100 Jahre Erster Weltkrieg: Tod eines
Taglöhners

100 Jahre Erster Weltkrieg: Tod eines
Taglöhners

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

In Wien-Erdberg kommt es beim Donaukanal zu einem schrecklichen Vorfall. Eine Gruppe Kabskutscher stößt auf einen Trupp albanischer Taglöhner. Es gibt eine Rauferei, bei der zwei Kabskutscher durch Messerstiche verletzt werden. Dann fliehen die Albaner. Die Kutscher verfolgen einen von ihnen, den 20-jährigen Pietro Marko, der aber sein Wohnhaus an der Erdberger Lände erreichen kann und stürmisch an die Tür des Hausbesitzers, des Geflügelhändlers Moritz Hautzinger, klopft. Hautzinger öffnet nicht, worauf die Kabs­kutscher im Hof des Hauses über den Albaner herfallen und ihn mit Knüppeln, Messern und Fußtritten umbringen.
Hautzinger hatte nicht geöffnet, weil der Taglöhner seit Wochen die Miete nicht bezahlt hatte. Die Täter werden gefasst. Die Kabskutscher (von engl. „Cab“: „Wagen“) waren Fuhrwerksmänner, die den Aushub der Ringstraßenbauten über die Lastenstraße (heute 2er-Linie) nach Floridsdorf fuhren. Sie galten als besonders roh und ungehobelt. „Fluchen wie ein Kabskutscher“ wird noch heute in Wien sprichwörtlich verwendet.

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Am Flugfeld Aspern schließt der Militärpilot Konschel „mit dem bekannten Herrenreiter Othmar von Fladung“ (die „Neue Freie Presse“) eine spektakuläre Wette ab. Konschel behauptet, er könne sich während des Fluges rasieren, der Herrenreiter hält dagegen. Tatsächlich landet der Pilot nach 21 Minuten glatt rasiert. Er hatte während des Rasierens das Steuer mit den Beinen betätigt. „Die ganze Szene wurde kinematographisch aufgenommen“, berichtet die Presse.

Zwei Tage später gibt es in Aspern eine „kriegsmäßige Übung“: Drei Doppeldecker müssen bei Gewitter und Starkwind auf dem Flugfeld landen. Zwei der Militärpiloten schaffen das, das Fluggerät des dritten Piloten wird nach der Landung von einer Böe erfasst und hochgetrieben. Kopfüber stürzt die Maschine wieder zu Boden. Das Propellerwerk wird dabei stark beschädigt, der Offizier kommt mit einer Beule davon.

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Die Industrie will die Löhne der Arbeiter niedrig halten und beklagt daher die ihrer Meinung nach zu hohen Preise für Agrarprodukte. Dies stößt beim Organ des niederösterreichischen Bauernbunds, „Der Bauernbündler“, auf wütende Kritik: „Obwohl diese Herren wissen, dass an den hohen Körnerpreisen nur die Börsejuden schuld sind, beschuldigen sie doch nur uns Bauern. Dabei hat die meistens jüdische Großindustrie und ihre gut bezahlte Freundin, die ebenfalls verjudete Sozialdemokratie, noch die freche Stirn, von einer Bevorzugung der Landwirte zu reden.“

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In Wien stirbt die Friedensnobelpreisträgerin von 1905, Baronin Bertha von Suttner, im 71. Lebensjahr an Magenkrebs. Ihr Tumor war erst im April diagnostiziert worden. Sie habe nicht schwer gelitten und sei wie ein müder Mensch am Abend eingeschlafen, gibt ihr Hausarzt bekannt. Bertha von Suttner hatte die „Gesellschaft der Friedensfreunde“ gegründet. Ihr pazifistischer Roman „Die Waffen nieder!“ hatte sich im deutschen Sprachraum 400.000 Mal verkauft. In ihrem Testament verfügt die Baronin ein Begräbnis ohne Geistlichkeit.

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Am Samstag, zwei Tage nach der Abreise seines Gastes Kaiser Wilhelm II., öffnet Erzherzog Franz Ferdinand erstmals den Park seines Schlosses Konopischt in Böhmen zur Besichtigung durch das neugierig herbeiströmende Volk. Der Thronfolger und seine Frau zeigen sich nicht. Nur ein Mal fahren sie im geschlossenen Wagen über den Hauptweg durch das Tor. Sie sind in ihr etwas intimeres Schloss Chlumetz nahe Königgrätz unterwegs. Dort wollen sie vor der Abreise nach Sarajevo ein Wochenende mit den Kindern verbringen.

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Der Hof gibt bekannt, dass sich Kaiser Franz Joseph heuer schon etwas früher nach Ischl verfügt, diesmal mit etwas größerem Gefolge als sonst. Der Kaiser gedenke auch heuer wieder Jagdausflüge zu unternehmen, wozu schon alle Vorbereitungen getroffen seien, heißt es.

Noch sechs Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Eisenstadts Judenviertel brennt“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXIII: 8.–14. Juni 1914

„ Ein letzter Tanz“: Der Countdown zum Krieg, Teil XXI: 1.-7. Juni 1914

„Die letzten Pfingsten in Frieden“: Der Countdown zum Krieg, Teil XX: 25. - 31. Mai 1914

„Ein Mann will den Krieg“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVIII: 11. - 17. Mai 1914

„Glückssuche in Übersee“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 4. - 11. Mai 1914

„Der Thronfolger ist bereit“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 27. April - 4. Mai 1914

„Sorge um den Kaiser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVI: 20.-26. April 1914

„Society-Skandal in Wien“: Der Countdown zum Krieg, Teil XV: 13.-19. April 1914

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg