Wetterexperte Jörg Kachelmann: „Chemtrails sind erweitertes Biowetter“

Wetterexperte Jörg Kachelmann: „Chemtrails sind erweitertes Biowetter“

Der prominente Wetterexperte Jörg Kachelmann über die Kultur der Fremdschuld, Dokumente völligen Blödsinns und die Vernetzung der Dorfdeppen.

profil: Wie erklären Sie sich die Popularität der Chemtrails-Propaganda?
Jörg Kachelmann: Je bildungsferner eine Biografie, desto wahrscheinlicher ist es, dass man durch Rattenfänger aller Art vereinnahmt wird. Dazu kommt, dass es gerade in Deutschland oder Österreich eine Kultur der Fremdschuld gibt. Wenn es jemandem nicht gut geht, muss irgendjemand anders dafür verantwortlich sein. Deshalb ist hierzulande die Biowetterneurose so erfolgreich, weil jemand schuld am Kopfweh sein muss. Die Chemtrails sind ein erweitertes Biowetter, das nun hilfsweise für alles Elend, was über ein Individuum hereinbricht, verantwortlich gemacht werden kann.


Auch vor dem Internet gab es in jedem Dorf einen Deppen, manchmal auch zwei.

profil: Der befremdliche Erfolg der aktuellen Verschwörungstheorie erklärt sich vermutlich auch aus der Verbreitung über soziale Netze?
Kachelmann: Auch vor dem Internet gab es in jedem Dorf einen Deppen, manchmal auch zwei. Durch das Internet können sich nun die Dorfdeppen untereinander austauschen und organisieren. Parteien wie die NPD und die FPÖ haben dabei die weitaus größte Dorfdeppendichte. Eine bildungsferne Herkunft ist eine wichtige Voraussetzung für diese Dokumente völligen Blödsinns, die einen natürlichen Vorgang als künstlich umzudichten versuchen. Ich denke an dieser Stelle an die Kinder von chemtrailiotischen Eltern, die in einem Klima von Angst aufwachsen müssen, weil ihre Eltern nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind und diesen Unsinn glauben.

profil: Sind Chemtrails eigentlich überall so populär?
Kachelmann: Es gibt viele Länder, in denen der Glaube an die nichtexistenten Chemtrails nicht oder nur marginal existiert. In deutschsprachigen Ländern gibt es eine erhöhte Affinität durch den weit verbreiteten Antiamerikanismus und durch eine gewisse Verwandtschaft zwischen der braunen Esoterik mit dem grünen Sturzbetroffenenmilieu, das auch lieber mal die eigenen Kinder ungeimpft an Masern sterben lässt. Die einzigen nicht Dummen in der Chemtrail-Geschichte sind die Neonazis, die zwar nicht an Chemtrails glauben, aber den Begriff nutzen, um Wählerschichten zu rekrutieren, an die sie sonst nicht herankämen.


Es gibt keine Chemtrails. Und wer sie propagiert oder an sie glaubt, ist Neonazi, verrückt oder hat es sonst nicht leicht im Leben.

profil: Was kann man tun, damit Menschen nicht auf pseudowissenschaftlichen Unsinn hereinfallen?
Kachelmann: Wenn ich noch bei meinem früheren Sender ARD wäre, würde ich heute jeden Wetterbericht mit einem Ceterum censeo beenden: Es gibt keine Chemtrails. Und wer sie propagiert oder an sie glaubt, ist Neonazi, verrückt oder hat es sonst nicht leicht im Leben.

Zur Person

Jörg Kachelmann zählt zu den heftigsten Chemtrail-Kritikern. Seit einer Entscheidung des Berliner Landgerichts 2012 darf er Anhänger der Verschwörungstheorie als "Neonazis und Verrückte“ bezeichnen. Die Bürgerinitiative "Sauberer Himmel“ hatte eine entsprechende Äußerung Kachelmanns geklagt.