen die Kritiker, wäre aber das Gegenteil, dass das Mittel nämlich versagt. „Die Homöopathen definieren die Unwirksamkeit ihrer Therapie einfach mit einem schönen Wort weg“, sagt Freissmuth.

Auch die Therapiedauer lässt den Ärzten einige elegante Möglichkeiten. Sie wird zu Beginn der homöopathischen Behandlung zumeist nicht genannt. Ob die Therapie bei Bestehen der Probleme weitergeführt oder ob sie bei einer bei nahezu allen chronischen Krankheiten zyklisch auftretenden Besserung abgebrochen und als „Heilung“ qualifiziert wird – der Therapeut hält in jedem Fall alle Trümpfe in der Hand. Der unvermeidliche nächste Tiefschlag passiert dann bereits außerhalb der Therapie, und der Patient hat den Eindruck, es wäre höchst an der Zeit, wieder mal zum Homöopathen zu gehen.

Selbstheilungskraft. Ein weiterer verlässlicher Helfer jeglicher therapeutischen Maßnahme, egal, ob wirksam, unwirksam oder schädlich, sind die Selbstheilungskräfte des menschlichen Organismus. Sie spielen bei jeglicher akuten Erkrankung eine größere Rolle als allgemein angenommen und sind besonders bei Kindern mit ihrem intakten Immunsystem in der Regel gut entwickelt. Bei den allermeisten Infektionen genügt es, die Patienten ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen und liebevoll zu betreuen, bis das Fieber seine Dienste geleistet hat und die Entzündungsprozesse von selbst kuriert sind.

Hier kann die Homöopathie auch als Placebo wichtige Funktionen übernehmen, indem sie die Eltern beruhigt und die Ärzte vom vorschnellen Einsatz von Antibiotika abhält. Pharmakologe Freissmuth plädiert hingegen auch hier für einen Mut zur Ehrlichkeit: „Ich kann ja den Eltern sagen, dass das Kind eine leichte virale Bronchitis hat und jetzt hoch fiebern wird. Wenn jemand hier Antibiotika verschreibt, die zu 99 Prozent völlig unnötig sind, so ist auch das Antibiotikum ein Placebo und eine genauso verlogene Therapie.“ Ob nun die Antibiotika oder homöopathische Globuli bei derart leichten Infektionskrankheiten zum Einsatz kommen, so oder so wird die Entzündung abklingen, und die Eltern werden mit der Wahl der Mittel zufrieden sein.

„Wesentlich schlimmer ist es allerdings, wenn das Gegenteil passiert“, sagt Peter C. Gotzsche, Direktor des Cochrane-Zentrums in Kopenhagen, „wenn nämlich eine wirksame Therapie, die rasch geholfen hätte, unterlassen und die Krankheit durch die Homöopathie verschleppt wird.“ Schulmediziner berichten regelmäßig von solchen Fällen, wo auf den Akutstationen derart lebensgefährlich scheintherapierte Kinder eingeliefert werden, die intensivmedizinisch betreut und intravenös mit Antibiotika versorgt werden müssen, weil die „Erstverschlimmerung“ tagelang angehalten hat und trotzdem immer noch schlimmer wurde. Gotzsche, Experte für die wissenschaftliche Bewertung medizinischer Maßnahmen, resümiert: „Es ist hoch an der Zeit, dass diese Nonsens-Medizin endlich beerdigt wird.“

Von Thomas Hanifle und Bert Ehgartner