Todesfalle Krankenhaus II. Teil - Systemdiagnose: ausgeblutet

Todesfalle Krankenhaus II. Teil - Systemdiagnose: ausgeblutet

Spitäler, Teil 2. Die profil-Titelgeschichte über Todesfälle und Engpässe in der Akutmedizin zeitigte massive Proteste der AKH-Führung – und eine Welle des Zuspruchs vonseiten der Ärzte, die weitere Missstände aufzeigen: drastische Einsparungen, chronische Überforderung, unterversorgte Patienten. Systemdiagnose: ausgeblutet.

Dietmar Erlacher wirkt alles andere als schwer krank. Als von Medien ernannter Rauchsheriff kämpft der 64-jährige Tischlermeister, mit hunderten Sympathisanten, für ein absolutes Rauchverbot in Lokalen. Über 20.000 Anzeigen gegen Wirte, die sich nicht an die Gesetze halten, hat seine Initiative in den letzten fünf Jahren getätigt. Doch Erlacher muss seit einigen Monaten auch gegen einen Feind im eigenen Körper kämpfen: Ein vor über zehn Jahren erfolgreich therapierter Blasenkrebs setzt ihm neuerlich zu.

Als er nach all diesen Jahren wieder ins Allgemeine Krankenhaus Wien (AKH) zur Behandlung kam, fand er eine wesentlich schlechtere Betreuung vor, wie er sagt. Nicht nur, dass die seit Jahren geforderte psychotherapeutische Unterstützung für Krebspatienten auf etlichen Stationen noch immer nicht existierte: „Die Ärzte sind mittlerweile so überlastest, dass sie sich kaum mehr ausreichend mit ihren Patienten beschäftigen können. Auch wurde die Abteilung Komplementärmedizin gegen den Willen der absoluten Mehrheit der Krebspatienten quasi eingestellt. Somit treibt man Schwerstkranke in die Fänge von Scharlatanen.“ Erlacher ist auch als Obmann des Vereins und der Selbsthilfegruppen „Krebspatienten für Krebspatienten“ tätig. Da viele Betroffene ähnliche Beobachtungen machten, verfassten sie im vergangenen Oktober einen Brief, den sie an Entscheidungsträger, darunter Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, schickten. Entsprechend reagiert sei darauf bis heute nicht worden. Die Krebspatienten orten den Grund für die Missstände vor allem in der Personalnot. In ihrem Schreiben halten sie unter anderem fest:„Professoren und Oberärzte sind schon lange zu Hilfsarbeitern degradiert, denn sie müssen selbst Patientenakten suchen sollen x-Sprachen können müssen selbst unsaubere Hilfsmittel vom Boden aufsammeln und stehen dadurch unter enormem Stress, was die Krebspatienten meist sehen und teils spüren, obwohl man trotzdem versucht, freundlich und aufklärend zu sein.“

Vielen Ärzten des AKH Wien spricht dieser Brief aus der Seele. Auf völliges Unverständnis stieß daher ein Schreiben, das Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien, zusammen mit dem ärztlichen Direktor und zahlreichen Klinikchefs vergangenes Wochenende veröffentlichte. In dem offenen Brief an profil-Herausgeber Christian Rainer wird gegen die letztwöchige profil-Titelgeschichte „Totaufnahme“ (profil Nr. 8/2014) protestiert. Die darin aufgezeigten Engpässe in der Notfallversorgung mit speziellem Augenmerk auf das AKH sei eine „bewusst irreführende Darstellung“ und eine „Verunsicherung von Patienten“.

Überraschenderweise wurde der Brief auch von Klinikchefs unterzeichnet, die in der Titelgeschichte selbst die Zustände im AKH kritisierten, allerdings nicht in der ursprünglichen Fassung, sondern erst im Laufe der Woche. Rückschlüsse auf politischen und internen Druck sind zulässig. So hatte Chirurgie-Chef Mühlbacher bestätigt, dass durch die Engpässe ständig Akutoperationen verschoben werden müssen und es zwei Mal pro Woche zu „unglücklichen Konstellationen“ käme. Auch Anton Laggner, Chef der Notfallklinik, beklagte Überlastungen und meinte: „Wenn die Patienten noch mehr werden, schaffen wir es wirklich langsam nicht mehr.“

„Da waren wohl die Machtnetzwerke der MedUni aktiv"
Das Schreiben wurde weiters auch von dem Onkologiechef und stellvertretenden ärztlichen Direktor Christoph Zielinski unterzeichnet. Noch wenige Wochen davor hatte er jedoch selbst bei einer Pressekonferenz der Österreichischen Krebshilfe erklärt, dass die Journalnachtdienstreduktionen, die Schütz durchgesetzt hatte, schmerzhaft spürbar seien. Auch er habe immer wieder versucht, dagegen anzukämpfen, und unterstütze die Proteste. Warum all diese Klinikchefs nun dieses „Beschwichtigungsschreiben“ unterzeichneten, verblüfft viele Kollegen. „Da waren wohl wieder die Machtnetzwerke der Medizinischen Universität aktiv. Ich blicke da selbst nicht durch, obwohl ich schon seit Jahren hier bin“, erklärt ein Arzt gegenüber profil.

Ärgerlicher fand die Belegschaft das profil-Interview von Wolfgang Schütz, das ebenfalls im Rahmen dieser Berichterstattung erschienen war. Darin meinte der Rektor unter anderem, dass die Proteste der Ärzte gegen weitere Einsparungen „unehrlich“ seien, denn „in Wahrheit geht es ihnen um ihr Gehalt“.

Thomas Perkmann, Labormediziner und Betriebsrat des wissenschaftlichen Personals, kann seinen Zorn ob dieser Aussage kaum unterdrücken: „Der Einzige, der in diesem Artikel schlecht über uns Ärzte spricht, ist unser eigener Rektor, der uns Geldgier vorwirft.“ Tatsächlich liefen in der profil-Redaktion die Telefone heiß, und auch zahlreiche Mails von Ärzten trafen ein, die Perkmann beipflichten. Das Spektrum reichte dabei vom Klinik-leiter bis zum Turnusarzt. Entgegen den Beschwichtigungen ihrer Führungsriege berichten sie weitere Missstände und betonen alle vehement: Lange halten wir das alles nicht mehr durch. Den Brief von Schütz und seinen Kollegen fand auch Gynäkologie-Chef Peter Husslein unfassbar: „Ich verstehe überhaupt nicht, warum man die Wahrheit nicht aussprechen kann. Ohne zusätzliche Ressourcen wird das System zusammenbrechen.“

Thomas Szekeres, Labormediziner und Humangenetiker, empfindet die Aussagen des Rektors ebenfalls als Affront: „Er tut so, als seien die gestrichenen Nachtdienste völlig überflüssig gewesen. Glaubt er, wir hätten nur Däumchen gedreht?“ Genau das Gegenteil sei der Fall. Durch vermehrte Rettungswagenanfahrten, steigende Patientenzahlen bei geringerer Liegezeit und die immer aufwendigere Dokumentationspflicht sei die Belastung ohnehin fast unerträglich geworden. „Da auch immer mehr Hilfskräfte eingespart wurden, muss das Pflegepersonal deren Aufgaben zusehends übernehmen, während wir Ärzte wiederum die Tätigkeiten der Schwestern und Pfleger ausüben müssen“, sagt Szekeres. Zusätzlich wären sogar noch ärztliche Stellen in administrative Posten umgewidmet worden. Trotzdem mangelt es an Personal, das bei der Schreibarbeit hilft.
Ein ärztlicher Abteilungsleiter, der anonym bleiben möchte, pflichtet ihm bei: „Viele Patienten beschweren sich über die langen Wartezeiten. Ich verstehe das. Sie sehen jedoch nicht, wie unterbesetzt wir sind und unter welchem Druck wir stehen.“ Alleine die Beantwortung der Beschwerden hält auf.

Als regelrecht „kränkend“ empfindet der chirurgische Oberarzt Anton Stift die Statements des Rektors. „Ich führe mehr als 300 Operationen jährlich durch. Jeder dieser Patienten begleitet mich in meinen Gedanken, bis er hoffentlich gesund das Haus wieder verlassen kann“, erklärt Stift. Sein Nettostundenlohn betrage durchschnittlich 20 Euro, Überstunden – von denen er alleine im vergangenen Jahr 1000 ansammelte – werden mit 15 Euro abgegolten. „Und ich darf in dieser Zeit Patienten mit perforierten Gedärmen, Lebern, Speiseröhren und akuten Blutungen behandeln. Ich frage mich, wo auf diesem Globus man sich sonst noch eine Niere operieren lassen kann – und für den Chirurgen 30 Euro netto herausspringen“, schreibt Stift.

