100 Jahre Erster Weltkrieg: „Plötzlich verstorben”

100 Jahre Erster Weltkrieg: „Plötzlich verstorben”

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Ein trauriger Jahrestag: Vor genau 25 Jahren, am 30. Jänner 1889, ist "der Kronprinz, die Hoffnung Österreichs, plötzlich verstorben“, wie die "Neue Zeitung“ in ihrer Würdigung Rudolfs schreibt. Ausführlich wird sein Lebenslauf dargestellt: Die Vermählung mit Stephanie von Belgien, das Glück in der Familie, das an jenem Schreckenstag sein Ende fand, als sich Rudolf zur Jagd ins Schloss Mayerling im Wienerwald verfügte und dort im Alter von 31 Jahren plötzlich verschied.

Auch ein Vierteljahrhundert später durfte niemand erfahren, dass es da nur wenig häusliches Glück in der Hofburg gegeben hatte, dass die Ehe mit Stephanie eine Farce war und der Sohn des Kaisers der 17-jährigen Baronesse Mary Vetsera vor seinem Selbstmord eine Kugel in den Kopf gejagt hatte.

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Die Parteiblätter, die sozialdemokratische "Arbeiter Zeitung“ und die christlichsoziale "Reichspost“, greifen auf den Chronik-Seiten zu deftiger Sprache. Die "AZ“ berichtet von einem "pfäffischen Kinderschänder“, einem "Schweinepriester der gräßlichsten Art“, der in Dornbirn Schulmädchen unter der Vorspiegelung, er habe sich den Fuß verstaucht, an sein Bett kommen ließ und dort die Decke "bis hoch zur Brust“ lüpfte.

Die antisemitische "Reichspost“ titelt einen Bericht über eine Rauferei in einem Kartenspieler-Lokal in der Leopoldstadt "Wenn ein Jude dem anderen kiebitzt …“

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Die Kälte hat Wien nach wie vor fest im Griff. Jeden Morgen fällt das Thermometer unter minus zehn Grad. Die Menschen schwärmen am Wochenende zum Wintersport aus, was oft böse Folgen hat, wie die Montagzeitungen berichten. Der Gemischtwarenhändler Ignaz Schuster erleidet beim Rodeln am Wilhelminenberg einen offenen Bruch des Unterschenkels, die Contoristin Grete Mieza aus der Praterstraße bricht sich beim Schlittschuhlaufen auf der Alten Donau die Speiche, der 13-jährige Wilhelm Morocutti holt sich am Satzberg eine "Quetschung der Nase“ und der Schlosserlehrling Anton Sedlacek eine Risswunde am Fußgelenk.

Schon in wenigen Monaten werden die Verletzungen, die in Wiens Spitälern und Lazaretten behandelt werden, weit schwerer sein. Über sie wird allerdings nicht so ausführlich berichtet werden.

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Selten finden auch Meldungen aus anderen Kontinenten Eingang in die Berichterstattung der österreichischen Zeitungen, etwa am 25. Jänner eine Depesche aus New York: Auf der Insel Haiti ist ein Aufstand ausgebrochen. Die Vereinigten Staaten schicken den Panzerkreuzer "Montana“ in die Karibik, um die Revolte niederzuschlagen. Die offenherzige Begründung der US-Regierung: Man fürchte, dass eine mögliche neue Regierung die Zinsen für die Kredite der amerikanischen Banken nicht mehr bedienen werde. "Zum Schutze deutscher Interessen“ beordert Berlin den Kreuzer "Vineta“ nach Haiti.

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Politik ist in Österreich-Ungarn Männern gesetzteren Alters vorbehalten. Entsprechend verstört reagiert die "Neue Freie Presse“, als am 28. Jänner ein "junger Mann“ Arbeitsminister wird: "Ein junger Mann von kaum vierzig Jahren wurde zum Minister ernannt. Österreichische Minister von heutzutage sind durch die Unbeständigkeit der Kabinette nicht mehr das, was sie früher waren. Der Maßstab für die Tauglichkeit wurde stark herabgedrückt. Es muss ein Hochgefühl sein, kaum zur Vollreife gelangt, über ein Budget von hundert Millionen zu verfügen und Scharen von Beamten und Dienern befehlen zu können.“

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Noch ein zweites Jubiläum steht in dieser Woche an: Vor 1100 Jahren wurde Karl der Große geboren. Es ist zwar nicht wirklich ein runder Jahrestag, aber der Geburtstag des fränkischen Herrschers bietet sich der Fraktion der Kriegslüsternen an, um einiges klarzustellen. Der Kulturphilosoph und Schriftsteller Richard Kralik hält in der "Reichspost“ eindringlich fest, "dass die fränkische Vorzeit mehr noch deutsche Geschichte ist als französische, dass Kaiser Karl ein germanischer Fürst war“. Kralik zählt zu jenen, die auf einen Erstschlag gegen Serbien drängen. Noch 1917 ruft er zur Abwehr aller pazifistischen Bestrebungen auf, die "in ihrer Nichtigkeit“ zu bekämpfen seien.

Noch 26 Wochen bis zum Krieg.

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