Augenzeugen des Holocaust: Welt aus Asche und Tod

Augenzeugen des Holocaust: Welt aus Asche und Tod

2015 wird sich die Befreiung des Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau zum 70. Mal jähren. Die letzten Zeugen des nationalsozialistischen Terrors, die als Kinder der Vernichtung knapp entkommen sind, melden sich nun in neuen Büchern zu Wort. Die zentrale Frage lautet: Wer wird in Zukunft die Last der Erinnerung tragen?

Karl Pfeifer wirkt wesentlich jünger, als er tatsächlich ist. Noch immer agiert er als unermüdlicher Streiter für seine Sache, als Unbequemer. Einer, der nicht klein beigibt. Erinnerung ist ihm tägliche Aufgabe, die Gegenwart kann er nicht von der Vergangenheit trennen. Für das Heute, sagt er, seien alle verantwortlich, Täter wie Opfer.

„Zu Hitler fällt mir nichts ein.“
Im August wird Karl Pfeifer 85. Auf sein elektronisches Lesegerät hat sich der ehemalige Tourismusmanager und Journalist gerade die „Dritte Walpurgisnacht“ von Karl Kraus geladen. Die Brille mit der roten Kordel verleiht ihm professorale Würde, die schwarze Wanderhose mit den Seitentaschen signalisiert Ruhelosigkeit. Man muss sich viel Zeit nehmen, wenn Pfeifer seine Geschichte erzählt. Er personifiziert die Antithese zum berühmten Anfangszitat der „Walpurgisnacht“: „Zu Hitler fällt mir nichts ein.“

Pfeifer hat soeben sein zweites Buch veröffentlicht. In „Einmal Palästina und zurück“ berichtet der Autor, wie er in einem Kindertransport 1943 knapp von Österreich nach Palästina entkam, wie er ab 1946 als Freiwilliger in der so genanntenPalmach-Armee kämpfte – und mit welchen Schikanen er sich 1951 bei seiner Rückkehr konfrontiert sah. Diese Geschichten hat er oft erzählt und variiert. Über seine Kindheit dagegen berichtet er in „Einmal Palästina und zurück“ erstmals in aller Ausführlichkeit.

Geboren wurde Karl Pfeifer Ende August 1928, hinein in die Annehmlichkeit eines gutbürgerlichen jüdischen Lebens. Pfeifers Eltern hatten sich zehn Jahre zuvor im beschaulichen Baden bei Wien niedergelassen, ein Haus mit großem Garten in der Marchetstraße gekauft. Schwere Möbel, die Wände voller Bücher, eineblauweiße Blechdose beim Eingang, in die Besucher einen symbolischen Obolus entrichteten. Im nahen Strandbad besaß die Familie eine ständige Kabine. Im Winter diente der Hügel vor dem Haus als Rodelbahn. Kühe grasten im angrenzenden Doblhoffpark, eine Molkerei verkaufte frische Milch ab Hof. Fotos zeigen Karl Pfeifer im Matrosenanzug an seinem dritten Geburtstag im Badener Kurpark und gemeinsam mit seinen Eltern vor dem Haus in der Marchetstraße. Es sind die letzten Zeugnisse einer heilen Welt.

Der Einbruch des Schreckens erfolgte in Schritten. Als Sechsjähriger vernahm Pfeifer das dumpfe Kanonendonnern der Februar-Kämpfe 1934 in Wien. „Die Suppe wird schon nicht so heiß gegessen werden, wie sie gekocht ist.“ An den Spruch aus Kindertagen, mit der aufkommende Nationalsozialismus klein geredet werden sollte, erinnert er sich bis heute. Nach der Ermordung von Engelbert Dollfuß brannten auch in Baden Kerzen in den Fenstern. Als Hitler auf dem Balkon der Hofburg stand, war die Stadt wegen der Bahnfreifahrt nach Wien wie ausgestorben. Aus dem Radio drang eine Stimme, die Führer, Volk und Reich beschwor. Bereits damals, beteuert Pfeifer heute, sei dem Buben Hitlers Brüllen als Ausdruck pathologischen Wahnsinns erschienen. Am Vorabend des so genannten „Anschluss“ leuchtete das Badener Rathaus im Polarrot der Hakenkreuzfahnen, bald sah man auch in der Ortschaft nahe Wien, die sich bis heute stolz Biedermeierstadt nennt, Juden, die drangsaliert und gezwungen wurden, mit Zahnbürsten Straßen zu säubern.

„Wir haben nun ungemein große Angst”
Binnen Wochen verloren Pfeifers Eltern jede Hoffnung. Am 30. Januar 1938 schickte der Vater, als Verlagsvertreter oft unterwegs, eine Postkarte nach Hause: „Wir wollen hoffen, dass es niemals dazu kommen wird, dass die Juden in Österreich entrechtet werden!“ Ende Februar erreichte die Familie ein neuerliches Schreiben: „Denn wie Du aus den Zeitungen erfahren hast: bei uns jetzt das Spiel auf Leben und Tod geht. Wir haben nun ungemein große Angst. Wenn wir an das Vorbild der deutschen Glaubensgenossen denken, dann ergreift uns ein Grauen.“

Karl Pfeifer ist einer jener letzten Zeugen, die noch von Lageralltag und Alltagsbrutalität berichten können, von Hunger, Krankheit, Selektion, Zwangsarbeit. Die den erlittenen körperlichen und seelischen Grausamkeiten in der NS-Zeit eine Geschichte zu geben vermögen. Viele der damals jungen Erwachsenen sind tot. Wer zu jener Zeit Kind war, ist heute längst in seinen Achtzigern. Ende Jänner 2015 jährt sich der Jahrestag der Auschwitz-Befreiung zum 70. Mal. Der Kreis der Überlebenden wird von Jahr zu Jahr kleiner ...

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