profil vorliegende Gehaltsschlüssel belegen, dass das Salär der „Götter in Weiߓ tatsächlich bescheiden ist. So kommt ein frischgebackener Arzt auf ein Grundgehalt von 1900 Euro netto exklusive Nachtdienste. Ein Klinikchef verdient die verhältnismäßig geringe Summe von knapp über 4000 Euro netto im Monat – manche deutsche Kollegen bekommen das Dreifache. Der Grund für das geringe Nettogehalt liegt unter anderem in der hohen Kammerumlage, die jeder Arzt bezahlen muss. Der Pensionsfonds der Wiener Ärztekammer war Anfang der 1990er-Jahre sogar pleite. Der Kredit, der damals aufgenommen werden musste, wurde gleichsam den Ärzten weiterverrechnet.

„Vor allem in Wien klagen viele Turnusärzte"
Husslein möchte sich jedoch nicht an einer „Neiddebatte“ um das Gehalt beteiligen, sondern lieber auf ein ganz anderes Problem hinweisen: „Die jungen Ärzte und Ärztinnen werden als Systemerhalter missbraucht und unter anderem deshalb zu ­wenig ausgebildet.“ Untermauert wird seine Aussage durch eine aktuelle Umfrage unter Fachärzten in Ausbildung, die mit ihrer Situation alles andere als zufrieden sind: So klagen etwa 80 Prozent der Befragten über zu wenig Personal angesichts der Patientenzahlen.

„Der Turnus ist in Österreich unbeliebt“, erklärt Ursula Traunfellner, Obfrau der Wiener Turnusärztekonferenz, und weiters: „Vor allem in Wien klagen viele Turnusärzte über sogenannte Stehzeiten, die ihren Abschluss oft lange hinauszögern. Das heißt, dass sie die nötige Fächerrotation nicht abschließen können und in Abteilungen festsitzen, die sie für ihre Ausbildung nicht mehr benötigen. Aufgrund dieser schlechten Erfahrung wird der Beruf des Spitalsarztes noch unattraktiver.“

Zwei Turnusärztinnen, die ihre Facharztausbildung im AKH abbrachen und nach Dänemark gingen, bemängeln gegenüber profil die schlechte Ausbildungsqualität: „Wir haben eigentlich nur die Arbeit von Krankenschwestern gemacht, wie Blutabnehmen.“ Für eine weitere Ärztin, die ihren Turnus gerade abgeschlossen hat, stellen die Stehzeiten eine „reine Ausbeutung“ dar. Gelehrt werde kaum etwas, dafür würden die „billigen“ Turnusärzte die Patientenversorgung aufrechterhalten. profil gegenüber legt die junge Frau eine Art Geständnis ab: „Wir sind Ärzte geworden, weil wir Menschen helfen wollten. Aber irgendwann waren wir so ausgelaugt, dass wir kein Verständnis mehr für deren Leid hatten. Wir sind sogar so sadistisch geworden, dass wir als Rache besonders fordernden Patienten extra dicke Nadeln in die dünnsten Venen gestochen haben.“ Sie selbst sei nach kurzer Zeit ausgebrannt gewesen, schlitterte in eine Depression und musste deshalb ihren Turnus unterbrechen.
Die Ärztekammer beklagt seit Jahren die Situation der Jungärzte und befürchtet einen baldigen Ärztemangel, den wohl auch die neue Medizinische Universität in Linz nicht lösen wird ( siehe Artikel hier ).
Durch die permanente Überforderung stoße jeder an seine Grenzen, ist auch ein AKH-Notarzt überzeugt: „Die Belastung ist hier vor ­allem im Nachtdienst enorm. Mindestens einmal im Monat arbeite ich 25 Stunden ohne Unterbrechung durch.“ Und wenn es zu Schlafpausen kommt, dann nur zu sehr kurzen von etwa einer halben Stunde. Doch auch ein halbwegs „normaler“ Nachtdienst würde noch zwei Tage lang körperlich und psychisch nachwirken. „Die jüngeren sind demotiviert und sehen keine Perspektiven, die Älteren wissen nicht, wie sie die Dienste mit steigendem Alter durchstehen sollen“, erklärt der Notarzt.

Die Engpässe, die profil bereits in der letzten Ausgabe beschrieb, kann der Notarzt ebenfalls bestätigen. „Ich hatte auch schon einmal einen Patienten mit einem lebensbedrohlichen Aortenaneurysma, und kein Gefäßchirurg war im Haus. Erst in St. Pölten wäre das nächste freie Bett gewesen, wir hätten ihn dorthin fliegen müssen.“ In letzter Minute konnte in diesem Fall noch ein Gefäßchirurg gefunden werden.

Die profil-Berichterstattung nahmen auch zwei Chirurgen zum Anlass, anhand des Dienstrades auszurechnen, wie oft es alleine in diesem Monat zu chirurgischen Engpässen kommen könnte. Das Ergebnis: An 18 Tagen im Februar sei nachts nur ein Gefäßchirurg im AKH anwesend. Brenzlige Situationen seien damit vorprogrammiert, da in ganz Ostösterreich in der Nacht nur noch im AKH und im Wiener Wilhelminenspital gefäßchirurgische Abteilungen besetzt seien. Nur an sechs Tagen im Februar würde der ideale Fall eintreten, dass in den Nachtstunden zwei gefäßchirurgische Oberärzte im Dienst seien.

Auch andere Mediziner meldeten profil Missstände. Ein Psychiater berichtet: „Es ist eine Schande, wie die Psychiatrie ausgerechnet in Sigmund Freuds Heimatstadt Wien heruntergewirtschaftet wurde.“ So gibt es seit einem Jahr keine ADHS-Spezialambulanz, die Schlafdiagnostik ist nur noch extrem eingeschränkt möglich, das Sucht- und Drogenzentrum darf nur noch drei Mal wöchentlich Patienten betreuen. Jüngst fiel jedoch auch noch der mobile psychiatrische Dienst weg, weshalb nun kein Psychiater mehr Patienten auf Stationen und Ambulanzen aufsuchen kann. Notfälle könnten oft nur noch telefonisch abgeklärt werden. „Tobende Patienten müssen nun mitunter ans Bett gefesselt werden, bis sie endlich an unsere Klinik überwiesen werden können. So fallen wir langsam zurück in mittelalterliche Behandlungsweisen“, warnt der Psychiater. Die Klinik für Strahlentherapie wiederum musste bereits letzten Juli aus Mangel an Ressourcen für zwei Wochen geschlossen werden und veranlasste einen Patientenstopp.
Freilich meldeten sich Patienten oder deren Angehörige nicht nur aus Wien, sondern aus ganz Österreich bei profil und beklagten Missstände in der Behandlung von Akutpatienten. So musste der 80-jährige Salzburger Landwirt Hermann F. nach zwei Schlaganfällen so lange auf einen Termin für eine Magnetresonanztomografie und ein freies Bett in einer Salzburger neurologischen Abteilung warten, bis er einen dritten Schlaganfall erlitt – dann wurde er allerdings sofort behandelt.

Die Begründung der Verantwortlichen, warum der Mann nicht gleich behandelt wurde: Er wäre bereits nach seinen ersten beiden Schlaganfällen als Akutpatient aufgenommen worden, hätte jedoch einen Revers unterschrieben. Seine Tochter Christiane F. verteidigt ihn: „Mein Vater hört sehr schlecht und hat einfach nicht verstanden, wie kritisch sein Zustand ist. Er wollte nur nach Hause gehen und seine Sachen packen. Das kann man ihm doch nicht zum Vorwurf machen.“

Einen bedenklichen Fall schildert auch die Wiener Gynäkologin Brigitte Benesch. Sie schickte eine 54-jährige Patientin mit Verdacht auf eine Lungenembolie in die Notfallambulanz des AKH. Als die Gynäkologin später anrief und sich nach der Patientin erkundigte, fragte sie auch, welches Ergebnis das Herzecho gezeigt hätte. Dieses wird normalerweise bei Lungenembolien routinemäßig durchgeführt, da bei solchen Patienten auch das Herzinfarktrisiko hoch ist. Ein solches wurde jedoch nicht gemacht, die Patientin an einen niedergelassenen Arzt verwiesen. Man könne sich hier in der Notfallambulanz nur um die Erstdiagnose kümmern. Benesch ist erschüttert über diese Methodik: „Hätte man bei dieser Patientin als Erstes einen Fußpilz gefunden, wäre dann nur dieser behandelt und sie mit der lebensbedrohlichen Pulmonalembolie nach Hause geschickt worden?“
Würde sich die Gynäkologin Aussagen der dort Arbeitenden anhören, hätte sie vielleicht mehr Verständnis für derartige Vorgehensweisen. Ein Notarzt zu profil: „Das einzige Positive an einem Job im AKH ist, dass dir der Blick auf dieses hässliche Gebäude erspart bleibt.“

Infobox

Chronische Leiden
Das profil und das AKH: über eine lange und wechselvolle Beziehung.

Noch vor der Fertigstellung sorgte das AKH für einen der größten Skandale der Zweiten Republik. Veranschlagt wurde das Anfang der 1970er-Jahre begonnene Projekt mit einer Milliarde Schilling. Tatsächlich kostete es rekordverdächtige 45 Milliarden Schilling (3,3 Milliarden Euro). Der damalige profil-Redakteur Alfred Worm bekam ab 1975 Beweise zugespielt, die belegten, dass Beamte von Unternehmen Schmiergeldzahlungen erhalten hatten. Als Hauptschuldiger entpuppte sich Adolf Winter, der technische Direktor des Krankenhauses. Er hatte fast 40 Millionen Schilling auf ein Konto nach Liechtenstein verfrachtet. Der damalige Finanzminister Hannes Androsch war an einer Beratungsfirma beteiligt, die am AKH-Bau mitverdiente.

Justizminister Christian Broda wiederum wies die Staatsanwaltschaft an, auf Hausdurchsuchungen und Kontoöffnungen der Verdächtigen zu verzichten – was die Untersuchungsrichterin und spätere FPÖ-Nationalratsabgeordnete Helene Partik-Pablé ignorierte. So konnte den Verantwortlichen der Prozess gemacht werden. Worm wurde als AKH-Aufdecker berühmt und schrieb 18 Titelgeschichten über die Causa.
Fragwürdige Auftragsverfahren rund um das AKH sorgten auch später für Medienwirbel. So beklagte 2010 eine Reinigungsfirma, bei Vergaben grob benachteiligt und unter Druck gesetzt worden zu sein. Auch ein Personaldienstleister monierte, dass sein Vertrag nach langer und reibungsloser Zusammenarbeit mit dem AKH gekündigt wurde. Der Druckereibesitzer Alfred Novotny erhob ebenfalls in profil Vorwürfe gegen das AKH und beschuldigte den ärztlichen Direktor Reinhard Krepler. In einem Schreiben hieß es, dass „aufgrund einer persönlichen und unsachlichen Intervention des ärztlichen Leiters des AKH“ plötzlich für dieselbe Leistung „60.000 bis 80.000 Euro mehr“ pro Jahr bezahlt werden müssten. Krepler bestritt die Vorwürfe und meinte, dass die Zuschläge vergaberechtskonform erfolgt seien.

Zwei Jahre später der nächste Skandal: Das Wissenschaftsministerium beauftragte den Wirtschaftsprüfer Deloitte mit einer Untersuchung, weil es zu drastischen Verzögerungen und Kostenexplosionen bei der Implementierung des 36 Millionen Euro teuren IT-Systems AKIM gekommen war. Im Endbericht wurde das Versagen am AKH-Management festgemacht. Die Ursachen für die Probleme lägen daran, dass „so ein komplexes Projekt ohne eine adäquate Organisations- und Controllingstruktur“ abgewickelt worden sei. Der ärztliche Direktor des AKH, Reinhard Krepler, mied seither weitgehend die Öffentlichkeit. Ein erstes Lebenszeichen seit Langem erhielt die Belegschaft erst durch seine Unterzeichnung des offenen Briefs, den er gemeinsam mit Med-Uni-Rektor Wolfgang Schütz und anderen als Reaktion auf die letztwöchige profil-Titelgeschichte paraphierte. Ob die in der Coverstory beschriebenen Engpässe der letzte Skandal sind, der das AKH erschüttern wird, sei dahingestellt. In den nächsten fünf Jahren muss mit der Generalsanierung des Gebäudes begonnen werden. Sie ist mit 1,5 Milliarden Euro veranschlagt.

Foto: Philipp Horak für profil